Lawinenlage Alpen aktuell - Unfälle & Sicherheitstipps

Wintersportler aufgepasst!
Lawinenlage in den Alpen weiter extrem heikel

ArtikeldatumVeröffentlicht am 19.02.2026
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Lawinenwarnschild in den Alpen
Foto: ra-photos via GettyImages

In weiten Teilen der Alpen bleibt die Lawinenlage kritisch bis außergewöhnlich gefährlich: Anhaltender Neuschnee, starker Wind und eine vielerorts schwache Altschneedecke sorgen dafür, dass Schneebretter bereits bei geringer Belastung ausgelöst werden können – teils auch aus größerer Distanz ("fernausgelöst").

Besonders problematisch: Der Wind verfrachtet lockeren Schnee in Rinnen, Mulden und hinter Geländekanten. Dort entstehen störanfällige Triebschneepakete, die auf einer instabilen Altschneeschicht liegen – eine klassische "Sollbruchstellen"-Konstellation.

Was Warnstufe 4 oder 5 konkret bedeutet

Zur Einordnung der aktuellen Lage hier die offizielle fünfstufige europäische Lawinenskala:

Aktuell bewegen sich mehrere Regionen im Bereich Stufe 4 ("groß") bis lokal 5 ("sehr groß") – das bedeutet: Schon einzelne Wintersportler können Lawinen auslösen!

Lawinenabgang in den Alpen
Audrey-COPPEE via GettyImages

Wo die Gefahr aktuell besonders groß ist

  1. Schweiz (v. a. Wallis / Südwestalpen): Regional wurde zeitweise die höchste Warnstufe ausgerufen. Große bis sehr große Lawinen sind möglich, teils auch spontan.
  2. Frankreich (Nord- und Westalpen): Mehrere Gebiete meldeten zuletzt Warnstufe 5. Skigebiete reagierten mit Sperrungen exponierter Bereiche.
  3. Österreich (Tirol / Vorarlberg): Verbreitet Warnstufe 4, besonders oberhalb etwa 1.800 m. Hauptproblem: Triebschnee auf schwacher Altschneedecke.
  4. Bayerische Alpen: Oberhalb der Waldgrenze erhebliche bis große Gefahr. Die Situation kann sich im Tagesverlauf durch Sonneneinstrahlung weiter verschärfen.

Unfälle der letzten Tage: Tragische Beispiele

Die angespannte Lage zeigt sich auch in mehreren schweren Lawinenunfällen:

  • Navistal (Tirol, 18.02.2026): Ein deutscher Skitourengeher wurde vollständig verschüttet und starb.
  • Iseler (Allgäuer Alpen, 16.02.2026): Ein 46-jähriger Tourengeher kam nach einem selbst ausgelösten Schneebrett ums Leben.
  • Kirchberg (Tirol, 18.02.2026): Ein junger Skifahrer wurde verschüttet, konnte jedoch nach rascher Bergung reanimiert werden.

Die Ereignisse unterstreichen: Bei Stufe 4 oder 5 genügt oft eine einzelne Spur im falschen Hang.

Was man daraus ableiten sollte (praktisch, nicht theoretisch)

  1. Defensiv planen: Steiles Gelände meiden – besonders windbeeinflusste Hänge, Rinnen, Mulden und Bereiche hinter Geländekanten.
  2. Alarmzeichen = Abbruch: Frische Lawinen, "Wumm"-Geräusche oder sichtbare Risse bedeuten: Die Schneedecke steht unter Spannung.
  3. Nie ohne Ausrüstung: LVS-Gerät, Sonde und Schaufel sind Pflicht – ebenso geübte Kameradenrettung.
  4. Nicht allein unterwegs: Die Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt drastisch ohne unmittelbare Kameradenhilfe.

Hier noch ein paar Einschätzungen von Meteorologe und Lawinenexperte Rudi Mair, der sich seit fast 40 Jahren mit Schnee und Eis beschäftigt:

Beeinflusst der Klimawandel die Genauigkeit der Lawinenvorhersage?

Die Genauigkeit nicht, aber es wird wärmer. Dadurch ist mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre, die Niederschläge werden heftiger. In Tirol werden die niedrigeren Regionen weniger Schnee bekommen, das Skitourengeschehen wird sich in die hochalpinen Regionen in Westtirol verlagern, ins Ötztal, Pitztal, Kaunertal, Paznaun, Stanzertal. Da haben wir allerdings Höhenunterschiede von 2000 Metern, alles ist wesentlich steiler und lawinenmäßig einfach prekärer. Insgesamt wird mit dem Klimawandel die Vorhersage sicher noch etwas diffiziler, weil sich alles noch stärker dorthin verlagert, wo es ohnehin schon kritischer und gefährlicher ist.

Die Lawinenvorhersage hat fünf Gefahrenstufen. In welcher von ihnen passieren die meisten Unfälle?

Stufe fünf ist eher die Katastrophensituation, die hatten wir seit Galtür im Jahr 1999 viermal. Den Tourengeher betreffen die Stufen eins bis vier, gering, mäßig, erheblich, groß, und am meisten passiert in Stufe drei, da geschieht fast ein Drittel der Lawinenunfälle. Stufe drei wird vielleicht von vielen unterschätzt, weil sie meinen, das sei wie Schulnote drei, nicht ganz gut, aber auch nicht ganz schlecht. Aber bei Stufe drei reicht schon eine einzelne Person, um eine Lawine auszulösen.

Was muss man draufhaben für Stufe 3?

Ich brauche lawinenkundliche Erfahrung, ich muss wissen, was ein Luv- und ein Leehang ist, was Windverfrachtungen und so weiter. Bei Stufe 1 und 2 kommt der Skifahrer kaum in die Verlegenheit, dass er mit Lawinen Bekannt schaft macht, da müsste er schon in Gelände gehen, in das der normale Skitourengeher nicht hineinkommt: Extremgelände + über 40 Grad. Ich kenne viele, die sagen, sie gehen nur bei Stufe 1 und 2, sehr vernünftig. Aus unserer Statistik ergibt sich, dass weit über 90 Prozent der Lawinenunfälle vermeidbar wären, nur durch Kenntnis der Gefahrenstufe und der Hangsteilheit. Sprich: Bei Gefahrenstufe 2 gehe ich nicht über 40 Grad, bei 3 nicht über 35 und bei vier nicht über 30, dann wären weit über 90 Prozent der Lawinenunfälle vermeidbar.

Interview Bergwacht Rudi Mair
Lawinenwarndienst Tirol
Mal praktisch: Ich schaue aus dem Fenster, es liegen 35 Zentimeter Neuschnee, blauer Himmel, Gefahrenstufe 3. Wie verhalte ich mich?

Wenn ich mich nicht auskenne: zu Hause bleiben. Oder auf die Piste gehen. Oder ausweichen auf eine vielbegangene Standardtour. Es gibt ja jede Menge Skitouren, die jeden Tag hundert oder hundertfünfzig Leute gehen, und da habe ich eine extrem hohe Sicherheit, denn da gibt es keine Schwachschichten mehr.

Und wenn ich lieber etwas schärfer unterwegs sein will?

Dafür braucht es viel Erfahrung. Es empfiehlt sich außerdem, einen Sicherheits- und Lawinenkurs zu absolvieren. Wer das nicht will, der sollte Skitouren bei Gefahrenstufe 1 oder 2 gehen.

Ein Schweizer Sprichwort sagt, eine Badewanne voll Schnee kann dir das Leben nehmen.

Das kann ich bestätigen. Wir hatten vor einer Weile einen Unfall, eine Frau, die alleine auf Skitour war. Allein ist natürlich immer ein Risiko, denn da nutzt dir deine ganze Erfahrung und dein Verschüttetensuchgerät nichts, weil da im Zweifelsfall niemand ist, der dich suchen kann. Und diese Frau hat eine Minilawine ausgelöst. Verschüttet waren nur der Kopf und die linke Schulter, aber sie hat den Kopf nicht schnell genug herausbekommen. Das ist ein Beispiel, wie wenig Schnee es braucht, und zum Zweiten: Wenn jemand dabei gewesen wäre, hätte er nur einmal am Rucksack ziehen brauchen, dann wäre sie draußen gewesen und hätte überlebt. Ein Minischneebrett von zwanzig mal zwanzig Metern mit einem halben Meter Anriss wiegt etwa 40 Tonnen, da liegt ein vollgeladener Lkw auf einem drauf.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich eine Lawine erwischt?

Im Prinzip total gering. Ich sage immer: Das Gefährlichste ist die Anreise zur Skitour. Wir haben in Tirol im Schnitt zwölf Lawinentote im Jahr. Diese Zahl ist in den letzten 35 Jahren ziemlich konstant geblieben, es sind aber etwa zehnmal so viel Leute abseits der Pisten unterwegs, relativ gesehen passiert also weniger, und das zeigt, dass unsere Arbeit wirkt.

Was darf auf keinen Fall in meiner Ausrüstung fehlen?

LVS-Gerät, Schaufel, Sonde, Smartphone. Viele Leute vergessen die Schaufel, ich gehe grundsätzlich nicht mit Leuten, die keine dabeihaben. Denn die können mir dann ja auch nicht helfen. Bei etwas schärferen Touren ist ein Airbag-Rucksack sinnvoll (eine Auswahl der besten siehe unten), ich verwende ihn seit über 30 Jahren. Er ist teuer und schwer, aber er hilft schon. Ich bliebe mit ihm allerdings nur in der Fließbewegung der Lawine oben. Wenn ich aber ganz unten im Talboden bin und die Lawine kommt von oben, dann kann ich den Airbag ziehen, wie ich will, dann kommt der Schnee obendrauf.

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Fazit