Island - Halbinsel Hornstrandir - Reisebericht

Ganz weit draußen: Wandern auf der Halbinsel Hornstrandir

Foto: Maren Krings Island - Hornstrandir
Nirgends sonst auf Island sind Wanderer so den Elementen ausgesetzt wie auf der Halbinsel Hornstrandir. Regen und Sonne wechseln sich ab, und nachts singt der Wind ums Zelt.

Anreise nach Island: Am bequemsten reist man durch die Luft an (ab 300 Euro hin und zurück). Wer das eigene Fahrzeug mitnehmen will, muss drei Tage für die Fährfahrt investieren: ab 460 Euro einfach (zwei Personen + Fahrzeug)

Auf Island: Für die Ringstraße reicht ein normales Auto. Im Hochland und auf mit »F« markierten Straßen ist ein Geländewagen mit Allrad zwingend. Mit eigenem Bett ist man im Camper unterwegs: z. B. VW Caddy bei Hertz, 1640 Euro/14 Tage.

Per Boot zum Wandern: Zwei Linien teilen sich den Transfer nach Hornstrandir auf: borea.is fährt für 112 Euro nach Hornvik, für 88 Euro nach Veiðileysufjörður, jeweils einfache Fahrt; Sjóferðir ist etwas teurer. Hin- und Rückfahrt im Voraus buchen!

Auf eigene Faust: Wer in Eigenregie wandert, sollte konditionsstark und wetterfest sein, sich orientieren können und ein Satelliten-Kommunikationsgerät (z.B. Garmin InReach) mitnehmen. Es gibt kaum Handyempfang. Karte: Sérkort 12, Westfirðir, Mál og menning, 22,70 Euro.

Besser mit Guide? Guides erzählen beim Wandern viel über Geografie, Tiere und Pflanzen der Halbinsel. Bei boreaadventures.com erwarten einen sogar ein Gemeinschaftszelt und Campingzelte mit Feldbetten (3 Tage Hornstrandir inkl. Bootstransfer und Essen: ca. 950 Euro/Person). Wer es ganz bequem mag, bucht sich über die Experten von katla-travel.is seine ganze Islandreise zusammen.

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Unterkünfte, Campingplätze, Restaurants

Campingplatz: Ísafjörður besitzt zwei Campingplätze. Der in der Nähe des Hafens verströmt den Charme eines Fußballfelds, der andere bietet Gästen etwas außerhalb eine gemütliche Küche mit Herdplatte und Leih-Gitarre. Tungudalur Camping, 1800 ISK/Person (14 Euro)

Zelten in Hornstrandir: Im Nature Reserve Hornstrandir warten in Tages-Entfernung Camps mit Wasser und Plumpsklo. In der Saison schaut ein Platzwart nach dem Rechten, bei dem man sich melden sollte. Denn fehlt man bei der gebuchten Rückfahrt, startet über die Warte eine Suche. Wildzelten ist verboten; für Notfälle gibt es Biwakschachteln mit Funkgerät. Zelten ist in den Camps kostenlos.

Besuch beim Doktor: Das »Old Doctor’s House« ist ein guter Startplatz ins Hornstrandir-Abenteuer. ÜN mit Halbpension: 130 Euro. Boote von Ísafjörður und Bolungarvik

Wohnen im Leuchtturm: Der Leuchtturm Hornbjargsviti an der Nordwestküste bietet im Juli und August Betten für 65 Euro; zelten kostet 1800 Kronen (14 Euro)

Pub-Atmosphäre: Gemütlich speist man im Café-Bar- Restaurant Húsið mitten in Ísafjörður. Der »Fisch des Tages« kostet mit einem Dokkan-Bier rund 30 Euro.

Frischer Fisch: Am Heimatmuseum in Ísafjörðurs Altem Hafen beherbergt ein Holzhaus das Fischrestaurant Tjöruhúsið. Hier kommt alles fangfrisch auf die Tische.

IsafJöour war im 19. Jahrhundert die größte Stadt Islands. Salz-Kabeljau lag zum Trocknen sogar auf der Hauptstraße, Handwerker zogen zu, an den Fjordufern entstanden Höfe. Mit Helga I. Hausner kann man auf eine Zeitreise gehen.

Foto: Maren Krings Island - Hornstrandir

Als graues Band ruht der Fjord Veiðileysufjörður zwischen verwitterten Flanken.

Halbinsel Hornstrandir - Reisebericht

Der Bug knallt auf die Wellen, Gischt spritzt bis zu den Fenstern, Böen beuteln das Boot. Ich starre auf den Horizont. Bloß nicht seekrank werden ...Am Morgen bin ich mit der Fotografin Maren, Guide Anula aus Polen und Mit-Wanderin Carol aus dem US-amerikanischen Silicon Valley an Bord gegangen, jetzt fahren wir von Ìsafjör?ur, der mit 2500 Einwohnern größten Stadt der isländischen Westfjorde, nach Hornstrandir.

Wir wollen auf der 45 Kilometer breiten Halbinsel auf zwei Wanderrunden die Steilküste erkunden, am dritten Tag zum Fjord Veiðileysufjörður im Süden queren und per Boot zurückkehren. Die Westfjorde sind die ältesten Teile Islands. Sie bilden ein Gewirr aus Buchten und Fjorden und sind nur über eine zehn Kilometer breite Landbrücke mit dem Rest der Insel verbunden. Nach wie vor entzieht sich diese entlegene Gegend ein Stück weit dem Island-Run der letzten Jahre. Und auf die Halbinsel Hornstrandir im Norden der Westfjorde führen keine Straßen mehr; nur per Boot erreicht man sie.

Hier kann man den Elementen wie nirgendwo sonst bei der Arbeit zuschauen: Das Meer tobt ungebremst heran, Stürme schmirgeln an den Klippen, Eiseskälte und sengende Sonne knacken das Gestein. Wieder taucht das Boot in ein Wellental.

Foto: Boris Gnielka Polarfuchs

Das Naturreservat Horn­strandir ist das Reich der neugierigen Polarfüchse.

Echte Einsamkeit erleben

In der Hornvík-Bucht setzen wir mit einem Schlauchboot zum verlassenen Hof Horn über, schultern die Rucksäcke und steigen in Serpentinen bergauf, an kniehoher Engelwurz vorbei. Hier und da rutschen die Schuhe über feuchte Steine. Tannen-Bärlapp reckt seine Stiele mit dem Pelz aus Nadeln dem Licht entgegen, Arktischer Mohn hebt trotzig das Köpfchen. Ein kühler Wind bläst, ab und an streift uns Niesel. »Für Island richtig gutes Wetter«, sagt Maren. Zwei Wanderer kommen uns mit dicken Rucksäcken entgegen, dann sind wir allein.

Auf Hornstrandir kann man noch echte Einsamkeit erleben. Von den Fjordufern geht es steil hinauf auf ein Hochplateau, aus dem kahle Gipfel über 700 Meter aufragen. Im Westen stürzt die Hochebene senkrecht bis zu 500 Meter tief ins Meer. Pfade führen zwar zu ausgewiesenen Zeltplätzen, aber nicht immer sind sie leicht zu erkennen, selten mit Stöcken markiert. Ob wir wohl Polarfüchse sehen? Seit 1975 ist Hornstrandir ein Naturreservat und gehört den Füchsen; keine Schafe, Kühe oder Pferde streifen mehr umher. Kaum habe ich den Wunsch zu Ende gedacht, tollen schon zwei junge Exemplare, ein silberheller, ein schokobrauner, durch das Moos. Der helle bemerkt uns und trabt neugierig näher, umkreist uns mit zuckender Nase.

Foto: Maren Krings Island - Hornstrandir

Die Bäche auf Hornstrandir sind sauber; überall kann man seine Tasse füllen.

Als der Hang abflacht, legen wir eine Pause ein. Sonnenstrahlen lassen einzelne Flecken auf dem Schwemmland am Ende der Bucht und auf den Bergen gegenüber grellgrün aufleuchten. Dann steigen wir das letzte Stück zum Klippenrand Hornbjarg auf. Anula schärft uns ein, nur auf dem Bauch an den Abgrund zu kriechen, denn wir haben ablandigen Wind. Ich krabble mit dem Kinn knapp über dem Gras auf die Kante zu.

500 Meter unter mir nagt das Meer am Fels, links und rechts überragen Wände, dünn wie Rasierklingen, den eigentlichen Rand. An der Meerseite krallen sich Löffelkraut und Moose in jeder Lücke fest, Möwen kauern in schmalen Nischen. Im Sommer nisten hier auch Papageitaucher; jetzt im September haben sie ihr Leben auf See aufgenommen und kehren erst im April zurück.

Foto: Maren Krings Island - Hornstrandir

Fünf Jahre braucht das Treibholz für seinen Weg von Sibirien nach Island.

In der Nachbarbucht schimmert ein weißer Schemen. »Ein Eisberg«, sagt Anula. »Sie treiben von Grönland heran.« Immerhin über eine Distanz von 300 Kilometern, und man sagt, dass manchmal Eisbären auf ihnen mitreisen. Carol laboriert an einer Erkältung, außerdem schmerzt ihr Knie. Deswegen steuert Anula jetzt direkt das Camp an, statt mit uns noch auf die äußerste Spitze »Horn« zu wandern.

Normalerweise geht sie mit ihren Gästen am ersten Tag eine Runde von zehn Kilometern, aber das macht Carols Knie auf keinen Fall mit. Also steigen wir ab und wandern um die Bucht herum. Eine Singschwanfamilie rudert davon, auf den Wellen schaukeln Trupps von Eiderenten, es riecht nach Tang, Meergras, Fisch. Vom Camp trennt uns nur noch ein Fluss – Schuhe aus, Hosenbeine hoch.

Foto: Maren Krings Island - Hornstrandir

Ein Hauch von Luxus: Im Zelt-Camp in Höfn stehen schon die Feldbetten bereit.

Wildes Glamping

Nach ein paar Schritten verlässt das Gefühl die Zehen, das Wasser reicht bis knapp übers Knie. Am anderen Ufer folgen wir Fußspuren durch schwarze Dünen zum Camp am Strand, in dem wir die nächsten beiden Nächte verbringen werden. Hier steht ein grünes Gemeinschaftszelt, und in drei Wohnzelten warten Feldbetten und Schlafsäcke: Glamping im wildesten Eck Islands. Der Wind weht unablässig um das Gemeinschaftszelt, der Gasofen knistert und heißer Kakao dampft in den Tassen.

Morgens bricht die Sonne andeutungsweise durch, verleiht dem schwarzen Sand einen silbernen Hauch und wandelt das Bleigrau des Fjords in hellen Schiefer. Nach dem Frühstück brechen wir auf, ohne Carol, deren Erkältung voll zuschlägt. Anula hat ein Boot für sie geordert; sie wird weg sein, wenn wir von der Tour zurückkommen. Wir waten durch den Fluss, gut gelaunt, denn wir erwarten immer noch einen sonnigen Tag – das wäre perfekt für die heutige 15-Kilometer-Runde.

Foto: Maren Krings Island - Hornstrandir

Einzelne Felsbrocken trotzen in der Hornvík-Bucht den nagenden Elementen.

Steil folgen wir einem anderen Pfad als gestern nach oben. Doch die Berge hüllen ihre Köpfe in Wolken, am Kýrskard-Pass weht ein eisiger Wind, der uns in die Regenhaut zwingt – Aussicht Fehlanzeige. Die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, folgen wir im Gänsemarsch dem Pfad abwärts zum Leuchtturm Hornbjargviti, der auf der Steilküste thront. Die Wolkenfeuchte geht langsam in Niesel über, abgelöst von richtigem Regen.

Auf der Terrasse am Leuchtturm spannen wir Anulas Tarp auf und mümmeln Brote. Doch wir kühlen langsam aus und wandern schließlich weiter, immer oben am Klippenrand entlang. Unregelmäßig erschallt ein Donnern, so mächtig, dass man das Grollen im Magen spürt. Es wird lauter und lauter, und endlich kann ich in eine Arena aus Klippen hinabspähen, in der das Meer tobt. Gewaltige Wellen drücken ab und an durch einen Tunnel in einen kleineren Nebenkessel, und dann dröhnt die ganze Arena auf. Die schiere Urgewalt bannt mich, und ich kann mich kaum von dem Rauschen und Gischten und Strömen losreißen.

Noch lange klingt das Donnern nach. Auf dem Rückweg ins Camp ist die Welt wie in Watte gehüllt. Man hört nur den Niesel auf der Kapuze knistern, das Zischen, wenn die Regenhosenbeine aneinanderstreifen, und das Knarzen des Rucksacks. Am nächsten Morgen scheint endlich die Sonne. Trompetend taucht ein Schwarm Singschwäne in die Bucht ein, Robben räkeln sich auf Felsen. Wir räumen zusammen, wenden den Pfaden zur Steilküste den Rücken zu und wandern aufs Hochplateau hinauf. Beim Blick zurück liegt die Bucht wie ein riesiges Amphitheater zu unseren Füßen.

Wolken wälzen sich am Himmel, streifen die Gipfel und die Rasiermesser-Klippen gegenüber, und über dem Pass von gestern steht ein Regenbogen. Auf dem 519 Meter hohen Hafnarskarð-Pass haben wir die Hälfte des zehn Kilometer langen Wegs geschafft und schauen auf den gewundenen Fjord. Bergflanken aus Schichten verschiedener Gesteine säumen ihn. »Die Vulkane sind damals unter einem Eispanzer ausgebrochen – so ist die Lava zur Seite geflossen und gepresst worden«, erklärt Anula.

Im Laufe der Zeit ist der Basalt erodiert und ergießt sich jetzt in Schutthängen ins Meer. Bei jedem Schritt zum Fjord steigt die Temperatur, am Ufer warten wir auf das Boot nach Ìsafjör?ur. So stürmisch Hornstrandir uns empfangen hat, so zahm gibt es sich jetzt. Ruhig gleitet das Boot dahin. Beim Einlaufen in den Hafen von Ìsafjör?ur wirken die wenigen Gebäude wie eine Metropole. Schon drei Tage in den Elementen genügen, um den Blick auf die Zivilisation zu verändern.

Foto: Redaktion Island - Hornstrandir

Die einzelnen Etappen im Überblick

Hornbjarg 11 km, 5 Stunden, 900 Höhenmeter Die anspruchsvolle Runde zu den »Vogelklippen« Hornbjarg führt vom aufgelassenen Hof Horn (Bootsanleger) zur äußersten Spitze »Horn«. Von hier überschaut man die ganze Hornvík-Bucht. Der Pfad folgt den Klippen zum Miðfell und steil ins Miðdalur-Tal; an der heikelsten Stelle hilft ein Seil weiter. Im Geländeeinschnitt wartet ein imposanter Blick auf 500 Meter senkrecht herabfallende Klippen. Über einen Grat besteigt man den Kálfatindar (535 m) mit seinem Blick bis zum Gletscher Drangajökull. Dann geht es zur Bucht hinab und am Ufer um sie herum. Durch den Fluss waten – und schon ist man im Camp.

Zum Leuchtturm 15 km, 7–8 Stunden, 1050 Höhenmeter Auf dieser kräftezehrenden Runde zu spektakulären Plätzen quert man zuerst wieder den Fluss und steigt dann steil in Serpentinen zum Kýrskard-Pass hinauf, etwas südlich der Route von Tag 1. Über geröllige Pfade, später zwischen Büschen und Engelwurz hindurch wandert man zur Steilküste mit dem Leuchtturm Hornbjargsviti hinab. An einem Klippenkessel mit Wasserfall vorbei und am Klippenrand entlang nach oben und über den Almenningar- Pass wieder Richtung Hornvík-Bucht zurück. Am Drífandi-Wasserfall vorbei, immer dem Ufer der Bucht nach. Durch den Fluss waten, zurück ins Camp.

Traverse 10 km, 4–5 Stunden, 550 Höhenmeter Über den Hafnarskarð-Pass (519 m) geht es zum gewundenen Fjord Veiðileysufjörður. Aus dem Camp wandert man aufs Hochplateau und dann steil auf den Pass. Hier öffnet sich ein traumhafter Blick über die Hornvík-Bucht, nach dem felsigen Pass kehrt man Schritt um Schritt zurück in die grüne, fruchtbare Welt des Fjords. Am Ufer holt das Boot Wanderer ab und bringt sie nach Ìsafjörður.

21 Tipps – FAQ-Wissen: Die brennendsten Fragen zum Wandern auf Hornstrandir klärt der Blog boreaadventures.com/information/blog/Hornstranded/

Foto: Maren Krings Island - Hornstrandir

An den Vogelklippen Horn­ bjarg brüten im Sommer Möwen und Papageitaucher.

Tipps der Autorin Kerstin Rotard

Was wächst da?
Da ich ein Pflanzen-Nerd bin, will ich immer wissen, was an den Pfaden wächst. Eine gute Übersicht (auch mit deutschen Namen!) gibt die botanische Karte »Plöntukort Íslands« von Mál og menning (14 Euro vor Ort).

So weit die Straße reicht
Die wirklich letzte Siedlung vor Grönland, die man im Auto erreichen kann, heißt Bolungarvik. Nach einem kalten, verregneten Wandertag taucht man dort wohlig im Schwimmbad ab.

Lokal-Bräu
In Isafjörður gibt es die einzige Lokalbrauerei der West- fjords. Hier kann man die vier Biersorten verkosten und seinen Favoriten einkaufen und mitnehmen. Offen unter der Woche ab 13 Uhr. dokkanbrugghus.is

Ausrüstungstipps


Weitere Traumtreks kurz vorgestellt

14.12.2018
Autor: Kerstin Rotard
© outdoor
Ausgabe 11/2018