Via Alta Vallemaggia: Von Hütte zu Hütte im Tessin

Hüttentour: Via Alta Vallemaggia

Foto: Dan Patitucci
Die Via Alta Vallemaggia im Tessin lädt Wanderer ein, den Augenblick zu genießen. Wer es wild und rustikal mag, ist auf diesem Weg genau richtig.

Die Septembersonne blitzt auf dem Lago Maggiore, hohe Palmen und helle Häuser spiegeln sich im See. Nichts in der Uferstadt Locarno lässt vermuten, dass ein einziger Tagesmarsch reicht, um von hier in eine andere Welt zu gelangen: an Orte, die so wild wirken, als wäre dort noch nie jemand gewesen.

Aber es waren Menschen dort, nur so konnte die Via Alta Vallemaggia entstehen. Ziegenhufe und Hirtenschuhe haben dem Weg seine Linie gegeben, und der Wunsch, tausend Meter über dem Maggia-Tal von einer Alpe zur anderen zu kommen. Fünfzig Jahre lang lagen die Häuser der Bergbauern verlassen an den felsigen Hängen. Dann, Ende der 1990er, kam Efrem Foresti, einem Schreiner aus Prato, die Idee, sie zu renovieren und zu einem Trek zu verbinden. So kam neues Leben in die alten Gemäuer, und heute bewahren die Stein- Rustici die Geschichte einer Kultur, die ihrem eigenen Rhythmus folgt.

Wanderern präsentiert sich die Via Alta Vallemaggia als sechstägige Wanderroute von Süd nach Nord durch die schroffen Berge über dem Maggiatal im Schweizer Tessin. Auf dem Weg von Locarno nach Fusio überwindet sie 5500 Meter Höhenunterschied. Obwohl nur 55 Kilometer lang, erfordert sie Ausdauer und Konzentration, es geht kräftig bergauf und bergab durch zerklüftete Berge, auf Graten entlang und durch Schutt.

Nur wenige kennen die Via Alta Vallemaggia, möglicherweise, weil sie wild und anspruchsvoll ist. »Der Via Alta zu folgen ist so, als würde man dem Rücken eines Dinosauriers folgen, der seinen Schwanz im Lago Maggiore badet und den Kopf zum Kamm der Alpen erhebt«, wie der Fotograf Bruno Donati es formulierte.

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Etappe 1 führt uns zur Berghütte Nimi

Der Lift von Locarno nach Cardada trägt Dan, Janine und mich hoch über das Treiben der Stadt. Von der Bergstation bis zum Hausberg von Locarno, der 1870 Meter hohen Cima della Trosa, wandern noch viele. Doch danach geht es ohne Begegnungen weiter. Drei Kilometer hinter dem Gipfel des Madone teilt sich der Weg in eine rote und eine blaue Variante, die beide an der Hütte Nimi enden, der ersten von fünf Hütten.

Wir wählen blau, um auf der Höhe zu bleiben, und gelangen schließlich zu einem Wegweiser, der uns vor die Wahl stellt: entweder am Grat weiterwandern oder nach Nimi absteigen. Wir blicken den steilen Pfad hinab zur Hütte. »Und wenn wir einfach zur nächsten Hütte weiterwandern?« Das würde uns am Morgen den Aufstieg sparen. Aber es geht nur um 300 Höhenmeter, und Nimi zu verpassen – das wäre ein Fehler gewesen, wie sich herausstellt.

Foto: Dan Patitucci

Das Wasser in der Badewanne der Alpe Nimi hat noch jeden Wanderer erfrischt.

Die Ziegenalpe liegt auf etwas über 1700 Meter, und dort anzukommen fühlt sich an, als würde man einen magischen Ort betreten. Gleichzeitig einfach und luxuriös ist es hier. Nimi besitzt sogar eine Art eigenen Strand: eine alte Badewanne, eingelassen in Felsen, das Wasser fließt eiskalt hindurch. 800 Käseräder pro Jahr produziert die Capanna Alpe Nimi mit ihren rund hundert Ziegen. Jede Ziege kennt ihren eigenen Namen, aber was noch beeindruckender ist: Pietro Zanoli, der die Alpe leitet, kann sie offensichtlich alle identifizieren.

»Pipistrello, das bedeutet Fledermaus, ist die kleinste Ziege, aber die erste, die den Berg hinabgerannt kommt,wenn sie gerufen wird.« Pietros Freundin Katharina rattert eine Liste melodiös klingender Ziegennamen herunter, während sie in der kleinen Küche Tomatensauce rührt. Es riecht köstlich nach gehackten Zwiebeln und Ziegenkäse. Nebenbei erzählt sie uns ein bisschen von Pietro, dem Banker, der Käsemacher wurde. Seit 20 Jahren führt er Nimi und setzt so die Arbeit seines Onkels fort.

Unsere Ankunft liegt auf einem der wenigen Tage in der Saison, an denen er runter in die Stadt musste. Aber Katharina bereitet uns ein herzliches Willkommen. Wir plaudern weiter beim Tee, während Katharina kocht. Sie fügt den Pilzen, die sie ge- sammelt und getrocknet hat, Weißwein hinzu, und wir setzen uns zum Abendessen im Schein der Solarlampe über dem Tisch. Die »City Girls«, eine kleine Gruppe dünner Ziegen, kehrt in den Hof unter dem großen Fenster zurück. Wir sind noch nicht lange hier, aber ich möchte schon nicht mehr weg. Die Schlichtheit, selbst die Rauheit der Alpe Nimi hat etwas.

Foto: Dan Patitucci

Ganz nah bei Locarno und doch sehr weit entfernt: die Capanna Alpe Nimi.

Weiter geht es zu Alpe Masnée & Alpe di Spluga

»Ich lebe hier ganz im Moment«, sagt Katharina. »Die Saison wird enden, wenn die Ziegen wieder ins Tal gehen. Sie wissen, wann es Zeit ist, wann der erste Schnee kommt. Und wenn sie sich auf den Weg machen, dann folgen wir ihnen.« Morgens wollen wir Nimi ganz in Ruhe verlassen, aber vor uns liegt eine lange Wanderung und wir brechen eilig auf. Plan ist, die kurze zweite Etappe zur Alpe Masnée mit der dritten zu kombinieren, zur Alpe di Spluga.

Wir folgen ein paar Ziegen den steilen Pfad hinauf, um wieder auf den Grat zu gelangen. Seine Linie weist meist bergauf, ehe sie zur Alpe Masneé abfällt. Nur bis hierher zu wandern, das wäre ein erholsamer Tag, aber wir müssen weiter, auf dem Grat geht es jetzt kräftig auf und ab. Die Route folgt blau-weißen Markierungen auf den Felsen und lässt sich leicht erkennen, aber das Gelände verlangt, dass wir jeden Schritt mit Bedacht setzen.

Die ganze Zeit über begegnet uns kein Mensch. Wir erreichen Spluga und waschen uns gerade noch rechtzeitig in dem natürlichen Brunnen, ehe der Nebel aus dem Tal aufsteigt und die Steinhäuser der Alpe verschlingt. Ganz allein sind wir hier. In der Küche kochen wir Spaghetti, die wir im Rucksack mitgebracht haben.

Foto: Dan Patitucci

Steil führt der Weg von der Alpe Spluga hinauf zur Bocchetta del Sasso Bello.

Über raue Pfade zum Rifugio Tomeo

Das Schild vor der Capanna Spluga sagt: sieben Stunden Richtung Rifugio Tomeo. »Ich glaube nicht, dass es sieben Stunden dauern kann, acht Kilometer zu Fuß zu gehen«, sage ich. Aber es kann. Die Etappe führt über drei stramme Pässe, dazwischen queren wir Geröllhalden. In einer von ihnen grüßen uns heute zwei andere Wanderer. Sie teilen unsere Begeisterung für diese rauen, einsamen Berge, von denen wir den Blick kaum losreißen können: Über uns ragen scharf geschnitten die Cima di Broglio, der Pizzo dei Chènt und der Monte Zucchero auf, zwischen 2300 und 2700 Meter hoch.

Grate reihen sich in alle Richtungen hintereinander und verblassen in der Ferne. Das Rifugio Tomeo thront hoch über dem Lago di Tomè. Doch man braucht nur wenige Minuten in einen Felskessel abzusteigen, um darin ein Bad in alpiner Kulisse zu nehmen. Erst vor fünf Jahren wurde neben dem alten Rifugio ein neues errichtet, in einer sympathischen Mischung aus traditioneller Stein- und Holzbauweise.

Foto: Dan Patitucci

Seit es den Weg gibt, lebt auch die Ziegenhaltung in den Tessiner Bergen wieder auf.

Abstieg ins Tal

Freiwillige kümmern sich um die Hütte. Diese Woche betreuen Wolfgang und Germana die Ziegen und das Gebäude. Kein Löffel liegt falsch am Platz.Wir kommen gerade rechtzeitig: Sie bereiten das Abendessen vor. Heute Abend schlemmen wir Polenta, einen Braten, Rosmarinkartoffeln, Brot und Käse, Pudding und frisches Obst – draußen im Hof. Wir baden in der Sonne, während unsere Gastgeber uns mehr über die Hütten und den Weg erzählen. »Es gibt immer wieder Wanderer, die von der Einsamkeit auf der Via Alta Vallemaggia überrascht oder sogar verängstigt sind«, sagt Wolfgang.

Und er hat eine schlechte Nachricht: »Die Soveltra hat Anfang des Jahres gebrannt. Sie muss erst wieder instand gesetzt werden«, berichtet er über unsere nächste Hütte. Und nun? Die beiden letzten Etappen fallen zu lang aus, als dass wir sie zu einem Tag zusammenfassen könnten. Alternativ gäbe es ein Biwak am Weg, das wäre eine Möglichkeit. Die andere wäre, morgen direkt nach Broglio ins Tal abzusteigen.

Wir vertagen die Entscheidung auf morgen früh. Wir leben für den Moment und bleiben noch eine ganze Weile draußen vor der Hütte sitzen. Der Weg lohnt sich, finden wir, so anstrengend er mitunter ist. Und dann, beim Frühstück, während wir wieder über unseren Plan diskutieren, finden ein paar Ziegen ihren Weg in den Kräutergarten der Hütte und schlendern dann den Weg hinunter in Richtung Broglio. Es ist nicht unser ursprünglicher Plan, aber die Ziegen gehen ins Tal, und so folgen wir.

Alle Etappen der Via Alta Vallemaggia Hüttentour

1 - Cardada–Alpe Nimi
12 Kilometer, 7,5 Stunden, 1409 Höhenmeter, schwer
Von der Liftstation Cardada an der Alpe Cardada vorbei und über die Skistation Cimetta auf die Cima della Trosa (1870 m). Über den Gipfel des Madone und auf einen Grat hinauf zum Pizzo d’Orgnana. Hinab zum Nimi-Pass (2048 m) und von dort weiter hinab zur Hütte (1718 m).

2 - Zur Alpe Masnée
5 Kilometer, 3,5 Stunden, 739 Höhenmeter, schwer
Die Kürze der Etappe bedeutet nicht, dass der Weg einfach wäre: Leichte Kletterpartien (mit Eisen und Ketten gesichert) würzen die Route, die zunächst fast hinauf auf die Madom da Sgióf (2265 m) leitet. Weiter zum Deva-Pass und über einfachen Grat zur Alpe Masnée.

3 - Zur Alpe Spluga
10 Kilometer, 8,5 Stunden, 893 Höhenmeter, schwer
Eine harte Etappe über Blockfelder, Schutt- und Felsterrassen – wild, reizvoll und aussichtsreich. Zu Beginn einen Steilhang hinauf zur Alpe Scimarmota. Nun der weiß-blauen Markierung nach bis unterhalb dem Pizzo Dromegio. Auf gerölligem Weg erst hinab, anschließend hinauf zur Alpe Cuasca. Weiter hinauf zum Pass dei due Laghi und zu den elf Steinhäusern der Alpe Spluga.

4 - Zum Rifugio Tomeo
8 Kilometer, 7 Stunden, 974 Höhenmeter, schwer
Der weiß-roten Markierung bis hinauf zu einem kleinen See folgen. Von hier hinauf zur Bocchetta del Sasso Bello und durch einen Steinkanal hinab. Über Steinhalden in Richtung Passo di Chènt, zum Pass hinauf und hinab ins Tomeo-Tal. Bald erkennt man den Tomeosee, oberhalb von ihm liegt die Hütte.

5 - Zur Capanna Barone
9 Kilometer, 6,5 Stunden, 1513 Höhenmeter, schwer
Auf weiß-rot markiertem Bergweg zum Corte Piatto (2058m), hier nördlich zur Bocchetta di Pertusio. Weiter zur Alpe Gonta und zum Passo Redorta. Zwei Kilometer Richtung Norden halten, dann rechts ab Richtung Bocchetta di Campala und Capanna Barone (die Capanna Soveltra wird bis 2021 renoviert).

6 - Abstieg nach Fusio
15 Kilometer, 7 Stunden, 1175 Höhenmeter, schwer
Vom Rifugio Barone zurück zur Bocchetta di Campala, dann über die Capanna Soveltra zur Alpedi Fontana. Weiter zum Piatto-See und hinauf zum Passo Fornale, dorthinab zum Mognola-See. Auf der linken Seite um den von Gipfeln umgebenen See, der Abstieg nach Fusio führt via Corte di Mezzo (1839 m) und die Alm Vacarisc di Fuori.

Foto: Dan Patitucci

Am Ende der zweiten Etappe helfen Ketten und Eisenbügel über einen Grat.

Reise- und Wandertipps:

Hinkommen
Locarno lässt sich von Basel SBB in etwa dreieinhalb, von Zürich in zweieinhalb Stunden mit dem Zug erreichen. Einmal umsteigen muss man dabei mindestens. sbb.ch. Mit dem Auto bis Bellinzona Süd, dann Richtung Locarno und Lago Maggiore. Alternativ die E62 nach Domodossola, dann Richtung Locarno auf SS337 (Valle Vigezzo).

Herumkommen
Zum Start der Via Alta Vallemaggia geht es von Locarno Orselina zur Station Cardada (1340 m). Preis: 24 CHF. Die Standseilbahn fährt halbstündlich, in den Monaten Juni, Juli und August von 7.45 Uhr bis 19.45 Uhr. Vom Endpunkt der Tour in Fusio geht es mit dem Bus in etwa zwei Stunden zurück nach Locarno. postauto.ch und Autolinea FART, centovalli.ch

Karte
Gute Dienste leistet die Swiss Topo National Map 1:25.000 (Locarno, Maggia, Campo Tencia), 11,90 Euro, beispielsweise über mapfox.de

Surfen
Ein Flyer zur Via Alta Vallemaggia mit Höhenprofil und Wegverlauf findet sich unter ticino.ch/de.

Beste Zeit
Ende Juni bis Mitte Oktober. Sind Gewitter vorhergesagt, sollte man lieber in den Hütten auf besseres Wetter warten.

Anspruch
Die Via Alta Vallemaggia ist eine alpine Wanderroute. Sie fordert Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Kondition. Heikle Passagen sind mit Drahtseilen abgesichert.

Unterkünfte & Hütten auf der Via Alta Vallemaggia

Am Ende der ersten Etappe schläft man in der Alpe Nimi (1718 m). Bewirtschaftet, 16 Schlafplätze, Mitte Juni bis Mitte September,
Tel. 0041/(0)79/2304879

Am zweiten Tag in der Alpe Masnée (2063 m), Selbstversorgerhütte, 16 Schlafplätze, geöffnet Mitte Juni bis Mitte Oktober,
Tel.0041/ (0)79/2400831, Reservierung: patriziatomaggia.ch

Am dritten Tag in der Alpe Spluga (1838 m), Selbstversorgerhütte, 18 Schlafplätze, geöffnet von Mitte Mai bis Ende Oktober,
Tel.0041/(0)91/7532349, Reservierung: alpespluga.ch

Am vierten Tag: Capanna Tomeo (1739 m), teils bewirtschaftet, 24 Schlafplätze, Mitte Mai bis Spätoktober,
Tel. 0041/(0)79/4624800, Reservierung: capanneti.ch

Am fünften Tag übernachtet man, solange die Capanna Soveltra noch renoviert wird (bis 2021), in der Capanna Barone, unbewirtschaftet, 35 Schlafplätze, geöffnet von Juni bis Mitte Oktober,
Tel. 0041/(0)91/7452887, Reservierung: verzasca.net

In Fusio
Für ein gemütliches Ende der Tour sorgt das Hotel Fusio, wo man sich auch ein 3-Gänge-Menü im Restaurant reservieren kann.
DZ 210 CHF (185 Euro), Tel. 0041/(0)91/6000900, hotelfusio.ch

Rustikal von außen, modern und komfortabel von innen: Die Hütten am Weg haben Küchen mit Gasherd, Kochutensilien und Geschirr. Hier kocht man sich, was man im Rucksack mitgebracht hat. Einige Hütten haben auch Duschen. Durchschnittlicher Übernachtungspreis: 25 CHF. In den nicht bewirtschafteten Hütten kann man, so der Vorrat nicht gerade erschöpft ist, Nudeln, Reis, Polenta, manchmal auch Bier und Wein kaufen – bezahlen ist Ehrensache.

Foto: Dan Patitucci

Tipps von Reise-Journalistin Kim Strom

Auf den Berg
Während der letzten Etappe des VAVM lockt ein Abstecher auf den Pizzo Campo Tencia (3072 m), den höchsten Gipfel des Tessins. 500 Höhenmeter im Auf- und Abstieg kommen so hinzu.

Vor dem Start
Die Madonna del Sasso in Locarno ist die bedeutendste Wallfahrtskirche im Tessin. Sie liegt ganz in der Nähe der Talstation der Cardadabahn – also dort, wo die VAVM beginnt.

Großes Kino
Das Filmfestival von Locarno findet dieses Jahr vom 7. bis 18. August statt. Ab Mitte Juli findet der Vorverkauf für einen der 8000 Plätze auf der historischen Piazza Grande statt. outnow.ch/ Kinoprogramm/Openair/ Locarno/Filmfestival/

08.04.2019
Autor: Kim Strom
© outdoor
Ausgabe 4/2019