Bei Kilometer 1741, kurz vor dem Monarch Pass in Colorado, geriet er nachts in ein schweres Gewitter. Auf 3400 Meter Höhe rüttelte der Sturm an seinem Zelt, Hagel prasselte herab. "Ich dachte wirklich, das war’s", sagt Robert Stiepani. Die Abschiedsnachrichten an seine Mutter und seine Freundin hatte er bereits ins Handy getippt. Doch er überstand die Nacht. Am Morgen lagen zehn Zentimeter Neuschnee. Es war hart, aber genau das, was er suchte: das Unverstellte, das Leben in seiner rohesten Form.
Diese Nacht zählt für ihn zu den eindrücklichsten Momenten auf dem rund 5000 Kilometer langen Continental Divide Trail (CDT) von Mexiko nach Kanada. Er folgt der nordamerikanischen Kontinentalwasserscheide, viele Abschnitte sind unmarkiert, die Versorgungslage ist schwierig, Wasserquellen sind unzuverlässig, und die Höhenlagen, teilweise über 4300 Meter, machen den Weg besonders anspruchsvoll. "Mit gemischten Gefühlen" sei er am Ziel in Montana angekommen, erzählt Stiepani rückblickend. Er war erleichtert und bewegt, aber auch nachdenklich, weil eine prägende Lebensphase zu Ende ging.
Zurück ins Leben wandern
Mit dem CDT hat er die sogenannte Triple Crown des amerikanischen Fernwanderns vollendet. Den Pacific Crest Trail und den Appalachian Trail hatte er bereits zuvor gemeistert. Was von außen wie ein Extremabenteuer aussieht, war für Robert Stiepani weit mehr: eine Rückkehr zu sich selbst. Ein radikaler Versuch, das Leben wieder zu spüren, nachdem es ihm einmal vollkommen entglitten war.
Mit 14 war Robert Stiepani, der in Niederbayern aufwuchs, ein talentierter Leichtathlet mit einer Zukunft im Leistungssport. Doch dann verlor er nach und nach die Kontrolle über sein rechtes Bein. Dazu kamen Gedächtnisprobleme, Lähmungen im Gesicht, Orientierungslosigkeit – Symptome, die niemand einordnen konnte. Erst nach fünf Monaten und auf Drängen seiner Mutter wurde ein MRT gemacht. Die Diagnose war ein Schock: Auf den Scans zeigte sich ein riesiger Hirntumor in der linken Gehirnhälfte, der auf das zentrale Nervensystem drückte. Stiepani musste ins Universitätsklinikum nach Regensburg.
"Ich habe meine Mutter im Krankenwagen angeschaut und gesagt: Mach dir keine Gedanken, alles wird gut", sagt er. Er habe sie angestrahlt, auch weil er endlich wusste, was mit seinem Körper los war. Die Operation dauerte neun Stunden. Robert Stiepani überlebte. Direkt nach der OP verlangte er noch im Aufwachraum nach Kaiserschmarrn. Doch sein Leben wurde auf null zurückgesetzt. Sprechen, Laufen, Essen – all das musste er neu lernen. "Ich war wie ein Kleinkind im Körper eines Teenagers", sagt er. Nach der OP folgte die Reha.
Doch der eigentliche Kampf begann zu Hause. Anfangs konnte er kaum stehen, weil er so sehr schwankte. Aber er hatte ein klares Ziel: wieder laufen lernen und ein normales Leben führen. Sein sportlicher Ehrgeiz half ihm, seinen Körper immer wieder herauszufordern. Seine Disziplin und seinen Kampfgeist schreibt er auch seiner Erziehung zu, seine Eltern waren geprägt von harter Arbeit. Diese Haltung formte auch ihn. In der Schule war Robert Stiepani zwar körperlich anwesend, aber geistig oft nicht erreichbar. Seine Lehrkräfte waren damit überlastet. Nur die Hartnäckigkeit seiner Mutter machte es möglich, dass er in den Genuss gezielter Förderung kam. Er kämpfte sich durch: Hauptschulabschluss mit Note Zwei, dann Realschule mit einer Drei, später Berufsschule. Er absolvierte eine Ausbildung zum Fitnesskaufmann.
2017 kam die Wende. Stiepani ging für ein Jahr nach Australien, arbeitete auf Bananenplantagen, lebte in Hostels, sprang beim Skydiving aus dem Flugzeug und lernte neue Menschen kennen. »Ich wollte zeigen, dass man nicht gesund sein muss, um sich Träume zu erfüllen«, sagt er. Australien wurde für ihn ein Ort der Befreiung. Dort fand er Leichtigkeit, Mut und das Gefühl, wirklich zu leben. Er hörte auf, sich als Opfer zu sehen, und begann, seinen eigenen Weg zu gehen. Es war sein Gegenentwurf zum durchgetakteten Leben in Deutschland. Was ihm dabei half, war sein ausgeprägter Optimismus, den manche für naiv halten. Wenn er sich etwas vornimmt, beginnt er nicht mit Planung, sondern mit inneren Bildern. Er stellt sich vor, wie etwas sein könnte, fast wie ein Film im Kopf. Das treibt ihn an, auch scheinbar Unmögliches anzugehen. Erst danach fragt er sich, was er dafür tun oder organisieren muss.
Seine Art zu denken bringt er mit seiner medizinischen Geschichte in Verbindung. Der Tumor saß in der linken Gehirnhälfte, wo Sprache und Logik verarbeitet werden. Die rechte Seite, zuständig für Kreativität und Intuition, habe sich seiner Einschätzung nach stärker entwickelt. Zwar ist das nicht medizinisch belegt, doch er spürt im Alltag, dass ihm bildhaftes, vernetztes Denken liegt und er oft Zusammenhänge erkennt, die anderen verborgen bleiben. Nach der Rückkehr kam jedoch der Rückschlag. Verdrängte Wunden und alte Traumata brachen auf. Es folgten Depressionen, Erschöpfung und Suizidgedanken. Was ihn rettete, war das, was ihm schon als Kind einen Lebenssinn gab: Sport. Er begann mit Muay Thai, einer traditionellen thailändischen Kampfkunst, und machte eine Psychotherapie. Inspiriert durch das Buch "Wild" von Cheryl Strayed, in dem sie über ihre Wanderung auf dem Pacific Crest Trail schrieb, setzte er sich dann ein neues Ziel: sich mit der Triple Crown des Wanderns zu krönen.
2019 startete er auf dem Pacific Crest Trail, 4300 Kilometer über 139 Tage, von Mexiko nach Kanada. Der PCT verläuft entlang der Gebirgsketten Sierra Nevada und Cascade Range und führt durch Wüsten, Wälder und Hochgebirge. "Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich trotz des Handicaps etwas Großes schaffen kann, und anderen zeigen, dass ein Leben nach einem Schicksalsschlag möglich ist", sagt Stiepani.
Die körperlichen Einschränkungen machten es schwer: Gleichgewichtsprobleme, Höhenunverträglichkeit ab 3500 Metern, ein wegknickender rechter Fuß. Doch er wusste sich zu helfen, passte sein Tempo an, schärfte seine Aufmerksamkeit beim Gehen und verwendete Wanderstöcke für die Balance. "Stürze bleiben ein Risiko, das ich bewusst in Kauf nehme", sagt er. Seine großen Trips beginnt er stets allein. Oft trifft er unterwegs Menschen, denen er sich dann anschließt, obwohl ihm das Alleinwandern besser gefällt.
Zwei Erlebnisse auf dem Pacific Crest Trail brannten sich besonders ein. Einmal eine Flussdurchquerung im Kings Canyon National Park in Kalifornien. Am South Fork Kings River, in dem 2017 zwei junge Frauen ertranken, geriet sein Wanderpartner in Lebensgefahr. Die Strömung im Fluss war reißend, er kämpfte sich nur langsam voran. Dann verlor er seine Trekkingstöcke und sprang ihnen hinterher. Stiepani reckte ihm gerade noch rechtzeitig seinen eigenen Stock entgegen. So konnte sein Begleiter den Fluten knapp entkommen. "Sonst", sagt Stiepani, "hätte er das wohl nicht überlebt."
Das zweite Erlebnis war die Begegnung mit einem Berglöwen. Das Tier stand vielleicht zehn Meter entfernt, drehte sich um, sah ihm direkt in die Augen. Ein Ranger bestätigte ihm später, wie außergewöhnlich eine solche Begegnung sei. "In dem Moment wurde mir wieder bewusst: Ich bin hier nicht der Boss, sondern Gast", erzählt er. 2023 folgte der Appalachian Trail, diesmal waren es 3500 Kilometer, quer durch Wälder und entlang der gleichnamigen Bergkette an der Ostküste. Spätestens da war für ihn klar: Er will die "Triple Crown" unbedingt schaffen. Seine Wanderabenteuer finanzierte er sich durch Gelegenheitsjobs, zuletzt als Lagerist in einem Start-up, und durch die Unterstützung der Bayerischen Krebsgesellschaft und seiner Familie.
Mit 34 blickt Robert Stiepani auf seinen Weg zurück und sagt: »Ich bin froh, dass ich die Diagnose bekommen habe.« Ohne den Tumor hätte er vielleicht ein Leben geführt wie viele andere, aber ohne jene Tiefe, Intensität und das Bewusstsein, was es bedeutet, wirklich zu leben. Er sieht sein Leben als einen Entwicklungsprozess, geprägt von täglichen Entscheidungen, wie auf seinen langen Wanderungen, bei denen er sich immer wieder neu fürs Weitergehen entscheiden musste. Für ihn heißt Leben, eigene Wege zu finden, Abenteuer zu suchen und jeden Moment auszukosten, auch an der Grenze zwischen Leben und Tod. Genau dort fühlt er sich am lebendigsten.
Seine nächsten Ziele führen ihn erneut in große Höhen. Der Kilimandscharo (5895 m) steht auf seiner Liste, ebenso der Mount Fuji in Japan, der Aoraki in Neuseeland, der Mont Blanc und der Elbrus, sofern die politische Lage es erlaubt. Auch der Transamerica Bicycle Trail reizt ihn. Bei allem bleibt Stiepani realistisch und stellt seine Gesundheit an erste Stelle. Er verfolgt auch eine persönliche Mission: Er möchte andere ermutigen, besonders jene, die mit einer Krankheit oder anderen Schicksalsschlägen ringen. "Es gibt immer einen Weg, auch wenn er sich vielleicht nicht sofort zeigt", sagt er. Mut ist für ihn dabei der Schlüssel. Nur wer mutig ist, kann über sich hinauswachsen. Wer sich von Angst, von der Meinung anderer und von gesellschaftlichen Erwartungen befreit, beginnt seiner Meinung nach erst wirklich zu leben.












