Eifel-Trek - Wandern auf dem Wildnis-Trail

Wilder Westen - Trek durch die Eifel

Im Nationalpark Eifel sehen Wanderer die Urwälder von morgen schon heute verwildern. Wir stellen den wildesten Trek Deutschlands vor.

In vier Tagen entdecken Wanderer die bezaubernde Natur des Nationalparks Eifel – Abstecher in die bewegte Geschichte der Region inklusive.

Foto: Ben Wiesenfarth OD 0809 Wilder Westen Eifel

Grandiose Ausblicke auf die Seenlandschaft - der Naturpark Eifel birgt wahre Panoramaschätze.

Wildnis – da denken viele an die undurchdringlichen Regenwälder des Amazonas, die einsamen Weiten Kanadas oder Patagoniens windgepeitschte Fels- und Eiswelt – aber nicht unbedingt an die sanfte Wald- und Hügellandschaft der Eifel. Doch seit im Jahr 2004 ein etwa 110 Quadratkilometer großes Gebiet im Norden des Mittelgebirges zum Nationalpark erklärt wurde, kann sich auch dort die Natur wieder ihrem Urzustand nähern.

Sascha Wilden war begeistert, als ihm die Weiterbildung vom Forstwirt zum Eifel-Ranger angeboten wurde. Er teilt Abbeys Meinung, dass Wildnis kein Luxus sein dürfe, und erklärt: »Es ist unser Ziel, die Natur für alle Besucher erlebbar zu machen.« Zwar wird es noch Jahrzehnte dauern, bis sich das Schutzgebiet von den Eingriffen des Menschen erholt hat, doch auch heute schon können Wanderer den Urwäldern von morgen beim Verwildern zusehen: Auf dem vor zwei Jahren eröffneten Wildnis-Trail, der sich in vier Etappen vom Südwesten des Nationalparks bis zu seinem nördlichen Ende schlängelt. Zwar liegen nur rund 23 Kilometer Luftlinie zwischen dem Start der Wanderung in Höfen und ihrem Ziel in Zerkall, doch dass der Wildnis-Trail mit seinen 85 Kilometern die fast vierfache Distanz zurücklegt, hat gute Gründe: Er schickt den Wanderer nicht nur zu den eindruckvollsten Naturlandschaften des Nationalparks, sondern bisweilen auch auf eine Reise in die bewegte Geschichte der Eifel.

Der erste Höhepunkt des Wildnis-Trails lässt nicht lange auf sich warten: Nach dem Abstieg zur idyllischen Perlenbachtalsperre folgt der Weg dem Lauf des Wassers in das bereits 1976 eingerichtete Naturschutzgebiet Perlenbach-Fuhrtsbachtal, ein Refugium zahlreicher bedrohter Pflanzen- und Tierarten. Besonders im Frühjahr bietet sich dort ein faszinierendes Naturschauspiel: Tausende von Gel­ben Wildnarzissen verwandeln die aromatisch duftenden Bärwurzwiesen in leuchtende Blütenmeere – das größte Vorkommen der auch als Osterglocke bekannten Pflanze in Deutschland. Nach diesem blumigen Auftakt zeigt sich der Wildnis-Trail an den Felsen der Leykaul von seiner raueren Seite. »Für mich eine der schönsten Stellen im Park«, meint Ranger Sascha, und wer den Höhenpfad nach Hirschrott unter die Sohlen nimmt, wird ihm zustimmen: Der Weg verengt sich zum schma­len Saumpfad, der sich zwischen schroffen Schieferfelsen entlangschlängelt, mal durch die dunklen Nadelteppiche des Fichtenforsts, mal durch den lichtdurchfluteten, mit Moosen, Flechten und Wildkräutern bewachsenen Boden des Eichenwalds. Wieder neue Eindrücke warten auf dem Kamm des Dedenborner Walds: Mit seinem hohen Anteil an Alt- und Totholz zeigt sich der majestätische Buchenwald bereits jetzt in einem herrlich naturnahen Zustand.

Im Nationalpark Eifel sehen Wanderer die Urwälder von morgen schon heute verwildern.

In Einruhr erreicht der Wildnis-Trail schließlich den Obersee. Zusammen mit dem Urft- und dem Rursee bildet er die Eifeler Seenplatte, deren Gewässer sich wie eine riesige Schlange zwischen den grün bewaldeten Hügeln hindurchwinden – mancher fühlt sich an einen »Amazonas der Eifel« erinnert. An dessen Ufer führt der Wildnis-Trail in das ehemalige Sperrgebiet Vogelsang. Das rund 33 Quadratkilometer große Areal – deckungsgleich mit der Dreiborner Hochfläche – war bis Ende 2005 tatsächlich ein »ein weißer Fleck auf der Eifel-Landkarte«, wie Ranger Sascha es ausdrückt. Das belgische Militär nutzte das Gelände als Truppenübungsplatz, für Zivilisten war es nicht zugänglich. Obwohl der Einfluss des Menschen hier so deutlich wie an kaum einem anderen Ort im Nationalpark seine Spuren hinterlassen hat, gehört der Streckenabschnitt zu den eindrucksvollsten des Wildnis-Trails. Weite, von Gebüschbrachen durchsetzte Freiflächen prägen die Landschaft, und auch hier erleben Wanderer im Frühjahr ein gelbes Wunder, wenn der Besenginster, auch Eifelgold genannt, seine Blütenpracht entfaltet. Ganz andere Eindrücke hinterlassen die den Weg säumenden historischen Bauten: Hat man die imposante Urfttalsperre hinter sich gelassen, führt der Weg zunächst zum Geisterdorf Wollseifen, dessen Einwohner 1946 dem Truppenübungsplatz weichen mussten, zu dem auch der Gebäudekomplex der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang gehörte, einer Schulungsstätte des NSDAP-Führungskaders. Heute ist hier ein Servicezentrum für Nationalparkbesucher untergebracht.

Hinter Gemünd geht es in den Kermeter, eines der größten Laubwaldgebiete des Rheinlands. Mit seinem ausgedehnten Bestand an Rotbuchen, – der Baumart, die das natürliche Gesicht Europas einst prägte – stellt er das ökologische Herzstück des Nationalparks dar. Einen Blick in die Zukunft gewährt die Naturwaldzelle »Wiegelskammer«: Seit 1971 darf sich der Wald dort ungestört entwickeln.

Vom malerischen Städtchen Heimbach führt das letzte Wegstück der Wanderung durch den Hetzinger Wald, dessen knorrige Eichen die Landschaftspalette des Nationalparks komplettieren. Das Fazit am Ende des Wildnis-Trails: Auch wenn sein Name noch nicht überall der Realität entspricht, zeigt er Wanderern schon heute eine der schönsten Regionen Deutschlands – keine Frage, Ranger Sascha hat sich einen traumhaften Arbeitsplatz ausgesucht. Auch Edward Abbey hätte sich im Nationalpark wohlgefühlt. Denn hier zeigt sie sich, die Liebe zur Wildnis, die er beschrieb als einen »Ausdruck der Loyalität zur Erde – der Erde, die uns hervorbringt und ernährt, die einzige Heimat, die wir kennen sollten, das einzige Paradies, das wir benötigen«.

15.09.2009
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Ausgabe 08/2009