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od-0416-wilder-kaiser6 (jpg) Moritz Attenberger

Kaiserkrone: Hüttentour um den Wilden Kaiser

Kaiserkrone 5-Tages-Tour um den Wilden Kaiser

Traumhafte Hüttentour in Tirol: Die Kaiserkrone führt Wanderer fünf Tage lang um die Felswände des wilden Kaisers – alle Reiseinfos hier

Eine Alm auf grüner Wiese, bewaldete Hügel, ein enges Tal. Darüber: Flanken aus Stein, gezackte Grate, kompakte Wände, Türme, Spitzen, unterbrochen von geröllbeladenen Rinnen. Vererbt von meinen Großeltern, hängt in meinem Wohnzimmer ein Bild von Maler Hans Schindler, das diese mir bis dato unbekannte Landschaft zeigt. Heute, auf der Gaudeamushütte, stehe ich fasziniert vor einem ähnlichen Kunstwerk. Anderer Pinselstrich, anderer Künstler, gleiches Motiv. "Das ist die Nordseite des Wilden Kaisers, da wurde Klettergeschichte geschrieben. Und wird noch", sagt mein Begleiter, der Fotograf und passionierte Kaiser-Kletterer Moritz Attenberger. Bekannter ist allerdings die Südseite des Gebirges, auf der auch wir uns befinden. Dort liegen die Tiroler Orte Ellmau, Going, Scheffau und Söll – und bieten perfekte Blicke auf das 20 Kilometer lange Massiv, in dem sich die Steingipfel in Ost-West-Richtung aneinanderreihen. Der höchste unter ihnen heißt Ellmauer Halt (2344 m). Alpinisten haben es am "Koasa", wie ihn die Tiroler nennen, nicht leicht: meist schwierig und ausgesetzt sind die Routen im Dolomit. Keine Gondel und keine Bahn dringen in diese Welt vor. Doch es gibt noch eine zweite Seite: Unterhalb der Felsmauern umgibt das Massiv ein Gürtel aus Bäumen und Sträuchern, plätschern Bäche und Wasserfälle, durchziehen zertifizierte Wanderwege für Familien die Landschaft und erlauben spektakuläre Blicke nach oben.

Die Kaiserkrone in 5 Etappen

Mitten durch diese Übergangszone von Grün zu Grau verläuft die "Kaiserkrone" rund um das Gebirge. Die Bergtour verbindet die alten Pfade des "Koasa" zu einer Rundtour und führt in fünf Tagen auf 65 Kilometern und 5000 Höhenmetern unterhalb der imposanten Kletterwände vorbei. Der Start liegt bei Going. Zunächst führt der Weg durch Wald und Wiesen hinauf zur Gruttenhütte. Am zweiten Tag geht es zum Hintersteiner See und nach einer weiteren Nacht entlang der Nordseite zum Stripsenjochhaus. Am vierten Tag leitet ein Bergrücken bis hinab nach Griesenau, die letzte Etappe schließt den Kreis von der Ostseite zurück nach Going.

1 – Going – Gruttenhütte
ca. 8 Kilometer, 5 Stunden, 1250 Höhenmeter, mittel

Die Kaiserkrone startet in Going-Hüttling auf Forstweg 817 Richtung Graspoint-Niederalm. Vorbei am Stiegenbach-Wasserfall und auf dem Adlerweg (Steig 827) zur Oberen Regalm. Dem Wilden-Kaiser- Steig auf den Brennenden Palven (1572 m) folgen und auf Pfad 824 zur Gaudeamushütte. Nun via Steig 824/813 Richtung »Gruttenhütte über Klamml« zur Gruttenhütte.

Tipp für Abenteuerlustige: Das letzte Stück der ersten Kaiserkronen-Etappe am Drahtseil gehen: Der Klamml-Klettersteig endet fünf Minuten von der Gruttenhütte entfernt und bietet als Highlight eine Seilbrücke. Schwierigkeit: B/C-Bereich, wenige Stellen D.

2 – Gruttenhütte – Hintersteiner See
ca. 13,5 Kilometer, 5,5 Stunden, 690 Höhenmeter, mittel

Ab der Gruttenhütte etwa 15 Minuten auf Fahrweg 14a, dann in den Wilder-Kaiser-Steig 823 abbiegen. Über das Lenggries-Schuttkar unterhalb des Treffauers (2304 m) und des Tuxecks (2226 m) zur Steiner Hochalm. Dort einem Fahrweg folgen, den man später zu Gunsten des Höhenwegs 821 Richtung Bärnstatt/ Hintersteiner See verlässt. Ab Bärnstatt auf einer asphaltierten Straße zum Ostufer des Hintersteiner Sees. Auf Seerundweg 822 zum Nordwestufer und ins »Wandererhäusl« der Pension Maier.

3 – Hintersteiner See – Stripsenjochhaus
ca. 16 Kilometer, 7,5 Stunden, 1600 Höhenmeter, schwer

Die dritte Etappe fordert die Beine. Der Forstweg 45 führt hinauf zur Walleralm, von dort auf Steig 827 über Wiesen und durch Wald zum Kreuz am Hochegg (1470 m). Weiter zur Kaindlhütte, die auf einem Plateau oberhalb von Kufstein liegt. Dahinter leitet der Bettlersteig (Weg 827) über Gräben, Treppen und Serpentinen und eine ausgesetzte, mit Drahtseilen gesicherte Stelle ins Kaisertal und zum Anton-Karg-Haus. Auf Weg 96/901 zum Hans-Berger-Haus und Weg 801 zum Stripsenjochhaus.

4 – Stripsenjochhaus – Gasteig
ca. 17 Kilometer, 7 Stunden, 650 Höhenmeter, mittel

Entlang eines Kamms auf Steig 82/825a nach Norden. An der Abbiegung Feldberg/Stripsenjoch links, an der nächsten Abzweigung wieder auf den Steig 825 zum Pavillon des Stripsenkopfes. Über einen Kamm zum Feldberggipfel (1813m) und via die unbewirtschaftete Obere Scheibenbichlalm zur Fortstraße 76. Auf ihr hinab ins Kaiserbachtal. Dort auf einer asphaltierten Straße nach Osten und auf Forstweg 801 nach Griesenau. Von der Kössener Straße beim ersten Haus rechts abbiegen und dem Forstweg nach Gasteig folgen.

5 – Gasteig – Hüttling, Going
ca. 11,5 Kilometer, 6 Stunden, 950 Höhenmeter, mittel

Auf Forstweg 8 durch den Wald. An einer Gabelung links zur Bacheralm und kurz vor der Metzgeralm zur Niederkaiseralm. Auf den Wegen 819 und 823 zum Ursulakreuz, dann über Weg 819/824 zur Graspoint-Hochalm. Von dort auf Pfad 817 zurück nach Going-Hüttling.

Unser Tour auf der Kaiserkrone – Reisebericht

Wege, Wolken, Wassertropfen – zum Auftakt versperren graue Schleier und dichte Wattebäusche den Blick nach oben. Obwohl die Etappe offiziell erst an der Gruttenhütte endet, kehren viele schon vorher ein – auf der Gaudeamushütte. "Megts a Schnapsal?" begrüßt uns dort die lustige Wirtin Anni Leichtfried in feinstem Tirolerisch.

Am nächsten Morgen folgt die technische Crux: das Klamml – eine felsdurchsetzte Steilstufe, über die ein schmaler Steig führt. Schweiß, Steine, Serpentinen – schweigend wandern wir entlang des nassen Pfads, begleitet von Wolken, die langsam die Geröllhänge hinaufziehen und sich an den Türmen brechen. Die Karte verrät: Das Klamml liegt in Falllinie des Ellmauer Tors, eines großen und breiten Sattels auf dem Hauptkamm. Seine Rinne trennt den Zentralkaiser vom Ostkaiser. Von den Talorten Ellmau oder Going aus betrachtet, bildet es eine deutliche Einkerbung. Plötzlich verziehen sich die Wolken, und die Sonne knallt mit aller Wucht auf uns herab.

Die perfekte Zeit für eine Rast auf der Steiner Hochalm und ein Radler, zu dem Wirt Peter Tiroler Lieder und Harfenlaute serviert. Ab hier begleitet uns heute Marcus Sappl, seines Zeichens ehemaliger Hüttenwirt, Routenerschließer, Tourismus-Manager, Wanderführer und was nicht noch alles. Beschwingt stolpern wir weiter, schauen sehnsüchtig nach unten zum grün schimmernden Hintersteiner See. Marcus führt uns über den Jägersteig, eine Alternativroute, zu unserem Etappenziel. Die Kaiserkrone besteht nicht nur aus einem Weg: sechs Alternativen gibt es entlang der Strecke. Zudem verfügt sie neben dem offiziellen über noch sechs weitere Zu- und Abstiege, sodass sie beliebig begonnen und beendet werden kann. "Weißt du, dass eine der Alternativen direkt am Schleierwasserfall vorbeiführt?" fragt Marcus. Meine Augen leuchten: In dem Klettergarten unterhalb des Wasserfalls trifft sich die Sportkletterelite von Alex Huber bis Adam Ondra. Hubers "Open Air" (XI+) gehört zu den forderndsten Routen weltweit. Aber auch die Locals langen zu: Markus Bendler durchstieg 2004 als Erster "Mongo" (XI). Am Ende des Tages erreichen wir endlich den Hintersteiner See und das "Wandererhäusl". Schwimmen, Sonne tanken, schlemmen.

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Moritz Attenberger
Autor Güntner und Fotograf Attenberger geben auf der Kaiserkrone alles.

Ein dreistimmig gesungenes Lied fliegt über die saftigen Almwiesen und begrüßt uns, als wir am nächsten Morgen bei strahlendem Sonnenschein auf der Walleralm aufschlagen. Kein Radio, kein Hansi-Hinterseer-Film, ganz echt. Drei ältere Damen sitzen in moderner Wanderkleidung auf der Alm, beim Frühstücken – und geben nebenher ein kleines Ständchen. Lange können wir allerdings nicht zuhören, denn Tag drei hat es in sich: 1600 Höhenmeter liegen zwischen uns und dem Stripsenjochhaus im Norden. Es geht durch Wälder und Gräben, vorbei an der verfallenen Stripsenjochalm und über einen steilen, mit Stufen versehenen Pfad hinauf zum Haus. Der Blick nach rechts beeindruckt: Rampen, Rinnen, Kare, Kehren, Grate, Geröll – Fels-Fetischisten geraten bei den steilen Wänden ins Schwärmen. Auf Höhe der Hütte liegt das 2190 Meter hohe Totenkirchl. Trotz des makabren Namens gilt es als Mekka für Alpinkletterer. Durch seine vielen hohen Kamine und geraden Risse sieht es aus wie ein Sakralbau, mit hohen, schlanken und dunklen Fenstern. Zwei verewigten sich hier bereits Anfang des 20. Jahrhunderts: Hans Dülfer und Willy von Redwitz durchstiegen gemeinsam die Westwand. Heute ist die über 100 Jahre alte Tour mit der UIAA-Schwierigkeit 6+ bewertet – und trotz gestiegener Leistungen und moderner Sohlen für manche Kletterer immer noch unerwartet schwer. "Viele klettern in der Halle einen 8er, kommen dann hierher und meinen, das wäre alles kein Problem. Und dann seilen sie nach wenigen Metern ab", erinnere ich mich an ein Gespräch mit Marcus, der in der Gegend auch schon viele Routen erschlossen hat.

Nach einer gemütlichen Nacht wandern wir zunächst Richtung Stripsenkopf (1807m) und auf einem Grasrücken zum Feldberg. Das Ziel heißt heute Griesenau, am östlichen Ende des Gebirgsstocks. Die Ausblicke sind gigantisch: Unter uns windet sich das langgezogene Kaiserbachtal, das zwischen Feldberg und Kaiser liegt. Doch ich habe nur Augen für das Panorama zu meiner Rechten und suche nach der Steinernen Rinne. Am Feldberg wird mein Wunsch erfüllt: Vor mir öffnet sich diese u-förmige Einkerbung, die sich mit ihren Geröllmassen ganz bis nach oben auf den Hauptkamm zieht. Rechts davon erheben sich die glatten, bauchigen Wände der Fleischbank, links der Predigtstuhl. Auch hier wurde Klettergeschichte geschrieben – mehrfach. "Reinhard Karl und Helmut Kiene durchstiegen 1977 die Pumprisse, die erste Tour im 7. UIAAGrad", packt Kletterlexikon Moritz aus. Danach musste die Skala offiziell erweitert werden, denn der 6. Grad galt damals als Ende des Menschenmöglichen. Auch Stefan Glowacz hat sich 1993 am Fleischbankpfeiler verwirklicht: Seine Route "Des Kaisers neue Kleider" (10+) gehört zu den härtesten Mehrseillängentouren der Alpen. Am letzten Tag wandern wir über die Ostausläufer des Massivs zur Grandneralm und wählen den alternativen Weg über den Schleierwasserfall.

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Moritz Attenberger
Im Sommer bietet der Schleierwasserfall Wanderern Erfrischung.

Reisetipps für den Wilden Kaiser

Hinkommen
Von München geht es per Auto über
die A 8 und A 93 Richtung Innsbruck. Bei Kufstein verlässt man die Autobahn und fährt bis Going. Bahnreisende steigen in Wörgl aus und nehmen anschließend den Postbus 4060 nach Going.

Herumkommen
Die vier Talorte Ellmau, Going, Scheffau und Söll reihen sich von West nach Ost aneinander. Am besten kommt man mit dem PKW herum. Neben Postbussen verkehrt von Mai bis Oktober auch der Kaiserjet, ein Wanderbus.

Beste Zeit
Zwischen Juni und Anfang Oktober hat man die besten Chancen auf gutes Tourenwetter. Funktionsbekleidung und bergfeste Stiefel braucht man natürlich trotzdem. »Anforderung Die Kaiserkrone erfordert Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und vor allem am dritten Tag einige Kondition. Der technisch schwierigste Teil kommt gleich auf der ersten Etappe: das sogenannte Klamml zwischen der Gaudeamus- und der Gruttenhütte. Diese Felsstufe ist gut mit Seilen gesichert, zur Not lässt sie sich aber auch umgehen.

Orientieren
Wanderführer: Wilder Kaiser, Rother Bergverlag, 14,90 Euro; Karte: Alpenvereinskarte 8, Kaisergebirge, 9,80 Euro

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Moritz Attenberger

Unterkünfte, Hütten und Einkehrmöglichkeiten

In Going
Das familiengeführte Hotel Adelsberger‘s Bergland liegt etwas außerhalb von Going inmitten weiter Wiesen. Gemütliche Zimmer und leckeres Essen helfen bei der Erholung. Auch ein Badesee ist nah. DZ mit Halbpension ab 47 Euro, EZ ab 45 Euro. adelsbergers.at

In Scheffau
Unweit des Hintersteiner Sees liegt der Biobauernhof Hagenhof mit seinen ruhigen Zimmern und einer heimeligen Gaststube. Die Küche hat sich auf Bioprodukte und vegetarischer Kost spezialisiert. Preis pro DZ 45 Euro/Person mit Halbpension. Auch zwei Juniorsuiten gehören zum Angebot, ab 55 Euro. Im Netz zu finden auf hagenhof.com

In Ellmau
Das Aktivhotel Hochfilzer bietet Gästen eine Bade- und Saunalandschaft zum Entspannen. DZ mit Halbpension ab 75 Euro, Apartments ab 82 Euro, Hunde kosten 5 Euro pro Tag extra. hotel-hochfilzer.com

In Söll
Wer Ruhe und Natur schätzt, ist im Landhaus Strasser richtig. Alle Räume sind liebevoll und individuell eingerichtet. Müden Sportlern helfen die Massageangebote wieder auf die Beine. DZ mit Frühstück ab 44 Euro.
landhaus-strasser.at

Tiroler Spezialitäten
Regionale Produkte, Tiroler Schmankerl und ein uriges Ambiente machen den Charme des Gasthofs im Biohotel Stanglwirt in Going aus. Preise etwas gehoben. stanglwirt.com

Aus der Region
Im Gasthaus Jägerwirt in Scheffau treffen sich Tradition und Moderne: Fast alle Zutaten stammen aus der Region, auf Geschmacksverstärker verzichtet man. Das Konzept hat den Wirten den zweiten Platz beim Tiroler Jungunternehmerpreis eingebracht. jaegerwirt-scheffau.at

Autorentipps von Franz Güntner

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outdoor

Würzige Kürze
Die Kaiserkrone macht auch an einem verlängerten Wochenende Spaß. Mein Tipp: Von Going über den Hintersteiner See bis nach Scheffau, von dort mit dem kostenlosen Wanderbus wieder zurück zum Ausgangspunkt.

Das ist der Gipfel
Wer nach der Kaiserkrone Lust hat, einen Gipfel auf eigene Faust zu erklimmen, versucht sich am besten an der Hinteren Goinger Halt (2192 m): Sie gilt als einfachster Kaisergipfel, Auf- und Abstieg dauern etwa 5,5 Stunden. maps. wilderkaiser.info

Filmreif
Fans der ZDF-Serie »Bergdoktor« können die Drehorte am Wilden Kaiser besichtigen – die Episoden werden dort produziert. Verschiedene Touren führen zu den Schauplätzen. Veranstaltungen finden
sich auf wilderkaiser.info

Zum Wasserfall
Bergfexe wählen auf der letzten Etappe der Kaiserkrone die »Alternativroute Schleierwasserfall«. Die Tour führt am berühmten Klettergarten mit seinem 60-Meter-Wasserfall vorbei. Zurück nach Going-Hüttling auf Weg 818.

Noch mehr Wandertouren am Wilden Kaiser

OD 08/2021 Reisereportage: Wilder Kaiser
Österreich
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