Es ist einer dieser Momente, auf die die Kletterszene gewartet hat: Pietro Vidi, 23-jähriger italienischer Kletterer, steht am 13. Oktober 2026 nach etwa 15 intensiven Klettertagen und 10 Vorstiegsversuchen auf dem Gipfel von "Drifter's Escape". Eine Route, die bis dahin nur Connor Herson vor gut einem Jahr freibeklettert hat – und seitdem als unwiederholbar galt. Bis jetzt.
Eine Obsession mit Aussicht
Die Route am legendären Stawamus Chief in Squamish, British Columbia, ist nicht einfach eine weitere 9a+. Sie ist eine Aussage: Zwei leicht überhängende, parallel verlaufende Risse durchziehen eine markante Granitwand hoch über der Stadt. Traditionelles Klettern auf allerhöchstem Niveau – eine Kombination aus außergewöhnlicher Technik und psychischen Anforderungen, die wenig Raum für Fehler lässt.
Für Vidi wurde die Linie zur regelrechten Obsession. "Die Linie ist absolut traumhaft. Sie folgt zwei leicht überhängenden, parallelen Rissen, die hoch über der Stadt thronen, und bietet einige der krassesten Griffe, die es gibt", sagt er begeistert. Aber es war nicht nur die Faszination für die Route – es war auch der Druck, den sie ausübte: "Der Prozess war ziemlich anstrengend. Es ist schon eine Weile her, dass ich so viele Trainingseinheiten in ein Projekt gesteckt habe. Wohin ich auch ging, sah ich den Chief und diese geschwungene weiße Fläche, die mich anstarrte."
Technik trifft auf Präzision – und Frustration
Was Vidi schnell lernte: "Drifter's Escape" ist eine Route, die dich zwingt, deinen Körper anders zu verstehen. Die komplizierten Sequenzen erfordern nicht nur Kraft, sondern wahnsinnige Präzision beim Platzieren jedes einzelnen Fingers an den entscheidenden Pinchs und Rissen. Das Fußwerk ist ebenso knifflig – du musst deine Zehen in schmale Vertiefungen zwängen und gleichzeitig entspannt bleiben. Nicht Kraft gewinnt hier, sondern Eleganz.
"Die Route ist unglaublich komplex und technisch – auf eine Art, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe. Im klassischen Squamish-Stil reicht es nicht, sich einfach nur anzustrengen. Man muss seinen Körper schweben lassen", erklärt Vidi.
Die Durchbrüche kamen schrittweise: Eine handfreie Ruhepause auf halber Strecke. Eine alternative Bewegungsabfolge für den oberen Abschnitt. Kleine Erkenntnisse, die den Aufstieg plötzlich erreichbar machten. Doch dann kam der Moment, den jeder Kletterer kennt – der quälend nahe Misserfolg. Bereits am zweiten Tag, als er vom Boden aus versuchte, gelang ihm unerwartet der letzte schwierige Zug. Die Hand rutschte ab. Ins Leere. "Nachdem ich diesen letzten Zug noch zweimal verpatzt hatte, fand ich endlich den perfekten Flow und schaffte es über den letzten Felsvorsprung" so Vidi.
Ein Meister seines Fachs
Vidi bewies dabei auch strategisches Denken: Er setzte bewusst weniger Sicherungsmittel als Herson, um Energie zu sparen. Das machte den ersten Abschnitt effizienter, erhöhte aber den psychischen Druck beim Vorsteigen erheblich – ein Balanceakt zwischen physischem Aufwand und mentaler Belastung.
Mit diesem Erfolg reiht sich Vidi in die Riege der vielseitigsten Kletterer seiner Generation ein. Seine bisherigen Begehungen – von "Tribe" (E11) in Italien über "Meltdown" (E11) und "Magic Line" (E10) im Yosemite bis zur zweiten Freikletterbegehung von "Lurking Fear" (5.13c) am El Capitan – zeigen: Er glänzt auf höchstem Niveau, egal ob beim Bouldern, Trad-Klettern oder an Big Walls.
Die "Drifter's Escape" ist sein neuer Meilenstein – und ein Zeugnis davon, dass die scheinbar unmöglichen Linien möglich werden.
Die Route im Überblick:
- Route: Drifter's Escape
- Schwierigkeitsgrad: 9a+/5.15a
- Ort: Stawamus Chief, Squamish, British Columbia, Kanada
- Erste Freikletterbesteigung: Connor Herson (14. Juli 2025)
- Zweite Freikletterbesteigung: Pietro Vidi (13. Oktober 2026)
- Stil: Traditionelles Klettern





