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Interview Bergwacht Rudi Mair Lawinenwarndienst Tirol

Interview mit Lawinen-Experte Rudi Mair

Beim Lawinenwarndienst Tirol Interview mit Lawinen-Experte Rudi Mair

Rudi Mair leitet den Tiroler Lawinenwarndienst. Der gilt als der modernste der Welt, und die tägliche Vorhersage wird immer genauer, sagt Mair. "Aber ganz im Griff hat man es eben nie."

OUTDOOR: Du befasst dich seit 35 Jahren hauptberuflich mit Schnee und Eis und arbeitest in der Skisaison sieben Tage die Woche. Woher kommt diese Leidenschaft?

Rudi Mair: Ich habe am Anfang Medizin studiert, aber dann bin ich mit 19 Jahren 15 Meter tief in eine Gletscherspalte gefallen. Da war ich zwölf Stunden drin bei minus 28 Grad, und ich habe mir gesagt: Wenn ich hier lebend wieder rauskomme, dann sattle ich um. So bin ich bei Meteorologie und Glaziologie gelandet und habe auch meine Dissertation über Schnee, Eis und Gletscherspalten geschrieben. Danach war ich anderthalb Jahre auf einer Forschungsstation am Südpol. Das Thema ist einfach mein Herzblut.

Warst du mal in einer Lawine?

Nein, Gott sei Dank. Ich weiß nicht, wie oft ich nahe dran war, weil: Das ist nicht wie beim Autofahren. Da kannst du immer schneller in eine Kurve reinfahren, 50, 55, irgendwann kommst du ins Schleudern, dann weißt du, jetzt bist du zu schnell. Bei einer Lawine geht das nicht, da gibt es nur null oder hundert. Und wenn du einen Hang runterfährst und es passiert nichts, dann weißt du nie, wo zwischen null und hundert du warst. Du kannst dich an Lawinen nicht herantasten.

Viele brechen schon ganz früh am Morgen zu Skitouren auf. Ab wie viel Uhr kann ich eure Lawinenvorhersage abrufen?

Wir haben den ersten grenzüberschreitenden Lawinenwarndienst, zusammen mit Südtirol und Trentino. Unser Bericht kommt auf Deutsch, Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch, und er erscheint immer schon um 17 Uhr am Vortag. So sind die Frühaufsteher immer informiert.

Welche Informationen und Daten fließen in euren Bericht ein?

Wir haben das dichteste hochalpine Messnetz weltweit, mit über 200 hochalpinen Messtationen, die uns alle zehn Minuten Daten liefern, außerdem geben uns hunderte Beobachter ihre Einschätzung. Und dann sind wir auch drei bis viermal pro Woche selber unterwegs im Gelände. Wenn es mal kritischer ist, machen wir auch Erkundungsflüge mit dem Hubschrauber. Das sind eine Fülle von Daten. Als ich vor 35 Jahren angefangen habe, hatten wir kaum Informationen, jetzt ist es die Kunst, das Wichtige rauszuziehen, und auch, dass man das Land in seiner Topologie kennt, ansonsten hat man keine Chance, die Fülle an Daten richtig zu verarbeiten.

Muss man selber auch Skifahrer sein?

Klarerweise. Wenn wir zum Beispiel Anströmung aus Nordwest haben, dann weiß ich, über die Achenseefurche geht das bis ins vordere Zillertal, das sind dann 30 bis 40 Zentimeter Schnee, weiter hinten im Zillertal aber nur noch fünf. Solche Sachen muss man wissen. Im Sommer durchwandere ich das ganze Land Länge mal Breite mal Höhe, und dann weiß ich auch im Winter, wenn ich mit dem Hubschrauber drüberfliege, immer, wo ich bin. Ich weiß ganz genau, wie die Täler zusammenhängen, wie die Anströmungen laufen und so weiter, das ist schon eine hochkomplexe Aufgabe.

Wie oft stimmt die Prognose?

Wir haben vom Deutschen Alpenverein und den deutschen Bergführern mal eine Umfrage bekommen, und 95 Prozent der Bergführer haben an insgesamt 600 Tourentagen unsere Prognose bestätigt.

Beeinflusst der Klimawandel die Genauigkeit der Vorhersage?

Die Genauigkeit nicht, aber es wird wärmer. Dadurch ist mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre, die Niederschläge werden heftiger. In Tirol werden die niedrigeren Regionen weniger Schnee bekommen, das Skitourengeschehen wird sich in die hochalpinen Regionen in Westtirol verlagern, ins Ötztal, Pitztal, Kaunertal, Paznaun, Stanzertal. Da haben wir allerdings Höhenunterschiede von 2000 Metern, alles ist wesentlich steiler und lawinenmäßig einfach prekärer. Insgesamt wird mit dem Klimawandel die Vorhersage sicher noch etwas diffiziler, weil sich alles noch stärker dorthin verlagert, wo es ohnehin schon kritischer und gefährlicher ist.

Die Lawinenvorhersage hat fünf Gefahrenstufen. In welcher von ihnen passieren die meisten Unfälle?

Stufe fünf ist eher die Katastrophensituation, die hatten wir seit Galtür im Jahr 1999 viermal. Den Tourengeher betreffen die Stufen eins bis vier, gering, mäßig, erheblich, groß, und am meisten passiert in Stufe drei, da geschieht fast ein Drittel der Lawinenunfälle. Stufe drei wird vielleicht von vielen unterschätzt, weil sie meinen, das sei wie Schulnote drei, nicht ganz gut, aber auch nicht ganz schlecht. Aber bei Stufe drei reicht schon eine einzelne Person, um eine Lawine auszulösen.

Was muss man draufhaben für Stufe 3?

Ich brauche lawinenkundliche Erfahrung, ich muss wissen, was ein Luv- und ein Leehang ist, was Windverfrachtungen und so weiter. Bei Stufe 1 und 2 kommt der Skifahrer kaum in die Verlegenheit, dass er mit Lawinen Bekannt schaft macht, da müsste er schon in Gelände gehen, in das der normale Skitourengeher nicht hineinkommt: Extremgelände + über 40 Grad. Ich kenne viele, die sagen, sie gehen nur bei Stufe 1 und 2, sehr vernünftig. Aus unserer Statistik ergibt sich, dass weit über 90 Prozent der Lawinenunfälle vermeidbar wären, nur durch Kenntnis der Gefahrenstufe und der Hangsteilheit. Sprich: Bei Gefahrenstufe 2 gehe ich nicht über 40 Grad, bei 3 nicht über 35 und bei vier nicht über 30, dann wären weit über 90 Prozent der Lawinenunfälle vermeidbar.

Interview Bergwacht Rudi Mair
Lawinenwarndienst Tirol
In schneereichen Wintern rückt die Bergrettung mehrmals täglich aus. Nach einer Lawine im Wattener Lizum kommen geschulte Hunde zum Einsatz, um Verschüttete aufzuspüren.

Mal praktisch: Ich schaue aus dem Fenster, es liegen 35 Zentimeter Neuschnee, blauer Himmel, Gefahrenstufe 3. Wie verhalte ich mich?

Wenn ich mich nicht auskenne: zu Hause bleiben. Oder auf die Piste gehen. Oder ausweichen auf eine vielbegangene Standardtour. Es gibt ja jede Menge Skitouren, die jeden Tag hundert oder hundertfünfzig Leute gehen, und da habe ich eine extrem hohe Sicherheit, denn da gibt es keine Schwachschichten mehr.

Und wenn ich lieber etwas schärfer unterwegs sein will?

Dafür braucht es viel Erfahrung. Es empfiehlt sich außerdem, einen Sicherheits- und Lawinenkurs zu absolvieren. Wer das nicht will, der sollte Skitouren bei Gefahrenstufe 1 oder 2 gehen.

Ein Schweizer Sprichwort sagt, eine Badewanne voll Schnee kann dir das Leben nehmen.

Das kann ich bestätigen. Wir hatten vor einer Weile einen Unfall, eine Frau, die alleine auf Skitour war. Allein ist natürlich immer ein Risiko, denn da nutzt dir deine ganze Erfahrung und dein Verschüttetensuchgerät nichts, weil da im Zweifelsfall niemand ist, der dich suchen kann. Und diese Frau hat eine Minilawine ausgelöst. Verschüttet waren nur der Kopf und die linke Schulter, aber sie hat den Kopf nicht schnell genug herausbekommen. Das ist ein Beispiel, wie wenig Schnee es braucht, und zum Zweiten: Wenn jemand dabei gewesen wäre, hätte er nur einmal am Rucksack ziehen brauchen, dann wäre sie draußen gewesen und hätte überlebt. Ein Minischneebrett von zwanzig mal zwanzig Metern mit einem halben Meter Anriss wiegt etwa 40 Tonnen, da liegt ein vollgeladener Lkw auf einem drauf.

Eure Prognosen und Gefahrenstufen beziehen sich aber auf viel größere Flächen.

Ja, sie beziehen sich auf Flächen von zehn mal zehn Kilometer. Als ich anfing, hatten wir eine einzige Gefahrenstufe für ganz Tirol, heute haben wir 29 Regionen, aber Einzelhangbeurteilung wird es auch in näherer Zukunft nicht geben. Aber wir sind kleinflächiger geworden und können auch Aussagen darüber treffen, welche Art von Schnee Probleme bereitet: Neuschnee, Triebschnee, Nassschnee, Gleitschnee oder, die gefährlichste Variante: Altschnee. Das hat mit Schwachschichten in der Schneedecke zu tun, und die sieht auch der Profi nicht.

Wie schütze ich mich vor dem Altschneeproblem?

Davor kann man sich nicht schützen. Aber man kann unseren Bericht lesen, und unter dem Unterpunkt Schneedeckenaufbau stehen solche Informationen drin. Jeder kann sich jederzeit kostenlos bei uns informieren, und das Hauptproblem ist, dass manche es vor der Tour nicht tun.

Kann man bestimmte Gefahren bestimmten Stufen zuordnen, oder kann alles in jeder passieren, nur eben unterschiedlich heftig?

Vor allem in den höheren Stufen geht es immer um ein Problem mit zu viel Schnee, aber für das Altschneeproblem, das tückischste Problem, reichen schon 25 oder 30 Zentimeter. Manchmal schauen sogar schon Steine aus dem Hang.

Interview Bergwacht Rudi Mair
Lawinenwarndienst Tirol
Rudi Mair, seit 1999 Leiter des Lawinenwarndiensts Tirol, verschafft sich auf einem Erkundungsflug einen Überblick über die Lage.

Ihr analysiert seit Jahrzehnten Unfälle, und das Fazit lautet: Menschen tappen immer wieder in dieselben Fallen. Welche sind das üblicherweise?

Fehlende Information und der Irrglaube, bei wenig Schnee herrsche wenig Lawinengefahr. Ein anderer Fehler ist es zu meinen, dass Spuren im Schnee Sicherheit bedeuten. Denn eine Stunde später oder einen Meter daneben kann es trotzdem krachen. Der Lawine ist es auch egal, ob ich ein Verschüttetensuchgerät oder einen Airbag dabeihabe. Wenn ich Pech habe, kann ich schon an einer mechanischen Ursache sterben, durch Genickbruch zum Beispiel. Ich darf also auch mit dieser Ausrüstung nicht mehr Risiko eingehen. Es sollte sich auch niemand zu sicher fühlen, der viel Erfahrung hat. Die Lawine weiß nämlich nicht, dass du Experte bist.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich eine Lawine erwischt?

Im Prinzip total gering. Ich sage immer: Das Gefährlichste ist die Anreise zur Skitour. Wir haben in Tirol im Schnitt zwölf Lawinentote im Jahr. Diese Zahl ist in den letzten 35 Jahren ziemlich konstant geblieben, es sind aber etwa zehnmal so viel Leute abseits der Pisten unterwegs, relativ gesehen passiert also weniger, und das zeigt, dass unsere Arbeit wirkt.

Reinhold Messner hat gesagt, heute stiegen Leute auf Berge, die noch nicht mal auf Stühle steigen können. Lässt sic das aufs Skitourengehen übertragen?

Klar, das ist ein Mode- und Trendsport. Aber solange alle vernünftig sind und sich an die Regeln halten, ist dagegen nichts einzuwenden.

Wo wir gerade bei Regeln sind: Ist es immer gut, früh aufzubrechen?

Das ist hauptsächlich im Frühjahr ein Thema, wenn die Sonneneinstrahlung stärker wird. Dann wird die Schneedecke schon vormittags extrem durchfeuchtet, und wenn ich dann Schwachschichten habe, steigt die Lawinengefahr innerhalb einer Stunde von Stufe eins auf drei oder vier. Ab Mitte, Ende März also immer sehr früh los. Im Hochwinter spielt das keine Rolle.

Bei welchen Anzeichen sollte ich sofort umdrehen?

Bei Rissen in der Decke, aber auch bei Wummgeräuschen. Eine Schneebrettlawine ist die klassische Skifahrerlawine, und die haben immer mit Schwachschichten in der Schneedecke zu tun. Bei Wummgeräuschen belastet der Skitourengeher die Schwachschicht, die kollabiert, es drückt die Luft heraus, und das macht Wumm. Dann ist es eigentlich schon fünf nach zwölf. Wenn ich Wumm höre, dann wäre die Lawine in einem steileren Gelände von selber abgegangen. Nichts wie zurück!

Interview Bergwacht Rudi Mair
Lawinenwarndienst Tirol
Im »Lawinenwinter« 1999 türmten sich feuchte Starkschneefälle zu extrem dicken Schichten auf. Die Tiroler Ortschaft Galtür traf damals das größte Lawinenunglück Österreichs.

Es heißt, Fortgeschrittene nutzten die Lawinenvorhersage, um Spielräume auszureizen. Deckt sich das mit euren Beobachtungen?

Wir beobachten bei Unfällen, dass überdurchschnittlich viele Erfahrene betroffen sind. Wenn ich höre, »einzelner Skitourengeher ohne LVS-Gerät verunglückt«, dann weiß ich, das ist fast immer ein Einheimischer. Vielleicht unterschätzt man das Ganze mit der Zeit. Ganz im Griff hat man es eben nie, ich auch nicht. Aber wer das Restrisiko nicht will, muss Federball spielen.

Welche Hilfsmittel habe ich unterwegs, um Gefahren zu erkennen? Sind beispielsweise Hangneigungs-Apps sinnvoll?

In jedem Fall. Ein bisschen Hausverstand schadet auch nie, und ob der Wind geblasen hat, das erkennt auch ein Laie, der ein paarmal unterwegs war.

Und wenn er geblasen hat?

Bei Wind steigt immer die Lawinengefahr. Der Schnee wird verfrachtet und lagert sich irgendwo ab, und wenn es 35 Zentimeter geschneit hat, kann ich auf der windabgewandten Seite einen Meter oder anderthalb haben. Wind ist immer ungünstig, da sollten die Alarmglocken bimmeln.

Was darf auf keinen Fall in meiner Ausrüstung fehlen?

LVS-Gerät, Schaufel, Sonde, Smartphone. Viele Leute vergessen die Schaufel, ich gehe grundsätzlich nicht mit Leuten, die keine dabeihaben. Denn die können mir dann ja auch nicht helfen. Bei etwas schärferen Touren ist ein Airbag-Rucksack sinnvoll, ich verwende ihn seit 30 Jahren. Er ist teuer und schwer, aber er hilft schon. Ich bliebe mit ihm allerdings nur in der Fließbewegung der Lawine oben. Wenn ich aber ganz unten im Talboden bin und die Lawine kommt von oben, dann kann ich den Airbag ziehen, wie ich will, dann kommt der Schnee obendrauf.

Wieviel Lawinen werden von Skitourengehern selbst ausgelöst?

Weit über neunzig Prozent. Dass eine Lawine unvermittelt von selbst abgeht, das kann zwar schon mal sein, aber es ist unwahrscheinlich, dass es genau in der Zehntelsekunde passiert, wenn jemand in den Hang einfährt.

Wie sieht die Zukunft der Lawinenvorhersage aus?

Die Modelle werden immer besser, und wir werden noch kleinräumiger in der Prognose werden. Es wird vielleicht noch kurzfristiger werden mit mehr Aktualisierungen. Wir wissen, das 100 Prozent Genauigkeit unmöglich sind, aber wir versuchen, so nah wie möglich zu kommen. Das ist die Motivation für unsere Arbeit.

Europäische Lawinengefahrenskala

Kurz erklärt: Was bedeutet welche der fünf Lawinenwarnstufen?

Skitouren Special: Lawinengefahrenskala
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