Es beginnt oft mit einem leisen Knacken. Dann ein dumpfer, satter Schlag, wenn die Eisgeräte greifen. Der Atem gefriert in der kalten Luft, jeder Zug ist konzentriert, jeder Tritt bewusst gesetzt. Eisklettern ist nicht einfach Klettern im Winter – es ist eine eigene Welt. Glitzernd, nass, intensiv und manchmal einschüchternd. Und genau deshalb so faszinierend. Meine ersten Eisklettererfahrungen mache ich in der Taschachschlucht am Talschluss des Tiroler Pitztals. Hier bilden auf vielen hundert Metern künstlich bewässerte Eiswände einen der größten Eiskletterparks Europas. Die Welt der Eiszapfen und gefrorenen Wasserfälle sieht zunächst absolut märchenhaft aus, erhält aber eine große Portion Ernsthaftigkeit, als ich Menschen in luftiger Höhe in eben diesen Eissäulen sehe. Ich schlucke.
Die besondere Faszination
Eis lebt. Es wächst, schrumpft, knirscht, reißt. Kein Eisfall gleicht dem anderen: Temperaturen, Sonneneinstrahlung und Niederschlag verändern die Struktur oft über Nacht. Wer im Eis unterwegs ist, klettert nie dieselbe Route zweimal. "Während Felsklettern oft von Bewegungsfluss und Dynamik lebt, fordert das Eis Geduld, Präzision und mentale Ruhe. Jeder Schlag mit den Eisgeräten ist eine kleine Entscheidung – zu fest oder zu zaghaft kann gleichermaßen problematisch sein", erklärt Jonathan Hilborn, mein heutiger Bergführer. Er ist der General Manager von Black Diamond Europa und hat jahrzehntelange Erfahrung im Eis. Genau dieses Spiel aus Kontrolle und Unsicherheit ziehe viele in seinen Bann, ergänzt er.
Was beim Eisklettern besonders zu beachten ist
So faszinierend das Eisklettern ist, so ernst muss man es nehmen. Eis ist einfach weniger berechenbar als Fels – und gute Bedingungen sind ein sensibles Ergebnis aus Wetter, Kälteperiode und Geländeform. Klares, blau schimmerndes Eis hält besser als milchiges, weißes. Lufteinschlüsse, Neuschnee und von Wasser "hinterlaufenes" Eis reduzieren die Stabilität außerdem. Zum Glück sind die Bedingungen in der Eiswelt Taschachschlucht zu meinen Versuchen nahezu ideal. Andererseits habe ich so keine Ausrede …

Ein Blick in die schattige Schlucht zeigt die beeindruckende Schönheit der Eisfälle.
Der Einstieg: Wie Anfänger am besten starten
Der beste Weg ins Eisklettern führt nicht allein über Mut, sondern über Wissen und Technik. Ein Grundkurs bei Bergschulen oder alpinen Vereinen vermittelt Technik, Materialkunde und Sicherheitsstandards. Dort lernt man nicht nur das richtige Schlagen der Geräte, sondern auch Standplatzbau, Abseiltechniken und das Einschätzen von Eisqualität. Gelegenheiten wie Eiskletter-Festivals sind auch super, oft bieten Bergführer dabei wichtige Hilfestellung und viele Hersteller bieten Leihgeräte zum Testen an.
Ideal für den Anfang sind kurze, gut abgesicherte Eisfälle oder künstliche Eiskletteranlagen. Hier lässt sich die Bewegungstechnik in sicherem Umfeld üben: aufrechte Körperhaltung, ruhige Schläge, bewusste Fußarbeit. Anfänger profitieren enorm davon, früh sauber zu klettern – Kraft ersetzt im Eis keine Technik. Ein weiterer Tipp: langsam steigern. Erst senkrechtes, kompaktes Eis, später steilere Passagen, Säulen oder Mischgelände. Geduld zahlt sich aus, denn Überforderung führt schnell zu hektischen Bewegungen – und die kosten im Eis viel Energie.
Eiskletter-Technik: Langer Arm, tiefe Ferse
Ich versuche mich im ersten Eisfall: Nur langsam beginne ich, den scharfen Hauen der Eisgeräte zu vertrauen und diese nicht mehr gar so fest zu umklammern. Je lockerer ich die Arme (relativ gestreckt!) hängen lasse, desto einfacher wird es. Und desto präziser kann ich das andere Eisgerät beim nächsten Schlag verankern. Auch die Fußtechnik kostet Überwindung: Die Zehen mit den Frotzacken entschlossen ins Eis rammen und die Fersen tief hängen lassen. So dringt auch das zweite Zackenpaar der Steigeisen ins Eis und erhöht die Stabilität. Es kostet Überwindung, aber sobald ich beginne, dem Material zu vertrauen, kann ich mich sicherer und effizienter die glitzernde Wand hocharbeiten. Immer wieder rieselt das gefrorene und gesplitterte Nass an mir vorbei oder auch mal in den Nacken. Aber das bekomme ich nur am Rande mit. Obwohl ich im Toprope gesichert bin, jagt das Adrenalin durch meinen Körper und lässt mich die schattige Schlucht und die noch schattigeren Temperaturen vergessen.

Auch Eiskletterer müssen sich immer der Lawinengefahr bewusst sein, besonders in unübersichtlichen Hochgebirgslagen.
Vom Fels ins Eis: Der gelungene Umstieg
Viele Eiskletterer kommen aus dem Felsklettern oder Alpinklettern. Eine gute Basis, aber kein Selbstläufer. Wer am Fels stark ist, muss im Eis oft umdenken. "Vor allem die stets frontale Fußposition mag anfangs verwirren", weiß Jonathan. Da meine Felskletterfähigkeiten ausbaufähig sind, muss ich mich aber nicht groß umgewöhnen.
Was hilft: Körpergefühl, Gleichgewicht und Sicherungstechnik lassen sich gut übertragen. Auch mentale Stärke – etwa in runout-lastigen Passagen – ist ein Plus. Zudem ist es auch im Eis essenziell, die Hüfte nahe der Wand zu halten und das Körpergewicht unter dem "langen Arm", unter dem Eisgerät zu positionieren.
Was neu ist: Im Eis wird weniger gezogen und mehr gestanden. Die Füße übernehmen eine tragende Rolle, während die Arme eher stabilisieren als ziehen. Statt dynamischer Züge zählen statische Bewegungen und ökonomisches Arbeiten. Wer etwa versucht, Eis wie einen Überhang zu klettern, ist schnell ausgepumpt.
Der wichtigste Schritt beim Umstieg ist das Loslassen alter Muster. Eisgeräte sind keine Henkel, Steigeisen keine Tritte im Klettergarten. Wer bereit ist, Technik neu zu lernen und sich auf das Material einzulassen, wird schnell Fortschritte machen. Und wenn es mir gelingt, mal kurz auszublenden, dass ich gerade in einem gefrorenen Wasserfall hänge und das Eis unter dem nächsten Tritt der Steigeisen einfach splittern kann, beginnt diese etwas verrückte Tätigkeit auch wirklich Spaß zu machen.
Mehr als nur eine Sportart
Eisklettern ist fordernd – körperlich, technisch und mental. Es verlangt Respekt vor der Natur und vor den eigenen Grenzen. Gleichzeitig schenkt es (teils sehr) intensive Momente, wie sie nur wenige Bergsportarten bieten: absolute Konzentration, winterliche Einsamkeit und das befriedigende Gefühl, sich in einer vergänglichen Struktur sicher bewegt zu haben.
Wer den Einstieg bewusst wählt, sich Zeit nimmt und sauber ausbilden lässt, entdeckt im Eis eine faszinierende Erweiterung des Klettersports. Und vielleicht genau das Abenteuer, das den Winter plötzlich viel zu kurz erscheinen lässt. Ich komme jedenfalls zum Fazit, dass Eisklettern nicht nur etwas für (eher) verrückt Veranlagte ist … Und Jonathan bringt es lachend auf den Punkt: "Nüchtern betrachtet sind die Bedingungen zum Eisklettern oft dann optimal, wenn sie auch zum Skifahren oder für Skitouren gut sind – nur dass man statt der Sonne die schattige Schlucht wählt. Es muss also gute Gründe geben, das zu tun!" Er sollte Recht behalten und ich kann diese Gründe nun nachvollziehen.
Geartalk: Welches Material braucht ihr?
Wen es ins Eis verschlägt, der mag gut gerüstet sein – ein paar Essentials benötigt man:
- Steigeisen mit vertikalen Frontzacken – entweder als Doppelzacker (stabiler, weniger beweglich; gut für Einsteiger) oder einem Monzacken (mehr Beweglichkeit; gut für Fortgeschrittene)
- Voll steigeisentaugliche Bergschuhe (D) mit Kipphebel-Aufnahme vorne und hinten
- Passende Eisgeräte (kein Hochtourenpickel!)
- Warme, funktionale Kleidung, Kletterhelm, Allround-Klettergurt;
- Von Vorteil: warme Daunenjacke zum Sichern, 2 Paar Handschuhe: dünnere und dickere (zum Klettern und Sichern), eine Sportbrille mit relativ klaren Scheiben (gegen herabstürzende Eisbröckchen)
Eisklettern und Lawinengefahr

Entscheidungshilfe Snow-Card vom DAV.
Das Klettern an Eisfällen spielt sich im winterlichen Hochgebirge ab. Damit kann je nach Schneelage und Position des Eisfalls Lawinengefahr bestehen. Wirklich ungefährdet sind eigentlich nur die Fälle in bewaldeten Gebieten ohne darüber liegendes, größeres Lawinen-Einzugsgebiet. Die meisten Eiskletterführer geben bei den einzelnen Fällen Hinweise, wie stark lawinengefährdet sie sind.
Lawinen können sich beim Eisklettern sowohl im Zu- oder Abstieg lösen als auch von über dem Eisfall liegenden Hängen. Oft sind diese nicht direkt einsehbar. Über die Grundlagen der Lawinenkunde sollte man sich als Eiskletterer also auf jeden Fall schlaumachen. Da dies ein sehr komplexes Thema ist, empfiehlt sich ein Lawinenkurs – oder ein erfahrener und kompetenter Begleiter im Eis.
Neben dem Schneedeckenaufbau spielen vor allem die Geländeformen (Neigung, Exposition, Hanggröße) und die Witterung (Temperatur, Sonneneinstrahlung, Niederschlag, Wind) eine wichtige Rolle, dazu im Fall der Begehung von verschneiten Hängen auch der Faktor Mensch (Belastung des Hangs). Bei starkem Schneefall kann sogar herabfallender Lockerschnee (Spindrift) von kleinen Flachstellen im oder überm Eisfall gefährlich werden.
Lawinen vermeiden
Die wichtigste Grundlage zur Beurteilung der Lawinengefahr stellt heutzutage der Lawinenlagebericht dar. Er erläutert die Gefahrstufen (es gibt fünf davon) und gibt Hinweise, welche Hänge, Expositionen und Höhenlagen besonders gefährdet sind. Um die eher großräumigen Infos des Lageberichts mit der Situation vor Ort zu verknüpfen und darauf aufbauend Entscheidungsstrategien (Gehen oder nicht? Falls ja, wohin?) zu entwickeln, gibt es vom Deutschen Alpenverein die sogenannte "Snowcard" und die "Gefahrenampel". Beim OEAV setzt man auf den "Stop or go"-Check, in der Schweiz hat Lawinenexperte Werner Munter die Entscheidungsstrategie gar auf einem Bierdeckel zusammengefasst. Mit einer dieser Entscheidungshilfen sollte sich der Eiskletterer auf jeden Fall vertraut machen.
Und da die Eisfälle oft über die Entwässerungsrinnen größerer Hänge verlaufen, gehört auch das Kartenstudium vor dem Eisklettern im Hochgebirge zum Pflichtprogramm. So wie auch eine Portion Respekt gegenüber den winterlichen Bergen.
Je nach Formklasse sind die Eisfälle mehr oder weniger stabil oder einsturzgefährdet:
Die Formklassen des Eises

Formklasse F1
Der Eisfall baut sich aus kompakten Eisschilden und runden Kuppen über einer Geländestufe auf. Der Großteil seines Eigengewichtes wird dabei direkt an die Fels- und Erdoberfläche abgegeben. Sollte das Eisgefüge einen Bruch erleiden, so stürzt das Gebilde nicht sofort ein, sondern stützt sich an den Fels und hält "in sich" zusammen. Die größte Gefahr geht meist vom darüber liegenden Lawineneinzugsgebiet aus.
Formklasse F2
Steiles, gestuftes Gelände: Der Eisfall baut sich wiederum aus einem kompakten Schild auf. Aufgrund der Steilheit wird aber der Hauptanteil sämtlicher Lasten innerhalb des Eisfalles abgeleitet und erst am Fuße desselben auf die Erdoberfläche übertragen. Auch bei Eisfällen dieser Art ist ein Einsturz eher selten zu beobachten. Wenn, dann im Zusammenhang mit einem dauerhaften Anstieg der Temperatur und starkem Schmelzprozess an der Basis.
Formklasse F3
Der Eiskörper steht an vereinzelten Partien frei, hat aber an mehreren Stellen Kontakt zum Fels. Ein Temperaturanstieg und ein Anstieg der fließenden Wassermengen bewirken, dass der gestufte Wasserfall mit vereinzelt freistehenden Säulen an Stabilität verliert. Ab der Klasse F3 werden die Eisfälle brisant. Bei gravierendem Temperaturanstieg oder -abfall ist der Kletterer gut beraten, besondere Vorsicht walten zu lassen.
Formklasse F4
Freistehende Säulen wachsen, beginnend als freihängende Zapfen, von oben nach unten. Spritzwasser von oben bildet die Basis der Säule, welche sich meistens als Eiskegel ausbildet. Schließlich wachsen Eiszapfen und Eiskegel zusammen. Die Gebilde gleichen einem Kartenhaus. Sie reagieren auf zahlreiche Faktoren wie Temperaturveränderungen, auf Wind oder auch auf das Schmelzwasser, welches in ihnen und um sie herum abfließt, und können plötzlich zum Einsturz kommen.
Formklasse F5
Die Stabilität eines Eiszapfens hängt primär von seiner Größe und der Befestigungsfläche zum Fels ab, in der sämtliche Zugkräfte aufgenommen werden müssen. Eiszapfen reagieren sehr schnell auf Temperaturanstiege und besonders rasch auf direkte Sonneneinstrahlung. Eiszapfen sind als sehr labil und riskant einzustufen.





