Wandern im Tessin: Geheimtipp Val Bedretto

Tessiner Wanderparadies - Val Bedretto im Portrait

Kaum eine Wanderregion in den Alpen ist so beliebt wie das Tessin. Wer dort Einsamkeit sucht, sollte sich ins wilde Val Bedretto begeben. Hier gibt es die schönsten Touren.
Foto: Mirjam Hempel Tessin

Italien oder Schweiz? Im Tessin verschmelzen Süden und Norden zu einem Land mit ganz eigenem Charme.

Alpentälern an Transitstrecken geht es wie Mauerblümchen: Unbemerkt von den Vorbeiziehenden fristen sie schweigend ihr Dasein, während sie insgeheim nur darauf warten, endlich entdeckt zu werden. Das Bedretto, ganz im westlichen Norden des Kantons Tessin gelegen, ist so ein Fall. Wer von Süden her über oder durch den Gotthard heimwärts braust, lässt das schmale Tal zwischen dem Felsriegel Stalvedro unterhalb von Airolo im Osten und dem Nufenenpass im Südwesten buchstäblich links liegen. Dabei braucht das 24 Kilometer lange Tal den Vergleich mit seinen berühmten Geschwistern weiter südlich nicht zu scheuen. Ganz im Gegenteil: Während Maggia- und Verzascatal in den Sommermonaten oft überlaufen sind und durch die Valle Leventina der Transitverkehr rauscht, finden Wanderer an den Talflanken rechts und links des Bedrettos reizvolle Berg- und Passtouren. Die relative Abgeschiedenheit macht das Tal zu einem echten Geheimtipp für Ruhe suchende Individualwanderer, aber auch Familien.

Passo Del Corno und Nufenenpass

Eine der schönsten Touren führt von einem Parkplatz an der Nufenenpass­straße aus dem Bedrettotal heraus und über den Passo del Corno zum Nufenenpass. Zwischen Alpenrosen steigt man bergan zur Corno-Gries-Hütte und lässt die Straße langsam unter sich. Hinter der Hütte wähnt man sich dann gänzlich von der Zivilisation abgeschnitten. Immer tiefer führt der sanft ansteigende Pfad ins einsame Val Corno, das als Verlängerung des Bedrettotals nach Südwesten zieht. Rechts schirmt das Bollwerk des lang gestreckten, 2865 Meter hohen Nufenenstocks das kleine Hochtal nach Norden ab.

Foto: Mirjam Hempel Tessin Finsteraarhorn

Der Nufenenpass begrenzt das Val Bedretto im Südwesten und ist ein idealer Startpunkt für Touren im Nordtessin. Der Blick auf das nahe gelegene Finsteraarhorn (4.273 m) ist spektakulär.

Im Süden bildet die felsige Bergkette des über 2900 Meter hohen Gries- und Rothentalhorns eine natürliche Barriere und Grenze zu Italien. Die Füße folgen dem Pfad zunächst durch Wiesen und über Matten, später zunehmend über Fels und Stein in eine urzeitlich anmutende Geröllwüste. Schrill pfeifend stieben die zahlreichen Murmeltiere hier auseinander, bevor sie schutzsuchend hinter großen Felsbrocken verschwinden. Am Passo del Corno führt die Tour in den Nachbarkanton, ins Wallis. Nach und nach wird die Landschaft lieblicher. Am höchsten Punkt der Tour, auf fast 2500 Meter, schimmert von weiter unten türkis der Griessee herauf, den der gleichnamige Gletscher mit Schmelzwasser speist. Der Weg aber bleibt in der Höhe und führt rasch über freies Wiesengelände zum Nufenenpass und damit wieder zurück auf Tessiner Boden.

Chilchhorn

Mit 2478 Metern ist er der höchste Pass ganz auf Schweizer Territorium und einer der jüngsten der erschlossenen Übergänge. Erst im Jahr 1969 wurde die Landstraße von Airolo im Tessin nach Ulrichen im Wallis fertig gestellt. Die Entvölkerung des Tals konnte auch die bessere Anbindung an die Außenwelt nicht stoppen. Aufgrund der hohen Lage der Dörfer zwischen knapp 1300 und 1600 Metern und der langen Winter ist die Landwirtschaft nicht gerade einträglich. Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die Bauern, in südlichere Regionen zu flüchten. Im Jahr 2000 lebten nur noch 70 Einwohner in der Gemeinde Bedretto, die flächenmäßig eine der größten des Tessins ist. Die geringe Bevölkerungsdichte führt zu einem äußerst merkwürdigen Superlativ: Das Bedretto hat eine der höchsten Restaurant-Dichten der Schweiz. Auf ein Restaurant kommen so stattliche elf Einwohner!

Hoch über dem Val Bedretto thronen auf der Grenzlinie Wallis/Tessin rechts und links der Passhöhe wie zwei steinerne Grenzbeamte das Chilchhorn, 2784 m, und der Nufenenstock, 2865 m. Es lohnt sich, das Chilchhorn vom Nufenenpass aus zu besteigen. Entweder als Finale der Tour durchs Val Corno oder an einem anderen Tag als eine eigene kurze Wanderung. Wer eine kleine Klettereinlage nicht scheut, sollte sich das Panorama, das sich oben bietet, keinesfalls entgehen lassen.

In einer knappen Stunde führt ein schmaler Pfad das erste Stück über Gras und im späteren Verlauf über Geröll zu einer alten Militärbaracke am Fuß der Gipfelfelsen hinauf. Ein kleiner Durchschlupf etwas links führt zu einem Steig, der einmal beherztes Zupacken fordert. Kurz darauf steht man dann verdient am höchsten Punkt, der einem, schmal und ausgesetzt, die Welt zu Füßen legt, zumindest die der Tessiner, Walliser und Berner Alpen. In Richtung Südwesten, fast zum Greifen nah, schimmert das weiße Blinnenhorn, 3374 Meter hoch, mit seinem mächtigen Gletscher. Im Westen geben Lauteraar- und Finsteraarhorn ein trautes Paar ab, und tief unten mäandert die Nufenenpassstraße wie eine sich träge in der Sonne räkelnde Schlange.

Blickt man vom Chilchhorn Richtung Südosten hinab, erschließt sich die Geologie des Val Bedretto. Innerhalb Hunderttausender Jahre haben Eiszeitgletscher aus der Landschaft ein Trogtal geschliffen. Auf beiden Talseiten ragen leicht bewaldete Flanken bis etwa 1800 Meter Höhe auf. Es folgen sanft ansteigende, üppige Alpwiesen. Sie bilden die sogenannten Trogschultern und sind ein ideales Gelände für leichte Einsteigertouren.

10.08.2009
Autor: Mirjam Hempel
© outdoor
Ausgabe 06/2009