Schwäbische Alb: Schottische Highlands vor der Tür

Schwäbische Alb
Highlands vor der Tür

ArtikeldatumVeröffentlicht am 14.01.2026
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Wir hatten auf den November gesetzt. Graue, stürmische Tage. Dann, so das Kalkül, könnte sich die Schwäbische Alb anfühlen wie die Schottischen Highlands. Man müsste dann nur eine Dreiviertelstunde fahren, statt in ein Flugzeug zu steigen, und ein schlichtes Wochenende würde reichen. Die Hochalb führt ja nicht umsonst den Beinamen Raue Alb, und Berge über 3000 Fuß, die berühmten schottischen Munros, gibt es dort auch. Dazu einen mitunter schwer verständlichen Dialekt und einen apokalyptischen Himmel, das sollte doch hinhauen. Doch je näher wir unserem Ziel kommen, Heroldstatt 50 Kilometer südöstlich von Stuttgart, desto mehr klart es auf über den Magerwiesen und Wacholderheiden des Schwäbischen Hochlands. Man muss es so deutlich sagen: Die Sonne scheint. Zum Glück haben wir uns vor dem Wandern mit Hans-Gerhard Fink verabredet. Denn wenn es einen gibt, der versteht, dass man Highlandgefühle auf der Schwäbischen Alb erleben möchte, dann ihn. Es gebe ja schon einige Gemeinsamkeiten, nicht nur das harte Klima, das dem Silomais hier oben auf 800 Metern schon im September den ersten Frost versetze. Auch die Bewohner seien sich ähnlich. "Schwaben und Schotten sind Nachfahren der Kelten", sagt Fink. "Und beide behaupten von den jeweils anderen, geizig zu sein, selber aber nur sparsam." Außerdem, und deswegen sind wir bei ihm, liebt Fink Whisky. So sehr, dass er ihn unter dem Label Finch, Englisch für Fink, selber destilliert: inzwischen 100 000 Liter im Jahr. Das ist verglichen mit den knapp neun Millionen Litern des schottischen Rekordhalters Glenfiddich zwar nicht viel, in Deutschland aber ganz vorn. Es gebe zwar einen Frankfurter Investmentbanker, der inzwischen mehr produziere, aber den größten Fasslagerbestand, den hat Finch – einfach, weil er früh angefangen hat: schon 1999. Sechstausend Fässer lagert er, manche mit über 500 Liter Volumen.

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Vom Obst zum Whisky

Dabei war er nicht einmal der Erste auf der Schwäbischen Alb. Zwanzig Kilometer nordwestlich von Heroldstatt schmiegt sich die Ortschaft Owen an den Albtrauf, wo schon seit 1989 Whisky destilliert wird. Inzwischen gehen dort drei Brenner zu Werke, wenn auch in weitaus kleinerem Umfang als Finch. Dass der Whisky auf der Alb boomt, sagt Fink, hat mit der Erbteilung in Schwaben zu tun: Nachkommen bekamen auch früher schon Land zu gleichen Teilen, wodurch es immer weiter zerstückelt wurde und dadurch schwieriger, den Lebensunterhalt zu sichern. Doch wer ein Paar der Streuobstwiesen des Albvorlands mit ihren Apfel- und Birn-, Zwetschgen- und Kirschbäumen geerbt hat, der verfällt irgendwann vielleicht auf die Idee, mit dem Schnapsbrennen zu beginnen. Und von dort zum Whisky fehlt nur ein kleiner Schritt. Glücklich, wer das nötige Getreide auf den eigenen Feldern anbauen kann, wie der studierte Agrarökonom Fink oben auf der Alb. Der Kollege Boris ersteht bei ihm einen halben Liter zehnjährigen Dinkel-Whisky, gereift im Portweinfass, dann ziehen wir los, gleich von der Tür weg. Boris hat eine 18-Kilometer-Runde ausgetüftelt, die wie eine Acht über der Hochfläche liegt, und wir folgen dem Weg durch Wiesen und Wäldchen und vorbei an herbstlich leuchtenden Lärchen. Kein Mensch außer uns wandert an diesem klaren Mittag, Samstag ist Supermarkt- und Autoputztag. Sehr weit sind wir noch nicht gekommen, drei Kilometer vielleicht, da sagt Boris: "Lass uns mal einen Kaffee machen." Der Kocher zischt, und wo man gerade so schön auf einem Baumstumpf im Biosphärenreservat Schwäbische Alb hockt und in die Sonne blinzelt, würde doch ein Schluck passen. Drei Dinge, hatte Fink uns erklärt, spielen für den Geschmack von Whisky eine Rolle: die Fässer, die Hefe und die Lagerung. "Aber das größte Kapital ist der Geschmacksinn" – während Corona fürchteten Fink und seine Söhne um ihn. Denn ohne ihn bringen die Versuchsreihen mit teils 250 oder sogar 300 Jahre alten Fässern nichts. Die Behältnisse kommen aus Schottland, Mallorca, Kentucky und Bordeaux und anderen Weltgegenden, und je nachdem, ob vorher Wein, Portwein, Sherry, Bourbon oder anderer Whisky darin reifte, entsteht ein anderer Geschmack. Fink hatte uns einen Blick ins Allerheiligste gewährt: Die größten Whiskyvorräte Deutschlands lagern bei fünf bis zehn Grad in langgestreckten Bunkern, ehemaligen Munitionsdepots der französischen Armee, die er vor zwei Jahren gekauft hat. Es duftet nach Holz und Angel Share: ver- dunsteter Whisky. Drei bis vier Prozent gehen auf der Alb an die Engel, in Schottland geht es zahmer im Himmel zu: ein bis zwei Prozent. "Rosinen", lässt sich Boris vernehmen, und ich weiß nicht, ob er das vorher auf der Verpackung gelesen hat oder selber rausgeschmeckt, aber es stimmt. Zart angedeutet, versteht sich, auch ein Hauch von dunkler Schokolade dringt durch. Den Dinkel schmecke ich nicht raus, er ist als Getreide für Whisky auch eher die Ausnahme. Whisky wird traditionell mit Gerstenmalz produziert, und so hält es Finch mit neunzig Prozent seiner Produktion, "alles andere wäre im Ausland nicht vermittelbar, gerade in Asien."

Auf alles vorbereitet

Ein Stück weiter wird es hügeliger, und bei Sontheim trübt sich der Himmel ein. Krähenrufe hallen über uns, hangaufwärts entdecken wir: Highlandrinder. Stoisch stehen sie im Matsch und grasen, was es noch zu grasen gibt. Mit ihrem öligen Zottelfell brauchen sie bei Regen kein Gore-Tex, als Baselayer tragen sie eine dicke Unterwolle, die sie winterfest macht – die Temperaturen können auf der Alb wie in Schottland bis minus dreißig Grad sinken. Liegt Schnee, wühlen die Rinder ihn mit ihren langen Hörnern auf. Und so kauen sie in der Gewissheit, mit allem fertigwerden zu können, immer weiter vor sich hin. Wir hingegen hätten vielleicht lieber einen Gang zulegen sollen. Denn was da so finster am Himmel dräut, sind nicht nur Wolken – dahinter kündigt sich schon die Nacht an. Einen Blick in die Sontheimer Höhle leisten wir uns trotzdem. Die 530 Meter lange Tropfsteinhöhle liegt praktisch am Weg und wäre vielleicht auch ein gutes Whiskydepot, beherbergt aber die größte Fledermauskolonie der Schwäbischen Alb. Deswegen versperrt ein Gitter ab November den Eingang, wir machen nur ein paar Treppenstufen in die Tiefe aus. Dann hechten wir in ein enges, dicht umwaldetes Tal, das alle Geräusche verschluckt, biegen steil bergan in einen schmalen Pfad rechts hinauf und sehen von einer felsigen Anhöhe die Sonne tiefrot hinter schwarzen Wolken und dem nächsten Berg versinken. Im Schein der Stirnlampe stiefeln wir in Richtung Parkplatz zurück und freuen uns mangels Pub auf Abendessen wie Bar im Laichinger Hotel Post. "Slàinte, McBoris." Beim Frühstück stelle ich eine kleine Berechnung an: Ungefähr 1500 Burgen und Burgruinen sprenkeln Schottland. Runterskaliert auf die Fläche der Alb, 6000 Quadratkilometer, wären das etwa 120 Burgen, tatsächlich bringt man es hier sogar auf etwa 250. Uns muss heute eine davon reichen: der Reußenstein hoch oben auf einem Felssporn über dem Neidlinger Tal, 20 Kilometer nördlich von Heroldstatt. Die Burg kontrollierte ab 1270 bis ins späte Mittelalter genau jenen Aufstieg auf den Albtrauf, den wir heute gehen wollen, auch wenn es den Wanderparkplatz Braike unten im Tal damals möglicherweise noch nicht gab. Der Trauf ist der beeindruckendste Teil der Schwäbischen Alb. Er liegt wie ein immens in die Breite gezogener Tafelberg über dem Vorland, steile, gewundene Höhenmeter führen hinauf. An der Kante haben sich in bester Aussichtslage hohe Herren ihre mehr oder weniger hohe Burgen bauen lassen. Der Reußenstein, vielfach verpfändet und verkauft, verfiel ab 1550, bis der Landkreis Nürtingen und der Schwäbische Albverein ihn Mitte der 1960er zu einer schmucken Halbruine renovierten, die auch in den schottischen Highlands etwas hermachen würde. Und diesmal haben wir Glück: Es regnet fast von Anfang an.

Eine Stunde den Berg hinauf

An kahlen Apfelbäumen vorbei wandern wir leicht bergan, dann am Wald entlang mit Talblick über eine Wiese, von unten blökt ein einsames Schaf hinauf. Selbst jetzt, Mitte November, leuchtet der Ahornwald über uns noch gelb im Regen. Das Laub hängt erstaunlich dicht, ein Anblick, der uns den immer steiler werdenden, vielleicht einstündigen Anstieg durch den Wald versüßt. Farblich passend ein Feuersalamander, den Boris entdeckt, als er seine Wasserflasche an einer kleinen Quelle auffüllt. Oben von der Burg Reußenstein überblicken wir das Neidlinger Tal. Dichter Wald liegt wie ein Pelz über dem Gegenhang. So ähnlich mag Schottland auch einmal ausgesehen haben, ehe die Bäume für den Schiffbau, die Kohle- und Textilindustrie und die Schafe abgeholzt wurden. Es heißt, früher einmal konnte ein Eichhörnchen durchs ganze Land springen, ohne den Boden zu berühren. Aber wir wollen nicht zu streng sein: Sie sind immer noch wunderschön, die Highlands. Auch die schwäbischen.

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