Vergiss die Stoppuhr: Trail-Profi erklärt, was beim Laufen wirklich zählt

Faszination Trailrunning
Blandine l’Hirondel: „Es ist dieses Gefühl der Freiheit, das mich antreibt“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 03.07.2026
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BLANDINE L’HIRONDEL, Trailrunning
Foto: Anthony Bouchigha
Wie bist du zum Laufen gekommen?

Ziemlich spät. Ich war 26 oder 27 Jahre alt. Davor habe ich Medizin studiert, bin gern feiern gegangen – Sport spielte bei mir nicht die Hauptrolle. Dann habe ich Trailrunning entdeckt. Während meiner Ausbildung zur Gynäkologin war ich in Ruanda, und dort habe ich mit dem Trailrunning angefangen: erst kurze Strecken, aber sehr schnell lange Distanzen. Ich habe mich in nur sechs Monaten von null Kilometern auf 100-Kilometer-Distanzen gesteigert. Als ich dann mit Hochleistungsathletinnen in Kontakt kam und zum ersten Mal einen Coach hatte, habe ich Reset gedrückt: alles nochmal neu, aber richtig. Ich bin wieder bei 10 Kilometer, 20 Kilometer gestartet und habe mich dann über Jahre Richtung Ultra entwickelt. So ist es auch logisch fürs Training: Schritt für Schritt – über etwa fünf Jahre.

Was war bisher dein härtester Lauf?

Der längste war die Diagonale des Fous. (170 km, 10500 Hm, siehe Video unten). Aber "am härtesten" ist ein schwieriger Begriff. Für mich ist die Schwierigkeit nicht proportional zur Distanz. Die Intensität entscheidet. Diesen Winter habe ich etwa für einen Crosslauf trainiert – das ist brutal, wegen der Intensität. Ein Ultratrail ist natürlich am Ende mental sehr hart, wenn Schmerzen da sind. Aber über 10 oder 15 Stunden kann es sich auch "okay" anfühlen.

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Also geht es mehr ums Terrain?

Vor allem um die Intensität. Und die Distanzen zwischen etwa 15 und 100 Kilometern finde ich oft besonders schwer: Du musst schnell laufen, also mit hoher Intensität – aber eben sehr lange. Für mich sind das 10 bis 12 Stunden. Das ist hart.

Kannst du dich an ein Rennen erinnern, das in diesem Sinne extrem hart war?

Ich hatte viele harte Rennen. Aber der letzte CCC (Courmayeur-Champex-Chamonix) war sehr schwierig. Ich bin am Anfang ein sehr hohes Tempo gelaufen und musste das halten. Etwa 10 bis 15 Kilometer vor dem Ziel bin ich mit dem Fuß umgeknickt. Ich lag zu dem Zeitpunkt auf Platz zwei – acht Kilometer vor dem Ziel haben mich zwei Läuferinnen überholt. Ich bin auf Platz vier gefallen – eine Stunde vor Rennende, nachdem ich zwölf Stunden lang vorne dabei war. Das war mental und körperlich sehr hart.

Wie bereitest du dich auf solche Rennen vor – wie trainierst du grundsätzlich?

Es hängt vom Rennen ab. Auf den UTMB (Ultra-Trail du Mont-Blanc) zum Beispiel bereitet man sich wirklich lange vor – das beginnt schon im Winter. Da mache ich erst einmal ungefähr einen Monat gar nichts, um richtig zu regenerieren. Dann kommt eine Phase mit schnellen Einheiten – deshalb laufe ich zum Beispiel die französischen Crossmeisterschaften, etwa 10 Kilometer, aber sehr schnell. Viel "kurz und schnell" hat zwei Vorteile: Erstens sammle ich nicht zu viele Kilometer, die hebe ich mir für den Sommer auf. Zweitens macht es mich schneller – und beim UTMB musst du auch schnell laufen können. Ab März/April steigere ich dann Umfang und Länge im Training. Die Intensität bleibt, erreicht aber nicht das Maximum – eher längere Intervalle im mittleren Bereich. Ein wichtiger Baustein ist für mich außerdem ein Rennen wie Anfang Mai der Transvulcania auf La Palma über etwa 75 Kilometer. Das ist eine gute Zwischenstufe, ein Mittelstrecken-Schritt in Richtung UTMB, einige Monate vorher. Und im Sommer mache ich viele Erkundungsläufe rund um den Mont-Blanc, um die Strecke wirklich zu kennen und sehr spezifisch zu trainieren. Und dann: zwei Wochen vor dem Rennen beginne ich mit dem Tapering – viel Erholung, um mit 100 Prozent am Start zu sein.

Was bedeutet Tapering?

Zwei Wochen vorher ist es vor allem Rest, Recovery – Beine hoch, im Bett. Als Trailrunnerin braucht man nicht wahnsinnig viel.

Was hast du normalerweise dabei – Schuhe, Equipment?

Mein Schuh ist der Kiprun Kipsummit Race – und für den UTMB will ich dieses Jahr versuchen, das ganze Rennen mit demselben Modell zu laufen, ohne unterwegs zu wechseln. Außerdem nutze ich einen Kiprun Hydration Pack, das neue 10-Liter-Modell. Und dann: Shorts, T-Shirt – das Übliche, was man am Körper trägt.

Wie viel Wasser nimmst du mit?

An Wasser habe ich meistens etwa einen Liter dabei. Wenn es sehr heiß ist oder bei starker Sonneneinstrahlung auch manchmal 1,5 Liter – aber nie mehr als das, weil die Verpflegungsstationen bei solchen Rennen ja relativ häufig kommen.

Welchen Rat würdest du für den Einstieg ins Trailrunning geben?

Mein wichtigster Rat klingt banal, ist aber entscheidend: langsam steigern. Euer Körper ist fantastisch, aber er ist nicht daran gewöhnt, in kurzer Zeit extreme Trails zu laufen. Also: langsam steigern – 5, 10, 15 Kilometer. Und dabei immer den Spaß behalten! Und: Hört auf euren Körper. Wenn sich etwas falsch anfühlt oder ihr Schmerzen habt, stoppt lieber und geht zum Arzt oder zur Physiotherapie – Und: Gönnt euch ausreichend Erholung! Eine Verletzung kann euch sonst sehr lange ausbremsen.

Viele glauben: Trailrunning heißt, man muss immer durchlaufen. Aber es gibt ja auch Abschnitte, auf denen man geht, wenn es steil ist ...

Ja, absolut – und das ist ein sehr guter Punkt. Ich mache selbst oft den Fehler, überall laufen zu wollen. Aber wenn es sehr steil wird, ist es oft besser zu gehen – mit Stöcken. Das ist energetisch viel effizienter. Wenn du wirklich jede Steigung läufst, kannst du ein langes Rennen oft nicht zu Ende bringen – erst recht nicht bei Ultratrails. Und wenn du gut darin bist, schnell zu gehen, kannst du am Berg fast so schnell sein wie jemand, der läuft – nur mit deutlich besserer Ökonomie. Deshalb: Gehpassagen gehören dazu. Man muss das allerdings vorher gut trainieren: das schnelle Gehen mit Stöcken.

Bei mehr als 1000 Höhenmetern im Aufstieg starten auch Trailrunner lieber früh. Hier: Am Sasseneire (3254 m)
PatitucciPhoto
Wie verhinderst du, dass du dich wund scheuerst beim Laufen? Hast du einen Tipp?

Ich benutze Anti-Reibungscreme. Mittlerweile weiß ich genau, wo bei mir Reibung entsteht – das ist bei jeder Person verschieden. Bei Männern oft anders als bei Frauen, zum Beispiel durch die Beinform. Bei mir ist es auch am Rücken ein Thema. Ich creme mich vor dem Rennen ein – und an den Verpflegungsstationen trage ich nach. Denn durch Schweiß und lange Belastung verschwindet die Creme mit der Zeit. Außerdem hilft gute Ausrüstung ohne scheuernde Nähte oder kritische Stellen: Eine Stunde lang geht vieles, aber nach 20 oder 30 Stunden wird es kompliziert. Bei manchen Stellen hilft auch eng anliegende Kleidung.

Was sind die drei wichtigsten Eigenschaften, die ein Trailrunner mitbringen sollte?

Erstens: Leidenschaft. Du verbringst sehr viele Stunden in den Bergen – du musst es wirklich mögen. Zweitens: die Fähigkeit, Schmerz zu akzeptieren – aber drittens gleichzeitig: sich selbst kennen und auf sich hören. Schmerz ist okay, aber wenn es der "falsche" Schmerz ist, musst du ihn erkennen und reagieren können.

Was liebst du am Trailrunning am meisten – was hält dich dabei?

Dieses Gefühl der Freiheit in den Bergen. Ich mag auch den Wettkampf – ich bin sehr kompetitiv. Ich bin eben Profi-Trailrunnerin, und es ist ein Traum, davon leben zu können: essen, laufen, schlafen – es ist ein sehr cooler Job!

Was macht die Berge für dich besonders?

In den Bergen fühle ich mich wie in einer Bubble: weit weg von der Zivilisation und den Problemen der Welt. Natürlich muss ich informiert sein – aber in den Bergen fühle ich mich geschützt. Ich mag dieses Verbundensein mit der Natur.

Fazit