Klettern im Weser-Leine-Bergland Peter Brunnert

Klettern in Norddeutschland: Ith, Selter & Co

Klettern in Norddeutschland Felsen im Norden

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Ith, Selter und Co: Wo man in Norddeutschland prima klettern kann, wo man gut nächtigt und wie die Absicherung ist, erklären wir hier.

In diesem Artikel:

Info zum Klettern in Norddeutschland

Lage und Anfahrt

Die niedersächsischen Kalkgebiete liegen im Dreieck zwischen Hameln, Hildesheim und Einbeck im Weser-Leine-Bergland. Sie sind von den Autobahnen A7 und A2 aus problemlos zu erreichen.

Klettern im Weser-Leine-Bergland: Klettergebiete im Überblick
KLETTERN
Klettergebiete im Weser-Leine-Bergland im Überblick

Unterkunft

Der zentrale Kletterer-Stützpunkt ist der DAV-Zeltplatz im südlichen Ith bei Lüerdissen. In den Ortschaften in unmittelbarer Umgebung der Felsen findet man aber auch überall Privatunterkünfte (weserbergland-tourismus.de).

Absicherung

Die klettersportliche Tradition in den niedersächsischen Gebieten hat von je her für eine gewisse Hakenarmut gesorgt. Das gilt vor allem für Routen bis zum fünften Schwierigkeitsgrad. Aber auch in vielen Klassikern des sechsten und siebten Grades blinkt nicht so viel Edelstahl wie in den Gebieten an den Ufern der Trubach oder der Ardèche. Am sichersten ist es, grundsätzlich ein geeignet sortiertes Bündel Klemmkeile und Schlingen am Gurt baumeln zu haben. Die neueren Routen sind jedoch alle im Stil der Zeit eingebohrt.

Kletterführer

Klettern im Weser-Leine-Bergland
Panico Alpinverlag
Kletterführer für Norddeutschland: von Kalk bis Sandstein das große Infopaket für den Norden.

Peter Brunnert, Arne und Stephen Grage: Hoch im Norden, Panico Alpinverlag, 3. Auflage 2021, 536 Seiten, 44,80 Euro, www.panico.de; ISBN 978-3-95611-139-6

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Liste: Die besten Routen im Weser-Leine-Bergland

Klettern im Weser-Leine-Bergland: Die besten Routen
KLETTERN
Liste: Die besten Routen im Weser-Leine-Bergland

Nordisch frisch: Führer-Autor Peter Brunnert führt uns durch die besten Felsen des Weser-Leine-Berglands

Vor einiger Zeit hatte mich die Alpenvereinssektion Trostberg in Oberbayern zu einer Lesung eingeladen. Trostberg, Informierte wissen das, ist immerhin der Geburtsort von Alexander Huber, ich betrat also geweihtes Terrain. Im Anschluss an die Veranstaltung nahm mich der Vortragswart diskret beiseite und fragte mich mit einer Mischung aus Interesse und Mitleid: "Jetzt mal ehrlich: Das muss doch furchtbar sein für euch da oben im Flachland. Keine Berge weit und breit. Wie macht ihr das bloß mit dem Klettern?"Als ich dem verdutzten Fragesteller erwiderte, dass ich innerhalb einer Autostunde über 5000 Kletterrouten erreichen könne und dabei die Auswahl zwischen Kalk, Sandstein, Granit und ein paar anderen Exoten hätte, wollte er das zunächst nicht glauben. Verständlich. Denn was kommt einem Bewohner der Landstriche südlich des Mains in den Sinn, wenn er das Wort "Niedersachsen" hört? Genau: Heidschnucken, Hannover 96, Wattwanderungen – keinesfalls jedoch Felsen.

Klettern im Weser-Leine-Bergland
Peter Brunnert
Der Lochturm in den Bisperoder Klippen bietet mit der Südkante (6-) ein echtes Highlight

Doch das vermeintlich so flache und langweilige Niedersachsen kann mit einem überraschend großen und vielfältigen Angebot an Kletterfelsen aufwarten: die Granitbollwerke des Harzes, die Sandsteingebiete des Göttinger Waldes und der Bodensteiner Klippen sowie die großen Kalkklettergebiete von Ith, Selter, Kanstein & Co. Letztere allein haben eine Auswahl von knapp 2700 Kletterrouten an weit über 200 Felsen. Moment – sagte ich "Felsen"? Falsch! In Norddeutschland sagt man "Klippen" zu den Dingern. Genauso wie wir Kletterer uns für gewöhnlich mit "Moin!" und nicht mit "Servus!" begrüßen.

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Arne Grage
Der Schulterweg (9-) war der erste Neuner Norddeutschlands und bietet heute noch gute Unterhaltung

Klettern im Ith

Der Ith ist natürlich ein Kulminationspunkt des norddeutschen Kalkkletterns. Ith – meine Güte, was für ein sperriges Wort! Für den Kreuzworträtsel-Fan ist es nur ein "Höhenzug mit drei Buchstaben", doch er ist natürlich weit mehr: nämlich die Felsenheimat fast aller, die im Norden das Klettern an Naturfels gelernt haben, und der Ort, an dem die meisten Hallen-Migranten zum ersten Mal richtigen Fels in der Hand halten. Am Ith wurde ein um‘s andere Mal norddeutsche Klettergeschichte geschrieben: Prominente Felsgestalten wie das Kamel oder das Krokodil, berühmte Kletterrouten wie die Dachverschneidung oder Anakonda sind weit über die niedersächsischen Grenzen hinaus bekannt. Der Ith-Zeltplatz in Rufweite der Felsen war und ist der Szenetreffpunkt der norddeutschen Klettergemeinde. Okay, mittlerweile auch der niederländischen. Und der dänischen. Rund um den Ith-Zeltplatz, also in den Lüerdisser und Holzener Klippen, ist das Angebot an Felsen schon ziemlich großartig. Aber auch in Marienau wurde ein kleines, feines Gebiet wachgeküsst, hoch oben in Bisperode wurde intensiv und mit wunderschönen Ergebnissen nacherschlossen und fußläufig vom Zeltplatz gibt es auch in den Scharfoldendorfer Klippen Klasse-Routen zu entdecken. Die Vorzüge der vor kurzem eingebohrten Steinbruchwände in Holzen zu preisen, hieße, Eulen nach Athen zu tragen – da ist ohnehin ganz schön was los.

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Keine wilden Tiere, aber anmutige Akrobatik gibt es im Zirkus: Katharina Thoms klettert die Wulstwand (5+)

Doch der Reihe nach – fangen wir am Nordende des Ith-Kammes an: Viele Jahre lang lagen dort die Marienauer Klippen quasi im Dornröschenschlaf. Man fuhr zwar mal alle paar Jahre hin, gruselte sich an alten Haken vorbei, schrieb sich tapfer ins Gipfelbuch des Hohesteins und ließ es dann auch wieder bleiben. Seit 2006 jedoch entstanden eine Reihe äußerst interessanter Routen, die vor allem eins gemein haben: ihre perfekte Absicherung mit Bohrhaken. Sind in den anderen Ith-Sektoren in den leichteren Touren eigentlich immer Keile im Einsatz, können sie hier meist im Rucksack bleiben. Das hat zur Folge, dass die Felsgruppe trotz ihres eher kleinen Routenangebots auch bei Hallen-Umsteigern recht beliebt ist. Den sechsten Grad sollte man aber schon drauf haben, damit‘s Spaß macht. Eine der beliebtesten Routen ist die üppig gesicherte Südwestwand (6-) am Hohestein. Die Bisperoder Klippen im Nördlichen Ith waren noch bis vor ein paar Jahren ein Geheimtipp für alle diejenigen, denen es in Lüerdissen oder Holzen zu trubelig war. Diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei – dass man dort oben herrlich klettern kann, hat sich inzwischen herumgesprochen. An den über 30 Felsen findet sich aber trotz der gestiegenen Popularität meist noch ein einsames Plätzchen, denn der gut 45-minütige Zustieg sorgt dafür, dass es hier nicht zu voll wird. Wer den hinter sich gebracht hat, kann in griffigem Kalk und gut abgesicherten Touren zwischen dem dritten und dem neunten Schwierigkeitsgrad schwelgen. Am Lochturm ist die Südkante (6-) recht populär, die Hängepartie (7-) ist vermutlich das beste Ith-Dach.

Rampenlicht und Schattendasein

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Peter Brunnert
Oben Sandstein, unten Kalk, die Mischung alpin: Jonathan Welter klettert die Fette Beute (7) am Hohenstein

Am Wochenende stehen nicht selten 150 und mehr Autos auf dem Parkplatz an den Lüerdisser Klippen, die Popularität von Krokodil, Kamel & Co. hat Ausmaße angenommen, die man nur schwerlich toll finden kann. Aber wen wundert’s? Der idyllisch gelegene Zeltplatz, ein kurzer Abstieg zu den Felsen, Hunderte wunderschöne, auch leichte und mittelschwere Touren in betörend griffigem Gestein und viele große Ith-Klassiker obendrein: das sind natürlich hitverdächtige Zutaten. Der Blick auf die Nummernschilder der abgestellten Autos verrät: Klar, da ist die komplette norddeutsche Szene, zuzüglich der Felsverrückten aus NRW, Dänemark und den Niederlanden am Start. Daher der Tipp: Wer wochentags kommen kann, sollte diese Chance nutzen – dann klettert es sich wesentlich entspannter. An der Wechselverschneidung ist die gleichnamige Route (6+) einer der ganz großen Ithklassiker, wer am Dach spektakulär rechts raushangelt, macht mit Never hook with a hooker eine tolle 8-.Eingequetscht zwischen den Gebietsmonstern Lüerdissen und Holzen führten die etwas verstreut liegenden Scharfoldendorfer Klippen immer schon ein Schattendasein. Das Angebot ist jedoch nicht schlecht, und ein Ausflug lohnt immer, vor allem, wenn die beiden Nachbarn mal wieder unter der Besucherlast stöhnen.

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Peter Brunnert
Der wohl berühmteste Fels des Nordens: Das Kamel

Während an der Teufelsküche Genussaspiranten auf ihre Kosten kommen, gibt’s am Kinaststein eine ganze Reihe härterer Touren – und mit Heroes go left (10-/10) und dem Kavaliersdelikt (10-/10) zwei der schwersten des Weserberglandes. Das Boxenluder (8-) wartet oben mit genialen Strukturen auf die, die sich daran festhalten können.Am südlichen Ende des Ithkammes liegt das Dörfchen Holzen. Was dort im lichten Buchenhain an Felsen herumsteht, ist von erlesener Güte, so dass selbst weitgereiste Felskosmopoliten ins Schwärmen geraten. Allein für die Holzener Klippen lohnt der Weg in den Norden, allerdings sollte man auf den Kalender schauen, bevor man losfährt: Auch Bruder Wanderfalke hat sich von der Qualität des Angebotes überzeugen lassen, und die Felsengruppe um die Drachenwand ist von Anfang Februar bis Ende Juli leider gesperrt. Dort findet man mit dem Drachentöter (7-/7), der Via Ferrara (8) und dem Segelflieger (7-) einmalig schöne Klassiker des norddeutschen Bergsteigens. Und der Schulterweg (9-) von Milan Sykora war 1981 der erste Neuner im Norden. Ein echter Exot unter den Kletterspots ist der kleine, unweit der Leine gelegene Sandsteinbruch von Garlebsen, dessen Besuch auf jeden Fall lohnt. Scharf geschnittene Rissverschneidungen, Lettenlöcher, patschige Sandsteinkanten wie Was hookst du? (8-/8): ein Hauch von Göttinger Wald mitten im Juraland.

Klettern im Selter

Klettern im Weser-Leine-Bergland
Peter Brunnert
Anja Pietsch klettert Stimmen im Wind (8) an der Bockshorn Westwand

Was auf der Westseite der Ithkamm, sind auf der Ostseite die felsigen Mittelgebirgskämme von Selter, Steinberg und Thüster Berg. Der Verlust des Highend-Gebietes im Südlichen Selter war ein harter Schlag für alle leistungsorientierten norddeutschen Kletterinnen und Kletterer. Die müssen nämlich jetzt 400 Kilometer nach Franken fahren, um einen Elfer klettern zu können. So sind die Nördlichen Fredener und die Imsener Klippen der Rest, der vom grandiosen Selter geblieben ist. Allerdings sind dort in den letzten Jahren an einigen Felsen eine ganze Reihe richtig guter Touren in Selter-Premium-Fels eröffnet worden, wie zum Beispiel KFM (9-) an der Kogge, einem der besten Neuner weit und breit, oder die atemberaubende Dachhangel Trieste direkt (9+/10-) am Riesendach. Der etwas weitere Zustieg lohnt in jedem Fall. In den letzten Auflagen des Kletterführers "Hoch im Norden" gab es eher abfällige Kommentare für die Delligser Klippen, eine Handvoll wackerer Erschließer hat aber trotzdem noch mal ganz genau hingeschaut und 40 Neutouren eingebohrt. Die unteren Wandbereiche erfordern zwar etwas alpine Erfahrung, sind aber immer leicht und gut mit Bohrhaken gesichert. Weiter oben wird man dann mit Topfels belohnt, es warten fette Dächer, und zwischen 6 und 9 wird hier alles geboten. Wer ein echter Rodeo-Fan ist, muss sich natürlich am Schwebeblock (7+) versuchen. Keine Angst: Das Ding hält! Ach ja: Potenzial für einen echten Elfer gibt es auch … In den Gerzener Klippen befindet sich mit dem Pferdestall einer der Boulderhotspots des Nordens, der genug Stoff für mehrere Tage heiße Finger hat. Hier warten einige der schwierigsten Boulder Norddeutschlands auf die Mädels und Jungs mit den gestählten Fingern, zum Beispiel Curling kangaroo (8B). Für ebendiese wird auch in den Nördlichen Gerzener Klippen ein spannendes Betätigungsfeld geboten. Das Seil braucht man dort allerdings schon, um boulderlastige Routen wie Skadmor (10-) abzuhaken.Vor allem im Sommer erfreuen sich die schattigen Brunkenser Klippen großer Beliebtheit. Die Felsgruppe hat mit der Lippoldshöhle auch ein touristisches Highlight, man kann sich also zahlreicher Zuschauer sicher sein. Die Touren sind in jedem Fall bemerkenswert hübsch und vergleichsweise gut mit Bohrhaken ausgestattet. Der große Klassiker ist Lippolds Fluchtweg (5), den man auf jeden Fall gemacht haben sollte.

Klettern im Weser-Leine-Bergland
Rouven Kühn
Doreen Wilp klettert den Schwebeblock (7+) an den Delligser Klippen

Nördlich des Örtchens Marienhagen liegen zwei riesige, aufgelassene Steinbrüche, die Mitte der 70er-Jahre von Kletterern entdeckt und erschlossen wurden. Das Angebot reicht von wilden Bruch-Technos an einer gigantischen, 70 Meter hohen Wand bis hin zu beschaulichen Plattenklettereien in entspannter Atmosphäre, wie beispielsweise die Platine (5-): eine aparte Alternative zu den überlaufenen Modegebieten. kinderleicht oder herb alpin?

Mit fast 450 Wegen an 46 Felsen ist der Kanstein am Thüster Berg das größte Einzelgebiet im niedersächsischen Kalkrevier. Bereits um 1900 wurden die vielen freistehenden Türme bezwungen, allen voran die fantastische Liebesnadel, auf der jeder Nordlandbesucher einmal im Leben gestanden haben sollte. Trotz der abgeschiedenen Lage und des langen Zustiegs herrscht hier deutlich regerer Kletterverkehr als noch vor ein paar Jahren. Das liegt hauptsächlich an der Nacherschließung mit einer ganzen Reihe gut gesicherter Routen, exemplarisch sei hier Le grand Boatz (7+) am Drilling genannt. Der Zirkus in den Levedagser Klippen ist zwar nur maximal zwölf Meter hoch, aber der Fels mit den meisten Touren in Norddeutschland – es sind 83. Er erfreut sich extremer Beliebtheit, weil es dort auch viele leichte, durch Bohrhaken abgesicherte Routen gibt, die sich hervorragend für die ersten Vorstiege von Kindern eignen. Die klassische Verschneidung (4+) wird häufig belagert – und das völlig zu Recht! Für Kinder ganz und gar ungeeignet ist der Hohenstein im Süntel – die höchste und alpinste natürliche Felswand Norddeutschlands. Dort gibt es ein großes Angebot an klassischen Wegen, von denen einige für den Norden einmalige Erlebnisse bieten. Wege wie Fette Beute (7), Spiralriss (5-) oder Freiburger Weg (6-/6) suchen, was Gesamt­erlebnis und Ausgesetztheit angeht, ihresgleichen. Das teils eigenartige Gestein ist allerdings nichts für Rohlinge und Grobmotoriker, die Ausgesetztheit der steilen Wände sorgt zudem dafür, dass sich hier Kletterer mit stabilem Nervenkostüm wohler fühlen als zart Besaitete. Nein, für die ersten Schritte am Naturfels gibt es sicherlich geeignetere Gebiete. Möchte man sich auf größere Dolomiten-Abenteuer vorbereiten, findet man jedoch weit und breit nichts Besseres. Und ich schätze mal, da würde mir selbst der Vortragswart der Sektion Trostberg ohne Zögern zustimmen.

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