Kittl, Jahrgang 1931, zählt zu den herausragenden Kletterinnen ihrer Generation. Sie musste zahlreiche Schicksalsschläge verkraften: Ihr Sohn kam ums Leben, sie erkrankte an Krebs und erlitt einen Schlaganfall. 2008 starb ihr Mann. Trotzdem geht Kittl regelmäßig in die Halle und an den Fels. Ihr erklärtes Ziel: bis zu ihrem 100. Lebensjahr weiterzuklettern. Das 208 Seiten starke Buch von Marlies Lattner-Czerny erscheint am 17. Oktober 2026 im Tyrolia Verlag.
Eine beeindruckende Geschichte! – Doch wie schaffen wir es überhaupt in der zweiten Lebenshälfte noch stark zu klettern? Wir haben Doktor Volker Schöffl gefragt, den Arzt des deutschen Kletternationalteams. Er gab uns im Interview ein paar Antworten darauf:
Die Maximalkraft hält sich relativ lang, aber die muskuläre Regenerationszeit wird um einiges größer. Es dauert viel länger, bis du die Belastungsreize verkraftest. Du kannst schon noch Muskeln halten, vielleicht auch noch ein bisschen aufbauen im Alter. Aber ich würde das Pferd andersherum aufzäumen: Ich finde es eher erstaunlich, wie lange du dich im Klettern auf einem vernünftigen, relativ hohen Niveau bewegen kannst. In wie vielen anderen Sportarten geht das?
Generell fällt es leichter, das Niveau zu halten als noch aufzubauen. Wichtig ist, dass du dir über die Jahre ein Bewegungsrepertoire aufgebaut hast, einen motorischen Schatz. Damit kannst du den zwangsläufigen Kraftverlust über eine gewisse Zeit ausgleichen.
Das geht rein sportwissenschaftlich schon mit Ende zwanzig, spätestens Anfang dreißig los. Meine Leistungskurve ging in diesem Alter noch nach oben, aber aus ganz anderen Gründen: Ich bin mit 28 endlich in ein Klettergebiet gezogen, in dem ich auch nachmittags einfach mal schnell klettern gehen konnte, in die Fränkische. Vorher habe ich halt mal fünf Monate nicht geklettert und mich nur an einen Türbalken gehängt und gedacht, das reicht. Erstaunlicher ist eher, dass man mit dem wenigen Training trotzdem Xklettern konnte. Heute ist es einfacher, du gehst jetzt vielleicht viermal die Woche in die Halle und kannst dir noch raussuchen, was du machen willst: bouldern, kiltern, Routen pumpen, und du kombinierst das alles, wie du es gerade brauchst.
Du musst die muskulären Reize abwechseln. Auch wenn du lockere Routen kletterst auf einen platten Muskel, wirst du einen motorischen Gewinn haben und eine gewissen Ausdauerreiz setzen können, obwohl du noch von einem intensiven Training regenerierst. Du kannst heute so viel variieren. Früher gab es halt einen Kraftraum und einen selbstgebauten Trainingsbalken. An den kann ich mich nur soundso oft hinhängen, und das wird auch, sagen wir mal, mental etwas zäh.
Das Aufwärmen und das Hinführen zur Maximalbelastung dauert länger, auch das Ausgleichs- und Stabitraining, das Erhalten der Beweglichkeit werden viel wichtiger. Ein Kind hat keine verkürzte Muskulatur und keine eingeschränkte Beweglichkeit, das muss nicht viel tun. Aber wenn wir über 30 Jahre nur in eine Richtung reintrainieren, kommt das Ergebnis auch zurück. Der Anteil, zu dem du unspezifisch trainierst, im Sinne von Muskelerhaltung und Ausgleich, der wird größer.
Ich halte ein sportliches Training für immer sinnvoll. Die Frage ist, kriegst du es zeitlich unter, bist du gewillt, und wofür machst du das Ganze? Wofür brennt dein Herz? Sicher ist: Du hast einen Verfall, und du musst jetzt etwas tun, um später deine Ziele verwirklichen zu können. Kann ich, wenn ich vorher stark war, meine Leistung länger halten als andere? Auf jeden Fall. Das ist ja auch ein Punkt, weshalb manche so lang so gut klettern können. Weil du eben so einen Bewegungserfahrungsschatz mitbringst, der dir ganz viel hilft, dein Level zu halten. Es geht da unter anderem um Muskelinitialisierung. Wie machst du den Zug, wie kannst du die Kraft einbringen, wie koordinierst du die Muskeln – die Qualität der Bewegung ist sicherlich besser, und du kletterst die Routen mit weniger Kraft.
Absolut eisern über den Schmerz trainieren, aber das ist auch bei den Jungen nicht sinnvoll. Auch beim Abspringen muss ich Vorsicht walten lassen, die Skelettmuskulatur und die Knochen haben nicht mehr die Flexibilität wie bei Zwanzigjährigen. Aber man darf sich auch nicht zu viele Gedanken machen. Die Frage ist ja, will ich aufgeben und sag, ich bin jetzt 60, ich will Claude Remy Klettern jetzt nur noch dies und jenes machen, denn ich bin jetzt alt, oder sag ich: Scheiß drauf, ich bin so alt, wie ich mich jetzt fühle, und nach der Maxime lebe ich.
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