Interview mit Comiczeichner Eberhard "Erbse"

Kichern mit Erbse
Interview mit Comiczeichner Eberhard „Erbse“

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ArtikeldatumZuletzt aktualisiert am 09.01.2026
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Gezeichnet hat Erbse "schon immer". Er zeigt uns einen Western im Lucky-Luke-Stil, den er mit 13 Jahren hingelegt hat, eine in allen Details ausgearbeitete Geschichte in Farbe, 22 Seiten in Karton gebunden. So etwas macht man nicht mal an einem Sonntagnachmittag, dazu braucht es Gestaltungswillen und eine Ausdauer, die heute angesichts der grassierenden Daddelsucht Tränen des Stolzes in Elternaugen treiben dürfte. Im Nachhinein betrachtet, kann man sagen: Da war einer am Werk, der dranbleiben kann. Seinen Ehrgeiz bewies der Autodidakt dann bald auch in der Kletterei, mit der er 1989 in seiner Zeit als Zivi auf der Schwäbischen Alb anfing. 1992 war er im neunten Grad unterwegs, vier Jahre später schaffte er es mit seiner bislang schwersten Tour Idiotenüberhang im Donautal in den unteren zehnten Grad.

Buchvorstellung: KICHERN MIT ERBSE

Eberhard Köpf genießt als Comiczeichner Erbse in der Klettergemeinschaft Kultstatus. Nach sechzehn Jahren Wartezeit können sich Fans nun über den siebten Band "Klettern ist Kopfsache" freuen. Auf 42 Seiten nimmt er die Eigenheiten und neuesten Trends der Szene aufs Korn, mal in gewohnt minimalistischer Linienführung, mal in opulenten Tableaus.

Comiczeichner Erbse
Eberhard Köpf

Durchbruch beim Abseilen

Sein Erweckungserlebnis als Klettercartoonist hatte Eberhard Köpf 1994 in einer Bar in Claret, als ihm Cartoons zum dortigen Gebiet in die Hände fielen. Das wollte Erbse, den Spitznamen trug er schon seit der Grundschule, auch. Der Durchbruch gelang, als im Schwäbischen Donautal Volker Leuchsner, der damalige Chefredakteur des frisch erschienenen klettern-Magazins, am eben aufsteigenden Zeichner vorbei abseilte. "Schick mal!", war die Antwort auf seine informelle Bewerbung in senkrechter Wand zur freien Mitarbeit. Erbse schickte und eine Karriere startete, in deren Verlauf sechs Comicbände entstanden, drei Bühnenprogramme und Zeichnereinsätze als Liveact in Kletterhallen und zu anderen Gelegenheiten.

Erbse bittet an seinen Wohnzimmertisch, von dem aus man einen guten Blick auf seinen Kanonenofen sowie seine vier Kletterwände hat. Ein Domizil, das seine Person spiegelt, eine Mischung aus Künstlernatur und Kletterverrücktheit.

Es wird kurzweilig. Während Erbse aus seinem Leben erzählt, greift er zwischendurch zur Gitarre und gibt Lieder aus seinem Bühnenprogramm zum Besten. Den Impuls dazu bekam er durch Alex Huber, der ihm anlässlich einer Veranstaltung in Köln im Jahr 2003 die Frage stellte: "Sog amoi, warum mochst du koan Vortrag?" Es folgte die in Kabarettkreisen übliche Ochsentour durch die (Kletter-)Republik. Lange ging das gut, finanzierte das freie Künstlerdasein, eine Familie mit drei Kindern und das Aussiedlerhofprojekt. Vielleicht waren ein paar Bälle zu viel in der Luft. Nach drei Bühnenprogrammen und sechs Comicbänden lief es nicht mehr rund, sein Hauptsponsor sprang ab, die Ehe ging in die Brüche, auch sonst wurde das Zusammenleben auf dem Hof schwierig, den er sich mit der Familie seiner Schwester teilt.

Comiczeichner Erbse
Eberhard Köpf

"Corona kam mir da fast schon gelegen", erinnert Erbse sich. "Ich habe mich mehr oder weniger vor der Welt versteckt und war mit meinem Sohn Anton vor allem draußen unterwegs", sagt er. Anton sitzt mit uns am Tisch, der 16-Jährige ist auf ständige Betreuung angewiesen, eine Aufgabe, die Erbse sich hälftig mit Antons Mutter teilt. Anton lebt mit dem Down-Syndrom, was ihn, wie sollte es im Hause Köpf anders sein, keineswegs vom Klettern abhält. Gespottet von seinem Vater, bouldert er an der Wand entlang und freut sich sichtlich an den beiden Zuschauern, die er heute hat. Die beiden miteinander zu erleben, kann jedem Hoffnung geben, der sich mit seinem Nachwuchs vor ähnliche Herausforderungen gestellt sieht. Natürlich gebe es auch stressige Momente im Zusammenleben, räumt Erbse ein, aber das liege dann meist an ihm. "Anton ist ein guter Seismograph, ob ich mental meine Hausaufgaben gemacht habe."

Best of Erbse

Privat wie auch künstlerisch hat er seine Hausaufgaben inzwischen gemacht. Der neue Band "Klettern ist Kopfsache" ist ein rundes Ding geworden. Die Zeichnungen reichen von der gewohnt minimalistischen Linienführung bis zu opulenten Tableaus, die fast schon wie kleine Gemälde wirken. Inhaltlich schlägt der Chronist und Beobachter einen Bogen vom alpinen Klettern bis zu den aktuellen Trends. Dazwischen darf es auch mal schräg oder albern werden. Alles in allem zeugt Erbses neues Werk von einer Reife, die sich wohl nur einstellt, wenn man vom Leben ein paar Wirkungstreffer hat einstecken müssen.

Wenn man ihm dann die Frage stellt, was ihn die ganzen Jahre am Klettern hält, wird er philosophisch. "Sagen wir mal so: Auf der dünnen Kruste einer glühenden Kugel durch die Unendlichkeit rasen: das kann nicht gutgehen ..." Ist Klettern also eine Methode, um mit diesem existentiellen Unbehagen klarzukommen? "Klettern ist unvermeidlich meditativ!" Und er ergänzt nach kurzem Nachdenken lachend: "Jedenfalls in den Momenten, in denen es gelingt …"

Auf dem Boden angekommen

Was folgt ist ein ausuferndes Gespräch über die Entwicklung des Kletterns, über das Älterwerden, über die neue Generation, darüber, dass das Klettern, geboren im alpinen Gefahrenraum, über die relative Sicherheit des Sportkletterns nun mit dem Bouldern "ganz auf dem Boden angekommen ist". Für viele Kletternde der 80er und frühen 90er bedeutete das Freiklettern nicht nur frei von technischen Kletterhilfen, sondern auch einen Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen. Auch Erbse hatte "ganz schön viel zu nagen gehabt an den Altvorderen".

Dass Klettern für viele junge Menschen heute eher Lifestyle als Haltung ist, nimmt er gelassen zur Kenntnis. Über die Jugend zu lästern, ist seine Sache nicht – was ihn allerdings nicht davon abhält, im neuen Band seine Späße mit Bodenstarts, Knieklemmern und Klickhilfen zu treiben. Und wie man es von ihm gewohnt ist: immer gut gelaunt und niemals beißend oder verletzend. Was seine eigene Kletterei angeht, bleibt er sich treu. "Ich bin immer noch Seilkletterer, nach wie vor." Am liebsten drei- bis viermal die Woche besucht er mit seiner Lebensgefährtin die Kletterhalle in Heilbronn.

Comiczeichner Erbse
Eberhard Köpf

Erbse ist keiner, der sich vor dem Big Picture scheut: Zum Schluss zeigt er uns noch ein Bild: den "unbezwingbaren Berg", oder anders gesagt, einen modernen Turm zu Babel, letzten Endes eine allegorische Darstellung unserer Zivilisation mit Ressourcenausbeutung, Turbokapitalismus, nuklearer Bedrohung. Man wäre froh, es eine bloße Dystopie nennen zu können ... Es wird deutlich, dass in Erbse noch ein paar Themen mehr als ausschließlich Klettern schlummern. Und trotzdem ist es gerade seine Kletterverrücktheit, die ihn nicht an der Welt verzweifeln lässt. Frei nach Bernard Shaw braucht es angesichts dessen, wohin uns die "Normalen" gebracht haben, dringend ein paar Verrückte. Dass wir Kletternde zu den Privilegierten zählen, auf dieser durchs Universum rasenden Kugel, ist Erbse bewusst. "Freiheit muss man sich leisten können" Und dann schiebt er hinterher, und darin liegt vielleicht eine Hoffnung: "Aber man muss auch daran glauben, es sich leisten zu können."