Angst vorm Wolf? Was bei Begegnungen wirklich gilt

Angst vorm Wolf?
Der Zoologe Axel Gomille räumt mit Mythen auf

Update
ArtikeldatumVeröffentlicht am 04.06.2026
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Wilder Osten - Axel Gomille
Foto: Axel Gomille

In seinem Buch Deutschlands wilde Wölfe (Frederking & Thaler) präsentiert der Zoologe und Fotograf Axel Gomille eindrucksvoll die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland. Mit einzigartigen Aufnahmen aus freier Natur, neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und detaillierten Beobachtungen zeigt er, wie die Tiere in unserer Kulturlandschaft leben, welche Herausforderungen ihre Rückkehr mit sich bringt – und wie ein möglichst konfliktarmes Miteinander gelingen kann.

Auch andere Wildtiere, wie der Seeadler oder Elch, fühlen sich in Deutschland mittlerweile wieder wohl. Axel Gomille beobachtet und fotografiert diese Tiere seit Jahren. Hier ein Interview, das wir 2023 mit ihm zu diesem Thema führten, Stand 2026 aber nochmal aktualisieren konnten. Noch mehr Infos zum Thema bekommt ihr auch in unserer aktuellen Podcast-Episode, die ihr euch weiter unten auf der Seite anhören könnt – oder direkt bei Playern wie Spotify und Co.

Wölfe in Deutschland: Fakten, Bilder, Debatte

outdoor: Eines deiner Bücher heißt "Deutschlands wilder Osten". Welche Regionen sind besonders attraktiv?

Axel Gomille: Die Nationalparks im Osten finde ich alle sehr sehenswert. Ein Blick auf die Kreidefelsen von Rügen, ein Spaziergang am wilden Darßer Weststrand an der Ostsee oder eine Wanderung durch die zerklüfteten Felsen der Sächsischen Schweiz bietet unvergessliche Erlebnisse. Dort leben auch viele interessante Wildtiere, die Gebiete sind sehr wichtig für den Naturschutz. Ich vermute, dass nur wenige Menschen die Entstehungsgeschichte dieser Nationalparks kennen: Visionäre Naturschützer konnten im September 1990, als sich das politische System im Umbruch befand, rund 4,5 Prozent der Landesfläche der damaligen DDR unter Schutz stellen. Es war das Tafelsilber der Deutschen Einheit.

In diesem Buch zeigst du auch Fotos von einem Elch aus Brandenburg. Leben diese Tiere jetzt wieder bei uns?

Seit kurzer Zeit wandern sie aus Polen und Tschechien ein. Ihre Anzahl ist unbekannt, es könnten zehn bis 15 Tiere sein. Ich bin sehr froh, dass ich eins von ihnen fotografieren konnte. Im Gebiet des heutigen Deutschlands lebten übrigens auch früher Elche, aber sie wurden wahrscheinlich schon im Mittelalter ausgerottet.

Vielen Menschen bist du als Wolfsfotograf ein Begriff, und ein Wolf ist auch auf dem Cover von "Deutschlands wilder Osten" zu sehen. Sind Wölfe deine Lieblingstiere?

"Lieblingstiere" finde ich als Begriff nicht ganz passend, aber mich faszinieren Wölfe extrem. Sie sind sehr clever und anpassungsfähig und aus meiner Sicht mit Abstand die spannendsten Wildtiere bei uns zu Lande. Es ist unheimlich schwer, sie in freier Natur zu fotografieren.

Bildband: Deutschlands wilder Osten zeigt
Frederking & Thaler / Axel Gomille
Wie sieht es momentan mit der Akzeptanz von Wölfen in Deutschland aus?

Insgesamt gar nicht schlecht, so meine Einschätzung. Dort, wo viele Wölfe leben, klappt die Nachbarschaft von Mensch und Wildtier meist besser als andernorts, weil sie routinierter ist. Konflikte entstehen, wenn Wölfe Nutztiere reißen. Das kann daran liegen, dass es keine oder keine ausreichenden Maßnahmen zum Herdenschutz gibt. Und manchmal lernen Wölfe auch, solche Schutzmaßnahmen zu überwinden. Insgesamt arbeitet die Zeit aber für die Wölfe, denn ob die Tiere in den umgebenden Wäldern vorkommen, hat auf das Leben der allermeisten Menschen gar keinen Einfluss. Sie können weiterhin spazierengehen, joggen oder Pilze suchen – die allerwenigsten werden jemals einem Wolf begegnen.

Wie viele Wölfe gibt es denn aktuell in Deutschland?

Die letzten Zahlen zum Wolfsbestand in Deutschland stammen aus dem Monitoringjahr 2024/2025. Es wurden 219 Rudel, 48 Paare und 15 territoriale Einzeltiere nachgewiesen. Die meisten Wolfsterritorien liegen in Niedersachsen (63), Brandenburg (60) und Sachsen (47). Deutschlandweit wurden rund 1600 Wölfe bestätigt.

Wenn man durch dein Buch blättert, kommt es einem vor, als wäre es leicht, all diese Tiere zu sichten. Ist dem so?

Nein. Das Buch zeigt ja nur die Erfolge, nicht die zahllosen Fehlschläge. Ich brauche meist viele Anläufe, um ein Wildtier wie einen Wolf zu sehen. Und dann zeigt er sich oft in großer Entfernung bei schlechtem Licht, um nach wenigen Sekunden wieder zu verschwinden. Ein Tier zu sehen ist also nicht gleichbedeutend mit einer guten Fotogelegenheit, man braucht sehr viel Zeit. Die meisten Fotos aus dem Buch stammen aus einem Zeitraum von fünf Jahren.

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Axel Gomille
Was macht für dich ein gutes Tierfoto aus?

Es sollte bei den Betrachtenden Emotionen hervorrufen. Wenn ich jemanden sagen höre: "Das ist ja ein tolles Bild – da wäre ich gern dabei gewesen!", dann transportiert das Foto etwas. Ich selbst kann mit jedem Bild den konservierten Moment noch einmal durchleben. Wenn das auch Menschen können, die gar nicht dabei waren – dann ist es ein gutes Bild.

Folgst du einer bestimmten Strategie, wenn du Wildtiere fotografierst?

Durch jahrhundertelange Bejagung sind viele Wildtiere in Mitteleuropa extrem scheu und vorsichtig. Wer die Tiere stört, verscheucht also seine Motive. Daher versuche ich, möglichst unauffällig zu sein. Gelegentlich arbeite ich aus Fotoverstecken, oft nutze ich einen Tarnanzug. Zudem muss ich die Sinnesleistungen meiner Motive berücksichtigen. Vögel wie Adler und Kraniche bemerken schon kleinste Bewegungen, viele Säugetiere wie Wölfe reagieren sehr empfindlich auf menschlichen Geruch. Ich muss also möglichst bewegungslos verharren und die Windrichtung beachten. Um scheue Tiere fotografieren zu können, setze ich häufig lange Objektive mit 800 mm Brennweite ein. So kann ich große Distanz zu meinen Motiven wahren.

Nervt dich das lange Warten auf Tiere auch manchmal?

Ich empfinde das Warten meist als recht entspannend, weil ich dann nicht erreichbar bin und kein Handy klingelt. Allerdings habe ich auch oft Erfolgsdruck, ein bestimmtes Bild zu bekommen, und wenn sich dann tagelang nichts tut, brauche ich schon eine gewisse Frustrationstoleranz. Letztens habe ich mal wieder auf Wölfe gewartet und es kam keiner. Stattdessen konnte ich ein schönes Bild von einem Waschbären machen. Irgendetwas ergibt sich fast immer

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Axel Gomille
Bist du bei deinen Begegnungen mit Wildtieren schon mal in Gefahr gekommen?

Falls das auf die Wölfe anspielt – nein! Ich habe Wölfe als sehr scheue und vorsichtige Tiere kennengelernt, die versuchen, Begegnungen mit Menschen zu vermeiden. Das gelingt ihnen recht gut, sie besitzen ja viel bessere Sinne als wir. Ich bin in Deutschland schon einige hundert Male wildlebenden Wölfen begegnet und habe nie eine brenzlige Situation erlebt. Unter heimischen Tieren habe ich vor Wildschweinen den größten Respekt. Grundsätzlich achte ich darauf, kein Wildtier in irgendeiner Form zu bedrängen. Ich halte Zecken für die gefährlichsten Tiere bei uns, weil sie Borreliose und Hirnhautentzündung übertragen.

Hast du Tipps für schöne Wanderungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, Wildtiere zu beobachten?

Im Müritz Nationalpark und im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft hat man gute Chancen, Seeadler, Kraniche, Rothirsche und viele andere Tiere zu sehen. Am besten verschafft man sich im jeweiligen Nationalpark-Zentrum erst mal einen Überblick. Dort gibt es auch Tipps, welche Orte wann am ergiebigsten sind. Im Frühjahr und Herbst etwa sind Kranichschwärme unvergessliche Anblicke.

Wie viele Tage pro Jahr verbringst du in der Natur?

Das hängt von meinen Projekten ab, ich mache ja Bücher und Filme. Phasenweise bin ich dafür viel draußen, danach sitze ich viel am Computer, um alles fertigzustellen. Im Schnitt bin ich im Jahr etwa drei Monate unterwegs.

Bekommst du Sondergenehmigungen zum Zelten?

Wieso glaubt ihr, dass ich zelte? Wenn ich hierzulande Wildtiere fotografieren gehe, nehme ich eine Festunterkunft in der Region. Wir sind nicht in Kanada, die Zivilisation ist niemals weit entfernt. Und ich muss ja auch meine Geräte aufladen.

Genießt du das Großstadtleben in Frankfurt am Main nach Fototrips ganz besonders?

Ich freue mich immer sehr, meine Familie wiederzusehen. Grundsätzlich bin ich gern in der Natur, aber auch die Stadt hat Vorzüge. Aus meiner Sicht ist das kein Widerspruch.

Mehr über Wölfe in unserem Podcast

Angst vorm bösen Wolf? Spätestens wenn man allein im Zelt liegt oder im dunklen Wald wandert, kommt bei vielen dieses Märchen-Gefühl hoch. In dieser Episode von "Hauptsache raus" spricht Katharina Hübner mit Zoologe und Wildlife-Fotograf Axel Gomille über das Leben der rund 1600 Wölfe in Deutschland. Im Podcast erklärt er, warum uns Wölfe eigentlich meiden, wie man sich bei einer Begegnung richtig verhält und warum Hundehalter im Wald besonders aufpassen müssen ...

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