Klarälven in Värmland: Die perfekte Auszeit auf dem Floß in Schweden

Schwedens Wildnis
Das große Flussabenteuer auf dem Klarälven in Värmland

ArtikeldatumVeröffentlicht am 14.07.2026
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Romantiker würden von Magie sprechen. Realisten nennen es Nebelsuppe. Sie hängt an diesem Augustmorgen hartnäckig über dem Fluss Klarälven in der westschwedischen Provinz Värmland. Fast lautlos tauchen unsere Paddel ins Wasser, heben wieder ab, hinterlassen kleine Wirbel auf der glatten Fläche. Die Nacht war kalt, und die ersten Sonnenstrahlen lassen den Fluss qualmen wie einen Dampfkessel – bis die Luft sich erwärmt und selbst Realisten zu Romantikern werden, beim mystischen Anblick vereinzelter Nebelschwaden in der sattgrünen Flusslandschaft.

Dass Jesús und ich schon so früh im Kanu sitzen, hat einen Grund. Er wartet zehn Kilometer flussabwärts am Ufer: 70 Baumstämme, die wir zu einem Floß zusammenbauen werden, um ein Stück Vergangenheit der Region kennenzulernen. Denn der Klarälven, der sich vom Gebirge erst auf norwegischer, dann schwedischer Seite 460 Kilometer nach Süden bis zum Vänernsee windet, war einst die Schlagader des Holzhandels. Schon im 17. Jahrhundert hat man Stämme aus den Wäldern Värmlands in die Provinzhauptstadt Karlstad geflößt, wo sie zu Zellstoff für Papier verarbeitet wurden. Im Rekordjahr 1957 entsprach die Menge der geflößten Stämme 26.700 Lkw-Ladungen. Heute treiben nur noch Outdoorbegeisterte auf Flößen und in Kanus den Klarälven hinunter.

Tourenstart im Kanu ab Branäs

Wir selbst sind zwei Tage zuvor in Branäs gestartet, 170 Kilometer nördlich von Karlstad. IngMarie, die Besitzerin des Tourenanbieters Vildmark i Värmland, ist ein Phänomen: Sie wuchtet Kanus fast im Alleingang vom Dach ihres Vans. Bei ihrer zierlichen Statur wirkt das, als hätte sie Superkräfte. "Das mache ich schon seit vierzig Jahren so", erklärt sie lachend. Sie zeigt uns Paddeltechniken und geeignete Wildcamping-Plätze für die kommenden Nächte. Dann lässt sie uns mit Kanu, Kochset und viel zu viel Proviant zurück.

Vor uns liegen 40 der abwechslungsreichsten Flusskilometer des Klarälvens, die in 25 Mäandern von Branäs nach Stöllet verlaufen. Drei Kanutage auf dem langsam und ohne Stromschnellen dahinfließenden Fluss liegen vor uns. Zur Orientierung hier die Lage der Orte und ungefähre Wegverlauf auf der Karte:

Wälder aus Kiefern und Birken ziehen an uns vorbei, entlang des Ufers tauchen natürliche Sandstrände auf. Ab und an ragt eines der typisch roten Schwedenhäuser zwischen Baumwipfeln hervor. Dann führt ein schmaler Pfad herunter zum Wasser, meist liegt ein Kanu zum Umherschippern bereit. Bei der Wahl unserer Übernachtungsplätze folgen wir IngMaries Vorschlägen. Das erste Camp schlagen wir in der Nähe des Wasserfalls Fämtfallet auf, der sich am Ende eines Seitenarms des Klarälven befindet. Den nächsten Vormittag nutzen wir für eine Wanderung auf dem acht Kilometer langen Fämtleden. Immer entlang des Bachs führt ein Naturpfad durch lichten Wald mit üppigen Blaubeerfeldern hinauf zu einer Hängebrücke. Mit jeder Stunde wird die Luft schwüler.

Auf der anderen Seite der Hängebrücke geht es genauso abwechslungsreich wieder hinunter zu unserem Ausgangspunkt. Wir passieren Überreste eines ehemaligen Wasserkraftwerks und eines Sägewerks. Auch sie sind Zeugen der Zeit, als der Handel mit Holz aus den Wäldern Värmlands florierte. Vor den blauen Himmel haben sich im Laufe des Vormittags schwere Wolken geschoben. Jesús checkt den Regenradar und schaut alarmiert. "Wir haben eine Stunde bis zum Gewitter." Eilig lassen wir das Kanu zu Wasser und machen uns auf zum fünf Kilometer flussabwärts gelegenen Camp in Munkebol.Wahrscheinlich sind wir selten zuvor so im gleichen Rhythmus gepaddelt. Normalerweise macht bei uns im Boot jeder so sein Ding – was Jesús nicht weiter stört, aber mein Taktgefühl und Nervenkostüm strapaziert. Doch das Gewitter im Nacken fördert allem Anschein nach die Konzentration des Fotografen. In Munkebol bringen wir unser Equipment schnell unter ein Vindskydd. Die Biwak-Unterstände sind typisch in Schweden: eine meist erhöhte Holzplattform, zwei Seitenwände und ein schräges Wellblechdach. Gerade als wir inmitten unserer Requisiten unter Dach und Fach sitzen, prasselt der Regen auf einen Schlag herab, es kracht und blitzt.

Der Wind fährt über den Klarälven und reißt ihn aus seinem 2-km/h-Phlegma. Dann taucht plötzlich ein Floß aus dem Grau auf: Es ist ein holländischer Vater mit zwei Teenagern, den wir eine halbe Stunde zuvor überholt haben. Ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, sie könnten nicht längst an Land gegangen sein. Stattdessen treiben sie mitten im tosenden Regen am Ufer entlang und schaffen es nicht, das träge Floß zum Stoppen zu bringen. Wir rennen hinunter und helfen ihnen an Land. Später starten wir ein leise vor sich hin qualmendes Lagerfeuer. Zum Abendessen gibt es für uns geräucherten statt gegrillten Lachs aus IngMaries Wunderfutterbox. Bei den Jungs stehen aufgeweichte Nudeln und verkohlte Socken auf der Speisekarte – die Socken sind das einzige, was letztendlich wohl richtig durch ist.

Nachts kriecht der Nebel in jede Fuge

Als ich aufwache, verharre ich regungslos in meinem Schlafsack. Die gefrorene Nasenspitze ist das einzige Körperteil, das etwas von der klammen Luft abkriegt. Sie hat auf jeden Fall den richtigen Riecher: Ein Blick aus dem Zelt verrät, dass die Sicht ungefähr 50 Zentimeter beträgt; und ein Blick auf die Uhr, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Wir legen unser Zelt zusammen, das allein von der Luftfeuchtigkeit patschnass geworden ist. Denn wir hatten es letztendlich mit Biegen und Brechen in den Unterstand gebaut. Im Kanu schweigen Jesús und ich.

Wir paddeln auf einem unsichtbaren Fluss durch eine unsichtbare Landschaft. Wie gesagt: Romantiker würden es lieben. Doch es dauert nicht lange, da schafft es die Sonne durch. Wie wunderschön Nebel ist, bevor er zerbricht. Die zwölf Kilometer nach Stöllet werden zur Panoramafahrt. Am Ufer des Klarälven liegen vereinzelt Flöße an, Rauchsäulen steigen ein paar Meter entfernt an Land auf, triefnasse Klamotten hängen in den Bäumen. In Stöllet angekommen, gönnen wir uns eine erholsame Nacht in einer Lodge, um ausgeruht in Teil zwei unseres Flussabenteuers zu starten: Die Zeitschrift National Geographic zeichnet jedes Jahr die »50 Tours of a Lifetime« aus und listete 2013 auch IngMaries Floßfahrten. Wir haben Lust auf dieses Abenteuer und bauen am Nachmittag unter Anleitung unser eigenes Floß. Vier Stunden und unzählige Roband-, Kreuz- und Halbschlagknoten später ist das windschiefe Werk vollbracht.

Värmland
Jesus Tena

Im selbstgebauten Floß bis nach Stöllet

Die Idee der touristischen Holzfloßfahrten entstand Ende der 1970er Jahre. In Nordvärmland griff die Arbeitslosigkeit um sich und viele zogen aus der ländlichen Gegend weg. Um dem entgegenzuwirken, riefen die Einheimischen verschiedene Projekte ins Leben. Das Ingenieurpaar Anders und Birgitta Wiss gründete das Unternehmen Vildmark i Värmland und bot ab 1980 Floßfahrten an. Anders entwickelte eine Knotentechnik, mit der die vorbeitreibenden Baumstämme der Flößerei ohne Nägel zum Floß zusammengebaut werden konnten. In Björkebo zerlegten die Gäste das Floß wieder und die Baumstämme trieben weiter nach Karlstad. Die Idee entwickelte sich schnell zu einem Erfolg: In der ersten Saison kamen etwa 200 Gäste, im Jahr darauf bereits 800. Später ergänzten Kanufahrten das Angebot. Selbst als die gewerbliche Flößerei 1991 endete, wurden die Holzfloßfahrten fortgeführt. Im Jahr 2000 übernahmen die langjährigen Angestellten IngMarie und Anders Junler das Unternehmen. Auf dem Floß sind wir noch entspannter unterwegs als im Kanu, kochen Kaffee und machen "Fika" – das Kaffeekränzchen, das in Schweden niemals fehlen darf.

Stamm für Stamm: Wie so ein Floß entsteht

Es fühlt sich an, als würden wir den Fluss mittlerweile kennen, lesen seine Sandbänke, Strömungen und Untiefen. Trotzdem geht plötzlich alles viel zu schnell, als wir an einer Engstelle auf einem Felsbrocken aufsitzen und das Floß in der eben doch vorhandenen Strömung nervös auf der Stelle tanzt. Wir versuchen, unser Gewicht und die Kisten mit Equipment so zu verteilen, dass das Floß frei wird, und helfen mit der langen Flößerstange nach. Aber unser schweres Gefährt lässt sich davon nicht beeindrucken. "Hilft ja nichts", sagt der weniger verfrorene Jesús und steigt ins Wasser. Drei, vier kräftige Impulse, und wir treiben gemächlich weiter zum Ziel in Björkebo (s.u.)

680 51 Stöllet(SE)
Björkebo Camping
5 Bewertungen
24,96 EUR/Nacht
Strom vorhanden
Wasser vorhanden
Grauwasser-Entsorgung vorhanden
Chemie-WC vorhanden
WC vorhanden
Dusche vorhanden
WLAN vorhanden
Hunde erlaubt

Doch so ganz sehen wir es nicht ein, dass unser Klarälven-Abenteuer schon zu Ende sein soll. Also fahren wir mit dem Auto nach Karlstad, wo der Fluss in den Vänernsee mündet. Vorher verzweigt er sich durch die Stadt und lädt ein zur Sightseeingtour auf dem Wasser. Wir leihen uns Seekajaks am Kajakautomaten, passieren Cafés, deren Sonnenplätze bis zum letzten Platz gefüllt sind, paddeln unter der alten Steinbrücke Östra Bron durch und entdecken die Stadt aus einer ganz eigenen Perspektive. Einer Perspektive, die sich nur denen eröffnet, die sich aufs Wasser begeben oder, im Falle des Klarälvens, auf den "Holzweg".

Värmland
Jesus Tena

Reiseinfos im Überblick

Kajak- und Floßfahrten im Värmland sind ein Erlebnis, das etwas Planung bedarf. Mit diesen Infos steht dem Flussabenteuer nichts mehr im Wege ...

Paddeln im Värmland – alle Infos für die Planung
Hinkommen: Mit dem Flugzeug nach Stockholm- Arlanda (ab 100 Euro). Weiter per Zug oder Fernbus bis Karlstad. Zum Klarälvens Camping als Startpunkt für die Kanutour gelangt man mit dem Bus 600 ab Busbahnhof Karlstad, Haltestelle Varnas bytespunkt (varmlandstrafik.se). Wer im Värmland herumkommen will, mietet sich am besten ein Auto. Der Mietwagenanbieter befindet sich in Bahnhofsnähe in Karlstad (Mittelklassewagen ab 465 Euro pro Woche, avis.de).

Beste Zeit: Kanutouren auf dem Klarälven sind am schönsten von Mai bis September. Am wärmsten ist es in den Monaten Juli und August, die Tage sind dann sehr lang. Im Herbst ist die Luft klar, die Wälder färben sich bunt und es gibt frische Beeren.

Verleiher: Equipment für Kanu- und Floßtouren auf dem Klarälven bietet Vildmark i Värmland. Die Kanutouren sind auf drei, vier oder sieben Tage ausgelegt. Das Unternehmen wurde mit dem Ökotourismussiegel »Naturens bästa« ausgezeichnet. Die im Artikel beschriebene Kombi-Tour entspricht in etwa dem Traumweekend (ca. 313 € pro Erwachsenem): vildmark.se/de/pakete/holzflosspakete/traumweekend

Unterkünfte: Für die An- und Rückreise nach und von Karlstad eignen sich zentral gelegene Hotels wie das Home Hotel Drott (ab 125 € im Kompakt-DZ, strawberry.se) oder das Elite Stadshotellet direkt am Klarälven (ab 120 € im kleinen DZ, elite.se). Unterwegs schlägt man sein Zelt auf. Campen in freier Natur ist im Rahmen des schwedischen Jedermannsrechts an vielen Stellen möglich. Jeder darf sich frei in der Natur bewegen, zelten und Beeren pflücken – solange er respektvoll mit Land, Mensch und Tier umgeht. Das Jedermannsrecht ist kein Freibrief, in privaten Gärten zu lagern oder im Wald Äste fürs Lagerfeuer abzusägen. Wer nicht nur zelten möchte: Lodges direkt am Fluss gibt es zum Beispiel in Stöllet, buchbar bei Vildmark i Värmland (vildmark.se).

Weitere Highlights: Happie Camp mit luxuriösen Safarizelten mitten in der Natur (ca. 400€ für 2 Personen und den Mindestzeitraum von 2 Nächten). Beim Stop-over in Stockholm ist das Hotel Downtown Camper by Scandic zu empfehlen. Das zentral in Stockholm gelegene Hotel bietet ein junges Ambiente, Rooftop-Spa und großartiges Frühstück. Außerdem: Outdoor-Programm mitten in der Stadt. Im Hotel können (teilweise kostenlos) Urban Hikes, Yoga- Sessions oder Kajaktouren gebucht und Fahrräder geliehen werden. Perfekt zum Start oder Abschluss der Värmland-Reise (ab 160€ im DZ, scandichotels.com).

Mehr Informationen: visitvarmland.com, visitsweden.de

Diese Reisestory gab's gratis – viele weitere Schweden-Highlights hier im PDF zum Download:

Fazit