Norwegen - Tafjordfjell - Hüttentour

Norwegen-Trekking im Tafjordfjell

Foto: Christoph Jorda Norwegen Tafjordfjell

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120 Kilometer östlich der Küstenstadt Ålesund erhebt sich das Tafjordfjell – ein Traum für Wanderer und Trekking-Fans ...

"Fehlt nur, dass gleich Bambi um die Ecke trabt. Oder ein Rentierbaby." Fotograf Christoph Jorda und ich stehen vor der Reindalseter, einer norwegischen Berghütte in der Provinz Møre og Romsdal. Einladende braune Holzgebäude verteilen sich auf einer kleinen Bergwiese, auf drei Seiten umgeben von unzähligen Birken. Die Stämme leuchten weiß, die Blätter intensiv grün. Richtung Süden fällt das Gelände ein wenig ab und gibt den Blick frei auf einen kleinen Bach, der sich in großzügigen Kurven über eine Wiese schlängelt. Den breiten, klaren Fluss Veltdalselva hört man von der Hütte aus und steht in zwei Gehminuten an seinem Ufer. Ebenso am Langvatnet, einem großen See. Schneegekrönte Berge, von denen Wasserfälle hinabrauschen, begrenzen das weite Hochtal. Verkehr und Alltagslärm scheinen hier Lichtjahre entfernt, und die Luft schmeckt so frisch, dass man ein neues Wort erfinden müsste, um ihr gerecht zu werden.

Für viele Wanderer ist die Reindalseter die erste Unterkunft auf Mehrtagestouren in den Bergen des Tafjordfjells. Rund 120 Kilometer östlich der Küstenstadt Ålesund erhebt sich dieser Gebirgszug, benannt nach dem nahegelegenen Fjord. Karitind, Puttegga und Tordnose heißen die höchsten, knapp 2000 Meter aufragenden Gipfel. Ein Großteil des Gebiets steht als Nationalpark Reinheimen unter Naturschutz, und ein Netz von Wanderpfaden verbindet ein gutes halbes Dutzend Hütten. Die etwa 50 Kilometer lange und fünf Etappen umfassende Tour namens Trekanten Tafjordfjella, die wir uns vorgenommen haben, gehört zu den Klassikern der Region. Als Dreieck verbindet sie die Reindalseter mit zwei höher gelegenen Selbstversorgerhütten, der Veltdalshytta und der Pyttbua.

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Ein wildes Flusstal, karge Fjellberge und unzählige Seen dominieren die Landschaft. Zu den drei Strecken kommt sowohl als kurze Auftakt- wie auch Schlussetappe der waldreiche Weg zwischen dem Start im Tal und der Reindalseter hinzu. Eine Glocke läutet: Punkt 18 Uhr, Zeit für das Dinner im urigen holzvertäfelten Speiseraum. Anders, als man es von Schutzhäusern in den Alpen kennt, gibt es auf den bewirtschafteten Hütten in Norwegen für alle Besucher zur gleichen Uhrzeit Abendessen, und das Dreigängemenü ist festgesetzt. Raffiniert gewürzte Selleriesuppe als Vorspeise, Entenkeule mit Rotweinsauce und Ofengemüse, als Nachtisch Rhabarberkompott mit Vanilleeis – zumindest Nichtvegetarier schweben trotz vollem Bauch auf Wolke sieben. Zum Kaffee bewegt man sich anschließend hinüber ins Wohnzimmer, wo gemütliche Sofas locken.

Draußen scheint noch die Sonne, die hier im Juli erst gegen 23 Uhr untergeht und der Dunkelheit nicht wirklich eine Chance gibt. "I never want to leave again", sagt Christoph zu einer der zwei Studentinnen, die während der Sommersaison die Hütte leiten. Die Trachtenkleider, die sie zu den Essenszeiten tragen, wirken in dem nostalgischen Ambiente ganz passend. Natürlich brechen wir am nächsten Tag trotzdem auf.

Der Klang der Wasserfälle im Veltdalen

Richtung Südosten führt der Weg langsam in eine immer wilder anmutende Gebirgslandschaft, anfangs noch in dem Hochtal mit Wollgraswiesen und hohen Kiefern. Schon vor tausenden von Jahren machten Nomaden hier Jagd auf Rentiere, und auch heute noch leben die Hirsche in dieser Gegend wild – der Name Reindalseter, auf Deutsch Rentiertal-Alm, kommt nicht von ungefähr.

Ab und zu erinnert ein helles Baumskelett daran, dass die Natur weitgehend sich selbst überlassen bleibt. Dabei bildete Holz hier einst einen wichtigen Wirtschaftsfaktor, im 16. Jahrhundert exportierten die Norweger es nach Holland und später auch nach Schottland, als Baustoff für Segelschiffe. Mir kam selbst der relativ kurze Aufstieg zur Reindalseter mit Rucksack auf dem Rücken anstrengend vor: Holprig, schmal, stellenweise steil zieht sich der Pfad hinauf. In solchem Gelände mit Baumstämmen hantieren? Absurde Vorstellung.

Bei der dritten Bachüberquerung verfehlt mein linker Fuß einen Trittstein. Wasser marsch, unerbittlich saugt sich im Schuh der Socken voll. Das passt irgendwie zur Geräuschkulisse: Von den dunklen Felswänden des schluchtartig anmutenden Veltdalen, dem wir inzwischen folgen, stürzen unzählige Wasserfälle hinunter zum Fluss, der Klang begleitet uns wie eine Hintergrundmusik. Stellenweise fühlt man sich beim Vorwärtskommen sicherer, wenn man die Hände zu Hilfe nimmt. Das ist allerdings nicht verwunderlich, denn die Norweger stufen diese Tour als anspruchsvoll ein. Und Norweger, bei denen Friluftsliv zur allgemeinen Schulbildung gehört, sind härter im Nehmen als andere europäische Wanderer.

Foto: Christoph Jorda Norwegen Tafjordfjell

Die Trekanten-Tour im Tafjordfjell hat es in sich

Nach drei Stunden stapfen wir durch das erste Schneefeld. Mit Altschnee muss man bei der Trekanten-Tour immer rechnen, aber in diesem Jahr liegt aufgrund von heftigen Schneefällen im April noch besonders viel. Zum Glück ist heute schon jemand vor uns den Weg gegangen, und wir treten in Fußstapfen – sonst wäre es ratsam, immer wieder mit den Gehstöcken zu prüfen, ob der Untergrund hält. Ein paar Mal versacken wir trotzdem bis zum Knie. Ein guter Tipp: Stets vom letzten Fels einen großen Schritt oder Sprung machen, denn besonders am Rand der Schneefelder besteht Gefahr, tief einzusinken. Auch der Blick ins Tal mutet nun winterlich an. Noch längst nicht eisfreie Seen liegen unten, leuchten manchmal unwirklich blau. Und dann, nach einer kurzen Passage mit Seilversicherungen und Eisenstufen, wird es richtig ungemütlich: Kalt weht der Wind, aus Niesel wird Regen, Nebel zieht auf.

Der Wegverlauf ist nicht erkennbar, immer wieder müssen wir stehen bleiben und nach Markierungen Ausschau halten. Hoffentlich brennt in der Veltdalshytta schon ein Feuer im Ofen ... In einer surreal wirkenden Schnee- und Felslandschaft, oberhalb eines großen Sees, zeichnet sich die Hütte dann irgendwann vor uns ab. "Hei" ruft es von weiter drinnen, als wir im blitzreinen Eingangsflur die nassen Wanderstiefel ausziehen und in Crocs (wie so oft in norwegischen Hütten stehen Hausschuhe bereit) schlüpfen. In der gemütlichen Küche mit Eckbank begrüßen uns Tom aus Oslo und seine aus Berlin stammende Freundin Jenny mit heißem Kaffee.

Foto: Christoph Jorda Norwegen Tafjordfjell

Der Holzofen wärmt wunderbar, und offensichtlich haben wir vier das komplette Haus heute Nacht ganz für uns. Tom und Jenny werden eine ganze Woche bleiben: In größeren Selbstversorgerhütten setzt der norwegische Wanderverband DNT während der Hauptsaison Freiwillige ein, die nach dem Rechten schauen und täglich den Feueralarm prüfen. »Dafür dürfen wir uns ohne Limit in der Vorratskammer bedienen«, sagt Jenny fröhlich. Die Vorratskammer einer norwegischen Hütte begeistert vor allem Alpenwanderer, die so etwas von den DAV-Schutzhäusern nicht kennen.

Wie in einem winzigen Tante-Emma-Laden sind die Regale bis unter die Decke gefüllt: mit Nudeln, Reis, Dosengerichten, Tütensuppen, Haferflocken, Obstkonserven, Schokoladentafeln, Milchpulver, Kaffee – kurz, einer Vielzahl von haltbaren Lebensmitteln. Wer auf Frisches verzichten kann, braucht vor dieser Hüttentour nicht einzukaufen. Über das Vorratskammer-Shopping führt man ordentlich Buch und bezahlt, ebenso wie für Übernachtungen, mit Bargeld oder Kreditkartenangaben in eine große Metallkasse. Bevor wir weiterziehen, steht am nächsten Morgen noch ein Ausflug zu einer ganz besonderen Hütte an: 20 Minuten geht man zur winzigen Fieldfarehytta, die sich am Seeufer an Felsen schmiegt, vom Grundriss einem Boot ähnelt und schmale Schlafplätze für vier Personen bietet.

Foto: Christoph Jorda Norwegen Tafjordfjell

Ende des Zweiten Weltkriegs bauten drei norwegische Saboteure sie und starteten von hier aus Beobachtungstouren zu einer von deutschen Besatzern genutzten Eisenbahnlinie. Eine Seite mit gedruckten Tagebucheinträgen hängt an der Wand, und Tom übersetzt sie. Im Sommer mag es zeitweise lustig gewesen sein, sich auf Felsen zu sonnen und per Fernglas das Treiben auf der Veltdalshytta zu beobachten. Aber wenn die Lebensmittelversorgung versagte, man hungrig zur Reindalseter wandern musste, um Essen zu stehlen, und wenn im Herbst nasse Klamotten nur mit Körperwärme im Schlafsack getrocknet werden konnten, weil Feuer den Standort verraten hätte – dann war der Einsatz eine harte Nummer.

Mit dieser Geschichte im Hinterkopf kommen uns die folgenden zwei, für Juli extrem schneereichen Etappen nicht ganz so strapaziös vor.Auf der Selbstversorgerhütte Pyttbua kann man schließlich den Ofen einheizen und sich in der Vorratskammer bedienen. Und nach der vierten und längsten Etappe lockt wieder die Reindalseter mit sommerlichem Grün, heißen Duschen und fantastischem Essen. Nur die wilden Rentiere wollen sich uns nicht zeigen – aber zahlreiche Spuren verraten, dass sie kein Mythos sind.

Alle Reiseinfos zum Tafjordfjell

Das Tafjord-Dreieck
»Trekanten Tafjordfjella«, wie diese Hüttentour heißt, zählt zu den Wanderklassikern der Provinz Møre og Romsdal in Fjordnorwegen. Die einsamen Berge des Tafjordfjells ragen bis knapp 2000 Meter hoch auf und stehen zum Großteil im Reinheimen-Nationalpark.

Hinkommen
Am einfachsten reist man mit dem Flugzeug an: KLM zum Beispiel fliegt von mehreren deutschen Flughäfen mit Stop in Amsterdam nach Ålesund (um 300 Euro, klm.com). Dann weiter per Mietwagen (billiger- mietwagen.de, ab 325 Euro/Woche) nach Tafjord und zum Stausee Zakariasdammen (ca. 120 km).

Orientieren
Die Tour ist sehr gut mit dem roten »T« des norwegischen Wanderverbands DNT sowie ab Etappe zwei mit Steinmännchen markiert. Die Orientierung erleichtert außerdem die »Turkart Tafjordfjella« von Nordeca im Maßstab 1:50000 (27 Euro, geobuchhandlung.de). Außerdem empfehlen sich Kompass oder GPS-Gerät, falls im Fjell Nebel aufzieht.

Informieren
Auf der Website ut.no findet sich eine Beschreibung der Tour inklusive Höhenprofil und GPS-Daten: im Suchfenster »Trekanten Tafjordfjella« eingeben. Die Google-Übersetzung liefert leidlich verständliche Ergebnisse. Weitere Infoquellen: visitfjord norway.com, visitalesund.com

Beste Jahreszeit
Von Mitte Juli bis Mitte September. Allerdings muss auch im Hochsommer mit Altschneefeldern und Temperaturstürzen gerechnet werden.

UNTERKUNFT
Reindalseter
Auf 710 Metern liegt diese bewirtschaftete, beliebte Hütte am Langvatnet-See im Reindalen (»Rentiertal«). Mehrbettzimmer und Matratzenlager verteilen sich auf mehrere Gebäude, es gibt ein dreigängiges Abendessen, Frühstücksbuffet plus Proviantbrote, heiße Duschen und Strom. So viel Komfort hat seinen Preis: Wer kein Mitglied im DNT ist, zahlt 1115 NOK (ca. 120 Euro). Die Übernachtung ohne Verpflegung kostet 365 NOK (39 Euro). Unbedingt vorher reservieren! reindalseter.turisthytte@dnt.no, Tel. 00 47/9 93/8 01 87

Jakobselet
Nah der Reindalseter steht die urige kleine Selbstversorgerhütte Jakobselet (ohne Speisekammer). Wer hier übernachten möchte, braucht den DNT-Hüttenschlüssel (Info: deutsch.dnt.no/die-htten). Preis: 250 NOK (27 Euro) pro Nacht. »

Veltdalshytta
Unterhalb des Karitind-Gipfels (1982 m) finden Wanderer in der Veltdalshytta ein Musterbeispiel für norwegische Selbstversorgerhütten. Der See Veltdalsvatnet liegt vor der Tür und bietet sich zum Angeln an. 365 NOK (39 Euro) pro Nacht.

Pyttbua
Wie die Veltdalshytta liegt die Pyttbua auf knapp 1200 m und ist eine Selbstversorgerhütte. Die stolzen Gipfel, die sie umgeben, laden zu Erkundungstouren ein. 365 NOK (39 Euro) pro Nacht.

Zelten
Dank Jedermannsrecht darf man überall zelten. Bei den Hütten gibt es zudem kleine Camping-Areale.

VERPFLEGUNG
Reindalseter
Die Küche der Hütte kann locker mit guten Restaurants mithalten. Achtung: Das Abendessen beginnt im Normalfall für alle um 18 Uhr.

Vorratskammern
Die Veltdalshytta und die Pyttbua besitzen Speisekammern mit Konserven, Knäckebrot, Haferflocken, Nudeln, Kaffee etc. Für die Bezahlung liegen Formulare bereit.

Trinkwasser
Zahlreiche Fließgewässer auf dieser Tour machen große Wasservorräte im Rucksack überflüssig.

Foto: Christoph Jorda Norwegen Tafjordfjell

Tipps von Reiseredakteurin Katharina Hübner

Alesund entdecken
Die Küstenstadt wurde nach einem Großbrand im Jahr 1904 sehr einheitlich im Jugendstil wieder aufgebaut. Es lohnt sich, hier vor der Abreise einen Extratag einzulegen, zu bummeln, frischen Fisch zu essen und zum Aussichtsberg Aksla hinaufzusteigen. visitalesund.com

Fieldfarehytta
Nah der Veltdalshytta steht die winzige Fieldfarehytta, eine Basis von drei norwegischen Saboteuren aus dem Jahr 1944/45. In der Hütte darf man auch übernachten, sollte dann aber einen warmen Schlafsack dabeihaben – es gibt keinen Ofen.

Warme Sachen
Viel Altschnee und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt: Damit ist auch im Sommer zu rechnen. Also packt man selbst bei 30 Grad Hitze in der Heimat neben Regenzeug auch Wollunterwäsche und warme Handschuhe ein.

Äpfel & Co.
Ums Sattwerden braucht sich dank Hüttenspeisekammern niemand Sorgen zu machen. Wer auf frisches Obst und Gemüse nicht verzichten möchte, nimmt diese Lebensmittel selbst mit.

Hüttenkultur
Zu Recht sind die Norweger stolz auf ihr gut funktionierendes System mit Selbstversorgerhütten. Das unterstützt man, indem man vor dem Aufbruch fegt oder sogar nass wischt, für Brennholznachschub beim Ofen sorgt, einen Hüttenschlafsack nutzt und für die Übernachtung sowie sämtliche Lebensmittel bezahlt.

Ausrüstung:

05.11.2017
Autor: Katharina Hübner
© outdoor
Ausgabe 09/2017