Zeitreise im Himalaya
Upper Dolpo Trek im Nordwesten Nepals

Reportage & Podcast

Das nepalesische Upper Dolpo bewahrt noch die traditionelle tibetische Lebensweise – diese Reise führt tief in die abgeschiedene Himalaya-Region ...

Auf Zeitreise im Himalaya-Gebiet
Foto: Peter Hinze
In diesem Artikel:
  • Neue Podcast-Folge: Dolpo-Experte Peter Hinze im Himalaya-Gebiet
  • Auf Trekkingtour im Dolpo – weitere Tipps
  • Mehr über Peter Hinze und die Dolpo-Region
  • Weitere Abenteuer aus aller Welt

Gleich neben den Zelten steigt der Trail bergan. 300 Höhenmeter und nicht einmal eine Stunde liegt die Jyantala-Passhöhe entfernt auf 5220 Metern am Ende des kargen Hangs. Nach gut zwei Wanderwochen wird es für uns der dritte und letzte 5000er-Pass sein. Wir werden früh am Morgen starten, am Abend hoffentlich Dho Tarap erreichen. »Nur wenn uns die Götter gewogen sind«, sagt Ang-Thsering. Der Sirdar, der oberste Sherpa der Trekking-Gruppe, ermahnt uns so, die Achtung vor den Göttern und der Natur zu bewahren.

Ab in die Wildnis!
Kompletten Artikel kaufen
Himalaya-Reportage - Peter Hinze (Heft 01/23)
Auf Tour im Upper Dolpo - Nepal
Sie erhalten den kompletten Artikel (5 Seiten) als PDF
1,99 € | Jetzt kaufen

An diesem späten Nachmittag geht unser Blick noch einmal nach Norden. Dort am Horizont erstreckt sich ein stilles Tibet-Panorama, nur zwei Tagesmärsche entfernt. Doch das letzte, authentische Tibet liegt längst anderswo – ganz nah zu unseren Füßen im Tal von Nang-Khong: Upper Dolpo, die ärmste und auch einsamste Region Nepals ganz im Nordwesten des Landes, bewahrt das tibetische Leben in all seinen Facetten wie keine andere Gegend vor dem Vergessen – und vor dem gänzlichen Verschwinden.

Ich war schon mehrere Male hier unterwegs; als Trailläufer auf dem Great Himalaya Trail, als Journalist – doch nun erstmals als Reiseleiter für eine elfköpfige Trekking-Gruppe des Veranstalters Hauser Exkursionen. Und uns begleitet meine gute Freundin Tsering Sumjok, die in Upper Dolpo geboren wurde. »Morgens ging meine Mutter schwanger zum Melken, am Mittag kam sie mit mir im Arm zurück«, so erzählt es Tsering oft mit einem verlegenen Lächeln. Beim ersten Mal überraschte mich eine derartige Geburt, inzwischen weiß ich: eine typische Dolpo-Geschichte. Der Besuch bei ihren Eltern in Bhijer, einem Dorf auf knapp 4000 Meter mit nicht einmal 300 Einwohnern, aber einer 600 Jahre alten Geschichte, ist der Höhepunkt dieser Reise und ermöglicht ganz persönliche Einblicke in das Leben der letzten noch rund 8000 Dolpo-pa.

Jetzt in den Herbstmonaten, der Hochsaison, kommt die überwiegende Zahl der jährlich rund 400 ausländischen Besucher ins Dolpo. Weiter östlich im Solu-Khumbu, unterhalb des Mount Everests, registriert der Nationalpark im Frühjahr die gleiche Anzahl – täglich.

Upper Dolpo liegt tausend Wanderkilometer vom Everest entfernt und folgt noch immer ganz eigenen touristischen Voraussetzungen, denn bis 1993 war das Gebiet für Ausländer verbotenes Terrain. Die Folge: Lodge-Trekking, Restaurants, Stromversorgung oder Straßen – Fehlanzeige. Doch langsam zieht die Moderne auch in diesen Teil des Himalajas. Schon die Anreise ist ein Abenteuer, mit einem Inlandsflug nach Nepalgunj und einem Weiterflug nach Juphal am nächsten Morgen – falls alles reibungslos verläuft, denn tagelange Verspätungen aufgrund schlechten Wetters gehören zum Alltag.

Aufstieg in die einsame Upper-Dolpo-Region

Drei Tage wandert man vom Flugfeld in Juphal zum Dorf Ringmo (3660 m) am Ufer des Phoksundo-Sees hinauf – wer die Höhe nicht gewohnt ist, legt noch einen Pausentag ein. Das »Tor« zum Shey-Gompa- Nationalpark und damit auch Upper Dolpo stieg in den letzten Jahren zum trendigen Wanderziel für Nepalesen auf. Mehr als 20 Lodges warten inzwischen auf Touristen, die auch zwei logistische Vorteile schätzen: Für Dorf und See wird nur das günstige »Lower Dolpo«-Permit fällig, das 20 US-Dollar pro Woche und für jeden weiteren Tag fünf Dollar kostet – für Upper Dolpo zahlt man 500 US-Dollar für zehn Tage und muss Bedingungen erfüllen wie etwa die, mit einem lokalen Guide zu reisen. Zudem liegt hier der letzte Vorposten der Zivilisation zum Akklimatisieren – an guten Tagen inklusive WLAN.

Auf Zeitreise im Himalaya-Gebiet
Peter Hinze
Schmaler Trail, tiefer Abgrund – der Pfad entlang des Phoksundo-Sees verdient den Begriff atemberaubend. Schöner kann ein See kaum aussehen

Sonnenstrahlen spiegeln sich auf türkisfarbenen Wellen des Sees, am Westufer ragen die Ausläufer des schneebedeckten Kanjirowa-Massivs über 6500 Meter auf – und im fast 900 Jahre alten Kloster Thasung Tsholing Gompa bittet Samdup Nyima Khenpo die seltenen Fremden zu Tee und Keksen. Die Worte des Heiligen wärmen, genauso wie der Blick über den wohl schönsten See Nepals, an dessen Westufer sich am nächsten Tag der Trail immer höher windet, bis im Osten hinter einem Bergrücken sogar die Silhouette des Dhaulagiri erkennbar wird.

Drei weitere Wandertage und der 5350 Meter hohe Kangla-Pass liegen noch vor dem Wanderer auf dem Weg nach Shey Gompa, dem religiösen Zentrum unterhalb des Crystal Mountain. Nach der Umrundung des Kailash in Tibet erstreckt sich hier mit rund 23 Kilometern die bedeutendste Pilgerrunde (Kora) für ein gutes Karma. »Ich bin schon über hundert Mal um ihn gepilgert«, erzählt Karma Gyaltsen aus Saldang. Dann verstaut der 68-Jährige Wacholderzweige und heiliges Wasser in seinem Rucksack, um sich in der Gewissheit zu verabschieden: »Es gibt kein wertvolleres Geschenk für die Menschen zu Hause!«

Am nächsten Morgen startet die Tagesetappe nach Bhijer, auf der 22 Kilometer und 1100 Meter Aufstieg zu bewältigen sind. Es geht bis auf 4824 Meter, doch nach einem Abstecher in das Kloster Shamling windet sich der Pfad steil ins Tal hinab, wo grüne Felder zeigen, dass Bhijer ein besonders mildes Klima genießt. Frisches Gemüse bietet dort eine seltene Abwechslung, denn auf dem Speiseplan stehen sonst Dal Bhat, eine Linsensuppe mit Reis, die nepalesischen Teigtaschen Momos, außerdem Tsampa, ein Mehl aus geröstetem Getreide. Zu allem wird natürlich Yakbutter-Tee eingeschenkt.

Ein Craft Beer auf die nepalesische Art

Doch am letzten Abend in Bhijer trägt der Vater von Tsering Sumjok, Karma Tsering, zum Abschied sein selbstgebrautes Chang auf das Flachdach seines uralten Steinhauses: Bier. Der Lehmboden erinnert wärmend an den vielleicht letzten Sommertag, während der Blick in einen leuchtenden Sternenhimmel geht. Niemand denkt in diesem Moment der Zufriedenheit an den Winter, wenn in wenigen Wochen Schnee Bhijer für drei, vier Monate von der Außenwelt abschneidet.

Auf Zeitreise im Himalaya-Gebiet
Peter Hinze
Gastgeberin Lhazom Lama in Namdo verabschiedet den Fremden – mit besten Wünschen für eine gesunde Reise und einer selbst gewebten Decke.

Im nahen Nesar-Tempel gewährt uns Lama Tenzin am nächsten Morgen einen kleinen Einblick in die vermutlich größte Bibliothek tibetischer Schriften im Himalaja – über 300 000 Seiten, die ältesten vom Ende des 11. Jahrhunderts. Am Nachmittag schlagen wir die Zelte auf der Sommerweide, der Alm des tiefer gelegenen Bhijer, im Schatten des heiligen, unbestiegenen Bergs Mukporong auf. Die ganze Zeit ist uns kein Ausländer begegnet. Und auch jenseits des 5368 Meter hohen Nengla-Passes, als wir Karang, Saldang und Namdo in Richtung des Jyantala-Passes durchwandern, bleiben wir allein im Gebirge.

Längst ist die Sonne im Westen verschwunden. Tibet verliert sich am schwarzen Horizont. Am nächsten Tag wird es Internet und Telefon geben, denn bis Dho Tarap hat es die Zivilisation bereits geschafft. Das Ende der Einsamkeit, aber der Geruch des Wacholders von Pilger Karma Gyaltsen und der Geschmack des Chang von Tserings Vater werden uns die letzten vier Wandertage begleiten, bis sich die Runde in Juphal schließt. Ebenso wie die Erinnerungen an die stillen Nächte in den Bergen.

Neue Podcast-Folge: Dolpo-Experte Peter Hinze im Himalaya-Gebiet

Was ist Glück? Zerstört der Tourismus, was er liebt? Gibt es das ursprüngliche Tibet noch? In der aktuellen Episode von "Hauptsache raus" beantwortet der Dolpo-Experte Peter Hinze diese Fragen und erzählt von seinen Reisen nach Upper Dolpo. Dort, im nordwestlichsten Winkel Nepals, pflegen die Menschen noch die alten tibetischen Traditionen. Aber auch hier hält langsam die Moderne Einzug ...

Auf Trekkingtour im Dolpo – weitere Tipps

Wer eine Trekkingtour durch das Upper Dolpo unternehmen will, sollte unbedingt ein Zelt mitnehmen. Zwischen den Dörfern gibt es keine Unterkünfte! Das Permit für Upper Dolpo kostet die ersten zehn Tage 500 US$/p.P.; jeder weitere Tag 50 US$/p.P., geknüpft an Bedingungen wie einen lokalen Guide. Am einfachsten reist man mit einem Anbieter, beispielsweise mit Explore Dolpo, bei dem die Mitarbeiter direkt von hier stammen: exploredolpotrekking.com

Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogenen Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzbestimmungen.

Mehr über Peter Hinze und die Dolpo-Region

Weitere Abenteuer aus aller Welt

Die aktuelle Ausgabe
03 / 2023

Erscheinungsdatum 07.02.2023

Abo ab 49,99 €