Im Herbst ist die perfekte Zeit, die Wanderschuhe zu schnüren und Weinregionen zu Fuß zu entdecken. Mal geht es auf schmalen Pfaden durch steile Lagen, mal auf gemütlichen Wegen von Winzerort zu Winzerort. Unterwegs erzählen Burgen, Kapellen und historische Altstädte von der langen Geschichte der Regionen. Und am Ende einer Etappe wartet oft eine Straußwirtschaft oder ein Weingut mit regionalen Spezialitäten und einem Glas Wein. Diese sechs Touren führen von der Ahr bis nach Württemberg – und zeigen, wie abwechslungsreich Weinwandern in Deutschland sein kann.

Ahr: In großer Kulisse
Als eine der schönsten Weitwanderrouten Deutschlands führt der Ahrsteig von Blankenheim in der Eifel bis nach Sinzig am Rhein (7 Etappen, 107 km, 3000 Hm). Die Strecke folgt der Ahr von ihrer Quelle durch das idyllische Obere Ahrtal mit seinen saftigen Wiesen und dichten Wäldern. Ab Altenahr wird es spektakulär: Der Weg steigt hinauf in eine Kulisse aus schroffen Felsformationen und öffnet Blicke auf steile Rotweinlagen. Höhepunkte im felsigen Herzstück sind das sagenumwobene Teufelsloch bei Altenahr, der majestätische Bergkegel der Ruine Saffenburg bei Mayschoß und der Krausbergturm, der Sicht über das gesamte Tal bietet. Der Ahrsteig verläuft hier sportlich über wald- und aussichtsreiche Höhenzüge, leitet aber immer wieder auch hinab in romantische Winzerorte. Zwischen Mayschoß, Rech und Bad Neuenahr-Ahrweiler gedeiht auf den typischen Schieferböden vor allem feiner Spätburgunder. Einkehren lässt sich in zahlreichen Straußwirtschaften und Traditionsweingütern. Besonders authentisch: die Weinlokale in Dernau, Mayschoß und Walporzheim mit ihrer familiären Atmosphäre. Info: ahrtal.de/ahrsteig

Pfalz: Ständig neu
So innig ist das Verhältnis der Pfälzer zu ihrem Wein, dass sie ihn gerne halbliterweise trinken: aus sogenannten Dubbegläsern. Auf dem Pfälzer Weinsteig kann man das ein oder andere davon bestellen. Er führt von Bockenheim nach Schweigen-Rechtenbach (11 Etappen, 172 km, 5000 Hm) entlang des Haardtrands durch eine bezaubernde Landschaft – mal durch sonnenverwöhnte Weinberge, mal durch schattige Kastanienwälder und mal entlang aussichtsreicher Buntsandsteinfelsen. Oft thront ein Festung auf den Hügeln – die Route verbindet die historischen Highlights der Pfalz vom Hambacher Schloss über die majestätische Burg Trifels bis zur Madenburg. Immer wieder öffnen sich Blicke über die Rheinebene bis hin zu den Vogesen, und ein Gasthaus liegt immer in Reichweite. Die Pfalz ist berühmt für ihren Riesling und Spätburgunder, aber auch Grauburgunder und Sauvignon Blanc gedeihen hier. Eine Einkehr lohnt sich etwa im Weingut von Winning in Deidesheim für Spitzenriesling, in der Weinstube Bächeleck in St. Martin für traditionelle Pfälzer Küche oder im Weingut Siegrist in Leinsweiler für erstklassigen Spätburgunder. Info: pfalz.de/pfaelzer-weinsteig

Mosel: Steil auf
Wer glaubt, Weinwandern sei gemütliches Spazieren, kennt den Calmont noch nicht. Mit bis zu 65 Grad Steigung ist dieser Weinberg an der Mosel nichts für schwache Waden, aber ein Erlebnis, das jeden Schweißtropfen wert ist – vor allem auf dem Calmonter Klettersteig. Die anderthalbstündige Route durch Europas steilsten Wingert verbindet die schmucken Winzerdörfer Bremm und Ediger-Eller. Sie verlangt Trittsicherheit und Schwindelfreiheit, belohnt aber mit atemberaubenden Tiefblicken auf die Moselschleife. Schieferhänge fallen beinahe senkrecht zum Fluss ab, schmale Pfade winden sich zwischen uralten Rebzeilen hindurch, Eisenleitern und Stahlseile sichern exponierte Passagen. Wer den Steig in einen etwas längeren Weg integrieren will, wählt den Kulturweg Calmont-Region (3 h, 9 km, 394 Hm) ab Bremm. Möchte man die Mosel lieber ohne Schwindelpartien erleben, bietet sich Etappe 16 des 365 Kilometer langen Moselsteigs an, sie leitet von Neef nach Ediger-Eller (4 h, 11,5 km, 400 Hm). Am Ziel lädt zum Beispiel das Weingut Borchert zur Verkostung eines Mosel-Rieslings ein. Info: visitmosel.de/wandern

Franken: Lange Tradition
Es war im Jahr 1659, als im fränkischen Steigerwald die ersten Silvanerreben auf deutschem Boden gepflanzt wurden. Bis heute gilt der dortige Silvaner als Referenz für die Rebsorte – Höhepunkt einer langen Tradition: Franken war im Mittelalter mit geschätzt über 40 000 Hektar Rebfläche das größte zusammenhängende Weinbaugebiet nördlich der Alpen. Auf dem Steigerwald-Panoramaweg von Bad Windsheim nach Bamberg bietet sich immer wieder die Möglichkeit zur Verkostung: Er führt auf aussichtsreichen 176 Kilometern durch sonnenverwöhnte Weinberge, lichte Streuobstwiesen und mächtige alte Rotbuchenwälder, die mit ihren säulenartigen Stämmen an Kathedralen erinnern (9 Tage, 3660 Hm). Feinen Bio-Silvaner bekommt man zum Beispiel am Ende der dritten Etappe in Iphofen auf dem Weingut Weigand, wo man auch übernachten kann. Die kräutrige Note bekommt der Wein von dem mineralreichen Keuperboden, der Feuchtigkeit besonders gut speichert – weswegen er im Steigerwald anders als in anderen fränkischen Weinbaugebieten ohne direkte Nachbarschaft zu einem Fluss auskommt. Info: steigerwaldtourismus.com/wandern

Würrtemberg: Hoch über Stuttgart
Die Sache war: König Wilhelm I. von Württemberg war seiner Frau Katharina Pawlowna untreu. Als sie von seiner Affäre erfuhr, reiste sie am 3. Januar 1819 bei eisiger Kälte in einem offenen Wagen zum königlichen Gestüt nach Scharnhausen und zog sich eine Lungenentzündung zu, an der sie 30-jährig starb. Reumütig ließ der König ihr ein paar Kilometer östlich von Stuttgart eine Grabkapelle im Stil eines Rundtempels errichten, in exquisiter Lage auf dem gut 400 Meter hohen Rotenberg. An einem sonnigen Herbsttag den Blick von hier über die Weinberge, das Neckartal und die Stadt schweifen zu lassen – reiner Genuss. Am besten deckt man sich vorher im Remstal mit einer guten Flasche Riesling oder Lemberger ein, zum Beispiel beim Weingut Aldinger in Fellbach. Dann fünf Kilometer zu Fuß hinauf zur Grabkapelle. Oder man nimmt einen längeren Anlauf per Rad – beispielweise auf dem Neckartal-Radweg ab Besigheim nach Esslingen (60 km, flach) und von dort zum Rotenberg. In Esslingen verproviantiert man sich mit einer Flasche Hochgewächs bei Kessler – Deutschlands älteste Sektkellerei, gegründet 1826. Info: neckartalradweg-bw.de

Rheinhessen: Von Ort zu Ort
Rheinhessen ist mit rund 27 000 Hektar Rebfläche das größte Weinbaugebiet Deutschlands. Auf dem gemütlichen Rhein-Terrassen-Weg zwischen Worms und Mainz (75 km, 790 Hm) bleibt viel Zeit, sich mit den lokalen Tropfen vertraut zu machen – jede der sechs Etappen endet in einem Winzerort. Weißweine dominieren, sie machen drei Viertel der hiesigen Produktion aus – Riesling, Müller-Thurgau, Grauburgunder und etwas Silvaner. Zu den faszinierendsten der vielen kulturellen Höhepunkte auf dieser Tour zählt das Oppenheimer Kellerlabyrinth, ein etwa 40 Kilometer langes, verzweigtes unterirdisches System aus Gängen und Gewölben, das sich über mehrere Etagen unter der historischen Altstadt von Oppenheim erstreckt: Im Mittelalter fehlte der zwischen Rhein und Weinbergen eingezwängten Handelsstadt der Platz zum Lagern von Waren – also verlegte man sich in die Tiefe. Oppenheim liegt am Ende der vierten Etappe des Rhein-Terrassen-Wegs und lässt sich wie jeder Etappenort auch leicht mit der Bahn erreichen, sodass man sich seine Tour nach eigenen Wünschen zusammenstellen kann. Info: rheinhessen.de/rheinterrassenweg





