Adam Ondra: Ich bin überzeugt, dass Klettern tief in uns Menschen verankert ist. Es hat etwas sehr Ursprüngliches, irgendwo hinaufzuklettern und ein Ziel oder einen Gipfel erreichen zu wollen. Für mich gehört Klettern zu den natürlichsten Formen der Bewegung – genauso wie Laufen, Gehen oder Schwimmen.
Klettern begeistert mich vor allem durch seine Vielseitigkeit. Es geht nicht wie in anderen Sportarten darum, immer wieder die gleichen Bewegungen zu machen. Jede Route ist anders und stellt neue Anforderungen. Deshalb kann Klettern für die unterschiedlichsten Menschen spannend und erfüllend sein. Die große Beliebtheit des Sports überrascht mich nicht.
Klettern ist auf eine gewisse Weise ein gnadenlos ehrlicher Sport. Es gibt kaum etwas Intensiveres, als kurz vor dem Ziel zu scheitern – denn ein »fast geschafft« zählt am Ende nicht. Gleichzeitig liegt genau darin etwas Faszinierendes. Klettern hat mich gelehrt, ehrlicher mit mir selbst zu sein, meine Leistungen realistisch einzuordnen und Rückschläge zu akzeptieren.
Für mich vereint Klettern beides. Man braucht andere Menschen, um gemeinsam zu klettern, sich zu unterstützen und zu sichern. Doch sobald man in der Wand ist, zählt nur noch der Moment zwischen einem selbst und dem Fels. Genau diese Verbindung aus Gemeinschaft und persönlicher Herausforderung macht Klettern für mich so einzigartig.
Meine Eltern waren beide Kletterer, und schon als kleines Kind wollte ich das machen, was sie machten. Angefangen habe ich in der Kletterhalle und an den Felsen in der Nähe unseres Zuhauses in Tschechien. Gleichzeitig haben mich die alpinen Geschichten meiner Eltern geprägt. Für mich bedeutete Klettern deshalb schon immer mehr als Sport: Es war auch Abenteuer, Natur und die Berge.
Mit sieben Jahren wusste ich, dass ich Profi-Kletterer werden möchte. Schon als Kind konnte ich sehr schwere Routen klettern, mit 13 gelang mir meine erste 9a. Mit 16 gewann ich bei meiner ersten Weltcup-Teilnahme die Wertung im Lead, also im Seilklettern, mit 19 kletterte ich mit Change in der Höhle Hanshelleren bei Flatanger in Norwegen die erste 9b+ der Welt. Später folgten weitere Meilensteine wie die erste Wiederholung der Dawn Wall am El Capitan im Yosemite-Nationalpark, eine der schwierigsten Mehrseillängen- Routen der Welt, und die Erstbegehung von Silence in Flatanger, der weltweit ersten Route im Schwierigkeitsgrad 9c. Durch Sponsorenverträge konnte ich dann irgendwann vom Sport leben.
Mein Leben wäre wahrscheinlich einfacher gewesen, wenn Klettern nie olympisch geworden wäre. Trotzdem bin ich froh, dass es so gekommen ist. Für meinen persönlichen Weg fühlt es sich aber auch ein wenig bittersüß an. Die Vorbereitung auf die Spiele war eine spannende Erfahrung, aber gleichzeitig sehr anspruchsvoll. Ich habe viel Zeit und Energie investiert und weiß, dass ich in diesen Jahren am Fels wahrscheinlich noch mehr hätte erreichen können. Für die Olympischen Spiele habe ich viel geopfert, und am Ende lief es vielleicht nicht ganz so, wie ich es mir erträumt hatte.
Der Traum von einer olympischen Medaille war definitiv da. Und irgendwie ist er vielleicht immer noch da. Ich weiß selbst noch nicht, ob ich diesen Traum endgültig aufgegeben habe oder ob ich ihn bewusst offenlasse. Die kommende Saison wird zeigen, wie groß meine Motivation ist und ob ich dem Leistungsanspruch gerecht werden kann.
Das könnte durchaus ein Vorteil sein. Ich habe mich inzwischen vom modernen Wettkampf-Bouldern entfernt. Das Niveau dort ist unglaublich hoch geworden, und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich in diesem Bereich noch realistische Chancen auf absolute Spitzenresultate hätte. Dazu kommt das Verletzungsrisiko. Die vielen dynamischen Sprünge belasten meinen Körper enorm. Vor allem meine Schultern waren nie besonders stabil. Nach den vergangenen, intensiven Wettkampfsaisons hat es fast ein ganzes Jahr gedauert, bis sie sich vollständig erholt hatten. Deshalb konzentriere ich mich heute stärker auf die Bereiche, die besser zu mir passen.
Tief in meinem Inneren hatte ich nie Zweifel daran, dass ich Klettergeschichte schreiben würde. Das Besondere dabei ist, dass ich mich damit nicht unter Druck setze. Ich klettere einfach und gebe alles, weil es mir wirklich Spaß macht. Das ist wahrscheinlich das größte Geschenk und Talent, das mir mitgegeben wurde.
Die Hanshelleren-Höhle habe ich das erste Mal auf einem Foto im Internet gesehen. Ich war sofort fasziniert. Nach-dem ich sie besucht hatte, wusste ich, dass ich genau diese Route klettern wollte. Zwei Jahre lang war sie ständig in meinem Kopf. Insgesamt habe ich rund 14 Wochen in Norwegen verbracht und auch zu Hause speziell für diese Route trainiert. Ich habe versucht, alle Bewegungen zu simulieren, die ich für »Silence« brauchte. Die Route ist extrem überhängend und bietet nur wenige Griffe – und selbst die sind schlecht. Viele davon sind sogenannte Sloper, also abschüssige Griffe, die enorme Fingerkraft und Präzision verlangen.
Ich glaube, ich kann auf einen Lebenslauf im Klettern zurückblicken, den nicht viele vorweisen können. Ich habe bereits mehr als 200 Routen im Schwierigkeitsgrad 9a und schwerer geklettert. Daher vertrauen viele meinem Urteil bei Bewertungen – vielleicht manchmal sogar etwas zu sehr.
Es kommt vor, dass eine neue Beta entdeckt wird, also eine neue Methode, die Route zu klettern, oder dass jemand eine von mir bewertete Route direkt im ersten Versuch schafft. Dann wäre es eigentlich naheliegend, die Bewertung nach unten zu korrigieren. Manche haben vielleicht zu viel Respekt vor meinem Urteil und verzichten darauf. Letztlich ist es aber ganz einfach: Je mehr Routen man geklettert ist, desto besser kann man einschätzen, wie schwierig eine Route tatsächlich ist.
Wenn man das Klettern wirklich in sich trägt, dann ist man grundsätzlich immer motiviert zu klettern. Das Geheimnis meiner Motivation liegt wahrscheinlich darin, dass ich ständig neue Orte und verschiedene Kletterstile ausprobiere. Dadurch bleibt alles frisch und spannend. Natürlich gibt es Momente, in denen man bei einem Projekt lieber etwas anderes machen würde. Manchmal lohnt es sich dann, durchzuhalten. Und manchmal ist es völlig in Ordnung, Abstand zu nehmen und später mit neuer Energie zurückzukommen. Die Kunst besteht darin, zu erkennen, wann man weiterkämpfen und wann man loslassen sollte.
Auf jeden Fall Arco am Gardasee. Dort gibt es unglaublich viele Möglichkeiten, auch für Einsteiger. Außerdem mag ich das Frankenjura sehr, weil man dort viele unterschiedliche Kletterstile kennenlernen kann.
Die Sächsische Schweiz gehört für mich definitiv dazu. Generell gibt es aber überall kleinere Gebiete, die kaum Aufmerk- samkeit bekommen. Durch die sozialen Medien konzentrieren sich viele Menschen auf dieselben Hotspots. Dabei gehört gerade das Entdecken unbekannter Gebiete für mich zum Abenteuer des Kletterns. Ich liebe es, einen alten Kletterführer aufzuschlagen, ein Gebiet auszuwählen und ohne große Erwartungen loszufahren. Beeindruckt haben mich auch Regionen auf dem Balkan, etwa Brar in Albanien oder Băile Herculane in Rumänien. Dort habe ich einige wirklich großartige Klettertage erlebt.
Zum Glück nicht radikal. Aber ich habe meinen Alltag definitiv angepasst. Ich versuche heute, weniger Veranstaltungen wahrzunehmen, weniger Videos zu produzieren und insgesamt bewusster mit meiner Zeit umzugehen. So kann ich Familie und Klettern besser miteinander verbinden. Auch meine Projekte plane ich inzwischen anders. Entweder sind es kürzere Reisen, oder sie liegen möglichst nah an meinem Zuhause. Einer der Hauptgründe für unseren Umzug nach Arco war genau das: Dort kann ich große Projekte direkt vor der Haustür haben und gleichzeitig viel Zeit mit meiner Familie verbringen.
Das Faszinierende ist, dass sich an meiner Begeisterung nichts geändert hat. Natürlich sind große Projekte und besondere Erfolge etwas Schönes. Aber am Ende geht es immer um dasselbe Gefühl: eine Bewegung zu lösen, den Fels zu verstehen und für einen Moment völlig im Klettern aufzugehen. Man muss nicht die härteste oder berühmteste Route der Welt klettern, um das zu erleben. Die schönsten Momente entstehen oft dort, wo niemand zuschaut. Und genau das ist wahrscheinlich der Grund, warum mich dieser Sport bis heute nicht loslässt.





