Wie komme ich zum Startpunkt am Rhein?
Die Tour startet in Lorch am Rhein. Mit der Regionalbahn kommt man von Frankfurt/Main in ungefähr anderthalb Stunden hin. Mit dem Auto ab Köln in zwei Stunden, ab Stuttgart in drei Stunden, ab Hamburg in sechseinhalb. Um die mit dem Rad herausgestrampelte Top-C0₂-Bilanz des Trips nicht zu trüben, empfehlen wird die Anreise per Bahn.
Wie komme ich zurück?
Zurück nach Hause (oder erst einmal zum in Lorch am Rhein geparkten Auto) kommt man besten von Fulda aus. Entweder rollt man die 30 Kilometer dorthin noch am selben Tag von der Wasserkuppe (950m) hinab, oder man gönnt sich vorher unterhalb der Wasserkuppe eine Übernachtung beispielsweise im sechs Kilometer entfernten Poppenhausen.
Die Tour auf die Wasserkuppe in der Übersicht
Wann ist die beste Reisezeit für die Rhön-Tour?
Weite Teile des Weges bekommen nur wenig Schatten ab, deswegen sollte man den Hochsommer meiden.
Wie kann ich mich auf Tour orientieren?
Da die Route im Eigenbau entstand, nutzt man am besten unsere GPX-Daten (siehe Komoot-Karte oben).
Welche Taktik wird empfohlen?
Etwas Kondition braucht man für die Tour. Es empfiehlt sich, sich am ersten Tag nicht übermäßig zu verausgaben, da 1450 der insgesamt 1900 Höhenmeter am zweiten Tag kommen. Die erste Etappe hat in der vorgestellten Aufteilung 125 Kilometer, die zweite 110.
Wie ist die Wegbeschaffenheit?
Die Route führt auf Radwegen, Nebenstraßen und gelegentlich Schotterwegen entlang. Gravelbikes und solide Tourenräder sind dafür optimal, technisch schwierige Abschnitte gibt es nicht. Wen verkehrsreiche (Bundes-)Straßen nicht stören, der kann die Strecke um etwa 20 Kilometer kürzen. Unter der Woche genießt man die Berge der Rhön (2. Tag) ungestört von Ausflugsverkehr – nach unserer Erfahrung ist es dort aber auch am Wochenende noch angenehm.
Wo lässt es sich gut übernachten und einkehren?
Verteilt man die Strecke auf zwei Tage, bietet es sich an, sich 20 bis 30 Kilometer hinter Hanau ein Quartier zu sichern. Das Altstadt-Hotel in Gelnhausen beispielsweise ist in einem Fachwerkgebäude aus dem 17. Jahrhundert untergebracht, man kommt in den rustikal eingerichteten Zimmern ab 89 Euro/DZ unter. altstadthotel-gelnhausen.de. Abends lässt man sich in Gelnhausen wahlweise afghanische Küche im Restaurant Durrani schmecken (restaurant-durrani.de) oder Deftiges im Restaurant Kaufmanns in der Hanauer Landstraße 31 (speisekarte.de/gelnhausen/restaurant/kaufmanns/speisekarte). Wer am Ziel auf der Wasserkuppe nicht gleich die Rückreise antreten will, findet im Best Western Rhön Garden in Poppenhausen eine nahgelegene, komfortable und radfreundliche Unterkunft. Stornierbares DZ ab 135 Euro/ Nacht. bestwestern.de
Tourenbericht: Vom Rhein auf die Wasserkuppe
"Ich habe Elektrolytpulver dabei", sagt Boris am Bahnhof. Ich weiß es ja nicht, aber ich finde, wenn Elektrolytpulver ins Spiel kommt, dann wird es ernst. Fürchtet der Kollege, dass ich vom Rad kippe und den Plan vergeige? Wir wollen vom niedrigsten Punkt Hessens zum höchsten, in zwei Tagen: von Lorch am Rhein bis auf die Wasserkuppe, 235 Kilometer und 1900 Höhenmeter. Nein, es war kein Alkohol im Spiel, oder kaum. Boris hatte nur laut über die Idee nachgedacht und ich mich, sagen wir: gemeldet. Wenn man sich mal verausgaben will, dann muss man sich nur bei Boris melden. Vier verschiedene Regionalbahnen schaukeln uns von Stuttgart zum Start in Lorch am Rhein. "Irgendwie hängt deine Lenkerrolle komisch runter", sagt Boris gleich in der ersten. Kann schon sein, dass an meinem geliehenen Gravelbike nicht alle ebenso geliehenen Bikepacking-Taschen korrekt hängen. Unbegreiflicherweise hat der Kollege Ausrüstungsredakteur Kabelbinder dabei, mit dem er das Problem behebt. SEIN Rad sieht ordentlich gepackt und professionell aus, seine Waden wirken trainiert und braungebrannt. Ob das hier das Richtige für mich ist? Aber irgendwie, denke ich mir, wirst du es schon schaffen. In den Anfangsjahren der Tour de France sind sie Tagesetappen von 400 Kilometern gefahren, auf Rädern mit genau einem Gang. Da werde ich mit meinem Dreizehn-Gang-Modell ja wohl auf die Wasserkuppe kommen, 950 Meter hoch. Man hat sich ja auch schon bei den Kollegen in der Kühnheit des eigenen Plans gesonnt, da steht man in der Pflicht. Und es kommen immer neue Leute dazu, jetzt auch noch die Männer des SKG Bickenbach, Abt. Fußball. Wir treffen die Mannschaft im vierten Zug an, in Gesellschaft eines Kasten Biers, immensem Blasendrucks und eines defekten Klos. Die Bickenbacher sind in die Gruppenliga aufgestiegen, sie wollen feiern, in Rüdesheim. "Und ihr, wo geht’s hin?" – "Auf die Wasserkuppe." "Respekt." Mal schauen, ob wir ihn verdienen, denke ich in Lorch, dann zischen die Türen auf, und die Hitze knallt uns auf die Helme. Es ist jetzt erst halb zwölf, aber ich denke sofort an ein Weizenbier, meinetwegen alkoholfrei. Und ich denke auch: Eigentlich hätten wir genauso gut in Frankfurt losfahren können. Das liegt auch nicht viel höher als Lorch am Rhein, und man hätte sich 80 Kilometer sparen können. Aber den allerniedrigsten Punkt Hessens hat die Erdgeschichte gemeinsam mit den USA nun einmal ganz in den Südwesten verfügt, auf 78 Meter über dem Meeresspiegel. Unsere Route weist immer nach Osten, heute die meiste Zeit flach bis mäßig steigend. Die Fähre bringt uns auf die andere Seite des Rheins.

Immer noch auf 78 Metern über dem Meeresspiegel. Der Anblick der nähernden Rheinfähre löst starke Emotionen aus.
Normalerweise gondele ich auf einem 26er-Mountainbike umher; mit einem Gravelbike, das merke ich gleich, geht es schneller. Du brauchst nur einmal treten und hast schon einen Kilometer geschafft. Wir schwirren am Fluss entlang, den Sommer um die Beine, im Blick die Burg, den Weinberg, den Kormoran. Ah, Abbiegung. In flirrender Hitze fliegen gelbe Felder vorbei, Mohn und Kornblumen, zwei, drei … sechs Störche staksen auf einer Wiese. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dann brauchen wir den zweiten Tag gar nicht mehr. Bleibt doch auch ewig hell im Juni. Ich greife den Lenker tief, rausche in die nächste Kurve, die wird aus irgendeinem Grund immer enger, dann trägt es mich hinaus auf die Böschung. Ich rumple hoch, rumple wieder runter, Erkenntnis: Ein Gravelbike leihen ist okay, aber man muss der Geschwindigkeit, die man erzeugt, auch gewachsen sein. Im Nu erreichen wir Mainz und wechseln hinüber nach Wiesbaden (115 Meter ü.d.M.). Unten am Rheinstrand wummern Beats, und hätte man an Bargeld gedacht, könnte man hier ein Weizen trinken. Schon ein Stück draußen aus der Stadt, im Malama Restaurant & Lounge, akzeptieren sie Karten. Nur gibt es kein Weizen und auch sonst nichts Bierähnliches. "Penne Napoli. Und Johannisbeerschorle", sagt Boris ergeben. Johannisbeerschorle.
Im gleißenden Licht des Nachmittags verschwimmen die Bilder zu einer Dauerfatamorgana: im Vorbeirauschen abgeerntete Felder, eine Frau, die im Schatten eines Wäldchens telefoniert, Pferdekoppeln, ein Dorf, in dem ein weißer Rolls Royce einer hupenden Hochzeitsgesellschaft voranfährt. Ein hölzerner Aussichtsturm markiert das Naturschutzgebiet Weilbacher Kiesgrube, eine renaturierte Senke, am Rand grasen Ziegen im Glast. "Ziegen", sage ich. Boris klopft sich ein paar Elektrolyte in die Wasserflasche. "Auch welche?" Wortlos halte ich ihm die Flasche hin. Elektrolyte sind okay, aber wenn das Bild von einem nebelfeuchten Glas Weizenbier mal da ist, dann verschwindet es erst wieder, wenn es ausgetrunken ist. Unsere Hoffnungen ruhen jetzt auf Frankfurt (112 Meter ü.d.M.). Hinter der Weilbacher Kiesgrube schimmert schon verheißungsvoll die Skyline, und die zwanzig Kilometer sind schnell weggekurbelt.

Geld gibt es Turmweise in Frankfurt. Weizenbier ist dagegen schon "aus".
Auch den Main kreuzen wir
Gegenüber den Banktürmen rollen wir am Mainufer entlang. Die Stadt brät in der Sonne, chillt in Liegestühlen und tanzt zum Sound der Boomboxen. "Die trinken uns vermutlich gerade das letzte Weizen weg", scherze ich. Am Frankensteiner Platz nahe dem Ufer spenden die Schirme eines Cafés namens "Coffee Heming’s" Schatten, wir sacken auf die Stühle. "Zwei Weizen bitte." Sagt der Kellner: "In Frankfurt ist das Weizenbier aus. Egal ob mit oder ohne." "Mandelkuchen. Und Kaffee", sagt Herr Gnielka ergeben. Das ist das Schöne, wenn man mit ihm auf Tour geht: Er fährt zwar etwas zu schnell für mich, aber wenn es irgendwo etwas zu essen oder zu trinken gibt, dann quietscht die Bremse. "Haben ja auch schon 80 von 125", sagt er. "Und es ist ja auch lange hell", sage ich. Hinter Hanau decken wir uns an der Tanke ein. Mit Bier. Bier mit Alkohol. Die Sonne steht längst tief und rot über den Feldern, es ist jetzt nicht mehr ganz so lange hell. Die Luft schmeichelt der Haut, von den Feldern weht süß der Duft des Weizens (aber nicht: Hefeweizens). Wir rollen durch erste Hügel. Normalerweise würde ich jetzt sagen: Herr, der Sommer war groß, das Bier trinken und mich in ein Bett legen. Kleine Pension vielleicht. Aber wo wir gerade herumkurbeln, da warten keine kleinen Pensionen, da gibt es nur noch ein paar Schrebergärten, und die hören auch irgendwann auf. Dann führt eine Schotterpiste Richtung Wald. In mir keimt der Verdacht, dass Routenplaner Boris die Übernachtungsfrage so genau vielleicht gar nicht ausgetüftelt hat. Also biwakieren wir.
Nachts hallt ein Schuss. Wird wohl der Jäger sein, denke ich und drehe mich auf der Isomatte um. Später dieselt ein Motor ganz nah bei uns, dann wird er abgestellt. Scheinwerferlicht, das aber bald wieder erlischt. Ich bin mir sicher, dass Boris vier Meter weiter genauso wie ich darauf wartet, dass der Motor wieder angeht. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit. Und: Nach einer Weile kehrt das Auto wieder. Wieder Motor, wieder Licht. Haben die jetzt Verstärkung geholt? Boris sieht eine Person mit Hund. Vielleicht soll er das geschossene Tier suchen, tippen wir. Wir erfahren es nicht. Aber irgendwann geht das Licht wieder aus und das Auto verschwindet.
Herr, die Nacht war nicht so groß, und wir müssen heute 1450 Höhenmeter und 110 Kilometer kurbeln. Der Morgen sieht uns früh im Sattel, Zwischenziel auf dem Weg zur Wasserkuppe: Fulda (261 m). Mein Hintern meldet: Du hast den Sattel zu hoch gestellt gestern. Das Gravelbike meldet jede Unebenheit. Und die Wetter-App meldet: Es wird noch ein bisschen heißer als gestern werden. Dass wir heute, am härteren Tag, Gegenwind haben, merke ich auch ohne App. Nach ein paar Kilometern verweigert das Navi seinen Dienst, wir steigen auf Wegweiser um, R3 heißt der Weg. In moderatem Auf und Ab geht es durch Feld, Wald und Wiesen und Fachwerkorte wie Steinau an der Straße oder Schlüchtern. Im Norden bestimmt ein heller Gipfel das Bild, der Monte Kali von Neuhof, eine 200 Meter hohe Kalihalde, auf die jährlich 2,4 Millionen neue Tonnen Schutt prasseln. Im Osten zeichnen sich auch schon Hügel ab, grüne, aber nichts, was nach Wasserkuppe und 950 Meter Höhe aussieht. Wird wohl noch dauern. In Fulda erwischt mich der Blues. Mein Hintern brennt, wir fahren durch menschenleere, öde Häuserzeilen aus den Fünfzigern, der Asphalt reflektiert die Mittagshitze. Wir retten uns in den Schatten vor dem Royal Kebab House, die Falafel schmecken, aber ich merke, wie bei mir der Rollladen runtergeht. Ich habe miserabel geschlafen, um die 200 Kilometer liegen hinter uns, wir haben aber kaum an Höhe gewonnen. Ich kann mir nicht vorstellen, auch nur noch einen Meter zu fahren und starre nach schräg gegenüber auf das "Biereck" (geschlossen). Ein Roller knattert vorbei, dann wieder Stille.

"Wie lange braucht ihr auf die Wasserkuppe?", fragt der Mann im Royal Kebab zum Abschied. Und gibt sich die Antwort gleich selbst: "So eine Stunde?" – "Autofahrerdenke", schnaubt Boris und tritt wieder in die Pedale. Denn es fehlen zwar nur noch 35 Kilometer bis zum Ziel, doch auf denen kommen mehr als die Hälfte aller Höhenmeter. Aber hinter Fulda wird es grüner, ruhiger und mitunter auch schattiger – dafür nehme ich Steigungen gerne in Kauf. Wir schwenken in den Milseburgweg ein, eine ehemalige Bimmelbahnstrecke. Sie wird uns in einem weiten Westbogen zur Straße auf die Wasserkuppe führen, höchster Gipfel der Rhön und Hessens. Boris prescht voran, plötzlich weht uns ein kühler Luftstrom entgegen. Er kommt aus dem Milseburgtunnel, einen guten Kilometer lang. Es leben Fledermäuse darin, die Tiere fressen laut Schild vor dem Eingang bis zu 4000 Stechmücken pro Nacht, was ich nach unseren Erfahrungen in der letzten Nacht nicht bestätigen kann. Ich erwäge, im Tunnel zu bleiben und einfach immer hin und her zu fahren, so angenehm ist es darin.
Und dann, nicht lange hinter dem Tunnel, sehen wir sie – die Radarkuppel auf dem kahlen Gipfel ist unverkennbar. Aber die Wasserkuppe macht es uns schwer. Es ist einer dieser Anstiege, bei denen du denkst, dass es langsam Zeit für den letzten Gang wird, und du schaltest, und du merkst: Du bist längst drin. An der steilsten Stelle gibt Boris die Steigung durch, "11, 12, 13 Prozent", aber auf den letzten Kilometern will man dann auch nicht mehr absteigen. Um halb fünf erreichen wir auf 900 Metern den Parkplatz, passieren den Prägeautomaten für die Souvenirmünzen, die Bude mit den Zollstöcken "mit Ihrem Namen darauf" und plötzlich weitet sich der Blick über die komplette Rhön und wir stehen oben. Eine Weile schauen wir einfach nur auf Hessen. Gleitschirmflieger segeln umher. Irgendwo dahinten liegt Lorch am Rhein. Erstaunlich, was so alles in ein Wochenende passt. Wenn jemand an Elektrolyte denkt.





