Abschied von unserem Freund und Kollegen Steffen Kern

Nachruf Steffen Kern
Ciao Steffen

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 09.06.2026
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Steffen Kern
Foto: Archiv Klettern

Irgendwann im Herbst 2000 traf ein etwas verstrubbelter und leicht verstrahlter junger Mann in der Redaktion zu einem zweimonatigen Praktikum ein. Neben einer Portion Tübinger Punk- und Studentenattitüde brachte Steffen damals schon einige Dinge mit, die ihn in kürzester Zeit zu einem hervorragenden Redakteur werden ließen. Da war zum einen sein umfassendes alpinhistorisches und -literarisches Wissen, dazu kannte Steffen die Alpen und ihre Routen bestens aus eigener Anschauung: Über 30 Routen aus der Alpenbibel "Im extremen Fels" hat er selbst geklettert und insgesamt über 200 Alpenrouten in seiner Routenliste stehen.

Dank seiner DAV-Ausbildung zum Trainer C "Alpinklettern" war er in der Sicherungstechnik und vielen anderen alpinen Sicherheitsaspekten firm und immer auf dem neuesten Stand. Zum anderen brachte Steffen dank seines Philosophiestudiums deutlich mehr als das nötige intellektuelle und rhetorische Rüstzeug für den Job mit. Seine Promotion zum Thema "Das Erhabene in der Alpinliteratur" schloss er zwar nie ab – da kam einfach das Leben dazwischen. Doch für gehobenen Lesegenuss in klettern sorgte er immer wieder. Ein besonderes Highlight war sein Artikel über fünf große Kanten der Dolomiten unter dem Titel "Dialektik der Berge". Da ließ er, zwischen viel handfester Information, Hegel und Kant über den Sinn und Unsinn der Kletterei sinnieren – auch wenn ich nicht alles verstand: Es war großartig.

Steffen Kern
Ralph Stöhr

Steffen bereicherte aber nicht nur unseren Redaktionsalltag, sondern auch viele verhockte Abende mit uns oder mit seinen alten Kletterfreunden mit wunderbaren, mal mehr, mal weniger abgefahrenen Gesprächen. Unser Humor und unsere Ansichten lagen oft auf einer sehr ähnlichen Linie, so dass Steffen nie nur ein "Mitarbeiter", sondern immer auch ein Freund war. Die Kletterszene kannte er nicht nur beruflich, er hat viele von den alpinen Größen interviewt und befreundete sich mit den meisten. Schließlich – und das zeichnete Steffen nicht nur in der Redaktion aus – war er bei aller punkigen Lässigkeit doch ein ehrgeiziger Perfektionist. In der Jugend spielte er Tennis auf baden-württembergischen Toplevel, im Klettern kam er bis 7c, im Bouldern bis 7C. Er war immer voller Passion und mit viel Anspruch an sich selbst dabei, wobei er auch im Klettern eher das kreative Element suchte als die sture sportliche Leistung.

Nach Jahren alpiner Sammelleidenschaft, in denen er nicht nur Routen, sondern mit Touren wie der Agnerkante (1600 m) oder dem Südpfeiler der Barre des Écrins (1200 m) vor allem auch Klettermeter sammelte, verlegte er sich ab 2003 nach einem Besuch im Schweizer Averstal immer mehr auf die Kurzstrecke und wurde zum besessenen Felsboulderer. Fontainebleau, der Westen der USA, die Rocklands in Südafrika, Neuseeland, und natürlich die Bouldergebiete im Tessin und sonstwo in der Schweiz und in den Alpen: Steffen kannte sie alle, und er kannte auch viele der lokalen Protagonisten. Mit Bernd Zangerl besuchte er dessen indisches Boulderparadies Rakchham, und wie Bernd sich bei Steffens Trauerfeier erinnerte: "Steffen verschwand zwei Monate lang jeden Morgen mit Leiter, Putz- und Boulderzeug und kam erst spät zurück. Danach hatte er quasi im Alleingang den gesamten neuen Sektor Sunnyside erschlossen." (siehe Bild unten).

Steffen Kern
Archiv Kern

Das Tessin spielte in Steffens letzter Lebensdekade eine besondere Rolle: Irgendwann traf er dort beim Bouldern auf Prisca, seine große Liebe. Sein alter Kletterfreund Romed Kühn, mit dem er mal in einer Urlaubswoche vier Pausetouren am Stück abhakte, zitierte bei der Trauerfeier einen alten Reinhard-Karl-Spruch von der emotionalen Atombombe, mit der die neue Freundin ins Leben trat. Für Steffen hieß diese Atombombe Prisca. Nicht lange, da bat er 2015 darum, künftig vom Tessin aus arbeiten zu dürfen. Im Sommer siedelte er um in den Schweizer Süden und kombinierte Arbeit, Familie – 2015 kam auch seine Tochter zur Welt – und Bouldern. Es begann für ihn die wohl glücklichste Zeit seines Lebens. Apropos Glücklichsein und Dialektik: Steffen genoss ein Leben zwischen Extremen. Erst die alpine Langstrecke, dann die blockige Kurzstrecke – das Dazwischen lag ihm nicht so. Sich frühmorgens zum Berg quälen oder erst mal vor dem Bouldern Kaffeemaschine und Milchaufschäumer anwerfen – er konnte und wollte beides. Ganz am Ende blieb ihm nichts mehr davon.

Einen letzten Wanderausflug mit der Familie auf einen nahen Tessiner Gipfel – nach Hirn-OP und Chemo – genoss er über alle Maßen. Als wir ihn im Februar im Hospiz in Lugano besuchten, war er aber von der Krankheit schon schwer gezeichnet. "Steffen, wir sehen uns irgendwann auf der anderen Seite", sagte ich da zu ihm, "ich bin nämlich nicht sicher, dass es die nicht gibt." – "Ja", antwortete er, "ich auch nicht. Und irgendeine Hoffnung braucht man ja." In diesem Sinne bleiben mir nur die Worte, mit denen sich seine Frau Prisca nach der Trauerfeier bei den vielen Anwesenden bedankte: Grazie di cuore, von Herzen Dank, Steffen!