Unfall in Franken: Bohrhaken gebrochen (+Update)

Unfall im Frankenjura Update zum gebrochenen Bohrhaken

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Update: Nach dem Unfall durch einen gebrochenen Bohrhaken an der Ammerthaler Wand sind nun die Untersuchungen von Polizei und DAV abgeschlossen.

In diesem Artikel:

Update: Mittlerweile sind die Untersuchungen an der Ammerthaler Wand abgeschlossen. Ein von der Polizei veranlasstes metallurgisches Gutachten hat einen Materialfehler als Ursache für den Hakenbruch ausgeschlossen.

Haken mit Ausstand – ein solcher Haken hält noch viel, aber nicht so viel, wie ein korrekt gesetzter Haken, bei dem das Hakenauge unten am Fels aufliegt.
DAV Sicherheitsforschung
Haken mit Ausstand – ein solcher Haken hält noch viel, aber nicht so viel, wie ein korrekt gesetzter Haken, bei dem das Hakenauge unten am Fels aufliegt.

Der fragliche Haken war nicht korrekt gesetzt worden, sondern stand zu weit aus dem Fels heraus. Durch diesen "Ausstand" sind deutlich höhere Kräfte auf den Hakenhals gekommen, als bei korrekter Anbringung, bei der das Hakenauge unten am Fels aufliegt. Schlussendlich ist der Bruch des Hakens auf Materialermüdung wegen dieser unkorrekten Anbringung zurückzuführen.

Es waren noch weitere Umlenk- und Zwischenhaken mit Ausstand getestet worden, wobei festgestellt wurde, dass bei radialen Belastungsversuchen Höchstzugkräfte, die oberhalb der Normanforderung DIN EN 959 (radial 25 kN) lagen, noch gehalten wurden. Allerdings war der gebrochene Haken als einzelner Umlenker zweier beliebter Routen einer höheren Belastung ausgesetzt gewesen, als die verbliebenen getesteten Haken.

Die Firma Salewa, Hersteller des gebrochenen Hakens, hatte im Nachgang weitere Tests durchgeführt und festgestellt, dass "sich ein korrekt felsbündig gesetzter Haken im Bereich einer unendlichen Lebenserwartung befindet", so erläutert die IG Klettern Frankenjura in ihrer Zusammenfassung der Untersuchungen. Entsprechend betont die IG nun den "dringenden Sanierungsbedarf bei sehr beliebten und somit häufig bekletterten Touren, deren Umlenkpunkt nur aus einem mit Ausstand gesetzten Verbundhaken besteht".

Außerdem wurden drei weitere Haken getestet; zwei wegen zweifelhafter Felsqualität und einer wegen ungünstiger Positionierung. Der als fehlerhaft positioniert eingestufte Haken war an einer stark überhängender Stelle nicht senkrecht zur Felsoberfläche, sondern horizontal gesetzt. Bei allen drei Haken kam es durch Felsversagen zum Hakenausbruch. Dabei wurden Auszugswerte zwischen 6 kN und 10 kN ermittelt, also Werte, die weit unter der Normanforderung von 25 kN liegen.

Fazit: Haken mit Ausstand sind weniger vertrauenswürdig, Haken in schlechtem Fels sind mit besonderer Vorsicht zu genießen, und Haken, die nicht senkrecht zur Felsoberfläche sitzen, erst recht.

Unfall im Frankenjura: Bohrhaken gebrochen

Am 29. Juli brach an der Ammerthaler Wand bei Amberg im Fränkischen ein Umlenkhaken ab, als ein Kletterer das Seil belastete. Dies ist der erste bekanntgewordene Fall, in dem ein moderner Bühlerhaken gebrochen ist.

Am besagten Tag im Jahr 2020 topropte eine Seilschaft an der Ammerthaler Wand, als sich der Unfall ereignete. Der Kletterer setzte sich einige Meter vor dem Umlenker ins Seil, als der belastete Umlenkhaken abbrach. Es handelte sich um den Umlenker der Routen Crazy (6) und Hey ho let's go (5-), die an einem einzigen Bohrhaken zusammenlaufen.

Abgebrochener Bohrhaken Frankenjura
Markus Arnold Bergwacht
Abgebrochener Haken an der Ammerthaler Wand

Der Kletterer stürzte ungefähr 10 Meter in die Tiefe, er verletzte sich nach offiziellen Angaben "mittelschwer". Sein Sicherungspartner machte anscheinend noch den Versuch, den Sturz des Kletterers abzubremsen und wurde dabei schwer verletzt. Die Ammerthaler Wand (auch unter dem Namen Rote Wand bekannt) ist bis auf weiteres gesperrt. Der fragliche Haken ist anscheinend 2002 bei der Erschließung der Routen gesetzt worden und scheint ein normgerechter Edelstahlhaken gewesen zu sein.

Wie auf dem Foto (oben) von Markus Arnold von der Bergwacht Amberg ersichtlich, war dem Haken selbst keine Schwäche anzusehen: äußerlich sah der Haken normal und in Ordnung aus. Auch habe der Kleber, mit dem der Haken einzementiert war, einen einwandfreien Eindruck gemacht. Allerdings war der Haken anscheinend nicht ganz korrekt gesetzt gewesen, er stand etwas aus dem Fels heraus. Eigentlich sollte die Bohrhakenöse am Fels aufliegen, da dies eventuelle, nach unten auftretende Belastungen an den Fels weitergibt. Dass der gebrochene Haken herausstand, war sogar schon aufgefallen: Auf der Webseite frankenjura.com gibt es hierzu einen Eintrag von vor zwei Jahren (siehe Bildschirmfoto unten).

Rock-Event frankenjura.com
frankenjura.com
Meldung auf www.frankenjura.com

Trotzdem sind sich sowohl die Ansprechpartner bei der Bergwacht als auch bei der IG darüber einig, dass dies ein sehr ungewöhnlicher Fall ist, und auch der erste bekannte, in dem ein moderner Bohrhaken gebrochen ist. Üblicherweise treten bei Bohrhaken andere Altersschwächen auf: Oft fangen Haken an zu wackeln, wenn der bei der Erschließung verwendete Kleber altert und zusammenschrumpft. Solche Fälle erreichen oft als Meldung die IG Klettern; üblicherweise rücken dann Ehrenamtliche aus, um den Fall zu überprüfen und gegebenenfalls zu sanieren. Auch dass Haken ausbrechen, wenn sie nicht korrekt gesetzt wurden, kommt vor, wie hier dokumentiert: Hakenausbruch am Wüstenstein.

Dass auch der fragliche Umlenkhaken an der Ammerthaler Wand nicht ganz korrekt saß, so Andreas Schneider von der IG Klettern, könnte zum Unfall beigetragen haben. "Wenn in beiden Routen an dem Umlenker getoproped wurde, könnte dies eventuell zu radialen und Biege-Belastungen zugleich geführt haben. Durch das Hervorstehen des Hakenauges hätte es dann höhere Hebelkräfte auf den Hals des Hakens gegeben als üblich. Dies ist jedoch rein spekulativ, wir müssen die Untersuchungen abwarten." Derzeit befindet sich der Haken noch bei der Polizei, die den Fall untersucht. Die IG hat bei der Polizei angeregt, den gebrochenen Haken anschließend der Abteilung Sicherheitsforschung des Alpenvereins zukommen zu lassen, damit deren Spezialisten die Situation untersuchen können. Die IG Klettern hat weiterhin angekündigt, die komplette Wand zu sanieren, sobald die Polizei die Wand wieder freigibt. Auch sollen verbliebene Haken ähnlichen Fabrikats an der Wand gemeinsam mit der DAV-Sicherheitsforschung überprüft und getestet werden.

Markus Arnold von der Bergwacht Amberg zeigt sich von dem Fall ebenfalls erstaunt: "Dass ein Bohrhaken einfach so bricht, war bislang undenkbar." Bei Markus Arnold laufen viele Kletterunfall-Meldungen mit Bergwacht-Einsatz im Klettergebiet Fränkische Schweiz zusammen. Auch wenn das Klettergebiet Frankenjura nicht schlecht abgesichert sei, erklärt er, gäbe es aus Sicht der Bergwacht noch Potenzial, Gefahrenstellen zu entschärfen: "Die meisten Unfälle, die uns erreichen, passieren vor oder um den ersten Haken", also Bodenstürze aus verhältnismäßig geringer Höhe, die Verletzungen mit sich bringen. Eine weitere zu hohe Zahl sieht er bei Abstürzen vom Umlenker: es gibt ungefähr fünf pro Jahr im Einsatzbereich der Bergwacht, nahezu alle mit gravierenden Folgen. In den meisten Fällen seien menschliche Fehler die Absturzursache, dennoch plädiert er dafür, den international verbreiteten Standard mit zwei Fixpunkten zum Umlenken (also eine Redundanz selbst bei modernen Bohrhaken) auch im Fränkischen einzurichten. "Immerhin sind noch einige Tausende an Haken aus älteren Generationen im Einsatz. Aus meiner Sicht sollten Umlenker den selben Ansprüchen genügen wie gebohrte Standplätze und Redundanz bieten."

Dr. Jürgen Kollert von der IG Klettern Frankenjura erklärt, dass diese Idee seit einigen Jahren vereinsintern und auch mit dem DAV diskutiert wird. "Im Frankenjura müssten über zehntausend Routen, oder vielmehr deren Umlenker, nachgerüstet werden. Ein Bohrhaken kostet uns inklusive Klebematerial ungefähr 10 Euro, und dabei ist die Arbeit der ehrenamtlichen Sanierer und Erschließer noch nicht eingerechnet", erklärt Jürgen Kollert. "Zudem ist es heute von Seiten der Behörden nicht mehr einfach erlaubt, an Naturdenkmäler – und das sind gut ein Drittel der fränkischen Felsen – Haken anzubringen. Ganz zu schweigen von naturschutzfachlichen und Vorgaben der Grundbesitzer, da unterliegen wir verschiedenen Zwängen."

Tipp fürs Toprope

Anstatt an einem einzelnen Haken zu topropen, empfehlen wir folgende Maßnahme: den letzten Haken vor dem Umlenker mit einklippen, und sei es nur mit einer Expresse. Dafür kann man einfach das vom Umlenker zum Sichernden laufende Seil nehmen, dann ist die kletternde Person ungestört und redundant gesichert im Toprope unterwegs. Auch beim Nachsteigen ist es meist möglich, nach dem Ausklippen des eigenen Seils das andere (zum Sicherer herunterlaufende) Seil in die letzte Exe einzuhängen. Die Lösung ist nicht optimal, aber besser als nichts.

Tipps für die Zukunft

Die IG Klettern kümmert sich um die Sanierung von bestehenden Klettergebieten und der Vermittlung zwischen den Interessensgruppen Behörden, Naturschützer, Kletterer und weiteren. Diese wichtige Arbeit kann sie besser leisten, wenn sie mehr Kletterer vertritt – sowohl argumentativ gegenüber den Verhandlungspartnern als auch finanziell.

Infrastruktur unterstützen:

Hier geht’s zum Beitrittsformular der IG Klettern Frankenjura

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