Hüttentipp für Familien
Das Brünnsteinhaus im Mangfallgebirge

Zwei Familien, ein Gipfel: Beim Hütten-Wochenende im bayerischen Mangfallgebirge wird das Wandern durch einen kleinen Klettersteig zur Expedition!

Mangfallgebirge - Hüttenwochenende
Foto: Jens Klatt
In diesem Artikel:
  • Aufstieg zum Brünnsteinhaus auf 1342 m
  • 40 steile Minuten zum Gipfel des Brünnstein
  • An der ersten Trittleiter legen wir Klettergurte an
  • Brünnsteinhaus: Fast schon ein Berghotel – Infos
  • Weitere Tipps

Aufregung liegt in der Luft, als wir am Vormittag auf dem Parkplatz Tatzelwurm noch einmal alles checken: Wasserflaschen voll? Regenjacken eingepackt? Schuhe gut geschnürt? Hoppelhase Franz im Rucksack verstaut? Na dann: auf geht’s! Es ist unsere erste richtige Hüttentour, das erste Mal schlafen oben in den Bergen. Aber der Komfort wird nicht auf der Strecke bleiben: Das auf 1300 Meter gelegene Brünnsteinhaus 30 Kilometer östlich vom Tegernsee kann man fast als Berghotel bezeichnen. Gut, es gibt keine Pommes, aber das, mein Sohn, verrate ich dir erst oben.

Unsere Highlights

Wir sind eine bunte Truppe, neben Theo (6) und mir hat mein alter Kumpel Olaf die ganze Patchwork-Familie mitgebracht: Bene (8), Anni (6) und Claudias Tochter Sinah (18) mit Freund Jakob (19). Theo legt ein gutes Tempo vor, doch nach den ersten 500 Metern auf dem zugegeben etwas eintönigen Schotterweg bergauf lässt der Schwung schon nach: Papa, trägst du mich? Nein Junge, aber du kannst auf meinem Berg-Mofa mitfahren. Ich bewege die Hand wie am Gaspedal und mache Motorengeräusche. »Papa, ich nehme mein Berg-Motocross-Motorrad, damit bin ich viel schneller.« Laut knatternd rennt Theo bergauf. Ich schalte in den ersten Gang und knattere hinterher.

Aufstieg zum Brünnsteinhaus auf 1342 m

Der Aufstieg zum Brünnsteinhaus dauert für Erwachsene 2,5 Stunden, für sportliche, Bergaffine Menschen ist das eher ein Spaziergang. Aber für die Kids? Eine Weltreise, es gilt, die Stimmung hochzuhalten. Wir stärken uns mit Paprika, Salami, Brot und Keksen, denn jetzt wird es abenteuerlicher: Vom breiten Forstweg geht es steil bergauf durch einen dichten Wald. Kinder, die Mopeds bleiben hier, jetzt ist Trittsicherheit gefragt! Der Pfad windet sich hinauf, Wurzeln bilden Naturtreppen, manche Passagen bedeuten für die Kids schon Kletterei. An einem kurzen Felsabbruch geht es entlang eines Sicherungsseiles ein paar Meter schräg den Berg hinauf. Alle Kleinen bekommen hier zur Sicherheit einen Großen an die Seite. Theo klinkt sich sofort bei Sinah ein. Olaf grinst. »Bist wohl abgeschrieben.« Könnte stimmen. »Aber mach langsam«, mahne ich Theo noch hinterher.

Mangfallgebirge - Hüttenwochenende
Jens Klatt
Sicher ist sicher: Auf dem Dr.-Julius-Mayr-Weg bitte die Gurtpflicht beachten.

Während Olaf eher zum Team Wird-schon gehört, tendiere ich stark zum Team Kontrolle – damit ergänzen wir uns seit Jahren perfekt. Aber manchmal schieße ich über das Ziel hinaus. Selbstermahnung: Zügele dich und gib Theo nicht alle paar Meter irgendwelche gutgemeinten Ratschläge. Wir haben schon späten Nachmittag, als wir eine Almwiese erreichen. Kühe beäugen uns gleichgültig, die Welt hier oben strahlt Ruhe aus. Aber ich bin etwas nervös, irgendwie liegt Regen in der Luft. Nicht, dass ich mir Sorgen machte, wir könnten uns einer Gefahr aussetzen. Nein, ich glaube, ich möchte einfach nur, dass Theo seine erste Hüttenwanderung nur mit guten Erinnerungen im Gedächtnis behält. Und wer schon mal eine richtige Regenschüttung in den Bergen erlebt hat, weiß, dass das für einen Sechsjährigen ganz schön beängstigend sein kann.

Doch viel fehlt nicht mehr zur Hütte, wir müssen nur noch auf die andere Seite des Brünnstein, auf die Südseite des Berges. Vorsichtshalber krame ich schon mal die Regenjacken aus dem Rucksack. Als wir eine halbe Stunde später die Hütte erreichen, hängen schon dunkle Wolken über uns. Und kaum, dass wir es uns mit einer großen Apfelschorle im Salettl gemütlich gemacht haben, dem wintergartenähnlichen Anbau, geht draußen die Welt unter. Der Regen peitscht fast waagerecht vorbei, aber drinnen haben wir es gemütlich: Wir spielen Mensch-ärgere-Dich-nicht und bewundern ehrfürchtig das Spektakel vor den Fensterscheiben.

40 steile Minuten zum Gipfel des Brünnstein

Grau präsentiert sich der Ausblick beim Frühstück – zwar keine dunklen Sturmwolken mehr, dafür Einheitsnebel. »Der Wetterfrosch hat für heute Sonne prognostiziert. Wird schon!«, sagt Olaf. Hoffentlich stimmt das, denn heute steht der Höhepunkt des Wochenendes an: Vom Brünnsteinhaus führt der Dr.-Julius-Mayr-Weg etwa 40 Minuten steil den Berg hinauf zum Gipfel. Einige Passagen sind klettersteigartig angelegt, mit Sicherungsseilen und Eisentritten. Schon ein bisschen amtlich. Die Kinder stürmen den Weg hinauf wie Huskys. »Haaaaalt, stopppp! Alle mal zurück, alle mal tief durchatmen!« Zeit für eine kleine Ansprache, für die ich Reinhold Messner in den Zeugenstand rufe, »den besten Bergsteiger aller Zeiten«.

Wenn der nämlich sagt, dass man selbst auf den höchsten Gipfel der Welt in kleinen Schritten loslaufen muss, dann stimmt das auch. Ich weiß zwar nicht, ob Messner das je gesagt hat, aber man lauscht mir mit ernster Miene. Und wie war das bei Ninjago? Nur als Team sind wir stark! Am Berg gibt es kein Wettrennen, kein Erster-sein, kein Ich-bin-schneller-als-du. Nach diesem Wort zum Sonntag fühle ich mich zwar älter als Reinhold Messner, aber lieber gleich ausbremsen die Jungspunde. Der Berg ist kein Spielplatz, das wird ja gern mal vergessen. Und zumindest hierbei bin ich mir sicher, dass Reinhold Messner sowas Ähnliches bestimmt mal gesagt hat. Oder wenigstens gedacht. Der Weg führt durch den tropfnassen, kühlen Wald. Nach einer Weile werden Felswände im Nebel sichtbar, an denen wir entlanglaufen, die Bäume lichten sich. »Psst! Da oben in der Wand, eine Gams!« Und noch eine! Für einige Zeit beobachten wir die Tiere, und die Tiere beobachten uns. Als Krönung bohrt sich golden die Sonne durch die Nebelschwaden und erleuchtet die Szenerie, überall dampft und glitzert es. Eine Weile spricht niemand mehr, selbst bei den Kids kehrt andächtige Ruhe ein.

Mangfallgebirge - Hüttenwochenende
Jens Klatt
Ganz schön luftig geht es auf dem Weg zum Brünnstein (1619 m) zu.

An der ersten Trittleiter legen wir Klettergurte an

Eigentlich fehlen vom Brünnsteinhaus nur etwa 300 Höhenmeter auf den 1634 Meter hohen Brünnstein-Gipfel, eine überschaubare Strecke. Ihre Ausgesetztheit im steilen Gelände lässt sie aber gefühlt zur mehrwöchigen Expedition werden. Wie bei Messner eben. Da schreckt es einen auch nicht, dass man mit einem Mal durch einen etwa zehn Meter langen und teils nur einen halben Meter breiten Felsspalt muss – wir quetschen uns also durch den Berg und sind Teil einer Höhlenexpedition. Am Breiten Band, der exponiertesten Stelle der ganzen Tour, geht es an der Felswand entlang. Wir haben zwar fast einen Meter Wegbreite, aber links pfeift es ganz schön hinab. Die Kleinsten bekommen wieder jeder einen erfahrenen Erwachsenen an die Seite – mit Klettersteigset und doppelter Sicherung kommen alle sicher rüber.

Bei schönem Wetter hat man schon vor dem Gipfel einen beeindruckenden Blick auf das gegenüberliegende Kaisergebirge. Heute sausen uns frische Winde um die Ohren, als hätte Messner sie geschickt, um uns daran zu erinnern, dass der Berg kein Spielplatz ist. Aber: kein Gequengel, kein Gemaule. Die Kids sind ruhig, aber begeistert. Wir sind ein gutes Team! Oben angekommen, leuchten die Augen so stark, dass die Wolken nicht mehr standhalten können – die Sonne gratuliert uns zur erfolgreichen Expedition und wärmt unsere Fingerspitzen. Vor der kleinen Gipfelkapelle machen wir es uns im Windschatten gemütlich und snacken Cabanossi, Paprika und Knäcke.

Der fantastische Rundblick reicht vom Wendelstein über das Rosenheimer Voralpenland und das Inntal bis hin zum Kaisergebirge und den Zentralalpen. Wir genießen die Sicht und das gute Gefühl, es geschafft zu haben. Euphorie liegt in der Luft, es wird geplappert, gelacht. »Expedition erfolgreich!« Mit dem Eintrag ins Gipfelbuch kündigt sich langsam, aber sicher der Abstieg an. Wir werden aber nicht über den steilen Klettersteig, sondern über einen gemütlichen Pfad zur Hütte zurückkehren. Immer noch ziemlich steil, aber Sichern ist nicht mehr nötig. »Papa, ist dieser Reinhard Messhold wirklich der beste Bergsteiger aller Zeiten?« Oha, eine dieser Fragen.

Soll ich Theo erklären, dass es nicht wichtig ist, der Beste zu sein? Dass es viel wichtiger ist, Spaß zu haben und gute Freunde? Ein Papa-Vortrag über Moral und den Sinn des Lebens? »Messner ist einer der Besten! Richtig krasser Typ!« Theo schaut mich einige Sekunden beeindruckt an, dann schwingt er sein imaginäres Bergschwert durch die Luft und bekämpft den Drachen. »Papa, ich bin Reinhard Messhold!«

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Brünnsteinhaus: Fast schon ein Berghotel – Infos

  • Das Brünnsteinhaus mit seinen 50 Betten liegt auf 1342 Metern am Fuße des Brünnstein und wird von Yvonne und Sepp Tremml betrieben. Der Deutsche Alpenverein hat es als eine besonders familiengeeignete Hütte ausgezeichnet, es eignet sich für Kinder ab dem Kindergarten- und Grundschulalter. Zur schönen Lage inmitten der Almlandschaft kommt ein kleiner Spielplatz mit Kletterblock in Hüttennähe, die Gerichte werden auch als Kinderportionen angeboten. Das Brünnsteinhaus hat bis Anfang November durchgängig geöffnet
  • Übernachtung unbedingt vorher und rechtzeitig reservieren. Preise für DAV-Mitglieder im Matratzenlager ab 18,50 Euro (Erwachsene) und 17 Euro (Kinder 6–17 Jahre). Info: bruennsteinhaus.de oder 08033/1431.
  • Aufstieg zur Hütte: Es gibt mehrere Aufstiegsmöglichkeiten zum Brünnsteinhaus: vom Wanderparkplatz Tatzelwurm, vom Berggasthof Rosengasse (Skigebiet Sudelfeld) oder von der Mühlau, einem hochgelegenen Ortsteil von Oberaudorf.
Mangfallgebirge - Hüttenwochenende
Jens Klatt
Im Brünnsteinhaus haben Familien es gemütlich.

Und außerdem? Ergänzungsprogramm mit Kindern:

Weitere Tipps

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Erscheinungsdatum 06.12.2022

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