Wer gemeinsam in die Berge geht, zum Klettern, auf eine Mountainbike-Tour oder einen Kanu-Trip, verlässt sich meist selbstverständlich aufeinander. Man hilft sich, wartet, trifft Entscheidungen gemeinsam und geht davon aus, dass sich im Notfall alle gegenseitig unterstützen. Diese Erwartungen sind selten ausgesprochen, sie werden eher automatisch vorausgesetzt. Gerade unter Stress zeigt sich jedoch, wie brüchig sie sein können. Im Bergsport wird genau darüber derzeit in einer breiten Debatte über Verantwortung und Verhalten am Berg diskutiert.
Unter dem Schlagwort Alpine Divorce, auf Deutsch "alpine Trennung" geht es in sozialen Medien um Situationen, in denen Seilschaften oder Gruppen unter Belastung auseinanderbrechen und eine Person im schlimmsten Fall allein zurückbleibt. Der Begriff geht ursprünglich auf die gleichnamige Kurzgeschichte von Robert Barr aus dem Jahr 1893 zurück. Darin plant ein Mann, seine Frau während einer Bergtour in den Schweizer Alpen zu töten und ihren Tod wie einen Unfall aussehen zu lassen. Doch sie kommt ihm zuvor und stürzt sich selbst in die Tiefe, um ihm die Tat anzuhängen. Der aktuelle Auslöser der Diskussion ist der viel beachtete Fall einer 33-Jährigen am Großglockner, die auf einer Winterbesteigung an Unterkühlung starb. Ihr Partner musste sich vor dem Landesgericht Innsbruck wegen grob fahrlässiger Tötung verantworten. Inzwischen teilen zahlreiche Menschen negative Erfahrungen mit Partnern in den Bergen, zuletzt auch im YouTube-Podcast des Bergführers und Profialpinisten Michi Wohlleben. Dort schildert eine Frau eine Tour im Wilden Kaiser, bei der sich die Bedingungen durch Regen, Dunkelheit und Steinschlag verschlechterten. Während sie langsamer wurde und an ihre Grenzen kam, erhöhte ihr Partner das Tempo, um schneller "ins Warme" zu gelangen. Am Ende ging er allein weiter und ließ sie erschöpft zurück.
Aktuelle Podcast-Folge zum Thema
Jetzt reinhörenMit dem Bergführer und Profialpinist Michi Wohlleben und der Outdoor-Journalistin Nadine Regel geht es in dieser Episode von "Hauptsache raus" darum, wie elementar Rüchsichtnahme in den Bergen ist, um die Eigenverantwortung von Frauen, warum bereits vorhandene Beziehungsprobleme bei alpinen Touren schnell eskalieren, was wir unseren Kindern mitgeben wollen – und dass für manche Menschen ein Hund der beste Tourenpartner sein kann.
Heidi Harder, Bergführerin und Ausbilderin im Bundeslehrteam Bergsteigen des Deutschen Alpenvereins (DAV), ordnet die Alpine-Divorce-Debatte kritisch ein und warnt vor vereinfachten Darstellungen in sozialen Medien. Der Begriff werde häufig auf Konflikte zwischen Mann und Frau reduziert, obwohl es grundsätzlich um Dynamiken innerhalb von Seilschaften und Gruppen gehe. "Viele Probleme entstehen nicht erst im alpinen Gelände, sondern beginnen schon deutlich früher bei der Planung", sagt Harder. Deshalb stellen sich für Harder bereits im Tal die Fragen: Mit wem bin ich unterwegs, welche Erwartungen habe ich an den Bergtag und passt das zu dem, was die andere Person will und kann?
Ebenso wichtig sei die Frage, wie viel Risiko man selbst überhaupt eingehen wolle und ob diese Vorstellungen zusammenpassen. "Vertrauen am Berg entsteht vor allem durch gemeinsame Erfahrungen", sagt Heidi Harder. Im Idealfall entwickele sich eine verlässliche Partnerschaft Schritt für Schritt. Deshalb sei es sinnvoll, mit einfachen Touren zu beginnen und die Schwierigkeit langsam zu steigern. So lasse sich besser einschätzen, wie Menschen unter Belastung reagieren und ob eine Seilschaft auch in schwierigeren Situationen gut funktioniert. Wichtig sei außerdem, dass jede Person Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernimmt. Wer anspruchsvolle Touren unternehmen wolle, müsse realistisch einschätzen können, ob die eigenen Fähigkeiten dafür tatsächlich ausreichen.
Dazu gehöre, sich aktiv mit dem Sport auseinanderzusetzen, etwa durch Kurse bei Bergschulen oder dem DAV, und die eigene Komfortzone schrittweise zu erweitern. "Wenn alle in der Gruppe wissen, worauf sie sich bei einer Tour einlassen, können Entscheidungen bewusster und reflektierter getroffen werden." Problematisch werde es häufig dann, wenn Menschen einer vermeintlich erfahreneren Person folgten, ohne die Tour selbst wirklich einschätzen zu können. Nicht zuletzt wegen des viel beachteten Falls am Großglockner rückt auch die rechtliche Frage wieder stärker in den Fokus. Anders als bei geführten Touren, bei denen eine ausgebildete Bergführerin oder ein Tourenleiter Verantwortung übernimmt, gelten private Bergtouren laut Alpenverein zunächst als sogenannte Gemeinschaftstouren.
Das bedeutet: Grundsätzlich trägt jede Person Verantwortung für sich selbst und alle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Eine Verschiebung kann sich jedoch dann ergeben, wenn innerhalb der Gruppe eine Person faktisch eine Führungsrolle übernimmt und entsprechende Anweisungen gibt – beispielweise bei der Routenwahl, der Einschätzung von Gefahren oder bei Fragen der Ausrüstung.
Verletzung der Sorgfaltspflicht?
Relevant wird ein solches Verhalten dann, wenn diese Person eine Sorgfaltspflicht verletzt wird und dadurch ein Unfall entsteht. Ein mögliches Beispiel wäre eine Situation an einem Altschneefeld: Wenn eine erfahrenere Person hier die Führungsrolle übernimmt und keine Hinweise zum sicheren Gehen gibt, obwohl sie erkannt hat, dass Personen aus der Gruppe unerfahren und schlecht ausgerüstet sind und es daraufhin zu einem Unfall kommt, könnte das unter Umständen als fahrlässiges Verhalten bewertet und strafrechtlich geahndet werden.
Über die rechtlichen Fragen hinaus geht es häufig um etwas Grundsätzlicheres: darum, wie Gruppen am Berg funktionieren und welche Dynamiken sich schon lange vor einer kritischen Situation entwickeln. Die Gruppendynamik- und Outdoor-Trainerin Julia Rappich beschäftigt sich seit Jahren mit diesen Prozessen. "Der Faktor Mensch wird im Bergsport bis heute unterschätzt", sagt sie. In vielen Ausbildungen stünden technische Inhalte im Vordergrund, während Kommunikation und Gruppendynamik oft zu wenig Raum bekämen. "Anders als man vielleicht denkt, sind Gruppen nicht automatisch sicherer unterwegs – oft treffen sie riskantere Entscheidungen, als es eine Einzelperson tun würde", sagt Rappich.
Am Berg, einem potenziellen Gefahrenraum, treten Stimmungen und Konflikte aus dem Tal besonders deutlich hervor. Eine Gruppe oder Seilschaft kann enger zusammenwachsen, Vertrauen entsteht, weil man sich gegenseitig unterstützt und schwierige Situationen gemeinsam bewältigt. Gleichzeitig können bestehende Unsicherheiten, Konkurrenz oder Streitigkeiten unter alpinen Bedingungen, Stress und Angst sichtbarer werden und sich verstärken. Hinzu kommt, dass Menschen am Berg ab einem gewissen Punkt stärker aufeinander angewiesen sind. "Auf Tour kann ich nicht einfach weggehen oder eine Freundin anrufen, wenn sich in der Gruppe etwas ungut entwickelt", sagt Rappich. Das erhöhe den Druck unterwegs zusätzlich. Schon in der Planung zeigt sich häufig, ob eine Tour gut funktionieren kann. Entscheidend ist, wie die Gruppe über ihre Ziele spricht, ob alle ihre Einschätzungen, Wünsche und Zweifel einbringen oder ob eine Person oder ein Gruppenteil die Entscheidungen übernimmt und andere übergeht. Spannungen sollten möglichst früh angesprochen werden, im Tal oder spätestens auf der Hütte, nicht erst unter Belastung am Berg.
Tipps für die Planung der Tour
Der Faktor Mensch wird oft unterschätzt. So bezieht ihr ihn mit ein.
Mit wem bin ich unterwegs?
Ob Freundeskreis, Beziehung oder neue Tourenpartner, die man etwa über Online-Plattformen kennengelernt hat: Die Auswahl des Teams und der Tour sollte nach Können, Erwartungen und Erfahrung erfolgen. Besonders bei neuen Bekanntschaften empfiehlt es sich, sich erst bei einfacheren Touren kennenzulernen und Vertrauen, Belastbarkeit sowie Fähigkeiten unter realen Bedingungen zu prüfen.
Eigene Kompetenzen aufbauen und Verantwortung übernehmen
Sicherheit im Bergsport setzt voraus, dass alle Beteiligten grundlegende Fähigkeiten selbst mitbringen. Wer unterwegs ist, sollte nicht blind Entscheidungen anderer folgen, sondern Anspruch, Gelände und Risiken selbst einschätzen können. Orientierung, Wetterkunde, Tourenplanung und Verhalten im Notfall kann man sich in Kursen, zum Beispiel bei Bergschulen, Bergführerbüros oder dem Deutschen Alpenverein, systematisch aneignen. Auch geführte Touren bieten die Möglichkeit, von erfahrenen Personen zu lernen. Ziel ist immer, die eigene Entscheidungsfähigkeit aufzubauen und Verantwortung bewusst zu übernehmen.
Ziele und Erwartungen vor der Tour klären
Vor jeder Tour sollte klar sein, worum es den Beteiligten geht: Gipfel, Training oder Naturerlebnis? Nur wer seine Motivation kennt, kann Erwartungen offen abgleichen und im Zweifel getrennt gehen, statt Kompromisse zu erzwingen.
Rollen und Verantwortung in der Gruppe klären
In privaten Gruppen bleibt Verantwortung oft unausgesprochen. Deshalb ist es sinnvoll, früh zu klären, wer welche Erfahrung für die geplante Tour mitbringt, wer sich gut in der Gegend auskennt und wer im Notfall mit medizinischem Wissen unterstützen kann. So sind die Kompetenzen klar, und in schwierigen Situationen kann besonnen gehandelt werden.
Risiken strukturiert einschätzen (3x3)
Das 3x3-Schema hilft, Touren systematisch zu beurteilen: zuerst bei der Planung zu Hause, dann direkt vor der Tour und schließlich unterwegs im Gelände. Dabei werden Bedingungen wie Wetter und Lawinenlage, das Gelände und die Route sowie der Mensch mit Kondition, Erfahrung, Ausrüstung und Tagesform gemeinsam berücksichtigt und laufend neu bewertet. Dafür sollte man schon vorab konkrete Checkpoints festlegen, einschließlich eines finalen Umkehrpunkts.
Tempo, Belastung und Gruppendynamik immer im Blick behalten
Eine Gruppe ist nur so stark wie ihr schwächstes Mitglied. Tempo, Pausen und Ziel sollten sich daran orientieren, wie sich alle fühlen und wie sich die Situation entwickelt. Neben körperlicher Belastung spielen auch soziale Dynamiken eine Rolle: Wenn sich eine Person durchsetzt, andere sich zurückziehen oder Zweifel keinen Raum mehr haben, kann das Entscheidungen beeinflussen. Offene Kommunikation hilft, solche Entwicklungen früh zu erkennen.
Plan B entwerfen
Für jede Tour sollte es einen Plan B geben – etwa eine Route mit geringerem Anspruch, ein alternatives Ziel oder einen festgelegten Umkehrpunkt. So lassen sich Druck und Risiko reduzieren und Entscheidungen unterwegs leichter treffen.
Umkehren als normale Entscheidung etablieren
Viele kritische Situationen entstehen, weil Gruppen trotz schlechter Bedingungen weitergehen. Zum Bergsport gehört eine Kultur der Umkehr. Sie ist keine Niederlage, sondern oft die sicherste und verantwortungsvollste Entscheidung – und sollte vorher klar angesprochen werden, sodass alle Beteiligten sie verstehen und auch akzeptieren

Lieber vorher offen reden als auf der Wanderung getrennter Wege zu ziehen.
Auch während der Tour bleibt Kommunikation ein zentraler Faktor
"Viele Menschen spüren zwar, dass etwas nicht stimmt, sprechen es aber nicht aus", sagt Julia Rappich. Hinweise darauf, dass sich die Stimmung in einer Gruppe verändert, zeigen sich zum Beispiel darin, dass das Tempo nicht mehr zu allen passt, Zweifel nicht mehr geäußert werden, Gespräche abnehmen oder Menschen auf Kritik gereizt reagieren. In solchen Situationen kann sich die Gruppendynamik so verschieben, dass einzelne Personen zunehmend als Belastung wahrgenommen werden, etwa wenn sie langsamer sind als der Rest. Genau an diesem Punkt entsteht häufig die Vorstufe dessen, was in der aktuellen Debatte als "Alpine Divorce" beschrieben wird: Gruppen trennen sich, einzelne bleiben zurück.





