Lage und Charakter der Tour
Zehn Tage, 192 Kilometer, im Schnitt 1000 Höhenmeter pro Tag – der Peaks of the Balkans Trail führt auf uralten Hirtenpfaden durch das Prokletije-Gebirge. Von Plav über Theth und Valbona bis Babino Polje erlebst du einsame Wege, Wetterwechsel und berührende Gastfreundschaft.
Anreise und Etappenplanung
Der Peaks of the Balkans Trail ist ein Rundweg und lässt sich in beide Richtungen begehen. Häufige Ausgangs- und Endpunkte sind Plav in Montenegro und Theth in Albanien, die sich gut mit Bussen erreichen lassen.Für die An- und Abreise bieten sich mehrere Flughäfen an, wobei die Hauptstadt-Airports in Tirana (Albanien) und Podgorica (Montenegro) die gängigsten Optionen sind.
Etappenübersicht: Tag 1: Plav–Vusanje, 22,7 km, 8 h, mittel
Tag 2: Vusanje–Theth, 22,8 km, 9,5 h, mittel–schwer
Tag 3: Theth–Valbona, 19,7 km, 8,5 h, mittel–schwer
Tag 4: Valbona–Çerem, 11,1 km, 3,5 h, leicht
Tag 5: Çerem–Dobërdol, 15,8 km, 6,5 h, mittel
Tag 6: Dobërdol–Milishevc, 18,6 km, 6,5 h, mittel
Tag 7: Milishevc–Reka e Allagës, 16,3 km, 6 h, mittel
Tag 8: Reka e Allagës–Guri-i-Kuq, 24,8 km, 8,5 h, mittel
Tag 9: Guri-i-Kuq–Babino Polje, 16,9 km, 6,5 h, mittel
Tag 10: Babino Polje–Plav, 22,9 km, 7 h, mittel
Die GPS-Daten zur Tour findet ihr hier:
Beste Zeit
Ideal von Mitte Juni bis Ende September, wenn die Wege weitgehend schneefrei sind. Juli und August bieten das stabilste Wetter, sind jedoch am belebtesten. Orientieren: Der Trail ist weitgehend markiert. Am besten zusätzlich eine Karte oder einen GPS-Tracker nutzen, gerade für Passagen ohne Beschilderung oder zugewachsene Wege. Karten von Komoot oder Outdooractive sollte man unbedingt offline speichern, da in vielen Tälern kein Empfang besteht. Analoge Karten sind »The Peaks of the Balkans Trail« von Cicerone Press oder die Freitag & Bernd Karte 1:60 000. Wer mit Guide gehen will, findet online zahlreiche Anbieter, zum Beispiel unter peaksofthebalkans.at oder trekbalkan.comVerpflegung: Die Gästehäuser entlang des Trails bieten üblicherweise Vollpension: Es gibt Abendessen, Frühstück und oft ein Lunchpaket mit Brot, Käse, Wurst und Gemüse. Die Mahlzeiten sind hausgemacht, einfach, aber reichlich. Proviant für unterwegs sollte man dennoch einplanen. In größeren Orten wie Plav, Theth oder Valbona lassen sich Vorräte auffüllen. Viele Einheimische haben sich auf Wanderer eingestellt und bieten Kleinigkeiten für zwi-schendurch an. Meist finden sich unscheinbare Markierungen auf dem Weg, die darauf hinweisen. Die Wasserflaschen kann man alle paar Kilometer an Frischwasserquellen auffüllen.
So hat unser Autor die Tour erlebt
"Vor ein paar Jahren kreuzten sich unsere Wege in Nicaragua, und seitdem zieht es uns immer wieder hinaus in die Welt, um neue, oft unbekannte Outdoorziele zu erkunden." – Wir sind recht unterschiedlich: Ich neige dazu, Dinge doppelt zu prüfen und zu viel einzupacken: Fernglas, Speaker, bequeme Hose. Susi hingegen läuft einfach los, ohne lange zu überlegen. "Jetzt los, vamos!", ruft sie und verschwindet meist schon den ersten Hang hinauf. Am Ende funktioniert es genau deshalb. Sie zieht mich mit, ich halte uns auf Kurs. Wir sind ein gutes Team: mal auf dem Wasser, mal auf dem Fahrrad, und nun eben mit dem Campervan durch den Balkan.
Nach vielen Stunden auf der Straße sind wir müde vom Fahren. Wir wollen raus aus dem Wagen, hinein in die Wildnis, abschalten, schwitzen und unsere Grenzen spüren. Genau das bietet uns der Peaks of the Balkans Trail: eine zehntägige Runde durch das bis zu 2694 Meter hohe Prokletije-Gebirge. Auf 192 Kilometern und knapp 10000 Höhenmetern wird sie uns gegen den Uhrzeigersinn durch Montenegro, Albanien und den Kosovo führen. Früher trennten Konflikte diese Länder, heute verbindet sie ein Netz aus uralten Hirtenpfaden, das durch das Balkans Peace Park Project und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit(GIZ) wiederbelebt wurde.
Wir starten unsere Tour in Plav, Montenegro, und wandern durch einen dichten, feuchten Wald. Die Mücken treiben uns fast in den Wahnsinn. "Ein Bär wäre mir lieber", rufe ich halb im Spaß. "Sag das nicht zu laut", meint Susi, ohne sich umzudrehen. Einige Tage später werde ich anders über diesen Satz denken. Nach Stunden zwischen Bäumen und Mücken steigen wir aus dem Wald hinaus auf den ersten Gipfel zu. Nur noch bergauf. Ohne Rhythmus. Ohne Energie. Der erste Tag ist immer der härteste. Susi versucht, mit Witzen die Müdigkeit zu überspielen, während ich schweigend und konzentriert laufe. Mittlerweile ist es Mittag, und die Julisonne brennt vom Himmel. Wir erreichen den 2106 Meter hohen Bora-Gipfel, von dem aus ein grün bewachsener Kamm den weiteren Weg weist. Immer wieder kommen wir an Bächen vorbei, deren Wasser glitzernd über die Steine springt, und füllen unsere Flaschen mit eiskaltem Wasser auf. Der Abstieg führt uns nach Vusanje, ein verschlafenes Dorf mit wenigen Häusern, einer Moschee und einem kleinen Fluss, der sich über einen Wasserfall ins Erdinnere stürzt. Unsere Unterkunft ist einfach, aber gemütlich. Ein Zimmer mit Abendessen und Frühstück kostet hier etwa 30 Euro. Auf der Terrasse, mit Blick auf Bienenstöcke und Berge, trinken wir kühles Bier, spielen Backgammon und lassen den Tag ausklingen.
Am nächsten Morgen sind die Füße schwer, die Beine müde. Im Wald riecht es nach Harz, Wildblumen und feuchter Erde. Zwischen den Bäumen blitzt die Sonne hindurch und wärmt unsere noch kühlen Körper. Wenn einer von uns kurz stehen bleibt, wartet der andere wortlos. Kein Antrieb nötig, kein Meckern. Vor uns liegen 21 Kilometer. Dann, ganz plötzlich, endet der Wald. Vor uns öffnet sich eine weiche, sattgrüne Wiesenlandschaft, eingerahmt von massiven Felswänden und fernen Gipfeln. Wir stehen im Tal von Valbona, das jahrhundertelang nur über Hirtenpfade erreichbar war. Hier, in den "Verfluchten Bergen", suchten früher Familien Zuflucht, die in Blutrache-Konflikte verwickelt waren. Das Tal verläuft im Herzen des Valbona-Tal-Nationalparks. Im Sommer ziehen Familien noch immer mit ihren Herden auf die Almen, während Bären und Luchse durch die Wälder streifen.
Überquerung der albanischen Grenze: Es ist gegen acht Uhr, die Sonne beginnt, uns zu wärmen. Wir haben das Gefühl, ganz allein in einer anderen Welt zu stehen. In dieser Idylle entdecken wir versteckt in der Felsenlandschaft und den hohen Gräsern einen Betonklotz. In der Ferne noch einen. Überall in Albanien zeugen noch heute Tausende Betonbunker von der Zeit der kommunistischen Isolation unter Enver Hoxha, der das Land mit einem dichten Netz von Verteidigungsanlagen gegen vermeintliche Feinde absichern ließ. Uns wird klar, dass wir die Grenze nach Albanien überquert haben. Wir halten uns Richtung Theth, ein Magnet für Tagestouristen. Dort entkommen wir dem Trubel und übernachten etwas außerhalb bei einem netten Ehepaar. Der Mann entdeckt meinen improvisierten Wanderstock, einen krummen Ast, den ich unterwegs aufgelesen habe. Er mustert mich, lacht leise und schüttelt den Kopf. Ich werde ganz rot im Gesicht, als hätte ich gerade etwas Verbotenes getan. Dann geht er hinüber zur Scheune, wo mehrere dünne, schnurgerade Lindenäste lehnen, und fertigt mit wenigen Axthieben einen neuen Stock. Ich nehme ihn verlegen entgegen und wir beide müssen lachen. Morgens trage ich meinen neuen Stock die ersten Meter wie eine Trophäe vor mir her. Je näher wir dem Gipfel Maja Valbonës mit seinen 1965 Metern kommen, desto schlechter wird das Wetter.
Dunkelgraue Regenwolken ziehen auf, vielleicht sogar ein Gewitter. Wir beeilen uns, trotzdem überrascht uns der Regen. Ein Felsvorsprung bietet Schutz. Wir kauern dicht zusammen, dicke Tropfen fallen aus den Wolken. Die Steine werden rutschig, der Weg verwandelt sich in einen kleinen Bach. Irgendwann lässt der Guss nach, und wir beginnen vorsichtig den letzten Abstieg des Tages. Unten gelangen wir in ein ausgetrocknetes Flussbett. Die großen und kleinen kalkweißen Steine erschweren das Gehen. Dann aus dem Nichts eine Straße. Rechts und links locken kleine Herbergen und große Hotels. Der Charme dieser Region hat sich offenbar herumgesprochen.
Gastfreundschaft in Albanien
Wir sind immer noch in Albanien. Nach einer intensiven Etappe bergauf, vorbei an meterhohen Farnen, erreichen wir nach einem langen vierten Tag endlich Çerem. Wir bitten ein älteres Paar um Unterkunft und werden herzlich empfangen. Sie sprechen nur Albanisch. Auf der Terrasse trocknet Holunder, im Garten picken Hühner herum. Wir bekommen wie so oft zuerst Kaffee. Heißen, kräftigen Mokka. Im Haus befinden sich bereits zwei andere Wanderer. Einer von ihnen spricht etwas Albanisch, sodass wir beim Abendessen erfahren, dass das ältere Paar nur den Sommer hier oben verbringt und eine Kuh besitzt. Sie leben von den wenigen Touristen, die vorbeikommen, und versorgen sich überwiegend selbst. Wir drängen uns um einen viel zu kleinen Tisch voller Essen. Es ist, als wären wir bei guten Freunden zu Hause. Die Frau sitzt am Herd und füllt unsere Teller. Sobald einer leer ist, stupst sie ihren Mann ermahnend an, damit er nachfüllt. Wenn sie nicht hinschaut, schiebt er sich schnell eine Kartoffel in den Mund. Wir lachen oft an diesem Abend, ohne viele Worte zu wechseln.
Begegnung mit der Natur
Am Morgen verabschieden wir uns mit frischer Kuhmilch im Magen und vielen Umarmungen in Richtung Kosovo, den wir am Folgetag erreichen. Mit jedem Tag verlangsamen sich unsere Gedanken. Alltag, Stress, digitale Reizüberflutung fallen ab, verlieren an Bedeutung. Zurück bleiben nur noch Schritte, Atem und Landschaft. Wir sind glücklich, scherzen und freuen uns über jeden zurückgelegten Kilometer. Am achten Tag entdecken wir plötzlich eine frische Bärentatze im Matsch und finden etwas später weitere Spuren. Ich erinnere mich an meine scherzhafte Bemerkung am ersten Tag. Damals war es noch ein Lachen, jetzt ein Herzklopfen. Wir haben das Gefühl, dem Bären hinterherzujagen. Jedes Rascheln im Wald lässt uns aufmerksam lauschen und kurz erstarren.
Laut Schätzungen leben in dem Dreiländereck einige Hundert Braunbären. Sie sind allerdings scheu und meiden Menschen, was eine Begegnung mit Trailgängern unwahrscheinlich macht. Kilometer um Kilometer wechseln sich Berge und Täler ab, bis die Wildnis am zehnten und letzten Tag immer mehr in die Zivilisation Montenegros übergeht. Als wir ein Auto hören, sehen wir uns an, nicken und strecken den Daumen raus. Der Wagen hält. Darin sitzen zwei junge Leute, unterwegs nach Plav. Dorthin, wo unsere Reise begann. Aus dem Radio dröhnt Techno, und es riecht nach Gras. Sie fahren ein bisschen zu schnell, aber wir fühlen uns keine Minute unsicher. Am Stadtrand lassen sie uns raus, weil wir das letzte Stück aus eigener Kraft zu unserem Van laufen wollen.
Eine unvergessliche Reise
Wir sind zurück am Ausgangspunkt unserer Tour. Hinter uns liegen zehn Tage in den Bergen, zehn Tage ohne Eile. Was bleibt, ist nicht nur Muskelkater, sondern auch das tiefe Gefühl, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben. Der Peaks of the Balkans Trail ist mehr als nur eine Wanderung. Er ist ehrlich, rau und dabei zutiefst menschlich. Es sind nicht nur die Gipfel, die beeindrucken, sondern auch die Einheimischen, die uns mit ihrer Herzlichkeit und Gastfreundschaft nachhaltig berührt haben. Die Erkenntnis, dass dieses Gebiet noch vor nicht allzu langer Zeit kaum betretbar war, macht den Trail zu einem Paradebeispiel dafür, dass Grenzen überwunden werden können. Und sollten.

Weitere Informationen: Der Trail ist auf der offiziellen Website peaksofthebalkans.com ausführlich beschrieben. Karten und GPX-Daten gibt es zum Beispiel auch auf peaksofthebalkans.info.





