Sturzangst abbauen
Die liebe Angst

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Warum haben wir teils so furchtbare Angst beim Klettern? Und wie werden wir sie los? Info zur Sturzangst beim Klettern.

Take Heart Film über Angst beim Klettern
Foto: Jascha Polenz
In diesem Artikel:
  • Sturzangst beim Klettern
  • Hast du Angst beim Klettern?
  • Zeichen für Angst oder Unwohlsein beim Klettern:
  • Angst bremst
  • Wo kommt die Angst her?
  • Fallen als Urangst
  • Sturzangst ist ansteckend
  • Teufelskreis der Angst
  • Was man wissen muss, um Sturzangst loszuwerden
  • Erwartungshaltung und innerer Dialog
  • Sportpsychologische Tricks
  • Keine Panik – Tipps zum angstfreien Klettern
  • Was Partner tun können
  • Was es nicht bringt
  • Worum es letztlich geht und Einschränkungen
  • Interview mit Theresa Bergbauer zu Sturzangst
  • Nachtrag: Kursanbieter

Das Problem mit der Angst ist nicht, dass wir Angst haben. Das Problem ist vielmehr, dass sie uns am Klettern hindert. "Angst ist gesund, und bewahrt uns davor, unnötige Risiken einzugehen" – ganz falsch ist das nicht. Doch was hilft uns dieses Wissen gegen die Angst, die uns den Bauch zusammenzieht, und uns genau in dem Moment lähmt, in dem wir eigentlich frei, gelöst und vergnügt unserer Lieblingsbeschäftigung nachgehen möchten: nämlich in luftigen Höhen gegen die Schwerkraft zu kämpfen?

Die besten Tipps für Kletterer

Sturzangst beim Klettern

Manche Menschen scheinen unbekümmert und angstfrei, manche haben nur gelegentlich ein bisschen Angst, andere wiederum erliegen regelrechten Panik-Attacken. Die Angst vorm Stürzen verliert man nicht wie die Angst vor der Dunkelheit, wenn man den Lichtschalter gefunden hat – aber es gibt Methoden, wie man schneller ans Tageslicht finden kann. Und es gibt gute Gründe, dies zu wollen. Ein Überblick mit wertvollem Hintergrundwissen über Sturzangst beim Klettern.

Hast du Angst beim Klettern?

Aus der Motivationsforschung ist bekannt, dass Menschen Situationen, die mit Angst (oder unangenehmen Emotionen) verknüpft sind, tendenziell meiden. Daher vermeiden Kletterer mit Sturzangst meist, in eine Situation mit Sturzgefahr zu geraten. Es kann auch darauf hinauslaufen, dass das Klettern selbst keinen Spaß mehr macht und als stressig empfunden wird.

Zeichen für Angst oder Unwohlsein beim Klettern:

  • Nicht oder selten vorsteigen, oder zumindest ungern
  • Nicht über den Haken klettern wollen
  • Beim Klettern kaum Spaß empfinden, weil man entweder gegen Angst oder andere Gefühle von Unzulänglichkeit ankämpft
  • Fester zupacken als notwendig und so Kraft zu verpulvern
  • In eine Art Tunnelblick geraten
  • Sich gelähmt fühlen und sich nicht frei bewegen können
  • "Zu!" sagen, anstatt an die Sturzgrenze heranzuklettern
  • Nicht Onsight klettern, sondern nur projektieren
  • Lieber bouldern als klettern zu gehen
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Angst bremst

All diese Einschränkungen, vor allem das Phänomen, dass man unter Angst-Einfluss die Griffe deutlich fester zuschraubt als notwendig, sind limitierende Faktoren. Ist ja nicht weiter tragisch, könnte man meinen, schließlich wird man auch mit diesen Einschränkungen stärker und damit auch besser. Leider ist dem nicht so, erläutert der schottische Spitzenkletterer und Kletter-Coach Dave MacLeod: "Fear of Falling dictates your technique!" – Angst bestimmt unsere Kletterfähigkeit: "Man verschwendet riesig viel Kraft und häufig klettern sehr starke Kletterer weit unter ihrem tatsächlichen Potenzial." Kletterer, die mit ihrer Angst beschäftigt sind, können nicht an ihre tatsächliche Leistungsgrenze heran. Große Angst beim Klettern bremst damit unsere Entwicklung beim Klettern und vermiest uns auch den Spaß an der Sache.

Wo kommt die Angst her?

Um unsere Angst in den Griff zu bekommen, ist es hilfreich, die Angst und ihre Mechanismen zu kennen, damit man weiß, wo man ansetzen kann.

Angst beim Klettern ist normal und in gewissen Maßen gesund. Schließlich befinden wir uns in gefährlichen Höhen, also potenziell in Gefahr. Unser Geist läutet folgerichtig die Alarmglocken. Und wir begreifen intuitiv, dass drei oder acht oder hundertachtzig Meter über dem Boden kein Normalzustand sind. Deshalb müssen sich Kletter-Anfänger überwinden, wenn sie sich das erste Mal ins Seil setzen. Deshalb widerstrebt es dem Menschen, sich ungesichert in großen Höhen zu bewegen, und deshalb ist eine grundsätzliche Angst und Vorsicht beim Klettern und Sichern – gerade anfangs – normal. Und sinnvoll: Die Angst bewahrt uns davor, unnötige Risiken einzugehen.

Take Heart - Angst beim Klettern
Bergpol
Theresa Bergbauer lernte auf ihren Kletterreisen, besser mit ihrer Angst umzugehen.

Fallen als Urangst

Übrigens: Furcht vor dem Fallen ganz allgemein gehört zu den absoluten Urängsten der Menschen. Schon Neugeborene reagieren mit einem Angstreflex darauf. Nicht wenige Alpträume bestehen aus dem unangenehmen Gefühl des Fallens: Nur das schweißgebadete plötzliche Erwachen erlöst uns. Dass gewisse Ängste reflexhaft auftreten und weitverbreitet sind, ergibt evolutionär betrachtet Sinn: Angst vor Spinnen, Schlangen und Höhen könnte man durchaus als generell überlebensförderlich einordnen. Der für uns relevante Aspekt daran ist, dass gewisse Ängste in uns evolutionär gewachsen sind. Und damit nicht so leicht rational zu beeinflussen sind, sondern sozusagen am Verstand vorbei auf tieferliegenden Bahnen verlaufen. Und somit auch nicht so ohne weiteres von uns verändert werden können, sondern dass der Umgang damit regelrecht trainiert werden muss, und nicht mit einer einzelnen bewussten Entscheidung ein Schalter umgelegt werden kann.

Sturzangst ist ansteckend

"Eigentlich hatte ich nicht übermäßig viel Angst beim Klettern, als ich angefangen habe. Bis zu dem Tag, als ich mit einer sehr ängstlichen Kletterin gemeinsam am Fels klettern war. Das hat sich irgendwie auf mich übertragen, und seitdem bin ich selbst gestresst, wenn die Hakenabstände nicht optimal sind." So beschrieb es eine durchaus ambitionierte und begeisterte Kletterin aus Würzburg. Diese ungünstige Gedankenübertragung könnte an den sozialen Fähigkeiten der Menschen liegen, die dazu tendieren, Emotionen ihrer Mitmenschen widerzuspiegeln. Notiz für Betroffene: So viel wie möglich mit mutig-souveränen Kletterern losziehen, um die richtige Inspiration zu erhalten.

KL Sarah stürzt
Alan James
Angstfrei stürzen geht besser in schweren Routen, die sind üblicherweise besser abgesichert (hier: Margalef, Spanien).

Teufelskreis der Angst

Das Problem mit unserer Denkzentrale (aka Gehirn) ist, dass häufig ablaufende Denk- und Handlungsmuster mit der Zeit stärker werden. Deshalb bedeutet jedes Mal, das wir uns in die Angst hineinsteigern oder sie "gewinnen" lassen, also aufgeben, lieber topropen oder gar nicht erst einsteigen, eine Verstärkung für die gefühlte innere Machtlosigkeit. Und dazu kommt noch, dass wir uns selbst dafür noch schlecht fühlen, und nicht gerade begeistert und glücklich heimgehen. Um aus dieser Abwärtspirale auszusteigen, muss an beiden Baustellen angesetzt werden. Glücklicherweise ist die Gleichung nicht ganz linear, deshalb können schon wenige Schritte in die richtige Richtung viel bewegen.

Ein anderer negativer Verstärker bei eher gemäßigter Angst kann sein, dass wir aus Sturzangst nicht an die Sturzgrenze heranklettern, sondern lieber rechtzeitig "zu" sagen; der Partner macht zu, wir sitzen im Seil, die Angst lässt nach, nach kurzem Schütteln erkennen wir, was zu tun ist und klettern die Route souverän zu Ende. Wenn wir uns nun anschließend selbst einreden, dass es viel besser sei, die Route mit nur einer klitzekleinen Pause souverän zu klettern, anstatt einen Sturz zu riskieren, und das dann selbst glauben – dann verstärken wir eben auch damit unsere Sturzangst – indem wir das Stürzen selbst vermeiden. Auch hier wird Potenzial verschenkt.

Was man wissen muss, um Sturzangst loszuwerden

Wir Menschen sind komplex – fangen wir mit den Basics an. Am besten funktionieren wir, wenn wir ausgeschlafen, nicht zu hungrig oder durstig und vor allem: gutgelaunt und motiviert sind. Das klingt selbstverständlich und banal, ist es aber nicht. Schlecht geschlafen zu haben oder niedergeschlagen zu sein bedeutet eine ordentliche Einschränkung in der Leistungsfähigkeit, und dies gilt besonders fürs Gehirn. Denn hier sitzt ja unsere mentale Leistungsfähigkeit, sowie auch die Zentralverwaltung für Koordination und die fürs Fällen von Entscheidungen. Dies gilt es zu berücksichtigen. Zuletzt lässt sich die mentale Kapazität mit einem Muskel vergleichen: Training macht uns stärker, Vor-Ermüdung schränkt unsere Leistungsfähigkeit ein.

Erwartungshaltung und innerer Dialog

Keine Überraschung: Schaffen wir nicht, was wir (bewusst oder unbewusst) von uns selbst erwartet haben, sind wir mit uns unzufrieden. Deshalb lohnt es sich durchaus, einen bewussten Blick auf unsere Situation zu werfen, bevor wir in den Klettertag starten: Wie fit oder unfit bin ich gerade, sowohl mental als auch körperlich? Welche äußeren Bedingungen (Absicherung, Schwierigkeiten, Verfügbarkeit von Warmups, etc) erwarten mich heute? Daraus ableiten: Was wäre heute eine gute Leistung, was stellt mich zufrieden, womit muss ich im schlechtesten Fall rechnen? Und ebenfalls wichtig: Wie gehe ich dabei mit mir selbst um, wie hart oder wie geduldig bin ich dabei mit mir selbst? Verfüge ich heute über die Kapazitäten, geduldig und aufmunternd mit mir umzugehen? Dabei geht es nicht darum, mit allem einverstanden zu sein oder sich selbst zu verhätscheln, sondern ein realistisches Bild zu erlangen und sich nicht selbst unnötig fertig zu machen. Innerlicher Leistungsdruck kann zwar motivieren, zuviel aber auch das Selbstvertrauen untergraben.

Take Heart - Angst beim Klettern
Bergpol
Sich bewusst auf Tagesform und externe Gegebenheiten einstellen hilft, realistische Erwartungen zu entwickeln.

Sportpsychologische Tricks

Mentaltrainer wissen, dass für Bestleistungen eine optimale Mischung zwischen Anspannung und Entspannung nötig ist, zwischen Selbstvertrauen und Erwartungshaltung, zwischen Lockerheit und Angriffslust. Je entspannter, zuversichtlicher und angriffslustiger du bist, desto schwerer hat es die Angst. Die besten Leistungen liefern wir im Flow, wie der Psychologe Mihaly Czikzentmihaly ihn beschrieben hat. Dabei kommen wir in einen konzentrierten Zustand, der uns in unserer Tätigkeit aufgehen lässt und das Ergebnis unserer Aktivität in den Hintergrund treten lässt: Es geht zwar darum, unser Bestes zu geben, aber aus Freude am Tun, nicht weil es irgendwer erwartet.

Aus diesen Grundlagen lassen sich einige hilfreiche Herangehensweisen fürs Loswerden der Angst ableiten.

Keine Panik – Tipps zum angstfreien Klettern

  • Intention setzen: Checke deine Erwartungshaltung, die äußeren Gegebenheiten und deine Tagesform. Was wäre heute für dich zufriedenstellend? Was passiert, wenn du dies nicht erreichst? Was würdest du optimalerweise gern erreichen? Setze dir ein für dich realistisches Tagesziel, und mach dir klar, dass die Welt nicht untergeht, falls du es nicht erreichst. Das war nicht dein letzter Klettertag, sondern einfach nur ein Tagesziel.
  • Objektive Gefahren checken: Gerade in leichten Routen gibt es tatsächlich oft Momente, in denen man besser nicht stürzen sollte. Lege dir einen Schlachtplan zurecht, wo diese Stellen sind, wie du damit umgehst und was deine Optionen sind. Zum Beispiel: Lassen sich die Runouts oder die Meter zum ersten Haken per Clipstick entschärfen? Können stärkere Seilpartner eine Verlängerung einhängen? Oder, mögliches Tagesziel: Kannst du Nervenstärke beweisen und die Meter klettern? Vielleicht, wenn du vorher ruhst? Notiere mental auch die Abschnitte, auf denen Stürzen möglich ist und nichts wildes passieren wird.
  • Gründlich aufwärmen: Beim Warmup aktivieren wir nicht nur Muskeln und Gelenke, sondern auch den Kopf. Manche Profisportler bringen sich mit Schreien, Schlägen auf den Oberschenkel und ähnlich heftigen Methoden in Leistungsbereitschaft. Finde heraus, wie du dich selbst in Angriffslust bringst. Vielleicht hilft ein bisschen bouldern? Kurzes Anstrengen am mobilen Griffbrett? Ein kräftiger Sprint oder einige Burpees? Gut aufgewärmt fühlt sich auch die erste "leichte" Route nicht mehr einschüchternd schwer an, sondern wir sind schon imstande, unsere Fähigkeiten abzurufen und fühlen uns besser gewappnet.
  • Toleranz aufbauen: Ein bisschen Angst ist okay. Denk dran, dass Angst nützlich ist und dass du prinzipiell mit ihr einverstanden bist, und dich heute aber damit nicht so intensiv zu beschäftigen brauchst, weil du heute konzentriert kletterst. Versuche mit ein bisschen Angst weiterzuklettern, konzentriere dich auf das, was zu tun ist. Feiere angemessen, wenn du es schaffst, trotz Angst weiterzuklettern.
  • Atmung nutzen: Atme möglichst entspannt durch die Nase. Atme so, als wolltest du deinem Körper darüber mitteilen: Alles ist ok. Atme nicht zu tief oder zu schnell, sondern ruhig und eher leise. Auch wenn du die Luft kurz angehalten hast oder am Ruhepunkt ankommst, atme so entspannt und leise wie möglich. Sende deinem Körper das Signal, das alles unter Kontrolle ist (selbst wenn es das nicht ist).
Take Heart - Angst beim Klettern
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Mit der Atmung können wir unser Nervensystem beeinflussen und beruhigen.
  • Konzentration stärken: Je besser du es schaffst, dich aufs Klettern zu konzentrieren, desto weniger Chance hat die Angst, deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Suche dir daher ruhig schwere Routen aus, die dich voll fordern. In schwereren Routen gibt es meist mehr Haken und besseres Sturzgelände, und man muss sich automatisch mehr aufs Klettern konzentrieren. Immer wenn Angst aufkommen will, konzentriere dich so intensiv wie möglich auf die Griffe und Züge, aufs Klettern selbst.
  • Partnercheck, logisch: Mache grundsätzlich den Partnercheck. Beim Klettern selbst kannst du dich nun beruhigen: Alles ist ok.
  • Probesturz einbauen: Manchmal hilft es, wenn man vor einer unmöglich scheinenden Stelle ins Zögern gerät, einen kleinen Probesturz zu machen. Sprich dich mit der sichernden Person ab, und vergewissere dich mit dem Probesturz, dass das Fallen in Ordnung ist.
  • Gewöhnungeffekt mitnehmen: Steige so viel wie möglich, am besten immer, vor. Einen guten Leadkopf bekommt man nicht vom Topropen! Auch wenn das Exen-Einhängen schwieriger ist, versuche dies so oft wie möglich. Je öfter du dir beweist, dass du es kannst, desto normaler wird es und desto größer wird dein Selbstvertrauen. Außerdem stellst du damit direkt am Anfang des Tages die Weichen: Heute wird angegriffen!
  • Fake it till you make it: Tu so als ob. Bewege dich übertrieben locker und zuversichtlich und verhalte dich, als würdest du voll drüberstehen. Sei lieber ein bisschen albern als zu ernst. Kein Witz: Diese psychologischen Tricks funktionieren. Auch in der Wand beim Klettern, versuche nach außen hin cool und gelassen zu sein. Klettere so entspannt, als wärst du es. Natürlich geht es nicht darum, etwas zu verdrängen. Wobei – doch, genau darum geht es. Wir wollen etwas nicht Hilfreiches mit etwas Besserem ersetzen.
  • Mantra oder Powerlosung: Für mich persönlich hilft der Fokus darauf, so gut zu klettern wie ich kann. Und darauf all meine Aufmerksamkeit zu richten. Sauber stehen, flüssig bewegen, Route lesen, angemessen dosieren, und so weiter. Vielleicht hilft dir auch der Satz "Noch ein Zug!", der bei wiederholter Anwendung durchaus erfolgversprechend ist. Oder dir hilft "ich schaffe das" – oder zumindest: "ich probiere es einfach aus". Manchen hilft auch die Vorstellung eines inneren Spotlights: Der Scheinwerfer beleuchtet nur den nächsten Griff und den nächsten Tritt, dabei ist alles andere unwichtig. Also, suche dir eine Losung, dass dich dazu bringt, die Flucht nach vorn anzutreten.
  • Die Clip-Drop-Methode: Wer regelmäßig ins Seil segelt, gewöhnt sich daran. So geht's: Im leicht überhängenden Gelände ab dem vierten Haken immer nach dem Klippen loslassen. Anfangs mit Absprache, und mit Einhängen auf Brusthöhe, später ohne Absprechen und vielleicht mit dem Haken auf Hüfthöhe, und so weiter. Eine Variante ist, immer nach dem Einhängen des Umlenkers ins Seil zu springen, ohne "zu" zu sagen. Damit diese Art von Desensibilisierung funktioniert, muss sie oft und regelmäßig geübt werden.
  • Verantwortung übernehmen: Wenn wir auf jemand anderes' Anraten hin Dinge tun, die wir uns vielleicht selbst noch nicht zutrauen würden, ist es leicht, danach auch dem anderen das Scheitern in die Schuhe zu schieben. Damit solche Verquickungen gar nicht erst auftreten, solltest du selbst bestimmen, was du tust und wie du es tust.
  • Druck rausnehmen: Damit wir uns entwickeln können, brauchen wir Herausforderungen. Diese dürfen nicht zu groß sein und nicht zu klein. Manchmal brauchen wir auch nur einen entspannten Tag, weil wir eh schon genug Stress im Leben haben. Entscheide selbst und tagesaktuell, was du tun möchtest und von dir selbst erwartest. Sei dabei ehrlich dir selbst gegenüber. Wenn du unbewusst doch mehr von dir erwartest und dich deshalb unzulänglich fühlst, hilft dies nicht dabei, mental stärker zu werden.
  • Kontrollverlust akzeptieren: Meist ist gar nicht so gruselig, konkret ins Seil zu plumpsen, sondern dass wir nicht genau wissen und kontrollieren können, ob und wie es passieren wird. Vielleicht hilft ein Probesturz. Manchmal hilft auch, sich klar zu machen, dass der Wunsch nach Kontrolle zwar menschlich und oft auch hilfreich ist, aber beim Klettern stört. Bewusste Kontrolle steht Flow und persönlicher Höchstleistung im Weg. Denn komplexe Aufgaben erfordern die komplette Hingabe ans Tun. Entscheide dich für Zuversicht und traue dir zu, ein bisschen Unsicherheit auszuhalten.

Was Partner tun können

Ob Partner/in im Leben oder am Seil: In Sachen Sturzangst haben sie nur sehr eingeschränkt Möglichkeiten. Unterstützung sollten sie definitiv liefern: In Form von positivem Anfeuern, und natürlich den Wünschen zu entsprechen, die der ängstliche Kletterer äußert. Wenig hilfreich sind ungefragte Tipps, konkrete und weniger konkrete Anweisungen was zu tun ist ("greif doch einfach hoch"), herablassendes Anfeuern ("das schaffst du schon!"). Schon die simple Ansage: "An deinem Knie ist noch ein Tritt" kann ungünstig sein, weil sie impliziert, dass die kletternde Person nicht imstande ist, diesen selbst zu sehen. Daher empfiehlt sich, geduldig den Mund zu halten, außer man wird um Hilfe gebeten. Und sich sonst auf allgemein positiv verstärkendes Zusprechen zu verlegen: Auf geht's, bin dabei, gib Gas, allez, nice, geht scho, jawoll, geilo.

Was es nicht bringt

Es gibt Dinge, die üblicherweise bei Sturzangst empfohlen werden und die unserer Auffassung nach nicht helfen: Erstens Standard-Sturztraining und zweitens eine pseudopsychoanalytische Suche nach den Ursachen der Angst oder zugrundeliegendem Trauma. Beides kann man mal machen, ist aber nicht besonders zielführend, um das mulmig bis panikartige unangenehme Gefühl loszuwerden, dass viele von uns plagt. Warum? Erst einmal geht es um die Angst, und nicht um das Stürzen selbst. Und zweitens haben wir alle Sturzangst – nur können manche von uns sie (noch) nicht so gut kontrollieren. Der Grund steckt nicht in der persönlichen Geschichte.

Worum es letztlich geht und Einschränkungen

Letztlich geht es beim Thema Sturzangst nicht nur um die Angst oder das Stürzen. Sondern es geht darum, ob unser Kopf macht, was wir möchten, oder wir unserem Monkeymind ausgeliefert sind. (Monkeymind nennen Meditierende ihren Geist, wenn der wild herumspringt, statt sich zu konzentrieren). Ein Problem ist wie oben erwähnt, dass wir Gewohnheitstiere sind. Haben wir uns die Angst einmal angewöhnt, müssen wir auch etwas Zeit und Aufwand einkalkulieren, um uns wieder umzugewöhnen. Dabei hilft ein passender Fokus (zum Beispiel auf die Ausführung der Kletterzüge) und Motivation (vielleicht der Wille, stark und relaxed zu klettern) und es hilft, den Affen direkt jeden Tag streng an die Leine zu nehmen, damit er gar nicht beginnt, herumzuspringen, sondern sich daran gewöhnt, an der Leine zu laufen (jeden Klettertag im Vorstieg einzusteigen). Und kein Drama daraus zu machen, wenn der Affe dochmal ausbüxt und durchdreht. Das kann (und wird) immer mal passieren, ist aber an sich kein Drama. Je öfter und regelmäßiger wir uns mit dem Geist Mühe geben, desto eher wird er tun, was wir möchten. Wichtig ist, dass der Affe nicht durch Zwang gezähmt werden kann, sondern nur mit Geduld. Wir müssen uns immer wieder konzentrieren, aber dabei geduldig und liebevoll mit uns selbst bleiben. Der Geist kann sich schließlich nicht selbst bezwingen, aber er kann sich mit positiver Verstärkung selbst einen besseren Weg angewöhnen. Deshalb ist es wichtig, erreichte Tagesziele zu feiern und darauf zu fokussieren, wie viel Spaß das (schwer) Klettern macht.

Interview mit Theresa Bergbauer zu Sturzangst

Take Heart - Angst beim Klettern
Bergpol
Theresa Bergbauer, Kletterin und freie Journalistin

Kannst du das Angstgefühl beschreiben? Wie fühlt es sich im Körper an?

Die Angst sitzt bei mir vor allem im Kopf und breitet sich von dort im Körper aus. Wenn ich beim Klettern Angst habe, beginnen häufig meine Beine und Hände zu zittern, ich bekomme schwitzige Finger und jeder Moment fühlt sich so an, als würde ich gleich abrutschen. Klettern fühlt sich dann nicht mehr leicht an, die Bewegungen und Kletterzüge kosten unglaublich viel Energie und Überwindung. "Ich schaffe das eh nicht” oder "Das ist viel zu schwer” oder "Du stürzt ab, wenn du das jetzt versuchst” sind Gedanken, die mich in solchen Momenten begleiten und mich lähmen.

Im Rückblick, was war der Wendepunkt, dass die Überwindung der Angst gelungen ist?

Die Angst beim Klettern zu überwinden, war eine Art Prozess. Ich habe mit der Zeit gelernt, beim Klettern mehr auf mich und meine körperlichen Fähigkeiten zu vertrauen und an meiner inneren Einstellung zu arbeiten. Mich ab und zu selbst ins kalte Wasser zu schmeißen und Sportkletter-Routen auszuprobieren, die an meinem Limit liegen, hilft mir dabei, beim Klettern mental stärker zu werden. Um das machen zu können, weiß ich aber, dass ich trotzdem Geduld mit mir haben muss und mich nach längeren Kletter-Pausen erst wieder langsam an diese Schwierigkeitsgrade herantasten muss.

Was waren für dich wichtige Etappen?

Wichtige Etappen waren für mich zum einen die Reisen, die mich schon in die verschiedensten Klettergebiete in Europa geführt haben. Wir waren in den letzten Jahren unter anderem im Frankenjura, auf Teneriffa, San Vito lo Capo (Sizilien), El Chorro und Granada (Spanien). Durch das Klettern am Fels habe ich nochmal einen ganz anderen Bezug zum Sport bekommen. Besonders wertvoll empfinde ich den Austausch mit anderen Menschen aus der Kletter-Community. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Angstgefühl bei so ziemlich jedem vorhanden ist – egal wie stark man klettert.

Dein Tipp an andere Angsthasen?

Mir hilft es, mich beim Klettern auf meinen Atem zu fokussieren und vorab zu visualisieren, dass ich die Route schaffe und sicher oben ankomme. Meine innere Einstellung trägt viel dazu bei, wie es mir beim Klettern geht. Mit 'Mutig sein und einfach ausprobieren' komme ich oft weiter, als wenn ich zögere und vor Herausforderungen zurückschrecke. Ich habe mir inzwischen auch angewöhnt, an Stellen, an denen ich nicht weiterkomme, ein kleines Sturztraining zu machen und lasse mich dann ins Seil fallen, um mir zu zeigen, dass beim Stürzen eigentlich nichts Schlimmes passieren kann.

Im Film sprichst du von mehr Mut auch abseits der Wand, wie kann ich mir das vorstellen?

Durchs Klettern habe ich gelernt, dass ich Dinge schaffen kann, von denen ich früher dachte, dass ich nicht dazu in der Lage bin. Dadurch bin ich auch im Alltag mutiger geworden. Das heißt, ich stelle mich inzwischen gerne persönlichen Herausforderungen wie zum Beispiel alleine eine mehrtägige Fernwanderung zu unternehmen und dann draußen zu übernachten.

Kletterst du mittlerweile angstfrei?

Jeder Tag ist anders. Es gibt Tage, an denen ich überhaupt keine Angst beim Klettern habe und dann gibt es wieder Tage, an denen ich mehr mit Angstgefühlen zu kämpfen habe.

Siehst du dich irgendwann angstfrei klettern?

Um es frei nach Alexander Huber zu sagen: Die Angst kann beim Klettern auch ein sehr wichtiger Begleiter sein und ein guter Freund. Man kann seine Angst auch dazu nutzen, achtsamer zu werden und das vermeintlich negative Gefühl in einem positiven Licht betrachten. Angst kann uns beim Klettern davor bewahren, unvorsichtig zu sein oder lebensgefährliche Handlungen zu riskieren.

Danke Theresa!

Mehr zu ihr unter www.bergpol.de.

Nachtrag: Kursanbieter

Es gibt einige Kursanbieter, die sich auf den Abbau von Sturzangst spezialisiert haben. Zum Beispiel bietet Tobias Görtz von der Climbing Lodge in El Chorro unter dem Namen "Face Your Fears – Mentales Training" anbieten (www.klettern-in-spanien.de). Die Trainerin Michèle Knaup ist auch auf das Training von Mentalpower am Fels spezialisiert. Als ehemalige Snowboardmeisterin hatte Petra Müssig beste Einblicke in die Welt der Angst und Angstbewältigung. Sie coacht in verschiedenen Sportarten und ist Spezialistin fürs "Mentale". Hier erklärt sie, wie man mit Kopfes Hilfe besser klettert. Infos zu ihren Kursangeboten finden sich unter www.sport-im-kopf.de.

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