"Bonjour Mafate, ça va?" Durch die Caldera "Cirque de Mafate" hallt die Stimme von DJ Johnny, gepaart mit dem Sound von Maloya, der traditionellen Musik auf der tropischen Insel La Réunion. Die Musik kommt aus einer Box im Weiler Îlet à Bourse. Dort betreibt Johnny Thomas seit fast zwei Jahrzehnten den Radiosender Mafate FM. Luftlinie liegt der Ort mit ein paar Häusern, einer Schule und einer Kapelle nur wenige Hundert Meter entfernt. Zu Fuß hingegen ist es ein zweistündiger Marsch durch eine der tief eingeschnittenen Schluchten, die sich durch die gewaltige Caldera im Herzen von La Réunion ziehen. Die vulkanische Struktur der Landschaft sorgt dafür, dass "zu Fuß", abgesehen von Hubschraubern, das einzige Fortbewegungsmittel im Mafate ist. Alle Zugänge in den Talkessel liegen oben am Berg. Wo Teerstraßen enden, beginnen bestens präparierte Wanderpfade.

Bild: Kein Asphalt, keine Autos: Im Cirque de Mafate bestimmen Wanderschuhe die Fortbewegung.
Die viertägige Rundfunk: Die klassische Mafate-Tour
Eine der beliebtesten Routen ist eine viertägige, stark auf und ab führende Runde innerhalb des Kessels. Sie startet am südöstlich gelegenen Pass Col des Bœufs und fordert von ihren Begehern auf rund 60 Kilometern insgesamt 3200 Höhenmeter im Aufstieg. Im Uhrzeigersinn passieren Wanderer auf der ersten Etappe den Hauptort La Nouvelle, bevor sie Marla ganz im Süden des Kraters erreichen. Am zweiten Tag geht es unter dem auf 2898 Metern thronenden Aussichtspunkt Piton Maïdo in westlicher Richtung nach Roche Plate und am dritten Tag nach Norden in das von Bananenstauden umrahmte Grand Place. Die Schlussetappe führt auf dem steil ansteigenden Wanderweg Sentier Scout nach Südosten fast bis zum Ausgangspunkt der Tour zurück. Übernachtet wird in "Gîtes", einfachen Unterkünften, die die Einheimischen den Gästen anbieten.

Der Wanderweg Sentier Scout gehört zu den imposantesten Abschnitten der viertägigen Tour.
Die geologische Geschichte La Réunions
Senkrechte, tausend Meter hohe Felswände und dunkle Basaltreliefs zeugen von der Entstehungsgeschichte der Insel, die vor drei Millionen Jahren durch vulkanische Aktivität aus dem Indischen Ozean aufstieg und ihren Höhepunkt im Hotspot-Vulkan Piton des Neiges (»Schneegipfel«) fand. Als die Magmakammern einstürzten, entstanden drei Talkessel: Cirque de Mafate im Nordwesten, Cirque de Salazie im Nordosten und Cirque de Cilaos im Süden. Während der erloschene Piton des Neiges mit 3071 Metern als höchster Gipfel des Indischen Ozeans über der Insel thront, formt der aktive Vulkan Piton de la Fournaise die Landschaft bis heute.
Wilde Wetter und kräftige Erosion
Dass sich auch die Cirques weiter verändern, ist das Ergebnis fortwährender Erosionsprozesse, verstärkt durch Passatwinde und Zyklone. Vor allem von Januar bis März zeigt sich, was das bedeutet: Dann kann es in 24 Stunden dreimal so viel regnen wie in Berlin in einem Jahr. Jetzt im November ist die Luft im Bergland überraschend trocken, die Vegetation fast mediterran. Es riecht nach Eukalyptus, und der Ruf des zutraulichen, endemischen Sperlingsvogels Tec-Tec begleitet die vielen Wanderer.
Die Geschichte des Mafate
Dass heute auf La Réunion reger Betrieb herrscht, täuscht darüber hinweg, dass die Insel lange Zeit gänzlich unbewohnt war. Erst 1663 ließen sich die ersten Siedler der französischen Ostindien-Kompanie auf der einstigen "Île de Bourbon" nieder, begleitet von Frauen und Dienern aus Madagaskar. Der Kaffee sorgte für wirtschaftlichen Aufschwung, wurde später jedoch aufgrund der häufig wütenden Zyklone durch widerstandsfähigere Pflanzen wie Zuckerrohr ersetzt. Die Arbeit auf den Plantagen entlang der Küste bewerkstelligten Sklaven aus Afrika, Indien und Madagaskar. Vor der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 flohen viele von ihnen in die schwer zugänglichen, unwirtlichen Bergregionen, etwa in den Cirque de Mafate. Mit dem Bevölkerungswachstum und den Erbteilungen des begrenzten Küstenlandes mussten zunehmend auch verarmte weiße Siedler, die "Petits Blancs des Hauts", ins Bergland ausweichen. Es entstanden Dörfer und eine eigene Subkultur.
Maloya: Die Stimme der Kreolen
DJ Johnny setzt sich für den Erhalt dieser starken Identität der Kreolen ein. Sie ist das Bindeglied im sozialen Gefüge auf La Réunion und ganz besonders im Mafate. Ein wichtiger Bestandteil dieser Kultur ist der Maloya, ein dem Blues ähnlicher Musikstil, der die Hoffnung auf Freiheit in sich trägt und von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde.












