Der Winter im Grenzland kennt keine Nationalitäten. Er legt sich über den Bayerischen Wald und den Böhmerwald, macht aus Grenzen Linien im Schnee – und aus Waldwegen schmale Abenteuerpfade. Wir sind zu sechst unterwegs: vier Teilnehmer, Guide Jan Reich und ich. Drei Pulkas, jeweils zwei Personen pro Schlitten.
Das Prinzip ist einfach und gnadenlos zugleich: Vorne wird gezogen, hinten gebremst – mit einem Bremsseil, das spätestens dann wichtig wird, wenn es bergab geht und die Pulka plötzlich ein sehr eigenständiges Verhältnis zur Schwerkraft entwickelt. Das "U"-förmige Gestänge mit durchlaufendem Metallseil im Inneren der Rohre puffert ein seitliches Ausbrechen des Schlittens in Kurven ab, sollte aber nicht überstrapaziert werden, denn sonst reißt es. Darauf zu achten, ist auch Aufgabe des Bremsers.
Ziehen, bremsen, fluchen – Pulka ist Teamsport!
Die Rollen im Team wechseln regelmäßig. Aus Fairness – und weil niemand den ganzen Tag Bremser sein will! Das Ganze ist eine Mischung aus Konzentration, Oberschenkelbrand und latenter Angst vor Kontrollverlust. "Dr Buckel nuff isch des scho ganz schö anstrengend", sagt Andi aus Stuttgart, in unverkennbarem Schwäbisch. "Dafür gleitet dr Schlidde in dr Ebene echt gschmeidig über dr Schnee." Mehr muss man über das Pulka-Ziehen eigentlich auch gar nicht wissen.

Winter pur – diesseits und jenseits der Grenze
Was vom Start an sofort überzeugt, ist die Landschaft hier. Unberührt, weit, still. Egal ob auf bayerischer oder tschechischer Seite: Der Winter zeigt sich an diesem Wochenende von seiner schönsten Seite. Verschneite Hochflächen, dunkle Wälder, ein Weiß, das nicht blendet, sondern beruhigt.
"Ich hätte nicht gedacht, dass es hier so einsam wirkt", meint Andis Partnerin Geli. "Und das, obwohl man eigentlich nie wirklich weit weg von Wanderhütten und Hotels ist." Genau das macht den Reiz dieser Tour aus: Man ist mitten im Winter, aber nicht im Nirgendwo. Weit genug draußen, um den Alltag zuverlässig abzuschütteln – nah genug dran, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Ganz ungestört ist man allerdings nicht immer: Denn die Region ist ein echtes Langlaufmekka! An diesem Wochenende im Februar kreuzen wir immer wieder frisch gespurte Loipen, auf denen entsprechend viel Betrieb herrscht.
Ab und zu ist Vorsicht geboten
Mit Schneeschuhen und Pulka heißt das: aufmerksam sein. Niemanden touchieren, keine Spur beschädigen, möglichst kontrolliert queren. Was mit Schlitten ungefähr so elegant ist wie mit ein paar Umzugskartons auf Kufen. "Das sind dann die Momente, an denen man wirklich aufpassen muss", sagt Jan Reich. "Nicht wegen der Anstrengung – sondern wegen der anderen."
Es klappt. Und wo man sich kurz fehl am Platz fühlt, ist man wenige Meter weiter wieder allein mit dem Knirschen des Schnees unter den Schneeschuhen.
Nouzová nocoviště – Biwakplatz unterm Sternenhimmel
Unser Nachtlager schlagen wir an einem offiziellen Nouzová nocoviště im Nationalpark Šumava auf – einem ausgewiesenen Notübernachtungsplatz. Zelten ist hier erlaubt, aber streng geregelt: eine Nacht, ruhig, ohne Feuer, ohne Spuren zu hinterlassen. Zwei Dixi-Toiletten stehen am Rand des Platzes, eine davon geöffnet. Ein Detail, das man bei winterlichen Temperaturen sehr zu schätzen weiß.
Direkt am Biwakplatz führt eine Langlaufloipe vorbei. Die Blicke der Langläufer, als wir bei minus sechs Grad Zelte aufbauen, sagen alles. Ungläubiges Staunen trifft auf stilles Kopfschütteln.

Nach 17 Uhr, wenn es dunkel wird, kehrt Ruhe ein. Vor neun Uhr morgens gehört der Platz noch uns. Dazwischen: Kälte, Stille, Sterne – sofern die Wolken mitspielen. "Das ist genau die Art von Luxus, die ich draußen suche", sagt Martin, ein weiteres Mitglied unserer abenteuerlustigen Gruppe. "Nichts brauchen – und trotzdem alles haben!"
Grenze, Geschichte, Gänsehaut: Bučina
Ein weiterer Höhepunkt der Tour liegt nicht im Schnee, sondern in der Geschichte. Der ehemalige Grenzübergang Bučina (deutsch Buchwald) wirkt wie ein Freilichtmuseum – oder wie ein Lost Place mit Mahnfunktion. Wachturm, verlassene Gebäude, stille Zeugen des Kalten Krieges und der Schrecken davor.

Zwischen verschneiten Wiesen und kahlen Fundamenten wird klar: Diese Tour ist mehr als Naturerlebnis. Sie ist auch eine Reise durch europäische Geschichte – leise, eindringlich, ohne große Worte. "Man spürt, dass dieser Ort etwas gesehen hat", sagt Jan. "Und dass es gut ist, heute einfach hier stehen zu können."
Learning by Doing – warum diese Tour mehr ist als eine Winterauszeit
Schnell wird deutlich: Diese Mini-Expedition ist bewusst als Lernfeld angelegt. Jan Reich bietet sie im Bayerischen Wald gezielt an, um die Grundlagen des Schneeschuhwanderns mit Pulka zu vermitteln.
Gehen, Ziehen, Bremsen, Spurwahl, Gruppentempo, Lagerorganisation – alles wird erklärt, ausprobiert und angepasst. Fehler sind erlaubt, solange man daraus lernt.
"Das hier ist die Basis", sagt unser Guide. "Wer später weiter nach Norden will, braucht genau diese Erfahrung." Gemeint sind größere Unternehmungen – etwa mehrtägige Pulka-Touren in Lappland, wo Selbstorganisation, Kältekompetenz und Teamarbeit nicht Kür, sondern Voraussetzung sind.

Weitere Infos: abenteuerreich.de
Pulka kaufen? – Wer sich für eine Tour oder Expedition einen eigenen Pulkaschlitten (oder Nansenschlitten) anschaffen möchte, findet beim skandinavischen Marktführer Fjellpulken wahrscheinlich die größte Auswahl. Für spezielle, extrem robuste Expeditionsanforderungen wird oft auch Acapulka genannt und von vielen bevorzugt. (hier gibt es auch eine Webseite auf Deutsch und viele weitere Infos zu Pulkas und Zubehör. Die kleinsten Modelle beginnen preislich bei ca. 1000 Euro). Außerdem erhältlich bei verschiedenen deutschen Fachhändlern und spezialisierten Online-Shops wie Camp4 oder SackundPack.












