Eine gute Aufstiegsspur - Tipps zum Skitourengehen

Skitouren-Technik
Auf der richtigen Spur - Tipps vom Bergführer

ArtikeldatumVeröffentlicht am 15.12.2025
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Spuren auf Skitour
Foto: Blizzard Tecnica
Patrick, du hast in deinen über 30 Jahren am Berg viele Spuren gesehen. Was macht eine gute Aufstiegsspur aus?

Patrick Jost: Vor allem eines: dass man mit wenig Kraftaufwand den Berg hochkommt. Also nicht zu steil oder mit unnötigem Umweg unterwegs ist – ökonomisch heißt das Zauberwort. Eine ideale Spuranlage zeichnet zudem das richtige Verhältnis aus Gehkomfort und Sicherheit aus. Also, wo nötig, zugunsten der Sicherheit eine längere Wegstrecke in Kauf und dort, wo möglich, den kraftsparendsten Weg nehmen. Eine gute Aufstiegsspur kann mitunter in einen "Flow-Zustand" führen, in dem man gefühlt kinderleicht den Berg hochschwebt.

Wie wichtig ist eine gute Spuranlage – und inwiefern hängt das Gelingen einer Skitour davon ab?

Neben der sorgfältigen Planung im Vorfeld und einwandfreiem Material gehört sie zu den wichtigsten Kriterien für eine erfolgreiche Tour. Gerade Tourenplanung und Spuranlage hängen stark zusammen: Denn bereits zu Hause sollte man sich das Gelände anschauen, Hangsteilheiten checken und gefährliche Bereiche wie Klippen und Geländeübergänge einprägen. Wer vorausschauend plant, kann vorausschauend spuren und so viel potenzielles Risiko vermeiden. Wer nicht in gefährliche Hänge hineinquert, Wechten und Absturzgelände meidet, geht deutlich risikoärmer. Und wer eine kraftsparende Aufstiegsspur wählt, hat mehr Power für die Abfahrt und mehr Energie, das Abenteuer zu genießen.

Welche Fehler beobachtest du auf deinen Touren bei Spuren immer wieder?

Und wie bewertest du deren Niveau? Ein Klassiker ist: zu steil. Ich habe tatsächlich schon Leute erlebt, die bereits mit der höchsten Steighilfe losgehen – da wundert es dann nicht, dass die Spur entsprechend gewählt wird. Ein weiterer Klassiker: die Position von Spitzkehren, also den scharfen Kickkehren, die in steilerem Gelände nötig sind. Da sehe ich nicht nur ungünstige Stellen, sondern auch immer wieder gefährliche: in verblasenem Gelände, oberhalb von Absturzgelände oder aber zu steile Wendeplätze … Oft ist es sinnvoll, flacher zu gehen, als viele Spuren angelegt sind. Und zum Niveau: Bei vielen Tracks, die ich sehe, gibt es was zu verbessern beziehungsweise unglückliche Teilverläufe. Der häufigste Kritikpunkt eben: zu steil. Wobei man nicht vergessen darf: Manche Tourengeher sind mit Trainingsaspekt unterwegs und wählen bewusst eine steile Spur. Die ökonomischste ist das aber halt nicht.

Wie übe ich als Neuling das Spuren?

Basics zu Geländewahl und Spuranlage vermitteln Skitourenkurse. Dann am besten mit erfahrenen Tourengehern losziehen, deren Spurenwahl bewusst verfolgen und immer wieder nachfragen. Dazu sollte man, mit einfacheren Abschnitten beginnend, selbst immer wieder Teilstücke und zunehmend längere Strecken spuren und sich Feedback einholen. Übung macht den Meister. Und Routine bei Touren im Gelände hilft auch viel.

Inwiefern spielt die Geländewahl eine Rolle bei der Spuranlage? Was sind die Grundprinzipien?

Grundsätzlich empfiehlt es sich, langsam und ohne Steighilfe loszugehen. So hat man von Anfang an ein Auge fürs Gelände und beugt vor, leichtfertig zu steil zu gehen. Eine Faustregel ist, Rinnen im Aufstieg tendenziell zu meiden und Bergrücken zu nutzen. Auch Geländeübergänge, von wenig zu viel Schnee oder andersherum, sollte man eher meiden. Merkmale, bei denen entsprechende Vorsicht geboten ist, sind Schneewechten und sogenannte »Triebschneelinsen«, die Schneeverfrachtungen anzeigen. Im Frühjahr sollte man auch von Hängen mit "Fischmäulern" in der Schneedecke Abstand halten. Oft muss man auch nicht komplett neu beziehungsweise selbst spuren, sondern kann vorhandene Spuren nutzen, die man bei Bedarf nur sequenziell verbessert. Etwa den Zeitpunkt der Kickkehren. Wer sich da ein flaches Plateau klopft, kommt viel besser rum. Ein wichtiger geländebezogener Punkt noch: Wildschutz- und Ruhezonen. Die sind mittlerweile eigentlich in allen Tourenapps verzeichnet und sollten unbedingt respektiert werden.

Welche Gefahrenquellen muss man unterwegs im Auge behalten?

Auch hier gilt: Eine gute Tourenplanung entsprechend den angesagten Bedingungen ist die Grundvoraussetzung. Unterwegs muss man das Wetter dann stets im Auge behalten, um Veränderungen zu bemerken. Wenn etwa der Wind zunimmt und beginnt, meine Spur hinter mir wieder zuzuwehen, muss ich meine Tour eventuell anpassen. Wenn es im Frühling im Tagesverlauf zunehmend wärmer wird, ebenfalls. Auch wenn Felle stollen oder rutschen und man im Zeitplan zunehmend hinterherhinkt, muss man die Route vielleicht adaptieren. Dazu auch bedenken, dass man nach dem Anstieg noch die Abfahrt meistern muss.

Wie viel trägt eine gute Spur zur Risikoprävention bei? Stichwort Lawine.

Sehr viel. Das betrifft jedoch nicht nur die Spurwahl im Aufstieg, sondern mindestens genauso in der Abfahrt. Dort ist die Belastung auf die Schneedecke ungleich höher – die meisten menschlich ausgelösten Lawinen ereignen sich in der Abfahrt. Wer sich nach dem Aufstieg über den flacheren Rücken in eine trieb- schneegefüllte Rinne stürzt, geht auch trotz umsichtigem Aufstieg ein unnötiges und teils sehr hohes Risiko.

Interview Patrick Jost
Blizzard Tecnica
Wie steil darf eine Spur im Idealfall sein – gibt es da eine "goldene Regel"?

Auch das kann man nicht pauschalisieren. Aber wenn ich ständig rückwärts rutsche, mit dem Oberkörper wie ein Sack "in den Stöcken hänge" oder die Waden brennen, sind das klare Zeichen für zu steil. Aufmerksame und erfahrene Tourengeher haben in den Fußspitzen fast eine Art "Sensor" entwickelt, welche Neigung angenehm und was zu steil ist. Auch eine nicht so fitte Person kann bei guter Spuranlage locker 600 bis 800 Höhenmeter schaffen, wo sie bei einer ungünstigen Spurenwahl sonst nach 300 Höhenmetern schon erledigt ist. Zu viele Kickkehren in einem engen Korridor kosten dabei zusätzlich Kraft.

Stichwort Kickkehre: Wie wichtig ist der richtige Abstand zwischen den Kehren – und wie erkenne ich, wo im Hang ich die nächste Kehre anlegen sollte?

Das ist immer eine Frage des Verhältnisses. Grundsätzlich lieber eine flacher angelegte Spur wählen und mehr Kehren machen, als zu steil zu laufen. Sonst werden auch die Kehren kraftraubender. 50 Kehren auf 150 Metern wären definitiv zu viel, aber das Verhältnis Höhenmeter zu Strecke muss einfach passen. Stichwort: die Fußspitzen-Sensoren.

Welche weiteren Tricks helfen deiner Erfahrung nach, Probleme beim Spuren zu entschärfen und Herausforderungen unterwegs vorzubeugen?
  • Erster Tipp: Das Material up to date und funktionsfähig halten. Felle, zum Beispiel, müssen verlässlich kleben.
  • Zweiter Tipp: Harscheisen dabeihaben! Wenn ich merke, ich komme auf verblasene oder eisige Stellen, kann ich reagieren.
  • Dritter Tipp: Bei vielen hängen die Arme im Aufstieg lose vorne in den Stöcken. Setzt diese aktiv ein, um über den Stockschub und die Hüfte den Vortrieb zu unterstützen. Das spart Kraft in den Beinen.
  • Vierter Tipp: Wenn es rutschig wird – langsamer gehen und die Schrittlänge verkleinern. Bei großen Schritten rutscht ihr leichter.
  • Und noch ein wichtiger Tipp: Haltet den Oberkörper zentral, lehnt euch nicht zu weit nach vorne. Der Druck im Aufstieg muss über die Ferse kommen. Wer zu weit vorne hängt, braucht mehr Kraft und rutscht ebenfalls leichter. Euer Oberkörper sollte mittig über der Skibindung positioniert sein.