Alpen-Roadtrip  mit Rad und Kajak, Heft 01/2021 Jens Klatt
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Bike2Boat: Ein Alpen-Roadtrip mit Rad und Kajak

Es lebe der Unsinn Ein Alpen-Roadtrip mit Bike und Boot

Ein Alpencross mit dem Fahrrad ist hart. Noch härter ist er mit dem Kajak im Schlepptau ...

Auf einer Tour wie dieser hilft es, Geschehnisse übertrieben optimistisch zu bewerten: 1) Die Mücken sind weg. 2) Nach der Hitze hat es sich abgekühlt. 3) Es gibt mehr Wasser für das Paddeln morgen, das kann im Hochsommer nie schaden. Die Realität versuche ich zu verdrängen: Es ist kurz nach Mitternacht, ich liege zusammengekauert im Schlafsack, Wasser läuft mir übers Gesicht. Das Gewitter zieht nun zum dritten Mal über uns hinweg, wie ein Trunkenbold wankt es von Talende zu Talende und entlädt sich immer wieder neu. Noch vor Stunden waren wir froh, ein Überdach gefunden zu haben. Nun wünschen wir uns Seitenwände – der Regen peitscht waagerecht durchs Tal.

Schocken kann uns das nicht. Uns kann gerade gar nichts schocken. Seit anderthalb Wochen schon ziehen wir unsere Wildwasserkajaks auf Anhängern hinter dem Fahrrad her: von Rosenheim am Kaisergebirge vorbei Richtung Großglockner, durchs Mölltal nach Osttirol und über den Staller Sattel nach Südtirol. Inklusive Fahrrad, Hänger, Kajak, Kocher und Klamotten manövriert jeder von uns etwa sein doppeltes Körpergewicht umher; mal bergauf, mal bergab, aber immer mit einem Ziel: dem nächsten Wildfluss

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An der Mautstelle sorgten die Biker mit ihren Hängern für Irritation. Aber nach zwanzig Minuten Prozedur gab es nur noch eine Richtung: bergauf.

Es ist beschwerlich, so zu reisen – logistisch und körperlich in etwa das Gegenteil zu einer Woche Malle all inclusive. Aber eigentlich verbinden wir nur zwei der großartigsten Fortbewegungsmittel, die die Menschheit erfunden hat: das Kanu und das Fahrrad. Knapp 800 Kilometer Rundtour haben wir vier uns vorgenommen, Start und Ziel die eigenen Haustüren – Olaf aus Rosenheim, Adrian und Bren aus Innsbruck, ich aus Augsburg. Aber jetzt liegen wir erst einmal unter diesem Vordach in Südtirol, irgendwo in der Nähe von Bruneck, und ertragen unser Gewitterschicksal mit stoischer Ruhe. »War sowieso ziemlich schwül heute«, murmelt Olaf.

Morgens fehlen uns nur noch ein paar Kilometer zum Paddelziel für heute, den Reinbachfällen. Dank des Gewitters donnern sie mit genug Wasser zu Tal, um mit dem Kajak weich zu landen. Unsere Schlafsäcke trocknen an einem Uferplatz im Sonnenschein, die Radschuhe lüften, wir tummeln uns in unserem Element und droppen die Fälle hinab. Auf den Touristenpfaden können wir unsere Kajaks beliebig oft wieder hochtragen und den Spaß wiederholen. Und müssen dafür nicht mal unsere Räder bewegen! Bei längeren Flussbefahrungen läuft die Sache anders: Laufen, joggen, trampen, Bus, Bahn – alles ist erlaubt, um zurück zu den Rädern am Einstieg zu kommen. Dann biken wir mit ihnen wieder zum Ende der Paddelstrecke und holen die Boote ab.

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Die Belohnung für die Plackerei: Viele schöne Kajak-Spots.

Mit dem Rad über die Alpen, mit dem Kajak einen Wasserfall fahren

Warum wir uns das Leben derart schwer machen und nicht einfach mit dem Auto von Fluss zu Fluss fahren, hat verschiedene Gründe. Dass wir durch unseren Benzin-Verzicht den Klimawandel aufhalten, das wollen wir uns gar nicht erst einreden. Aber vielleicht sind unsinnige Sachen einfach am schönsten: mit dem Rad über die Alpen, mit dem Kajak einen Wasserfall fahren, drei Wochen Kumpelhumor ohne geistigen Tiefgang. Eine tiefe Zufriedenheit erfasst uns mit jeder Kalorie, die wir verbrennen. Und unser Appetit ist göttlich. Am Morgen nach den Reinbachfällen gleichen unsere Körper Semmeln, die drei Wochen in der Ecke lagen – jeder Muskel, jede Sehne ist krustig.

Der tägliche Sport, und gerade ein Wasserfall, geht auf die Knochen, und von einem Ruhetag in Osttirol abgesehen haben wir uns noch keine Pause gegönnt. Es ist die Freiheit eines Roadtrips, die uns treibt, Stillstand wird schwierig. Und trotz aller Anstrengung tragen wir ein Lächeln spazieren, diesen gelösten Gesichtsausdruck, den man hat, wenn man länger unterwegs ist. Doch später, unter der Nachmittagssonne Südtirols, verblasst das Lächeln. Wir fühlen uns wie eingeschweißter Kochschinken auf Rädern. Der Schweiß spült die Sonnencreme auf den Asphalt, nur der Fahrtwind und gelegentliche Wasserpausen sorgen für Abkühlung.

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Das Team hat einige der heißesten Sommertage erwischt. Olaf Obsommer setzt auf Luftkühlung.

Durch das Puster- und Eisacktal geht es nach Bozen. Die Radwege verlaufen teils leicht bergab, wir kommen gut voran und machen trotz Gepäck gute 80 Kilometer Tagesstrecke. »80.000 Euro!!!« Der Typ, offenkundig ein Tourist aus Deutschland, brüllt mir ins Gesicht und deutet auf seinen polierten Mercedes. Okay, ich war nah dran, aber ich hab seine Karre ja nicht mal berührt. Normalerweise würde ich zurückpampen, momentan verspüre ich aber keinen Bedarf an negativen Schwingungen und entschuldige mich zweimal hintereinander, woraufhin er weiter um sein Auto tippelt und in die Luft schimpft.

Alpencross aus eigener Kraft

In den letzten zehn Tagen ist etwas passiert mit uns. Das Treten in die Pedale gleicht einer Meditation, die körperliche Anstrengung serviert uns einen Dopamin-Serotonin-Cocktail und i-tüpfelt die Zufriedenheit. Lackierte Karossen mit Prunksternen am Kühlergrill verlieren ihren Glanz; das Gefühl, seine Siebensachen aus eigener Kraft durch die Gegend zu kutschieren, erfüllt uns lückenlos. Ein trockener Schlafplatz und vielleicht eine Dusche, und der Tag ist perfekt. Meran verzaubert uns mit urbanem Südflair, mit Bergen, Palmen und rauschendem Wasser. Irgendwie passen wir mit unseren abgeranzten Klamotten und dem latenten Schweiß- Mief nicht hierher, aber das stört niemanden. Wir paddeln die Gilf-Schlucht der Passer inmitten der Stadt, verschlingen feinste Pizza in Extragröße, garnieren sie mit zu vielen Kugeln Eis von der besten Gelateria am Platz und schütten Bier drauf, dass die Mägen schmerzen. Zur endgültigen Erleuchtung, zur Entsagung von allen weltlichen Genüssen, müssen wir anscheinend noch ein bisschen in die Pedale treten.

Und so ist es wohl Bestimmung, dass sich zwischen uns und unserem nächsten Paddelziel der 2474 Meter hohe Passo Rombo aufbaut, das Timmelsjoch. Über die Großglockner-Hochalpenstraße waren wir auf die Südseite der Alpen gequert, nun machen wir uns auf den Weg zurück gen Nordalpen ins Ötztal. Ein Blick auf die Karte macht klar, worauf wir uns eingelassen haben: Zwar umringen Berge Meran, doch es liegt nur 300 Meter über dem Meeresspiegel. Macht etwa 2200 Höhenmeter Differenz. Wir wollen die Strecke an zwei Tagen schaffen und folgen am ersten von ihnen einem vielbefahrenen Schotterweg entlang der Passer. Sanfte Anstiege, Apfelbäume am Wegesrand, Touristen auf ihren E-Bikes – es herrscht Urlaubsstimmung im Tal.

Am zweiten Tag verlassen wir das Bergdorf Moos im Morgengrauen, Tagespensum laut App noch 1800 Höhenmeter aufs Timmelsjoch. Die Straße steigt gleich mit über 14 Prozent an und testet unsere Leidensfähigkeit, noch ehe das Frühstück richtig im Magen ankommen konnte. Wir stemmen uns mit voller Wucht in die Pedale, doch die Hänger ziehen die Räder bergab: Hört man auf zu treten, krampfen die Finger an den Bremshebeln, sonst geht es rückwärts ins Tal. Es ist ein zähes Spiel: treten und schwitzen, trinken und schnaufen, im Hinterkopf die nicht enden wollenden Höhenmeter zum Pass.

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Im ganzen Gepäck finden sich nur zwei Kocher und zwei Töpfe, gekocht wird in mehreren Gängen. Oft gibt es Reis, verfeinert zum Beispiel mit einer Pilzcremesoße aus der Tüte.

Gegen Mittag liegt die Hälfte hinter uns, wir gönnen uns Salami-Sticks mit Brot und einen frischen Mokka aus der mitgebrachten Kanne. Danach heißt es wieder kämpfen, inmitten der schroffen Bergwelt der Ötztaler Alpen zieht sich der Anstieg in endlosen Kehren bergan. Das Grün macht sich rar, bald verschwindet die Vegetation ganz, und Gletscher reflektieren die Nachmittagssonne in der Ferne – wenigstens trocknet der Schweiß hier oben schneller.

»Chapeau, chapeau!« Ein Rennradler zieht vorbei und nickt anerkennend. Leute halten Smartphones aus den Autofenstern, wer weiß, wo unsere Karawane gerade hingepostet wird. Meine Kommunikationsfreudigkeit ist auf der Strecke geblieben. »Allez! Allez!!«, tönt es neben mir aus dem Auto, ganz aufgeregt winkt eine Frau mir zu und streckt den Daumen nach oben. Und ich? Starre einfach weiter auf meine Pedale. L-i-n-k-s, r-e-c-h-t-s. Entschuldigen Sie, werte Frau, ich bin grad mit meinem Anhängsel beschäftigt.

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Zurück auf die Nordalpenseite geht es in endlosen Windungen über das Timmelsjoch. Schattenspendende Fahrradtunnel wie noch kurz zuvor gibt es in der Steigung keine mehr.

Der Wind surrt mir um die Ohren, die Sonne steht tief, die letzten Motorräder sind durch. Ruhe. Ich streife meine Jacke über. Unsere Räder lehnen am Schild Passo Rombo, 2474 Meter. Mein Kopf ist leer, die Gedanken liegen tot getreten auf der Straße. Es überkommt mich nicht mal eine große Freude. Vielleicht spüre ich etwas wie Stolz, dass wir es geschafft haben, vielleicht auch Leere. Der Dalai Lama könnte das sicher besser erklären, aber so ungefähr muss sich die Erleuchtung anfühlen, wenn man nach unzähligen Stunden tiefer Meditation erwacht und sagt: »Schön!« »Entschuldigung, was wollen Sie denn mit dem Kajak hier oben am Berg?« Verdutzt über die Störung meiner Gedanken durch einen älteren Herrn zeige ich Richtung Sölden ins Ötztal hinab: »Na, auf die andere Seite.« Sein verschobener Blick sagt mir, dass ihn meine Antwort nicht zufriedenstellt. Er lächelt höflich. Ich lächle zurück. Er geht, ich bin froh, nicht weiter reden zu müssen.

»Na dann.« Adrian zurrt den Helm fest, deutet bergab. »Jetzt knacken wir die 80-km/h-Marke.« Olaf schaltet sich ein: »Und morgen laufen wir hoch zum Hintereisferner und paddeln die Rofener Ache vom Gletscher weg. Sind nur 600 Höhenmeter!« Er blickt mich grinsend an: »Oder brauchst du einen Pausentag?«

Einblicke des Alpen-Roadtrip im Video:

Weitere Impressionen vom Trip hier

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