Corona-Virus: Infos für Outdoorer
Corona-Virus: Infos für Outdoorer
Weltenbummler Michael Moritz & Anna Baranowski Michael Moritz

Corona-Reportage aus Nepal

Gestrandet im Himalaya

Der Globetrotter Michael Moritz sitzt gerade in Nepal fest. Aus dem Bergparadies berichtet er über die Parallelen zwischen seiner Reise und der aktuellen Krise in der Heimat.

Mit abgenutzten Kleidern, etwas zerzausten Haaren und sonnengebräunter Haut sitzt der 30-Jährige auf der Terrasse einer kleinen Steinhütte und schaut zufrieden zu den Gipfeln des Himalaya-Gebirges.

"Es ist schon verrückt, wie das gesellschaftliche Leben auf der ganzen Welt innerhalb einiger Wochen komplett auf den Kopf gestellt werden konnte", beschreibt Moritz diese turbulente Zeit. Seit über einem Jahr ist er nun auf einer Weltreise. Ohne auch nur einmal den Flieger zu nehmen ist er bis nach Nepal gekommen. Für den Saarbrücker und seine Freundin Anna Baranowski, die eigentlich nur für ein paar Wochen zu Besuch kommen wollte, kamen die strengen Ausgangssperren und Reisestopps ganz überraschend.

Weltenbummler Michael Moritz & Anna Baranowski
Michael Moritz
Gestrandet in Nepal: Michael Moritz & Anna Baranowski.

"Wir waren gerade noch auf einer Trekkingtour im Gebirge als uns auf einmal Wanderer entgegen kamen, die sich so schnell wie möglich auf den Weg zum Flughafen machten, um noch zurück nach Deutschland zu kommen", berichtet Moritz von der Lage in Nepal. Nur wenige Tage später waren bereits einige Lebensmittelläden zu, Restaurants geschlossen und die Straßen menschenleer. Die geplante Route sah eigentlich eine Weiterreise nach Indien und Pakistan vor. Doch die bereits bewilligten Visadokumente der beiden Globetrotter wurden für ungültig erklärt und die Grenzen dicht gemacht. Nun haben sie sich damit abgefunden, die größte globale Krise der Nachkriegszeit im höchsten Gebirge der Welt auszusitzen.

Auch gegen die aktuellen Rückholaktionen der Bundesregierung haben sie sich bewusst entschieden. Baranowski, die junge Künsterlin und Filmemacherin aus Leipzig erzählt: "Mein Rückflug von Delhi wurde storniert, die anstehenden Jobs in Deutschland sind verschoben und die Ausgangssperre im Bergparadies ziehe ich der Quarantäne in meinen städtischen vier Wänden vor".

Weltenbummler Michael Moritz & Anna Baranowski
Michael Moritz
Auch für Michael hat Nepal etwas magisches.

Viele Nepalesen befürchten, dass dies gerade bloß die Ruhe vor dem Sturm ist

Durch die veranlassten Notmaßnahmen und Sonderflüge verlassen die meisten Reisenden zwar aktuell das Land, die Stimmung unter den Einheimischen ist dennoch entspannt, auch wenn es in einigen Städten bereits zu ersten Engpässen bei frischen Lebensmitteln kommt. Auch Gas für den Herd, mit dem die meisten Leute kochen, wird in manchen Orten knapp. "Man sagte uns schon ‘Macht langsam mit dem Gas, wer weiß, wann da wieder Nachschub kommt‘", beschreibt Moritz.

Doch die beiden Deutschen blicken zuversichtlich in die nächsten Wochen. Zwar schließen sie nicht aus, dass Nepal vor allem wegen des wenig entwickelten Gesundheitssystems möglichweise auf große Probleme zusteuert, allerdings beruhigt die beiden Freigeister, dass die Menschen hier mit einer anderen Mentalität an die Dinge herangehen. Baranowski erklärt: "Hingabe ist hier das Stichwort. Die vor 5 Jahren von einem schweren Erdbeben leidgeprüfte Bevölkerung hält einfach zusammen und gibt sich den Dingen hin, welche die Natur so für uns bereit hält". Eins ist sicher: Das um die Welt ziehende Paar wird diese Krise nun in Nepal ausstehen.

Weltenbummler Michael Moritz & Anna Baranowski
Michael Moritz
Pilgergruppe auf dem Jakobsweg in Frankreich.

Der Jakobsweg: Start einer langen Reise und einer Liebe

Vor einem Jahr hat sich das Reiseduo bei einem Doku-Dreh für ARTE auf dem Jakobsweg in Spanien kennengelernt. Moritz stand damals als Pilger und Protagonist vor der Kamera, Baranowski arbeitete und pilgerte hinter den Kulissen als Kamerafrau. Verbunden durch das gemeinsame Ziel machten sich insgesamt fünf Pilger und das vierköpfige Filmteam auf den über 800 km langen Weg nach Santiago de Compostela.

Wer schon einmal auf einem der vielen Jakobswege unterwegs war, die sich in einem weit verzweigten Netz durch ganz Europa ziehen, wird den Pilgerspruch womöglich schon kennen: "Der Jakobsweg gibt dir was du brauchst, nicht was du suchst". So kam es auch für Moritz, der kurz vorher seinen Job und seine Wohnung gekündigt hatte und für den das Abenteuer in Spanien als Startschuss für eine lange Weltreise galt. Was so kein Drehbuch vorhersehen würde, verliebte sich der Protagonist dann während dieser intensiven Zeit und den Dreharbeiten in die Kamerafrau.

Weltenbummler Michael Moritz & Anna Baranowski
Michael Moritz
Anna Baranowski als Kamerfrau für ARTE auf dem Jakobsweg unterwegs.

"Natürlich versuchten wir das anfangs geheim zu halten, sodass nur ein geübtes Auge den verknallten Pilger in der ARTE-Doku entlarven wird", plaudert Moritz mit einem herzhaften Lachen aus dem Nähkästchen. Heute erkennt der ehmalige Produktmanager für Abenteuerreisen und Dozent für Tourismus-Management an der Hochschule in Saarbrücken große Parallelen zwischen seinen vielen Pilgerreisen durch Spanien und der aktuellen Situation rund um die Corona-Krise.

"Klar genießen die Menschen momentan zwar kaum die Freiheit sich frei zu bewegen, trotzdem kehrt in vielen Bereichen des Lebens auf einmal eine unbekannte Ruhe und Einfachheit ein", erklärt Moritz. Das gleiche Gefühl komme auch auf dem Jakobsweg hoch, wo die Menschen bei der Ankunft in den französischen Pyrenäen, dem bekanntesten Startpunkt des historischen Weges, ganz plötzlich von heute auf morgen aus ihrem gewohnten Alltag gerissen werden. Das Leben verliere in den folgenden 6 Wochen an Komplexität, da man den Fokus täglich nur noch auf den Moment, auf das Laufen, Essen und Schlafen legt.

"Durch die Ausgangssperren in Deutschland verlieren die Menschen nun genauso ihren gewohnten Tagesablauf und die Möglichkeiten unterschiedlichen Aktivitäten nachzugehen", beobachtet der Weltreisende aus der Ferne. Wenn das "Draußen" dicht ist, gehe der Blick wieder mehr nach innen und Gedanken kommen oft ungefilterter hoch. Für Moritz liegt genau darin eine große Chance: "Wir Menschen können so wieder lernen Ruhe und Stille um uns zu ertragen, um viel wesentlichere Dinge zu erkennen als der eigene Beruf, der Kontostand des Bausparvertrags oder wie oft man in der Woche sein Hemd wechselt". Genau wie auf dem Pilgerweg im Norden Spaniens spiele all das plötzlich keine Rolle mehr. Laut dem gelernten Bankkaufmann sollten wir alten Menschen wieder zuhören, was sie zu sagen haben, sollten erkennen welch innere Kraft, Intuition und Neugier in unseren Kindern steckt.

Beim Blick in die Natur könne man in diesen Tagen förmlich spüren, wie die Erde gerade wieder tief durchatmet, um sich von all dem Wahnsinn zu erholen. Oft spüre man erst beim Stecker ziehen und in stillen Momenten, was man vorher eigentlich für ein rasantes Leben führte. Nach seiner Reise mit dem Fernsehteam auf dem jahrhundertealten Pilgerweg begann für den heimatverbundenen Weltentdecker Moritz ein komplett neuer Lebensabschnitt. Dieses Mal selbst mit einer Kamera im Gepäck radelte er von Zuhause bis zum Nordkap in Skandinavien, fuhr per Anhalter nach Russland, per transsibirischer Eisenbahn noch weiter Richtung Osten, melkte Yaks und Kühe mit mongolischen Nomaden, lernte Kung Fu im chinesischen Shaolin-Kloster, meditierte mit Waisenkindern in Myanmar und strandete schließlich für die Zeit des Lockdowns in Nepal.

"Jetzt wo Anna und ich für die nächsten Monate erstmal hier festsitzen, kommen wir endlich dazu, weiter an unserem eigenen Filmprojekt zu arbeiten – es soll ein Dokumentarfilm werden, erzählt aus den Augen von Kindern", blickt der junge Filmemacher zuversichtlich in die Ferne. Aus der aktuellen Lage möchten sie so nun das Beste machen, um vielleicht selbst irgendwann die Schönheit der Welt in die Wohnzimmer der Menschen zu bringen. Die 5-teilige Dokumentation über den Jakobsweg läuft ab 6.4. um 17:20 Uhr auf ARTE oder in der ARTE-Mediathek:

Wer Moritz und Baranowkis Reise auch weiterhin verfolgen möchte, findet aktuelle Reiseberichte und Bilder auf seiner Facebook-/Instagramseite:

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