Die Kletterin Lucia Dörffel im Interview

Interview Olympia im Blick: Lucia Dörffel im Gespräch

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Vom Elbsandsteingebirge ins Nationalteam: Lucia Dörffel wurde 2019 Deutsche Meisterin, kletterte 2020 erstmals 11- und trainiert nun für Olympia.

Als ich Lucia Dörffel zum Telefoninterview erreiche, ist sie gerade in Graz auf einem Lehrgang des Nationalkaders. Zufälligerweise steht an diesem Tag kein Training, sondern eine Schulung zum Thema Medienkompetenz auf dem Programm. Das passt irgendwie, also nichts wie rein ins Interview.

Lucia Dörffel im Interview

Lucia Dörffel
Marco Kost / DAV
2021 verpasste Lucia mit dem vierten Platz knapp das Treppchen der Deutschen Meisterschaft

Lucia, 2019 bist du Deutsche Meisterin im Bouldern und im Lead geworden – wie hat sich das angefühlt?

Ziemlich gut. Ich hatte nicht unbedingt damit gerechnet, weil ich im Jahr davor mit zwei Freundinnen drei Monate in Asien war. Da habe ich natürlich nicht so viel trainiert. Als ich aus Asien Ende 2018 wiedergekommen bin, konnte ich ohne Druck ins Training einsteigen und war voll motiviert.

Worauf führst du es zurück, dass du da so erfolgreich warst?

Ich hatte einfach keine Erwartungen. 2018 war ich noch im Perspektivkader des DAV, 2019 wurde ich da rausgenommen. Ich habe das dann als Ansporn genommen, wieder in den Perspektivkader zu kommen und gute Ergebnisse zu erreichen. Ich konnte 2019 ziemlich gut trainieren, teils in Berlin, teils in München. Eigentlich war 2019 das Jahr, in dem ich so richtig ins Training eingestiegen bin. Wobei ich momentan noch mehr mache als damals.

Bist du ein besonders ehrgeiziger Typ oder macht dir das viele Training einfach Spaß?

Eigentlich macht mir immer alles Spaß. Klar, es gibt auch Phasen, gerade im Winter, wo man als Aufbautraining ziemlich stupide Übungen machen muss, was mir jetzt weniger gefällt. Aber auch das ziehe ich durch. Insgesamt höre ich aber auf meinen Körper. Wenn ich merke, dass ich in einer Woche mega platt bin, dann fahre ich das Pensum ein bisschen herunter. Aber ich bin schon ehrgeizig, ich tue viel fürs Klettern und es macht mir Spaß.

Du hattest nach deinen Meister-Titeln etwas Schwierigkeiten mit dem Druck, diesem Erfolg weiter gerecht zu werden. Hast du dir diesen Druck selbst gemacht oder kam das auch von außen?

Natürlich hatten manche Erwartungen an mich. Ein bisschen habe ich mir das vielleicht auch eingebildet, dass diese Erwartungen sehr groß sind. Insofern kam der meiste Druck von mir selbst.

Wie äußert sich dieser Druck?

Man weiß, was man erreicht hat. Und denkt natürlich: Jetzt habe ich noch mehr trainiert, dann müsste das wieder funktionieren. Aber es gibt halt auch andere Athleten, die stark sind.

Lucia Dörffel
Elias Arriagada Krüger
Lucia im Klassiker Angle Ben's (7A+) in Fontainebleau

Hat es denn funktioniert?

Nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. 2020 war auch schwierig, weil wegen Corona kaum Wettkämpfe stattgefunden haben. Inzwischen hat mir auch eine Sportpsychologin geholfen und mir Tipps gegeben, was ich besser machen kann und worauf ich mich fokussieren soll.

Was waren das für Tipps?

Zum Beispiel, dass man sich auch an kleinen Erfolgen im Training freuen soll und das dann ins nächste Training mitnimmt. Dass man sich bei Wettkämpfen nicht sagt, ich will Erste werden oder ins Finale klettern. Sondern eher, dass man einfach sein Bestes geben oder bestimmte Boulder schaffen will, also etwas weniger Gewicht auf die Platzierungen legt und sich nicht nur mit anderen vergleicht.

Du bist schon mit drei Jahren mit deinen Eltern im Elbsandstein mit dem Klettern in Berührung gekommen. Hat dir das dann schon in der Kindheit gut gefallen?

Klettern hat mir schon immer gefallen, auch als Kind. Natürlich hatte ich manchmal am Anfang auch mal keine Lust zum Klettern und habe dann mit meiner kleinen Schwester unten am Fels gewartet und gespielt. Wir sind auch immer in Kletterurlaube gefahren. Ich bin mit dem Klettern groß geworden.

Hattest du Vorbilder im Klettern, gab es Menschen, die dich besonders inspiriert haben?

Ich hatte noch nie so ein richtiges Vorbild und fand immer alle Kletterer cool. Janja Garnbret ist jetzt aber schon ein bisschen ein Vorbild, wobei ich nicht der Typ bin, der einem bestimmten Kletterer nacheifert und genau so werden will wie diese Person.

Ist das Elbsandsteingebirge heute für junge Sportkletterer aus der Region noch interessant?

Ich gehe nur noch selten ins Elbsandsteingebirge, manchmal mit meinen Eltern. Aber es gibt ja auch die tschechische Seite, da ist es ein bisschen mehr sportklettermäßig mit mehr Haken und nicht so gefährlich. Da gehen auch viele junge Kletterer hin. Ich nur gelegentlich, aber das macht dann auch Spaß.

Jugend-WM Klettern Bouldern Arco 2019
IFSC Sytse van Sloten
Lucia Dörffel im Wettkampfmodus

Was sind denn deine Lieblings­gebiete?

Im Frankenjura klettere ich sehr gerne, auch weil es so nahe ist und man da mal für einen Tag hinfahren kann. Und sonst finde ich auch Ceüse ziemlich cool und Siurana, da war ich auch schon öfter.

Hast du bestimmte Vorlieben am Fels, Routen, die dir liegen?

Ich habe eine gute Fingerkraft, dadurch kann ich Leisten ziemlich gut halten oder auch in Franken die Löcher. Was ich eher nicht so kann, sind so krasse Überhänge und so kräftige Sachen.

Traininert man steiles Gelände als Wettkämpferin nicht auch?

Doch, schon. Vor allem im Wintertraining machen wir viel im Kraft­raum und an der Definierwand.

Bringt dir das draußen nichts?

Doch, auf jeden Fall. Und anders herum hat mir draußen klettern ziemlich viel gebracht für meine Technik. Ich kann glaube ich ziemlich gut Plattenklettern. In der Halle sieht man ja mit den bunten Griffen und Tritten immer direkt die Route oder den Boulder. Das ist draußen nicht so vorgegeben. Deshalb entwickelt man da viel mehr Bewegungsgefühl.

Und was liegt dir an der Kunstwand besonders?

Eben auch die Leisten- und Plattenboulder.

Und die modernen Bewegungs­probleme?

Da war ich am Anfang kein so großer Fan davon, weil ich es nicht so gut konnte. Mittlerweile habe ich das viel trainiert, wir machen im Kadertraining ja auch viele solche Läufer und Koordinationssprünge. Ich bin da auf jeden Fall besser geworden, und jetzt macht mir das eigentlich auch Spaß.

Lucia Dörffel
Marco Kost / DAV
Lucia Dörffel

Wie sieht denn heute so dein Trainingspensum aus?

Ich gehe fünf, sechs Tage die Woche trainieren, manchmal auch zweimal an einem Tag. Ich schätze, ich komme so auf 15 bis 20 Stunden pro Woche.

Und welche Art von Übungen umfasst dein Training?

Natürlich ganz normales Bouldertraining, wo wir dann versuchen, Boulder zu flashen oder in wenigen Versuchen zu klettern. Dann bin ich jetzt im Winter zwei Mal die Woche beim Krafttraining, da geht‘s um solche Dinge wie Klimmzüge mit Gewicht, Bankdrücken, Bankziehen oder Kniebeugen. Und wenn die Leadsaison ansteht, fange ich auch irgendwann mit dem Ausdauertraining an.

Wie schaut es mit der Ernährung aus? Achtest du da sehr darauf?

Eigentlich esse ich alles. Aber ich achte darauf, dass ich nicht so viel Fleisch esse. Einfach weil es mir nicht mehr so schmeckt und auch mit Blick auf die Umwelt.

Gibt es im Nationalkader auch Tipps zur Ernährung?

In den letzten zwei Jahren vermehrt. Wir haben manchmal Vorträge von Ernährungsberatern und können auch eine individuelle Beratung nutzen. Insofern sind wir da ganz gut versorgt.

2020 hast du den Güllich-Klassiker Wallstreet am Krottenseer Turm geklettert. Hast du ein Faible für solche geschichtsträchtigen Routen oder liegt dir die Art der Kletterei einfach?

Beides würde ich sagen. Ich fand es natürlich cool, dass so eine Geschichte hinter der Route steckt. Es war die erste Route in dem Grad weltweit und die erste Route in dem Grad, die ich geklettert habe. Aber ich habe sie mir nicht deswegen ausgesucht.

Lucia Dörffel
Elias Arriagada Krüger
Großes Kino: 2019 kletterte Lucia mit dem Güllich-Klassiker Wallstreet ihre erste 11-

Hast du seither noch mehr Routen in dieser Schwierigkeit geklettert?

Das war schon meine schwerste Route. Letztes Jahr war ich draußen hauptsächlich bouldern. Und mit den ganzen Wettkämpfen hat man nicht so viel Zeit, sich ein passendes Projekt zu suchen. Dann gehe ich am Fels halt lieber in Routen, die ich in ein, zwei Versuchen schaffe.

Welche Schwierigkeit ist das dann?

Das kommt natürlich auf die Route an. Aber so bis 8a+ kann ich im ersten Versuch klettern und bis 8b in wenigen Versuchen.

Denkst du, du hast das Potenzial für eine 9a?

Auf jeden Fall. Ich war schon in ein, zwei 9a-Routen drin, um mir die Züge anzuschauen, und habe auf jeden Fall Lust, mal wieder ein Projekt zu haben, an dem ich arbeiten kann.

Wie würde so ein Projekt idealerweise aussehen?

Wahrscheinlich eher ausdauernd und leicht überhängend. Und mit vielen Leisten.

Solche Routen gibt es ja im Frankenjura recht viele, oder?

Ja. Ich denke auch, dass ich mir erst mal ein Projekt im Frankenjura suche, auch, weil ich da relativ oft hinkomme.

Und das Bouldern macht dir genau so viel Spaß wie Klettern?

In der Halle mag ich Bouldern sogar lieber. Aber dadurch, dass ich am Fels mit dem Seilklettern aufgewachsen bin, liegt mir das am Fels immer noch ein bisschen mehr als Bouldern.

Wenn du die Zügen in Wallstreet mit deinen härtesten Bouldern vergleichst: Was ist schwieriger?

Mir fällt tatsächlich das Bouldern ein bisschen schwerer. Viele Boulder sind sehr maximalkräftig, da tue ich mich manchmal schwer.

Wie sieht denn dein idealer Tag am Fels aus? Wie wichtig sind die Freunde dabei?

Freunde sind dabei sehr wichtig. Aber auch, dass es ein sonniger Tag ist. Ich klettere nicht so gerne wie viele andere bei Minusgraden, damit die Bedingungen besser sind. Ich habe es lieber sonnig, auch wenn die Bedingungen dann vielleicht nicht ganz so gut sind. Und es gefällt mir, wenn es ein entspannter Tag ist und man so lange klettert oder bouldert, wie man Lust hat. Einfach so, wie es einem Spaß macht und wie es passt.

Lucia Dörffel
Elias Arriagada Krüger
2022 gelang Lucia der Boulder Entwash (8A) in Brione

Was machst du, wenn du nicht kletterst oder mal keine Lust hast?

Das kam bisher nicht so häufig vor. Zur Zeit mache ich viel für die Uni, weil Prüfungen anstehen. Sonst treffe ich mich mit Freunden, gehe auch manchmal shoppen, so ganz normale Sachen halt.

Und wie sieht ein Ruhetag im Kletterurlaub aus?

In der Sonne chillen und vielleicht Eis essen gehen. Gutes Essen kochen und gute Spiele spielen.

Du lebst und studierst jetzt in München. Da liegen die Berge recht nahe. Reizen dich Mehrseillängenrouten?

Ich habe schon Routen mit zwei Seillängen geklettert, aber noch nie etwas längeres. Meine Eltern haben das aber immer gemacht, und ich möchte das auch einmal ausprobieren.

Letztes Jahr war "Sportclimbing" zum ersten Mal bei den Olympischen Spielen vertreten. Hast du das verfolgt, was war dein Eindruck?

Ich habe es verfolgt und ich finde es echt cool, dass Klettern jetzt olympisch ist. Weil es jetzt viel mehr Aufmerksamkeit bekommt. Und nicht mehr einfach nur Klettern ist, wo jeder fragt: Kletterst du da auf Bäume oder so?

Hat man dich das schon gefragt?

Ja, das hat man. Ich finde Klettern auch generell spannend zum Anschauen. Es waren jetzt bei Olympia ein paar Sachen verschraubt, was man noch hätte besser machen können. Aber beim ersten Mal ist es glaube ich echt schwer, das alles so einzuschätzen. Jedenfalls ist es cool, dass Klettern auch weiterhin olympisch bleibt.

Ist die Qualifikation für Olympia 2024 ein Ziel von dir?

Auf jeden Fall.

Und wie stehen deine Chancen für eine Qualifikation?

Jetzt sicher besser, weil es ja das neue Format gibt, wo Speedklettern eigenständig ist und nur noch Bouldern und Lead zusammen gewertet wird. Auf jeden Fall will ich da gut darauf hintrainieren.Denkst du, dass du für Olympia noch viel mehr ins Training investieren müsstest?Wahrscheinlich schon. Aber nicht unbedingt so, dass ich einfach mehr trainiere. Sondern eher so, dass ich an Kleinigkeiten gezielter arbeite. Also solche Koordinationsboulder öfter mache. Oder auch in der Vorbereitung besser aufgestellt bin. Indem ich mir vor wichtigen Wettkämpfen Zeit für mich nehme, keine großen anderen Dinge im Kopf habe, gute letzte Trainingssessions habe, genügend Schlaf bekomme und mich gut ernähre. Damit ich mich auch mental gut darauf vorbereitet fühle.

Und was sind deine Ziele am Fels dieses Jahr?

9a würde ich gerne klettern. Im Bouldern habe ich im Magic Wood noch ein paar Projekte offen. Ich würde gerne 8A+ und schwerer bouldern.

Was oder wo möchtest du in deinem Leben auf jeden Fall einmal klettern?

Ich würde gerne in die USA zum Bouldern und Klettern. Midnight Lightning im Yosemite würde ich gerne bouldern. In die Buttermilks will ich gerne und auch in die Rocklands nach Südafrika. Es gibt noch sehr viele Ziele.

Bist du liiert und falls ja: mit jemand, der auch klettert?

Ich bin mit Elias Arriagada Krüger aus Berlin zusammen, der ist auch im Nationalkader. Das ist echt schön, weil wir viel zusammen trainieren, wir fahren auch mega gern zusammen an den Fels zum Seilklettern und Bouldern.

Kannst du dir vorstellen, mit einem Nichtkletterer liiert zu sein?

Ehrlich gesagt nicht. Das Klettern nimmt schon einen ziemlich großen Teil von meinem Leben ein, das wäre schwierig.

Danke Lucia!

Kurz-Bio Lucia Dörffel

Geboren: 22.03.2000 in Chemnitz; Lucia hatte im Alter von drei Jahren mit dem Opa und dem Papa den ersten Felskontakt im Elbsandsteingebirge. Nach dem Abi lebte sie drei Monate in Berlin (hauptsächlich um zu trainieren), im Dezember 2020 zog sie nach München, wo sie derzeit im ersten Semester Sportwissenschaften studiert.Video: Wenn ihr Lucia klettern sehen wollt, findet ihr auf dem sehr schönen Youtube-Kanal von "lines" unter anderem: "Lucia Dörffel – 4 from the Alps" mit vier harten Alpen-Bouldern sowie "Highball Day: Grandissimo" über einen 7C+ Highball im Tessin.Sponsoren: Scarpa, Mammut, Blocz Climbing und Mantle Climbing

Wettkampferfolge von Lucia

2019: Deutsche Meisterin Bouldern und Lead; 3. Platz Jugend-WM Bouldern und Combined in Arco

2020: 3. Platz Deutsche Meisterschaft Bouldern; 4. Platz EM Bouldern Moskau

2021: 21. Platz Boulder World Cup Salt Lake City

Lucia Dörffels Erfolge am Fels

Sportklettern:

Wallstreet (8c), Queel dich, du Sau (8b+), Slimline (8a+, flash), Frankenjura

Minas Tirith (8b+) Niederthai, Ötztal

King of the Bongo (8b+/8c) Rottachberg

Bouldern:

Entwash (8A), Brione, Schweiz

Piranha (7C+), Magic Wood, Schweiz

Shining (8A), Silvretta, Österreich

Grandissimo (7C+) (Highball) Valle Bavona, Schweiz

Kato (8A), Bahratal

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