Grönlands Eisberge: Ein Boots- und Wandertrip durch die unberührte Arktis

Sail and Hike
Zwischen Eisbergen an der Küste Grönlands

ArtikeldatumVeröffentlicht am 21.02.2026
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Lautlos gleiten wir zwischen Eisbergen hindurch. Die schwimmenden Riesen strahlen blauweiß in der hochstehenden Augustsonne, ihre ausladenden Fundamente schimmern in Türkistönen durch das eiskalte Wasser des Sermilik-Fjords. Die bizarren Skulpturen, die unberührte arktische Natur versetzen die Passagiere der Aluminium-Yacht Varuna in permanentes Staunen. "Sail and Hike" lautet das Motto des Törns, der die dreiköpfige Crew und ihre fünf Gäste zehn Tage lang durch die einsamen Fjorde Ostgrönlands führt.

Grönland Boots- und Wandertrip
Heinz & Suzann Klausmann

Nur wenige Menschen erleben ein solches Abenteuer, und wir sind uns der Einzigartigkeit dieser intensiven Zeit in jedem Augenblick bewusst. Ich selbst habe mich monatelang vorbereitet, alles gelesen, was ich über Grönland finden konnte, und mich mit wachsender Ungeduld nach der sagenumwobenen Insel im hohen Norden gesehnt. Nun stehe ich an Deck und bestaune das Naturspektakel, das hier an der Tagesordnung und doch niemals selbstverständlich ist.

Aufbruch ins Unbekannte

Das Abenteuer startet unweit des Polarkreises in Kulusuk, dem Tor nach Grönland mit dem einzigen Flughafen an der 2700 Kilometer langen Ostküste der Insel. Ronan holt uns ab. Der Arctic Guide sorgt während der Exkursionen an Land für die Sicherheit der Reisegruppe. Nach etlichen Begegnungen mit Eisbären ist er immer auf der Hut und trägt sein großkalibriges Gewehr bei jedem Landgang griffbereit am Rucksack. "Die Gruppe bleibt stets zusammen", lautet seine klare Vorgabe.

Während Skipper Lionel das Gepäck mit dem Dinghi zum Segelboot transportiert, steht eine erste kurze Wanderung auf dem Programm. Dichte Wolken und acht Grad Lufttemperatur lassen die Hitzewelle daheim rasch vergessen. Eine im Sommer von Quads und im Winter von Schneemobilen sowie Hundeschlitten befahrene Schotterstraße führt in die Ortschaft Kulusuk mit ihren 195 Einwohnern. Herumtollende Welpen und etliche angekettete, heulende Hunde beleben das Dorf mit seinen bunten Holzhäusern. Es gibt einen Kindergarten und eine Schule, eine einfache Krankenstation und einen Lebensmittelladen. Ein Ort zum Entschleunigen.

Grönland Boots- und Wandertrip
Heinz & Suzann Klausmann

"Man isst gut auf der Varuna", schwärmt Gianluca aus dem Tessin beim Begrüßungscocktail an Bord. Der Beweis steht bald auf dem Tisch. Luse, Chef de Cuisine, serviert vom Kapitän frisch gefangenen Kabeljau à la brésilienne – ein Gruß aus ihrer südamerikanischen Heimat. Ariela und Meir, Segelnovizen aus Texas, sind begeistert.

Morgens liegen dichte Wolken über der Küste. Skipper Lionel setzt Kurs nach Nordosten, Richtung Sermilik-Fjord. In der Nähe des Inlandeises erwartet er besseres Wetter. Das dortige Mikroklima verdankt sich der stabil kühlen Luftmasse oberhalb der bis zu 3000 Meter dicken Eisschicht des grönländischen Eisschilds, der herannahenden Tiefdruckgebieten seine kalte Stirn bietet.

"Feel free to enjoy" – so gibt uns Lionel zu verstehen, dass unsere Mitarbeit an Bord erst einmal nicht erforderlich und auch nicht erwünscht ist. Wir sollen ganz einfach die Fahrt durch die eisige Landschaft genießen.

Kurz vor dem kleinen Ort Tinitilaaq reißt der Himmel auf. Mit dem Dinghi bringt Lionel die Gäste an Land. Sein dicker Neoprenoverall mit eingearbeiteten Gummistiefeln imponiert – eine Lebensversicherung bei Wassertemperaturen von drei Grad. Einige Kinder spielen im warmen Licht der Nachmittagssonne, als wir den Ort mit seinen wenigen Holzhäusern durchqueren.

Von einer Anhöhe hinter dem – in Grönland lebensnotwendigen – Helikopterlandeplatz erspähen wir Eisberge, die das dunkelblaue Wasser des Sermilik-Fjords bedecken. Flechten, niedrige Büsche und sehr kleinwüchsige Bäume umgeben das Ufer eines Bergsees mit glasklarem Wasser. Zum Abendessen pflücken wir Sauerampfer. "Luse braucht Wasser zum Kochen", erklärt uns Ronan und sammelt das kühle Nass in Trinkflaschen. Leben mit der Natur.

Grönland Boots- und Wandertrip
Heinz & Suzann Klausmann

Endlose Weiten

Am dritten Tag herrscht Windstille. Im Slalom steuert der Skipper bei langsamer Fahrt durch Eisriesen, die unter Wasser weit ausladen. Kleinere Brocken prallen mitunter gegen den Rumpf und erschüttern das 40 Tonnen schwere Boot. "Bellissimo!", schwärmt Gianluca. Der passionierte Naturfotograf liebt die Arktis und pirscht mit großer Brennweite nach bizarren Formationen. Nach Stunden des vorsichtigen Vortastens erreichen wir eine herrliche Ankerbucht mit Ausblick auf den grönländischen Eisschild. Das Inlandeis bedeckt gut achtzig Prozent der Insel, nur die Küstenregionen bieten den etwas mehr als 55000 Einwohnern Siedlungsraum.

Auf der heutigen Exkursion mit Ronan wird die Abgeschiedenheit überwältigend spürbar. An der Stelle, an der wir anlanden, gibt es keine Siedlung, keine Menschenseele. Wir erklimmen vom Gletschereis glatt gescheuerte Felsen, durchqueren feuchte Zonen mit üppiger Vegetation und folgen Bächen mit kristallklarem Wasser. Immer wieder bieten sich Ausblicke auf die Eismassen des Festlands, die Eisberge in der Ferne und die Ankerbucht, die tief unter uns liegt, eingehüllt in das Licht der spät untergehenden Sonne. Eine gewaltige Stille umgibt uns, wir empfinden Ergriffenheit und tiefen Respekt vor der Schönheit dieser Natur.

Am Nachmittag des vierten Reisetages fällt der Anker in einer rundum geschützten Bucht des Johan-Petersens-Fjords in zwölf Meter Wassertiefe. Blank geschliffene Felsen an den Abhängen des mächtigen Berges Neerernartivaq zeugen von der Wucht früherer Eiszeitgletscher. Die grandiose Aussicht aus etwa 500 Meter Höhe auf den mit Eisbergen gespickten Fjord und die Ausläufer des Inlandeises belohnen uns für die Anstrengung des etwa dreistündigen Aufstiegs.

Einzigartige Natur

Ronan erklärt die Besonderheiten der arktischen Vegetation: Birken und Weiden wachsen hier nicht wie in niederen Breiten in die Höhe, sondern adaptieren sich durch ausgedehntes und oberflächliches Wurzeln an das Klima und bedecken in sonnigen Gebieten als niedrige Gewächse auch größere Flächen. Dort, wo im Sommer viel Sonne hinfällt, explodiert die Vegetation. Entlang der Bäche und Seen glänzt die Flora mit so illustren Sorten wie Scheuchzers Wollgras, Arktisches Weidenröschen, Schmalblättriges Weidenröschen und Schwarze Krähenbeere.

An Tag sechs unserer Seereise verdichtet sich der Wall um uns herumtreibender Eisberge. Die Drohne startet einmal mehr zur Erkundung, findet aber keine Option für ein gefahrloses Durchkommen. Hier geht es nicht weiter. Deshalb kehren wir um und verlassen wir den Johan-Petersen-Fjord in Richtung Sermilik-Fjord. Imposante, sicher bis zu fünfzig Meter hohe Eisberge säumen den Weg. Gianluca zeigt sich begeistert, weil die dichte Wolkendecke für diffuses Licht sorgt: "Das sind die besten Bedingungen!"

Windstille beim Ausflug am nächsten Morgen. Bei Ebbe bereitet uns die Anlandung am entlegenen anderen Ende der Bucht keine Probleme, doch der Weg zu den Wasserfällen, die vom Inlandeis herabstürzen, erweist sich als weit, steil und beschwerlich.

Natürlich gibt es hier, anders als in den Alpen oder anderen vertrauten Regionen, keine Wanderwege. Gut, dass Ronan in diesem arktischen Gelände erfahren ist und die Belastbarkeit der Gäste einzuschätzen vermag. Die Mühen lohnen sich: Die zu Tal brechenden Wassermassen beeindrucken ebenso wie der Ausblick auf das ewige Eis.

Auf dem Rückweg nach Kulusuk erlebe ich noch ein echtes Glanzlicht, das den Dauerregen an diesem Tag erträglich macht: Während der Rest der Gruppe es sich im Deckshaus gemütlich macht, darf ich mich unter Lionels Anleitung an der Angelrute versuchen. Am Ende trotzt dann aber der Skipper selbst der kalten See einen kapitalen Kabeljau ab, der wenig später als Ceviche und Filet auf unseren Tellern landet.

Zurück in die Zivilisation

Die Varuna segelt bei Halbwind zurück zum Ausgangspunkt der Reise. Etwas Wehmut erfasst mich auf dem Weg in die Zivilisation, aber die positiven Gefühle überwiegen. Die Sonne über den Eisbergen, traumhafte Ankerplätze in einsamen Fjorden, Wanderungen in entlegener Natur und das gemeinsame Erlebnis der ungebändigten Landschaft haben einen tiefen Eindruck hinterlassen, der mich noch lange begleiten wird.