History: Bouldern

Bouldern und wie es dazu kam

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"Bouldern ist das Beste. Punkt.", wusste Udo Neumann schon 1997. Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen. Wir blicken zurück auf 25 Jahre Bouldergeschichte.

In diesem Artikel:

Wie das Bouldern entstand + Die Erfindung des Crashpads + Die Schwierigkeits-Entwicklung beim Bouldern + Wie das Bouldern das Seilklettern beeinflusst + Viele Menschen, viele Probleme + Von Traumzielen und Waldschraten + Der erlösende neunte Grad + Wohin geht die Reise?

Meilensteine des Boulderns: Schwierigkeitsgrade und Erstbegehungen + Interview: Boulderin Doro Karalus über Bouldergrade & Gebiete unter Stress + Interview: Black Diamonds Marketing-Chef über den Boulderboom

Wie das Bouldern entstand

Bouldern: wie es dazu kam
Nico Backstroem
Nalle Hukkataival gelang 2016 der Paukenschlag: Mit Burden of Dreams kletterte er im finnischen Lappnor den ersten 9A-Boulder der Welt

Zugegeben, es dauerte zwei Jahre, bis KLETTERN sich in Ausgabe 5-97 erstmals der Königsdisziplin widmete. Dafür gleich gebührend: mit Udo Neumanns legendärem Artikel. Und so können wir stolzen Hauptes behaupten, dass die Geburtsstunde des modernen Boulderns Mitte der 90er mit der Gründung unserer Zeitschrift zusammenfällt.

Zugegeben, Mitte der 1990er wurde bereits seit 100 Jahren an Felsblöcken geklettert, selten jedoch als Selbstzweck. Fritz Kasparek, einer der Erstbegeher der Eiger-Nordwand, trainierte am "Hüttenblock" der Haindlkarhütte, Reinhold Messner an den "Probiersteinen" der Steinernen Stadt, und in Chamonix stählten Alpinisten ihre Muskeln am Granitklotz des Campingplatzes Pierre d‘Ortaz. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Brite Oscar Eckenstein fleißig an den heimatlichen Blöcken des Lake Districts angezogen und bei einer Expedition zum K2 einen Boulder-Wettbewerb unter einheimischen Pakistanis veranstaltet.

Zur selben Zeit gründeten sich in Fontainebleau die ersten Kletterclubs, und manch einem "Bleausard" genügten schon damals die kleinen Sandsteinfelsen, statt an diesen für die Alpen zu trainieren. 1934 eröffnete Pierre Allain die erste 5C, 1946 bescherte René Ferlet dem Wald mit La Marie-Rose die erste 6A.

Bouldern: wie es dazu kam
Stephan Denys
Bouldergeschichte wurde nicht selten in Fontainebleau geschrieben. Fred Nicole klettert Karma (heute 8A+) und wird von Jacky Godoffe gespottet; Crashpads waren 1995 noch nicht verbreitet

Ende der 50er-Jahre hob der US-Amerikaner John Gill die Boulderkunst bereits auf den Fontainebleaugrad 7C. Der Turner und spätere Mathematik-Professor trainierte systematisch, beherrschte einarmige Hangwaagen und einfingrige Klimmzüge. Er erfand das von Traditionalisten noch lang verpönte dynamische Klettern und benutzte als Erster Magnesia am Fels.

Eineinhalb Jahrzehnte später erreichte der Gill-Schüler Jim Holloway wahrlich moderne Schwierigkeiten. Seine Kreation Trice von 1975 wurde erst 2007 von Carlo Traversi wiederholt und mit V12 oder 8A+ bewertet. Slapshot von 1977 wartet derweil noch immer auf eine zweite Begehung und wird auf hart 8B geschätzt.

Ein Jahr später entstand der berühmteste Boulder der Welt: Midnight Lightning, mitten im Camp 4 zu Füßen des El Capitan gelegen und heute mit V8 oder 7B+ bewertet. Die berühmten "Stone(d) Masters" John Bachar und Ron Kauk lieferten sich ein Wettrennen um die Erstbegehung, das letzterer im Mai 1978 für sich entschied– wohlgemerkt ohne Crashpad unter dem harten Ausstiegsmantle auf rund fünf Metern Höhe. Maximal ausrangierte Matratzen dämpften zu dieser Zeit im Yosemite den Aufprall im Fall eines Falls.

Die Erfindung des Crashpads

Bouldern: wie es dazu kam
Kazuhiro Chiba
Ob Melloblocco, BAZ am niederländischen Strand oder Padani im tschechischen Petro­hrad (im Bild): Boulder-Festivals haben den Siegeszug des Sports begleitet

Das erste echte Crashpad soll Fred Nakovic Ende der 80er im texanischen Hueco Tanks erfunden haben. Mitte der 90er-Jahre kamen dann die ersten industriell gefertigten Bouldermatten auf den Markt. Und damit beginnt die Geschichte des Boulderns, wie wir es heute kennen. Inzwischen stellen zig Firmen Crashpads her – von Fußabstreifer-kleinen Sitzstart-Pads bis zu fetten, zwei Quadratmeter großen Highball-Matten.

Ein weiterer triftiger Grund, den Anfang des modernen Bouldersports auf Mitte der 90er-Jahre zu datieren: dass es bis dahin weltweit nur eine Handvoll Orte gab, die als Bouldergebiete bekannt waren. Der steile Aufstieg der Tessiner Topspots Cresciano und Chironico begann just zu dieser Zeit. Exotische Kletterfotos von Isabelle Patissier machten die Granitkugeln im indischen Hampi weltbekannt. 1996 besuchten Fréd Nicole & Co. erstmals die Rocklands in Südafrika. 1999 entdeckte Thomas Steinbrugger das Magic Wood. Heutige europäische Topgebiete wie Silvapark, Varazze, Albarracin und Petro­hrad waren für Kletterer der 90er noch allesamt böhmische Dörfer. In anderen Gebieten begann die Erschließung erst nach der Jahrtausendwende.

Die Schwierigkeits-Entwicklung beim Bouldern

Bouldern: wie es dazu kam
Brett Lowell
Mit 14 die erste Frauen-8C: Im März 2016 wiederholte Ashima Shiraishi Horizon (im Bild), im selben Jahr legte sie eine zweite 8C nach

Nachdem er 1992 die erste 8B und 1996 die erste 8B+ gebouldert hatte, sorgte Fréd Nicole am 28. Oktober 2000 auch für die erste 8C: Dreamtime in Cresciano. Bernd Zangerl holte sich 2001 die zweite Begehung, 2002 folgten Dave Graham und Chris Sharma. Aber nur Fréd und Bernd kletterten den Start ohne Hook rechts der Kante. 2002 kamen weitere 8C-Boulder hinzu, 2003 schaffte Josune Bereziartu als erste Frau eine 8C-Traverse.

2004 konnte Mauro Calibani die Züge von Tonino 78 in Meschia aneinanderreihen. Seine Bewertung: 8C+. Diese hielt er auch aufrecht, als er Dreamtime geklettert hatte. Tonino 78 erhielt zwei weitere Begehungen durch superstarke Bleausards. Der Andrang wuchs, es kam zu Problemen, später wurde das Gebiet gesperrt.

2005 eröffnete Dave Graham auf der Rückseite des Dreamtime-Blocks The story of two Worlds, rief sein Werk zum "neuen Maßstab für 8C" aus und kritisierte eine Inflation der Grade – auch am selben Block. Fortan galt Dreamtime mal als 8B+, mal als 8C. 2009 brach ein Griff weg, die Uneinigkeit blieb. Adam Ondra gelang die erste Begehung danach: "8B+". Für Jimmy Webb indes spielen Story of two Worlds und Dreamtime sogar im 8C-reichen Tessin in einer eigenen Liga.

KL Jan Hojer klettert Dreamtime in Cresciano
Mammut Rainer Eder
Jan Hojer klettert Dreamtime

Nach Daves Proklamation wurde eifrig abgewertet und diskutiert. Eine produktive Auseinandersetzung begann: über Bewertungen und darüber hinaus. Bei den Abwertungsdiskussionen kamen aber auch persönliche Animositäten, Generationskonflikte und Selbstprofilierungsgelüste zum Tragen. Deshalb hier etwas Versöhnliches zum Abschluss des Themas: Inzwischen hat fast jeder Spitzenboulderer Abwertungen einstecken müssen. Zuletzt der junge Schweizer Giu­liano Cameroni – einmal mehr am Dreamtime-Block. Seine Erstbegehung R.E.M. hatte er 2019 mit 8C+ bewertet. Kurz vor dem Corona-Lockdown gelang seinem Kumpel Paul Robinson die erste Wiederholung – doch für ihn war‘s nur 8B+. "Boulder-Altstar" Markus Bock hatte R.E.M. mit Paul probiert, bestätigte dessen Einschätzung und fügte hinzu: "Seine Meinung über einen Grad zu sagen, bedeutet nicht, jemandem in den A… treten zu wollen."

Wie das Bouldern das Seilklettern beeinflusst

Im neuen Millenium wurden die Boulderhelden immer öfter von Kameras begleitet. Legendäre Streifen wie "Pilgrimage" mit Chris Sharma in Hampi oder die Dosage-Reihe – mit Dave Graham und Chris – sorgten für reichlich harte, professionell in Film gegossene Züge. Für letzteren zahlte sich seine jahrelange Seilabstinenz besonders aus. 2001 hatte er Realization in Céüse gepunktet, damals galt sie als erste 9a+. Es folgten Chris‘ Boulderjahre. Gestählt band er sich eines Tages wieder ins Seil und kletterte 2008 Jumbo Love, die erste 9b-Route.

KL Adam Ondra klettert Silence The Movie
Bernardo Gimenez
Adam Ondra klettert Silence mit Boulderpower

Andere folgten seinem Beispiel, und am vorläufigen Ende der Fahnenstange knackte Adam Ondra das bis dato wohl abgefahrenste 8C-Problem: die Schlüsselpassage von Silence, der ersten 9c-Route der Welt. Aber auch im Breitensport werden vermehrt maximalkräftige Einzelstellen in extrasteilen Routen statt quälender Ausdauerhämmer angegangen. Und auch mit Seil wird nun gehookt, als gäbe es kein morgen. Kehrseite der Medaille: Schulter-, Knie- und Bänderverletzungen haben signifikant zugenommen.

Viele Menschen, viele Probleme

Die Weltspitze wird immer breiter, ihr Unterbau noch mehr. Ambitionierte Hobbyboulderer gibt‘s zuhauf, Genussboulderer wie Sand am Meer. Ein Pluspunkt: Bouldern ist schlicht familienfreundlicher als Seilklettern. Nimmt der Nachwuchs den Spotterpartner in Beschlag, muss man eben kleinere Brötchen backen. Etwas geht immer, und lachende Kinder sind motivierender als nölende.

2003, bei meinem ersten Besuch im Magic Wood, führte dort nur ein Drahtseil über den Aversrhein. Auf der heutigen Brücke könnte ein Panzer fahren. Sommer für Sommer marschieren dort Boulder-Heerscharen ins Gebiet, die Sandsteinblöcke Fontainebleaus besuchen mittlerweile mehr als eine Million Boulderer jährlich. Bouldern ist ein Tourismusfaktor geworden.

Bouldern: wie es dazu kam
Bernd Zangerl
Bernd Zangerl, hier im Highball 29 dots, prägte lange die Entwicklung im Bouldern

Doch der immer größere Andrang führt vor allem in In-Gebieten auch zu Problemen. An Bleaus Blöcken ist die graue, harte Außenschicht sehr dünn, darunter liegt weicher, meist cremefarbener Sandstein. An immer mehr Bouldern kommt dieser an die Oberfläche. Um ihre Zerstörung zu verhindern, müsste man Linien für Jahre sperren, damit die Witterung ungestört ihr heilendes Werk tun kann. Erosion ist generell ein großes Problem in Bleau. Boulderer, Wanderer, Mountainbiker und Reiter, zusammen bis zu zehn Millionen pro Jahr, haben abrutschende Hänge und instabile Bereiche hinterlassen.

Auch in fast jedem anderen Bouldergebiet kam es irgendwann zu Problemen. Aber oft nicht aus Naturschutzgründen. Im Zillertal und im Tessiner Brione sorgten über reife Heuwiesen trampelnde Boulderer für Unmut bei den Grundbesitzern. In Tirol folgte eine Sperrung des Sektors, im Tessin stand der Erhalt des gesamten Gebiets einige Jahre auf der Kippe. Heute freut sich die Gemeinde Brione über Bouldertouristen, die netterweise in der Nebensaison kommen.

Bouldern: wie es dazu kam
Steffen Kern
Felsen und Landschaft von überdurchschnittlicher Güte warten in den Rocklands in Südafrika

In Deutschland ist Felsbouldern vielerorts eine delikate Sache, in Baden-Württemberg und NRW allein aufgrund der Biotopschutzgesetze, nach denen nur an gelisteten Ausnahmefelsen (seil-)geklettert werden darf. Der DAV hat einen "Boulderappell" zum richtigen Umgang mit Fels, Fauna, Flora und Einheimischen publiziert. Für den Frankenjura und andere Mittelgebirge existiert zudem de facto und im Namen des Appells ein Publikationsverbot: keine Infos, keine Topos, weder gedruckt noch im Web. Das hilft sicher, Massenanstürme zu verhindern und lokale Probleme zu verringern, ist aber rechtlich fragwürdig und elitär. Die Starken sind gut vernetzt und zeigen Wiederholungsaspiranten gern ihr neuestes Juwel. Dagegen dürfte die angeblich vom Appell geförderte "soziale Kompetenz" für Sechserboulderer selten ausreichen, um brauchbare Informationen zu brauchbaren Spots zu bekommen.

Wo sich viele Schafe tummeln, gibt es auch schwarze. Um etwas gegen die Verschmutzung zu tun, organisieren Boulderer in manchen Gebieten "Clean up days", darunter Fontainebleau und das Magic Wood. Blöcke werden vom Chalk befreit, Müll und Klopapier entfernt, dann wird gemeinsam gefeiert. Saubere Sache!

Bouldern: wie es dazu kam
Rene Oberkirch
Clean-up-Day im Magic Wood: Müll und Schlimmeres einsammeln, Griffe schrubben und danach gemeinsam feiern - saubere Sache!

Von Traumzielen und Waldschraten

Auch in den Rocklands hat der Boulderer-Ansturm vieles verändert. Seit dem Erscheinen des Boulderführers 2010 pilgern Jahr für Jahr mehr Boulderer an die Südspitze Afrikas. Viele fliegen jede Saison, es gibt eine richtige Szene. Die orange-gelb-grau-weißen Blöcke, das weiche Licht und die Menschen Südafrikas sind vielen ans Herz gewachsen. Inzwischen lebt ein guter Teil der Bevölkerung dort vom Boulder-Tourismus.

Blockfelder gibt es auch anderswo in Afrika und der Welt, auch in Europa: ob kleine in jedem deutschen Mittelgebirge, riesengroße in den Alpen, in Skandinavien, Italien, Frankreich, Spanien, in der Türkei, der Ägäis und auf dem Balkan.

Bouldern: wie es dazu kam
Kamil Sustiak
Traumziel: Bouldern in Castle Hill, Neuseeland

Doch was wären diese Blockfelder ohne die Suchenden? Jene, die Wanderbücher und Google Earth durchforsten und dann wie Waldschrate losziehen, um Blöcke zu finden und neue Gebiete zu erschließen. Ohne sie gäbe es das Draußenbouldern in seiner heutigen Form gar nicht: keine sauberen Blöcke, keine Infos, keine Videos, keine Führer, ergo kein bequemer Boulderkonsum.

Die Liste der Traumziele, um bouldernd die Welt zu erkunden, ist lang: Bishop, Joshua Tree, Rocky Mountains, Patagonien und die gesamten Anden, Hampi, Himalaya und Neuseeland. Ein Traumziel, die Grampians in Australien, ist uns 2019 leider abhanden gekommen. Dort wurden Klettern und Bouldern mit fragwürdigen Argumenten und Methoden weitgehend verboten.

Der erlösende neunte Grad

Während bei den Herren nach Dreamtime gradetechnisch lange nichts voran ging, starteten die Damen durch: 2008 kletterte Barbara Zangerl als erste Frau einen mit 8B bewerteten Boulder, vier Jahre später folgte die erste 8B+ durch Tomoko Ogawa und nochmal vier Jahre später die erste 8C durch Ashima Shiraishi. Am 22. März 2016 schaffte die damals 14-jährige US-Amerikanerin die zweite Begehung von Horizon, erstbegangen vom japanischen Altmeister Dai Koyamada. Der Boulder hat inzwischen weitere Begehungen gesehen, alle Begeher haben den Grad bestätigt.

Im Oktober 2016 hatte Nalle Hukkataival dann zum Glück die Courage, für Burden of Dreams den Grad 9A ins Rennen zu werfen. Der blonde Finne scheint sich nicht vergriffen zu haben bei seinem Langzeit-Projekt: Bislang ist der Boulder in den dunklen Wäldern nahe Helsinki unwiederholt, obwohl sich einige der Stärksten daran versucht haben.

2019 bewertete der Barfußboulderer Charles Albert seine Bleau-Kreation No Kpote only auch mit 9A. Gegen die vier Jahre, die Nalle investiert hatte, schien die 20-tägige Projektphase verdächtig kurz. Im Frühjahr 2020 schaffte Ryohei Mameyama, der schon Burden of Dreams versucht hatte, den Boulder ebenfalls. Er benötigte nur vier Sessions und sprach von eher 8C+/9A.

Wohin geht die Reise?

Bis zur globalen Coronakrise hat der (Hallen-) Boulderboom stetig zugenommen. In den Hallen wächst die Genera­tion Bouldern 3.0 heran – oder ist es schon 4.0? Vermutlich bouldern 2030 genauso viele Leute den Grad 8C wie heute 7C.

Aber wie sieht es mit dem Felsbouldern generell aus? Welches Gebiet verträgt wie viele Menschen? Wie lassen sich Schäden minimieren? Wie geht es "nach Corona" weiter? Wie sieht es mit dem Bouldertourismus aus?

Unter saverocklands.com bitten derzeit südafrikanische Farmer, die in den letzten Jahren von den Boulderern lebten, um Spenden. Thomas Saluz, Betreiber des Campings im Magic Wood, wusste während der coronabedingten Grenzschließungen nicht, wie er die Saison 2020 überstehen soll. Auch im Graubündner Averstal kommen 95 Prozent der Besucher aus dem Ausland. Geschlossene Grenzen führen da zum Fiasko: keine Boulderer, keine Einnahmen.

Manche Dinge können wir wenig oder gar nicht beeinflussen, andere schon: vom Nur-mit sauberen-Schuhen-einsteigen über ein Getränk oder Abendessen im "Gasthaus zum Block" bis zum Beachten der eigenen CO2-Bilanz.

Meilensteine des Boulderns

Die Entwicklung der Schwierigkeiten und bedeutende Erstbegehungen

1908: 3 Jacques Wehrlin: Fissure Wehrlin, Cuvier Est, Fontainebleau, Frankreich

1913: 3+, expo Jacques de Lepiney: L‘Arête de Larchant, Dame Jouanne, Fontainebleau

1934: 5+ Pierre Allain: L‘Angle Allain, Cuvier Rempart, Fontainebleau

1946: 6A René Ferlet: La Marie-Rose, Bas Cuvier, Fontainebleau

1950: 6B Paul Jouy: La Stalingrad, Bas Cuvier, Fontainebleau

1953: 6C+ Robert Paragot: La Joker, Bas Cuvier, Fontainebleau (heute 7A)

1959: 7B John Gill: Gill Route, Jenny Lake Boulders, Wyoming, USA

1959: 7C John Gill: Gill Problem, Jenny Lake Boulders, Wyoming, USA

1960: L‘Abattoir Michel Libert, Bas Cuvier (erste 7A in Fontainebleau, heute 7A+)

1975: 8A+ Jim Holloway: Trice, Flagstaff Mountain, Colorado, USA

1977: 8B? Jim Holloway: Slapshot, Colorado, USA (keine Wiederholung)

1978: Midnight Lightning (7B+), Ron Kauk, Yosemite, USA

1979: Elektrischer Sturm in der Hölle (7A+/7B), Wolfgang "Flipper Fietz, Frankenjura

1984: C‘était demain, Jacky Godoffe, Cuvier Rempart (erste 8A in Fontainebleau)

1992: 8B Fréd Nicole: La Danse des Balrogs, Branson, Schweiz

1993: The Dominator (8A+), Jerry Moffatt, Yosemite, USA

1996: 8B+ Fréd Nicole: Radja, Branson, Schweiz

1999: 8A (F) Catherine Miquel: Duel, Franchard Cuisinière, Fontainebleau

2000: 8C Fréd Nicole: Dreamtime, Cresciano, Schweiz (heutige Einstufung teils 8B+, teils 8C)

2002: Monkey Wedding (8C), Fréd Nicole, Rocklands, Südafrika; Emotional Land­scapes (8C), Klem Loskot, Maltatal, Österreich; New Base Line (8C, heute 8B+), Bernd Zangerl, Magic Wood, Schweiz; Gossip (8C, kürzlich zerstört), Markus Bock, Frankenjura

2003: 8C trav. (F) Josune Bereziartu: E la nave va, Lindental, Schweiz

2004: 8C+ Mauro Calibani: Tonino 78, Meschia, Italien (Gebiet gesperrt, gilt heute als 8C/8C+)

2005: The Story of two Worlds (8C), Dave Graham, Cresciano, Schweiz

2006: Angama, Dai Koyamada (erste 8C in Fontainebleau, nur eine Wiederholung vor Griffausbruch 2013)

2008: Gioia (8C+), Christian Core, Varazze, Italien (gilt heute meist als 8C/8C+)

2008: 8B (F) Barbara Zangerl: Pura vida, Magic Wood, Schweiz (kurz darauf auf 8A+ abgewertet)

2009: Livin‘ Large (8C, Highball), Nalle Hukkataival, Rocklands, Südafrika

2011: 8B+ Flash Daniel Woods: Entlinge, Murgtal, Schweiz

2012: 8B+ (F) Tomoko Ogawa: Catharsis, Shiobara, Japan

2012: The Story of two Worlds (low start), Dai Koyamada (erste 8C+ der Schweiz)

2015: The Process (8C+, Highball), Daniel Woods, Buttermilks, Bishop, USA

2016: 8C (F) Ashima Shiraishi: Horizon, Mount Hiei, Japan

2016: 9A Nalle Hukkataival: Burden of Dreams, Lappnor, Finnland (bisher nicht wiederholt)

2018: Off the waggon low (8C+), Shawn Raboutou, Val Bavona, Schweiz

2019: No Kpote only (9A), Charles Albert, Rocher Brûlé, Fontainebleau (von Ryohei Kameyama als 8C+/9A eingestuft)

Interview: Doro Karalus über Bouldergrade & Gebiete unter Stress

Bouldern: wie es dazu kam
privat
Doro Karalus

Dorothea Karalus (34) hat über 90 Boulder im achten Grad geklettert, darunter fünf 8B. Sie klettert von Kindesbeinen an und sammelt trotz einem Vollzeitjob als Software-Entwicklerin Jahr für Jahr reichlich harte Züge, darunter La danse des Balrogs (8B) und Battle cat (8c/c+). Die Lieblingsgebiete der Wahlfränkin sind der Frankenjura, Fontainebleau und das Tessin. Wir haben sie befragt über Schwierigkeitsgrade, die Szene und aktuelle Entwicklungen beim Bouldern in freier Natur.

Ist eine 8B+ ein großes Ziel für dich?

Ein Schwierigkeitsgrad ist für mich der Durchschnittswert aller Bewertungen und mit einer nicht durchschnittlichen Größe – 1,60 Meter – sehe ich das nur als Anhaltspunkt, nicht als Bewertung meiner Leistung. Bei meinen schwersten Bouldern hatte ich oft vor allem mit Zügen Probleme, die größere Menschen nicht so wild fanden. Von daher schaue ich nicht primär nach dem Grad, wenn ich Projekte suche. Hauptsache Kategorie "herausfordernd, aber vielleicht kletterbar".

Die Leistungsdichte an der Spitze ist enorm gewachsen. Wo siehst du die Hauptgründe dafür?

Mehr Leute, mehr Talente? Sicher auch viel professionelleres Training? Vielleicht auch mehr Reisen, vor 10, 20 Jahren sind die meisten Leute noch nicht mehrfach im Jahr durch die ganze Welt geflogen.

2005 kritisierte Dave Graham eine "unlautere" Inflation der Grade. Ist dieses Thema noch aktuell? Wie stehst du dazu?

Diskussionen gibt es wie eh und je. Und natürlich sind die Bewertungen nicht einheitlich, je nach Gebiet und Erstbegeher. Durch die sozialen Medien ist die Berichterstattung auch viel schnelllebiger geworden und oft nur auf die Fakten reduziert: x 8as in y Minuten. Die Geschichte dahinter geht oft verloren. Das fördert vielleicht die Inflation der Grade. Andererseits werden durch die zunehmende Vernetzung und immer mehr Videos immer schneller bessere Varianten gefunden, sodass Boulder leichter und dann abgewertet werden. Ich finde das aber gar nicht so negativ.

Hat sich die Fels-Boulderszene generell verändert?

Auch wenn sie noch in der Unterzahl sind, bouldern immer mehr Frauen draußen – und das ist echt cool! Die jüngere Generation ist offener und kommuniziert mehr, auch weil die Szene viel internationaler und vernetzter geworden ist. Manchmal würde ich mir trotzdem etwas mehr kritischen Dialog wünschen sowie mehr Respekt voreinander und gegenüber der Natur. Bei Profis wie bei Anfängern sieht man immer öfter, dass der Fels zur Kletterhalle gemacht wird: Nachtbouldern mit Lampen, deponierte Crashpads, Planen über Bouldern, Boulderpartys mit großen Gruppen… Das gab es in kleinem Umfang schon immer, aber jetzt ist es problematischer, weil immer mehr Leute draußen unterwegs sind, auch Neulinge, die vorher nicht viel in der Natur waren. Teilweise finde ich es traurig zu sehen, wie sich Felsen und die Umgebungen in den letzten Jahren abgenutzt haben.

Was kann jede und jeder einzelne tun, damit Bouldern auch in Zukunft möglichst überall draußen möglich ist?

Am besten die Locals fragen, worauf man achten sollte. Sperrungen beachten, vernünftig parken, auf den Wegen bleiben oder auch mal auf einen anderen Sektor ausweichen, wenn viel los ist. Müll mitnehmen, keine Spuren beim Toilettengang hinterlassen und möglichst wenige am Fels. Wer stundenlang bouldert, sollte danach noch fünf Minuten haben, um den Fels zu putzen. Im Sandstein nicht an nassem Fels klettern und Kletterschuhe ordentlich säubern, um die Erosion zu minimieren. Bier und Schnitzel im örtlichen Gasthaus und freundliches Grüßen im Wald sind lieber gesehen als wildes Campen. Beim Thema Bilder und Videos bedenken, ob das Gebiet einen Besucheransturm verträgt. Im Zweifelsfall lieber auf einen Post verzichten und dafür noch viele Jahre bouldern können …

Wann kommt die erste 9A+ bei den Männern und eine 8C+ bei den Frauen?

Die Crux ist sicher, überhaupt eine 9A+ zu finden, ein Auge dafür zu haben, was gerade noch nicht unmöglich ist. Es gibt gar nicht so viele Leute, die viel suchen gehen und auch noch das Niveau haben. Ich tippe, das dauert noch etwas. Bei den Frauen haben die Stärksten ihr Potenzial am Fels noch gar nicht ausgereizt. Da werden wir dieses Jahr auch durch die wegfallenden Wettkämpfe bestimmt viele schwere Begehungen sehen.

Danke Doro!

Interview: Black Diamonds Marketing-Chef über den Boulderboom

Bouldern: wie es dazu kam
privat
Christian Lehmann, Marketing-Chef bei Black Diamond

Der Boulderboom hat die Kletterbranche verändert. Christian Lehmann (39), Marketing-Chef bei Black Diamond Europa, über Produkte, Kommunikation und die Zukunft des Boulderns. Christian ist studierter Sportwissenschaftler und klettert seit 26 Jahren, von Bigwalls in den Bugaboos bis Bouldern in Südafrika. Seit er bei Black Diamond arbeitet, hat er weniger Zeit fürs Hobby. "Aber wir versuchen, jede freie Minute mit den Kids rauszugehen" – ins Zillertal oder zum Blöcke suchen.

Was bringt die Zukunft an den Blöcken draußen?

An der Spitze geht es so weiter wie bisher: Noch stärkere Boulderer werden noch abgefahrenere Linien finden und diese bouldern. Aber speziell in der aktuellen Lage werden mehr Leute an die Boulderfelsen gehen, die sonst nur in der Halle bouldern waren. Vormals unbedeutende Gebiete werden zu Zeiten geschlossener Kletterhallen häufiger frequentiert, und das wird zu Konflikten mit anderen Interessensgruppen führen.

Welche Bedeutung hat das Bouldern für die Kletter-Industrie?

Bouldern als Einzeldisziplin ist nicht mehr wegzudenken, ob in der Halle oder am Fels. Die Infrastrukturen dafür – Bouldergebiete, -hallen, Produkte bis hin zu Content und Kommunikation sind kein kleiner Industriezweig mehr. Dieser Trend ist der Einfachheit des Boulderns zu verdanken. Und das macht es für uns als Brand so interessant: die Funktion des Boulderns als Einstieg in den Klettersport zu nutzen. Dabei ist es extrem wichtig, sich mit guten Produkten und gutem Marketing zu positionieren. Bei den Crash Pads legen wir Wert auf Sicherheit und Qualität, aber Geld verdienen wir damit keines.

Was kann die Kletterindustrie tun, um Bouldergebiete zu erhalten und Boulderer für ein naturverträgliches Verhalten zu sensibilisieren?

Ich persönlich würde mir mehr Respekt und Eigenverantwortung von jedem einzelnen wünschen – im Umgang mit der Natur und lokalen Regeln. Black Diamond hatte vor einigen Jahren das "Chasin‘ the rubbish" Event in Fontainebleau ins Leben gerufen. Unser Ziel war, die Besucher an Ostern auf die bestehenden Kletterregeln in diesem sensiblen Gebiet hinzuweisen. Seit zwei Jahren gibt es dort nun eine lokale Organisation "Respect Fontainebleau", die dort weitermacht, wo wir aufgehört haben. Am Ende sind wir alle gefragt: Brands, Medien, Kletterhallen, Verbände, Athleten und alle Aktiven auch.

Einst habt ihr nur Kletter-Hardware produziert, dann Crashpads, später auch Boulderklamotten. Ab wann wurde das Bouldern interessant für euch?

Richtig angefangen hat es mit der US-Marke "Franklin Climbing", die sich in den 90ern mit Klettergriffen, Crash Pads, Boulderbekleidung und -accessoires einen Namen gemacht hatte. Kurz vor dem Bankrott wurde sie 1998 von Black Diamond übernommen. Erst war die Strategie, Franklin Climbing als kantige Sub-Brand global zu positionieren. Als der Bouldertrend sich weiter positiv abzeichnete, war es logisch, die Produkte unter der Black Diamond Brand weiterzuentwickeln und Boulderprodukte als eine eigene Kategorie zu installieren. Ab 2005 gab es dann die ersten Crash Pads, Chalk Bags aber auch Lifestyle-Boulderbekleidung. Dieses Projekt war durchaus erfolgreich, in den Anfangsjahren hatten wir sicher 60 Prozent Marktanteil bei den Pads.

Wie lautet die Marketing-Strategie heutzutage?

Wir wollen nicht nur die Spezialisten ansprechen, sondern mit unserem Marketingmix aus Athleten, Events, Kommunikation und Kooperationen mit Boulderhallen auch Anfänger inspirieren.

Danke Christian!

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