Solotrekking
Into the Wild - Tipps
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Solotrekking - Tipps

Alleine durch die Wildnis Solotrekking

Wer ein paar Tage lang ganz allein durch einsame Landschaften streift, lernt die Natur besser kennen – und sich selbst gleich mit!

Martin Hülle ist kein Sonderling oder Eigenbrötler. Der Familienvater liebt Gesellschaft, gibt Foto-Workshops und tauscht sich gerne mit anderen aus. Doch alle ein, zwei Jahre packt es ihn. Dann muss er einfach seinen großen Rucksack vollstopfen und durch die skandinavische Wildnis ziehen – ohne Begleitung und am liebsten in einer Region, in der die Chancen gut stehen, wochenlang niemandem zu begegnen.

Gesellschaftsverzicht auf Zeit

Menschen wie Martin gibt es viele: Wanderer, die gerne allein auf Tour gehen. Und das nicht nur einen Tag lang, sondern mehrere Wochen am Stück. Doch warum? Was treibt jemanden an, so lange auf Gesellschaft zu verzichten? Bei Martin war es ganz einfach ein fehlender Wanderpartner: »Auf meiner ersten Lapplandtour wollte niemand mit, also zog ich ohne Begleitung los.« Allerdings fiel es ihm anfangs nicht leicht, mit der ungewohnten Stille umzugehen und sich mit niemandem unterhalten zu können. Ein Phänomen, das die meisten Solotrekker kennen und das, wie der Neurobiologe Bernd Hufnagl erklärt, in unserer Natur liegt: »Als soziales Säugetier ist der Mensch an Gemeinschaft gewöhnt. Es gibt sogar Netzwerke in unserem Gehirn, die uns zur Kooperation zwingen. Verlieren wir evolutionsbiologisch gesprochen die Herde aus dem Blick, produzieren wir bestimmte Hormone nicht mehr.« Vor allem Oxytocin, ein beruhigendes, angstlösendes Hormon: Es bewirkt, dass wir uns in Gemeinschaft wohlfühlen.

Solotour Heft 03/2021
Maren Kings
Auf Solotour lernt man die Natur und sich selbst besser kennen.

Diese Geborgenheit fehlt auf Solotour. Hier ist man ganz auf sich gestellt, muss jede Entscheidung selbst treffen und hat niemanden, der einen bestätigt, warnt oder bremst. Umso wichtiger ist eine gründliche Vorbereitung. Dazu gehört, sicher mit Karte und Kompass umgehen zu können – falls das Handy mal streikt. Und die Route so zu planen, dass sie nicht die eigenen Grenzen übersteigt, schließlich gibt es keinen, der im Notfall helfen könnte. Schon dieser Gedanke bereitet vielen Wanderer Unbehagen. »Wie gut wir allein zurechtkommen, hängt davon ab, welche frühkindlichen Erfahrungen wir gesammelt haben. Es liegt aber auch an den Genen – Erfahrungen unserer Eltern sowie unserer Großeltern«, erklärt Bernd Hufnagl.

Bei Martin trat das Gefühl der Einsamkeit schon nach wenigen Tagen in den Hintergrund. »Die Faszination der skandinavischen Landschaft und das Gefühl von grenzenloser Freiheit überwog schnell.« In den folgenden Jahren brach er immer wieder allein auf, selbst im Winter. Dabei lernte er nicht nur, mit den Herausforderungen der Wildnis fertig zu werden, sondern auch, mit der Einsamkeit klarzukommen. Sie gefiel ihm sogar immer besser, je öfter und länger er auf Tour war. »Ich zählte mich bald zu jenen Leuten, denen zwei Wanderer in einem Tal einer zu viel sind. Es tut mir einfach unglaublich gut, eine Zeit lang nur mit mir allein die Natur zu entdecken. Das Solowandern schärft die Sinne: Man nimmt alles um sich herum viel intensiver, deutlicher und klarer wahr«, sagt der Fotograf, der heute solche Unternehmungen erst dann richtig genießt, wenn sie ihn körperlich fordern und durch besonders abgeschiedene Regionen führen. »Eine anspruchsvolle Tour ohne Begleitung zu meistern bringt schon ein hohes Maß an Befriedigung mit sich«, so Martin.

Wie ein Sandkorn in der Wüste

Einer, der diese Leidenschaft teilt, ist Jerome Blösser. Der 54-jährige Berliner konnte schon als Kind die Enge der Großstadt schwer ertragen, schwärmte früh für weite Landschaften und vor allem für die Sandwüsten. Mittlerweile durchstreift er sie seit fast 30 Jahren, hat aus seiner Passion einen Beruf gemacht und puretreks gegründet (puretreks.de). Der Reiseanbieter organisiert mehrtägige Wanderungen durch einsame Regionen, vor allem durch Wüsten. Doch immer wieder zieht es Jerome auch solo in den Sand. Ihn reizen dort vor allem die Stille und Reduktion: »Bewegt man sich ganz allein in der Wüste, fühlt man sich wie das sprichwörtliche Sandkorn in der Sahara. Das hilft, Prioritäten im Leben zu setzen, Dinge neu zu ordnen«, so Jerome, dessen längste Solotour zehn Tage dauerte – viel Zeit zum Nachdenken.

»Ein altes Sprichwort sagt, in der Wüste begegnest du entweder niemandem – oder dir selbst.« Doch genau davor hatte er auf seinen ersten Unternehmungen Respekt. »Tatsächlich war die Angst vor einem seelischen Abgrund größer, als es dann wirklich mentale Tiefschläge gegeben hätte. Wahrscheinlich war ich viel zu konzentriert und mit der Wegfindung, dem Camp-Aufbau, Kochen und so weiter beschäftigt, da blieb mir gar keine Zeit, in ein seelisches Loch zu fallen.« Sich gelegentlich von allem verlassen zu fühlen ist dabei völlig normal, erst recht, wenn man seit Tagen keine Menschenseele getroffen hat. Lars Svendsen, Professor an der Universität Bergen, spekuliert in seinem sehr lesenswerten Buch »Philosophie der Einsamkeit« sogar: »Eine Person, die sich nie einsam fühlt, leidet vermutlich an einem Mangel oder Defekt in der emotionalen Ausstattung.«

Solotour Heft 03/2021
Anselm Pahnke
Allein unterwegs ist man offener für Neues, auch für neue Bekanntschaften.

Bei Schlechtwetter, langweiligen Etappen oder schmerzenden Schultern kann die Laune aber schnell mal in den Keller gehen. Simone Vogel, die auf ihrer Website solotrekking.ch ausführlich auf das Thema Alleinwandern eingeht, empfiehlt bei einem Durchhänger, den Fokus auf die Natur zu richten, die Schönheit darin zu sehen – selbst im Regen. Außerdem hilft es, Neues entdecken zu wollen und nach vorne zu schauen, so Simone: »Am besten setzt du dir kleine Ziele und gehst einfach weiter, dann ändert sich die Situation meist ganz schnell.« Eine Vorgehensweise, die auch Neurobiologe Bernd Hufnagl empfiehlt: »Indem ich mir etwas vornehme, sei es ein Loch zu graben, ein Iglu zu bauen oder eine bestimmte Etappe zu schaffen, motiviere ich mein Gehirn, eine Aufgabe zu verfolgen, es hat dann etwas zu tun. Man nennt das fokussierte Motivation – im Grunde lenkt man sich einfach ab.«

Mit sich selbst beschäftigen

Hufnagl hält die regelmäßige Auseinandersetzung mit sich selbst für überaus wichtig, gerade weil wir uns dafür im Alltag keine Zeit nehmen. »Die starke Vernetzung und Dauerbeschäftigung mit anderen im sozialen Netzwerk hat uns derart verändert, dass wir nicht mehr mit uns allein sein wollen, weil wir dann auf unsere eigenen Gedanken treffen. Dabei ist die Einsamkeit eine Therapieform«, sagt er. »Sie hilft, uns besser zu verstehen, und gibt uns eine Außenperspektive auf unser eigenes Leben. Was will ich wirklich erreichen? Wie wirke ich auf andere?« Dafür müsse man nicht unbedingt wochenlang durch menschenleere Landschaften pilgern, schon ein paar Stunden Bewegung, allein und an frischer Luft, wirkten sich bereits positiv aus – auch auf die Kreativität. Wichtig sei, so der Neurobiologe, dass wir dabei die Gedanken ziehen lassen, sinnieren. »Dadurch, dass wir bei moderater Bewegung die Gedanken ziellos schweifen lassen, aktivieren wir im Gehirn das sogenannte Ruheoder Tagträumernetzwerk. Das bringt uns auf neue Ideen und hilft beim Lösen von Problemen, selbst solche, die wir ob ihrer Komplexität lange vor uns hergeschoben haben.«

Auch Lars Svendsen plädiert für die innere Einkehr: »Die meisten (...) haben durch chronische Interaktion mit anderen verlernt, Zeit mit sich selbst zu verbringen. Dabei kann Einsamkeit einen guten Effekt haben, wenn wir dadurch lernen, unser eigener Freund zu sein.« Einer, der das geschafft hat, ist Anselm Pahnke: Auf seiner monatelangen Radreise quer durch den afrikanischen Kontinent blieb ihm auf den langen Fahrten durch karge Landschaften gar nichts anderes übrig, als in sich zu gehen. »Dabei hatte ich gar nicht vor, mir selbst so nahe zu kommen, auf einen Selbstfindungstrip wollte ich nicht. Es wurde aber einer«, so Anselm. Und den fand er zu Beginn alles andere als lustig. »Ich fühlte mich in den ersten Wochen unglaublich einsam, von allen verlassen. Doch nach und nach merkte ich, dass Alleinsein nicht Einsamkeit bedeuten muss: Es war dann wunderschön, nur mit mir zusammen zu sein. Ich entdeckte mein nacktes Ich – und war einverstanden damit, so wurde ich mein eigener Freund. Das führte zu einer unglaublichen Leichtigkeit und Freiheit.«

Diese Freiheit ermöglichte es ihm, immer weiter zu radeln: ganz allein kreuz und quer durch Afrika. 414 Tage saß Anselm im Sattel, legte über 15 000 Kilometer zurück, reiste durch 15 Länder. Die längste Etappe, auf der er niemanden traf, dauerte 22 Tage. Vorbereitet war er darauf nicht, auch plante er seine Strecke spontan, verzichtete dabei auf GoogleMaps oder Reiseführer. Die Tour hat ihn verändert. »Sie hat mir gezeigt, wie offen und bunt die Welt sein kann, wenn man loslässt und dem Impuls folgt, anderen und sich selbst zu vertrauen.« Heute arbeitet Anselm unter anderem als Vortragsredner und spricht vor Belegschaften großer Unternehmen, etwas, was er vor seiner Reise nicht gewagt hätte. »Ich mag mich jetzt mehr als vor der Tour, lebe selbstbewusster.«

Solotour Heft 03/2021
Anselm Pahnke
Anselm Pahnke radelte allein durch Afrika lernte dabei auch viel über sich selbst. Er kaufte kein einziges Mal Wasser, zeltete in der Wildnis und erzeugte beim Radeln Strom für die Kamera, mit der er viele haarsträubende Situationen festhielt. In der preisgekrönten Doku »Anderswo – Allein in Afrika« kann man Anselms sehr sehenswerte Reise verfolgen.

Den ersten Schritt wagen

Das geht allerdings auch, ohne quer durch Afrika zu fahren – und mit etwas Vorbereitung deutlich angenehmer. Denn an das Alleinsein kann man sich gewöhnen. »Wichtig ist dabei, dass wir unsere Befürchtungen in kleinen Schritten überwinden, also die Dosis langsam steigern. Dann lernt unser Gehirn, mit der Situation zurechtzukommen«, sagt Bernd Hufnagl. Wer das beherzigt, also mit einer Tagestour in einer abgeschiedenen Region anfängt, sich dann an eine Wochenendwanderung wagt und schließlich drei, vier oder fünf Tage am Stück loszieht, kann davon ausgehen, auch einen mehrwöchigen Lapplandtrek problemlos zu meistern. Zumal Vorbereitungstouren helfen, sich an das Rucksackgewicht zu gewöhnen, die Ausrüstung auf Sitz und Funktion zu überprüfen und die eigenen Navigationsfähigkeiten auf die Probe zu stellen.

So hat es auch Tabitha Forrer gemacht. Die naturbegeisterte Schweizerin zieht bei jeder Gelegenheit in die Berge, am liebsten zusammen mit anderen, die ihre Leidenschaft teilen. Immer wieder verbrachte sie auch mal einen Tag oder ein Wochenende allein im Gebirge. Doch an eine mehrwöchige Solowanderung hat sie sich erst 2016 gewagt. »Ich hatte riesige Zweifel, ob mir das gefällt, schließlich fühle ich mich umgeben von vielen lieben Menschen einfach am wohlsten. Doch diese Tour hat mein Leben verändert! Wenn man ohne Unterstützung unterwegs ist, merkt man oft schnell, dass man viel mehr kann, als man denkt. Ich weiß jetzt, dass ich eine Tour planen, meine Energiereserven einteilen, Gefahren einschätzen und umgehen, mich motivieren, einen passenden Schlafplatz finden und einen riesigen Rucksack selbst tragen kann. Das tut gut!« Auch später, im Alltag.

Solotour Heft 03/2021
Yves Schoch
Tabitha Forrer verbringt seit 20 Jahren so gut wie jede freie Minute in den Bergen: mit Wandern, Trailrunning, Snowboarden und Klettern. Auf ihrer Website thatmountainmoment.ch teilt sie ihre Begeisterung und berichtet ausführlich über ihre erste Solotour, die, wie sie sagt, ihr Leben veränderte.

Interview mit Solotrekker Martin Hülle

OUTDOOR: Was fasziniert dich am Solotrekking?

Martin Hülle: Tja, bereits meine allerersten Trekkingtouren, zuerst im heimischen Sauerland und anschließend in schwedisch Lappland, habe ich allein unternommen. Allerdings aus einer Not heraus, da ich niemanden hatte, der mitgewollt hätte. Also zog ich einfach alleine los. Dabei fiel es mir anfangs manchmal noch schwer, das Alleinsein in der nordischen Einsamkeit zu ertragen, aber die Faszination der Landschaft und der Freiheit, über Berge und durch Täler zu schreiten, überwog. In den folgenden Jahren brach ich immer wieder zu Solotouren auf. Bald auch im Winter. So lernte ich schnell, allein in der Wildnis klarzukommen und bald machte mir die zu Beginn meiner Karriere oft noch bedrückende Einsamkeit nichts mehr aus. So langsam gehörte ich zu jenen Menschen, denen zwei Wanderer in einem Tal bereits einer zu viel sind.

Die Faszination des Solotrekkings kommt in meinen Augen dann so richtig zum tragen, wenn die Touren in besonders abgeschiedene Regionen führen, wo die Wahrscheinlichkeit hoch ist, eventuell tagelang keine andere Menschenseele zu treffen, oder die Unternehmungen "extremeren" Charakter annehmen, wie ausgedehnte Gletscher- oder Wintertouren. Allein fern der Zivilisation wird die Intensität des Unterwegsseins so noch höher als mit einem Wanderpartner oder in einer Gruppe. Führen die Touren an die körperlichen oder emotionalen Grenzen, wird alles nochmals umso eindrücklicher.

Dabei möchte ich auch nicht verleugnen, dass es eine große Befriedigung mit sich bringt, eine anspruchsvolle Tour ganz allein zu meistern. So habe ich zum Beispiel einmal mit einem Freund den Jostedalsbreen in Norwegen überquert, den größten Gletscher auf dem europäischen Festland. Richtig zufrieden war ich aber erst, als mir das ein paar Jahre später auch allein geglückt ist. Gleichzeitig war diese Solotour aber wiederum ein Training für eine noch schwierigere Alleinunternehmung, die ich im Visier hatte. Nämlich eine Überquerung des Vatnajökulls auf Island. Das allein zu schaffen, war ein großes Ziel von mir. Dabei geht es aber nicht darum, mir oder anderen etwas zu beweisen. Nach dem Motto: Seht her, das habe ich ganz allein hinbekommen! Nein, es ist wohl eher die Freude daran, eine so intensive und fordernde Tour ganz für sich allein zu haben.

Mit welchen Problemen hast du gerechnet? Welche sind eingetreten?

Am Anfang habe ich mir gar keine großen Gedanken gemacht, welche Probleme auftreten könnten. Aber neben der grundsätzlichen Herausforderung, dass man mit dem Alleinsein gut zurechtkommen muss, was einigen sicherlich besser gelingt als anderen, ist der fehlende Austausch das größte Problem bzw. die größte Schwierigkeit. Entscheidungen können nicht diskutiert, Hilfe nicht geleistet werden. Allein ist man für alles selbst verantwortlich. Das ist Freiheit und Last in einem.

In einer Gruppe kann man auch einfach mal hinterherlaufen, andere entscheiden lassen, welchen Weg man nehmen soll oder ob das Wetter für einen Aufbruch okay ist. Solo hingegen kann man sich nie verstecken. Aber diese Eigenverantwortung ist eben auch einer der großen Reize von Solotouren. Und da auch niemand zuschaut, ist es oftmals primär eine besonders intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. Was kann ich? Was traue ich mir zu? Wo bin ich lieber vorsichtig? Jede Entscheidung macht man allein mit sich selber aus. Das ist intensiv, kann einen an die eigenen Grenzen führen, aber auch darüber hinaus.

Gab es gefährliche Situationen?

Grundsätzlich bin ich kein ängstlicher Mensch, was Solotouren in wilden Gegenden betrifft. Ich habe keine große Angst, dass mir etwas zustoßen könnte. Vielleicht kommt es daher, dass ich sozusagen mit Solounternehmungen groß geworden bin und nicht irgendwann damit angefangen habe. Vielleicht hatte ich bisher aber auch einfach nur Glück. Dabei gab es durchaus schon heikle Momente. Im isländischen Hochland wäre mir beinahe mal mein Zelt davongeflogen, weil ich es im weichen Boden zu schlecht verankert hatte. Ein Schreckmoment. Zum Glück konnte ich es retten, war danach aber durchaus verängstigt. Seitdem achte ich immer penibel darauf, dass mein Zelt solide verankert ist und lege lieber einen Gesteinsbrocken mehr auf einen Hering als einen zu wenig.

Was hättest du gemacht, wenn du dir ein Bein gebrochen hättest?

Ein Bein habe ich mir glücklicherweise noch nie gebrochen, aber im schwedischen Sarek-Nationalpark durchaus einmal einen Ermüdungsbruch im rechten Fuß zugezogen. Dass es sich um einen Bruch handelte, ahnte ich damals vor Ort nicht. Der Fuß war geschwollen, ich konnte die Zehen nicht mehr richtig bewegen und mancher Schritt tat höllisch weh. Trotzdem lief ich damit noch 50 Kilometer bis zum Ziel. Was anderes blieb mir auch gar nicht übrig. Es geschah noch zu einer Zeit, wo es keine Mobiltelefone gab (mit denen man sicherlich auch keinen Empfang in der Wildnis gehabt hätte).

Heutzutage sieht das anders aus. Bei meiner letzten schwierigeren Solotour, einer Wanderung durch das Johan Dahl Land im Süden Grönlands, hatte ich einen SPOT-Notsender dabei, mit dem ich im Notfall per Satellit hätte Hilfe herbeirufen können. Wer abseits vielbegangener Wege alleine loszieht, dem würde ich auf jeden Fall zur Mitnahme eines derartigen Geräts oder eines vergleichbaren Garmin inReach raten. Jetzt, wo es diese technischen Möglichkeiten gibt, macht es keinen Sinn, darauf zu verzichten. Aber sie sollten auf keinen Fall dazu verleiten, Touren zu unternehmen, die eigentlich über dem eigenen Können liegen. Sich retten zu lassen, falls etwas schiefläuft, sollte einer unverschuldeten Extremsituation vorbehalten sein und z. B. nicht schlampiger Planung oder Überheblichkeit. Daher sollte an erster Stelle immer eine Tourstrategie stehen, die vorsieht, dass man allen möglichen Herausforderungen gewachsen ist. Vor allem bei einer Solotour, bei der man eben für alles selbst verantwortlich ist. Das erfordert, die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten gut einschätzen zu können.

Bist du auf Tour schon mal in ein seelisches Loch gefallen, musstest eine depressive Phase durchmachen? Wie bist du da raus gekommen?

Eigentlich nicht, denn ich komme mit mir alleine grundsätzlich gut klar und ziehe aus Solotouren eher positive als negative Energie. Als ich vor wenigen Jahren allerdings den Cape Wrath Trail in Schottland lief, bekam ich frühzeitig Probleme mit meinen Schuhen und dem Rucksack. Die meiste Zeit taten mir die Füße und die Oberschenkel weh und da keimten durchaus Gedanken an einen Abbruch der Tour in mir. Aber ich schaffte es, mich weiter zu motivieren und die 370 km lange Strecke hinter mich zu bringen. Mein Ziel erreichen zu wollen, war stärker als die aufkommenden Probleme. Dennoch wäre mir die Situation mit einem Wanderpartner vielleicht leichter gefallen, wenn man sich gegenseitig antreiben kann oder sich einfach auch mal über die "Schwächen und Unzulänglichkeiten" des anderen lustig macht und stressige Situationen so entspannt.

Welchen Effekt hat Solotrekking für dich? Gibt es etwas, das du davon mitnimmst?

Erst einmal genieße ich es. Ich lebe in meinem eigenen Kosmos und sauge alle Eindrücke nur für mich auf. Allein unterwegs zu sein, ist immer eine faszinierende Reise nach innen. Zudem kann man allein tun und lassen, was man möchte. Und nicht zuletzt sind alle Höhen und Tiefen unmittelbarer und die Sinne geschärfter. Ich mag es auch sehr, mit Freunden oder meiner Frau und Tochter auf Tour zu gehen. Aber immer wieder mal muss ich auch alleine losziehen. Egal ob anspruchsvolles Abenteuer, bei dem ich tagelang niemandem begegne, oder vergleichsweise harmlose Tour auf häufiger begangenen Pfaden. Es tut mir einfach gut, eine Zeit lang nur mit mir allein die Natur zu entdecken.

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