Klettern in Céüse Sam Bié

Klettern in Céüse

Top-Klettergebiet Klettern in Céüse

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Céüse ist ein Traumziel und Heimat einiger der schwersten Routen der Welt. Doch auch für "normale" Kletterer gibt es einiges zu tun.

Schon die Lage hoch oben an einem Berg ist ein Superlativ an sich, dazu fantastischer, steiler und löchriger Fels. Der Kalkkrone von Céüse ist ein Traumziel für Sportkletterer und Heimat einiger der schwersten Routen der Welt.

In diesem Artikel:

Info zum Klettern in Céüse

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Sam Bié
Felsstrukturen, wie sie abwechslungsreicher nicht sein könnten im Grad 6a+: Laura Gattini freut sich in Diamond of the lnside.

Anreise und Zustieg

Der Felskranz von Céüse thront über dem kleinen Örtchen Sigoyer knapp 20 Kilometer südwestlich von Gap. Von Sigoyer aus führen verschiedene Zustiege mehr oder weniger direkt zu den einzelnen Wandteilen. Allen gemein: viele Höhenmeter, je nach Sektor nämlich bis zu 500. Mindestens eine Stunde Fußmarsch sind also angesagt. Kein Wunder, dass sich E-Bikes unter den Kletterern hier großer Beliebtheit erfreuen. Über die für Autos gesperrte Schotterpiste lassen sich so einige Höhenmeter sparen.

Felsen, Absicherung und Ausrüstung

Nicht nur der Zustieg sorgt für etwas Atemnot. Die Felsen liegen auf knapp 2000 Meter Höhe. Da ist auch zum Klettern etwas Akklimatisation angesagt. Einmal oben warten 15 Sektoren mit über 600 Routen verteilt über zwei Kilometer Fels. Der Rest der insgesamt rund vier Kilometer breiten Wand ist aus Naturschutzgründen gesperrt. Die Routenlängen reichen von 10 Metern bis zu fünf Seillängen. 35 bis 40 pro Seillänge sind Standard. Einige der Mehrseillängen-Routen müssen teilweise selbst abgesichert werden. Die Bewertungen sind relativ hart und die Hakenabstände in den schwereren Sportkletterrouten ordentlich weit.

Beste Zeit

Die Sektoren sind nach Westen, Süden und Osten ausgerichtet, was abgesehen von der Höhenlage eigentlich Klettern das ganze Jahr über zulässt. Ein echtes Wintergebiet ist Céüse aber definitiv nicht, dafür wird es zu kalt.

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Nicht nur die Krönung des Berges: Der Felsriegel von Céüse gehört zu den besten Klettergebieten der Welt.

Übernachtung und Verpflegung

Der Campingplatz "Camping Les Guérins" (www.campinglesguerins.com) liegt auf dem Weg von Sigoyer zum Fels. Daneben bieten noch ein Hotel und eine ganze Reihe von gemütlichen Gîtes ein Dach über dem Kopf. Café und Bäckerei in Sigoyer, die nächsten Supermärkte gibt es in Tallard oder Gap.

Kletterführer

"Céüse", Laurent Girousse, Rolland Marie: 150 Seiten, Französisch / Englisch; 2018. Erhältlich im klettern-shop.de für 26,00 €.

Klettergebiet Céüse: Geschichte, Charakter und warum hier doch nicht gebouldert wird

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Enzo Oddo hat ihn, den rettenden Henkel nach der schwersten Passage in Biographie (9a+).

La Reine, die Königin der Klettergebiete, wird die Felskrone südwestlich von Gap von vielen liebevoll genannt. Aber auch eine Königin oder eines der besten Klettergebiete der Welt hat einmal klein angefangen, und zwar, man glaubt es kaum, als Bouldergebiet. Jean-Claude Droyer, einer der Sportkletterer der ersten Stunde in Frankreich, schreibt 1985: "Was mir heute in Céüse am attraktivsten erscheint, sind die Hunderte von Blöcken, die verstreut am Berg liegen." Heute, 35 Jahre später, kann man darüber nur den Kopf schütteln, und die wenigsten Kletterer, die sich auf den Weg hinauf machen, werden überhaupt wissen, dass es hier auch Boulderblöcke gibt.

In Céüse wird und wurde Klettergeschichte geschrieben. Ein kleiner historischer Exkurs muss in diesem Zusammenhang einfach sein. Natürlich war Céüse – die Felsen sind ja nun wirklich nicht zu übersehen – auch schon vor der Sportkletterära im Blick von Alpinisten, die damals das Klettern aber nur als Training für die großen Wände sahen. Die weiter unten am Berg liegenden Blöcke boten sich dazu ideal an. Kurzer Zustieg, keine Ausrüstung notwendig und mit tollem Fels wurden sie zu einem Open Air Trainingszentrum (damals gab es ja noch keine Kletterhallen). Natürlich waren sich die Protagonisten damals der Wand 500 Meter höher durchaus bewusst. Aber mit nur wenigen Rissen – Bohrhaken im heutigen Sinne gab es noch keine – waren die Wände einfach zu steil und unnahbar. Und so tat sich bis Anfang der 80er-Jahre nicht viel.

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Alizée Dufraisse gelang 2009 mit Dure Limites als erster Frau eine 8c in Céüse.

Die ersten Bohrhaken und der Bau einer damals noch von jedermann befahrbaren Schotterpiste durch die staatliche Forstbehörde ONF gaben den Startschuss für das, was Céüse heute ist. Die ersten Routen wurden auf der Westseite im Sektor Capeps mit Hammer und Bohrmeißel eingerichtet. Auch in der steilen Wand der Grande Face wurde von Hand gebohrt, bis 1985 Rolland Marie über den französischen Alpenverein das Geld für eine Bohrmaschine locker machte. Der Bann war nun endgültig gebrochen und 1985 erschufen Éric Fossard und Pierre Izoard mit ebendieser Bohrmaschine Super Mickey (7b), die erste richtig steile Route im Sektor Cascade.

Die Liste der Erstbegeher ist lang, darunter auch mit Patrick Edlinger einer der berühmtesten Kletterer der Zeit überhaupt. Wie er nach Céüse kam, erzählte er einmal in einem Interview: "Ich hatte ein Flugticket für die USA in der Tasche und wollte eine Woche vor dem Abflug noch einen guten Freund besuchen, der nach Sigoyer, dem Ort unterhalb der Felsen gezogen war. Als ich die Wand das erste Mal sah, rannte ich noch am Nachmittag hinauf und die ganze Wand entlang. Wieder unten im Tal sagte ich mir: ‚Sorry USA, aber das war‘s.‘ Ich zerriss das Ticket und war vier Jahre beschäftigt." Gemäß seiner Aussage "Hätte ich mehr Bohrhaken gehabt, hätte ich auch mehr gesetzt" waren Patricks Routen damals berühmt-berüchtigt.

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Erst Kriechband, dann Überhang: Symon Welfringer kurz vor dem Stand in der ausgesetzten vierten Seillänge von Natilik (6b+).

Die Kingline

Die Route, mit der Céüse schließlich Weltruhm erlangte, stammt aber von jemandem, von dem es die wenigsten vermuten. Jean-Christophe Lafaille, 2006 am Makalu verschollen, war nicht nur einer der besten Höhenbergsteiger überhaupt, sondern auch am Fels ein exzellenter Kletterer und Visionär. 1988 setzt er die Bohrhaken von Biographie in den markanten, blaugrauen Felsstreifen. Kurz zuvor hatte Wolfgang Güllich mit Wallstreet die erste 8c der Welt geklettert. Biographie, das stellt sich schnell heraus, ist deutlich schwerer und Jean-Christoph sowie viele andere scheitern an dem 40-Meter-Projekt. 1996 bohrt Arnaud Petit an einem Ruhepunkt einen Zwischenstand ein und klettert den ersten Teil bis dorthin rotpunkt (8c+). Die gesamte Route bleibt aber undurchstiegen, bis 1998 ein junger US-Amerikaner auf den Plan tritt. Vier Sommer hintereinander kommt Chris Sharma nach Céüse. 2001 clippt er als Zwanzigjähriger den Umlenker der mit 9a+ damals als schwerste der Welt geltenden Route. Aber nicht nur das. Die ganze Begehung wurde von einem Filmteam dokumentiert und ging als Teil des Films Dosage um die Welt. Mit dem dabei geprägten Begriff King Line erhielten Biographie und weitere Routen zusätzlich zur Schönheit und Schwierigkeit etwas Magisches.

Und die Geschichte der Route geht noch weiter. 2004 gelingt Silvain Millet die erste Wiederholung. Enzo Oddo klettert sie 2010 als 15-Jähriger und Alex Megos hakt sie 2014 in nur vier Versuchen an einem Tag ab. Auch bei den Frauen geht der erste Durchstieg an eine Amerikanerin. Im November 2017 vollbringt Margo Hayes diese Leistung. Was noch fehlt ist ein Flash. 2014 versucht es kein Geringerer als Adam Ondra, scheitert aber an den letzten Schlüsselzügen. Der kleine Streit darüber, dass Chris Sharma die Route nach seiner Begehung nach amerikanischer Tradition in Realization benannt hat, legt sich schnell. Sie heißt nach wie vor – oder wieder – Biographie.

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Céüse-Urgestein Rolland Marie und Jonathan Isoard genießen den Traumfels von Des Trous, encore des Trous (6a, 5 SL).

Ganz zuende geschrieben ist die Geschichte von Céüse auch nach der Großtat von Alex Megos aus dem letzten Jahr mit Bibliographie (mittlerweile 9b+) noch nicht. Es gibt immer noch Projekte, an denen sich die Elite die Zähne ausbeißt. Etwa an Rastaman Vibration, einer 2012 von Chris Sharma eingebohrten Linie durch den am stärksten überhängenden Wandteil im Sektor Face de rat.

"Céüse ist nur was für Spitzenkletterer". Dieser Satz trifft genau genommen nicht zu. Einen der Topmover in einer 9a bewundern und dann selbst eine 6a in bestem Fels genießen? Kein Problem. Von den über 600 Routen von 4 bis 9c sind rund 120 in Graden bis maximal 6a+ zu haben. Und wenn es noch etwas schwerer sein darf, auch die Auswahl im oberen sechsten Franzosengrad ist enorm. Die meisten der leichteren Routen finden sich in den Sektoren Lumineuse, Golots à gogo, Larmes de pluie und Capeps auf der Westseite. Dass es diese Sektoren überhaupt gibt, ist den meisten, die zu den King Lines im Sektor Cascade oder Berlin pilgern, gar nicht bewusst. Es gibt auch King Lines im Grad 5c. Schaut euch mal En Baskets im Sektor Capeps an. Oder eine der längeren Routen, wie Larmes de pluie (4 SL, 5b, 6b, 6a+, 5b) im gleichnamigen Sektor. Kletterei an ganz besonderen Strukturen bieten auf der Ostseite im Sektor Nitshapa Routen wie Ballad of a dead man (6b+), The devil tears (6a+) oder Diamond of the inside (6a+). Löcher gefällig? Dann ist Trous Line (6b+) an der Grande Face gerade richtig.Apropos Löcher. Einmal im oder besser gesagt über dem Sektor Cascade klettern? Des trous, encore des trous bietet was der Name verspricht: Löcher, nochmal Löcher auf fünf über den großen Überhängen querenden Seillängen (5b, 5b, 5b, 5b, 6a). Spektakulärer geht es kaum. Oder vielleicht doch? Habt ihr euch die Bilder dieses Artikels genauer angeschaut? Das Kriechband wartet in der vierten Seillänge von Natilik (5 SL, 5c, 6b+, 6a, 6b, 5c) ganz am Ostende der Wand. Die Standplätze sind gebohrt. Der Rest der Route muss selbst abgesichert werden. Und bevor wir es vergessen: Die Boulderblöcke gibt es natürlich immer noch. Leicht zu erreichen und mit bestem Fels gehören auch sie nach wie vor zum Repertoire von Céüse, auch wenn man mit dem Namen inzwischen etwas ganz anderes verbindet.

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