Deutschlands Traumpfade: Nationalparkweg Müritz

Mit dem Kajak mitten in der Natur

Wandern, wo Deutschland wieder wild wird: Neun Tage lang führt der Müritz-Rundweg durch wuchernden Wald, zu stillen Seen und seltenen Vögeln – Bootspartie inklusive.

Vom Boot aus fühlt man sich der Natur richtig nah und kommt sogar bis in die Kernzone des Nationalparks. Paddler dürfen das Kanu in diesem besonders geschützten Bereich nicht verlassen und müssen sich auf einigen Seen streng an die richtungsweisende Tonnenlinie halten. Im meterhohen Schilf herrscht Zirpen, Quaken und Tschilpen. Die Ufer scheinen unberührt, Büsche und Bäume wachsen bis dicht an den Rand, reichen mit ihren Wurzeln ins Wasser. Die Sonne flirrt über ganze Felder von weißen und sogar gelben Seerosen; azurblaue Libellen und gelbe Zitronenfalter flattern darüber hinweg, dicke Moorfrösche quaken dazu ein sehnsüchtiges Lied.

Man nimmt das Paddel hoch, lässt sich treiben und den Blick bis zur nächsten malerischen Verrenkung des Wasserlaufs schweifen. Und dann, völlig unerwartet, bekommt man zu sehen, wofür andere den weiten Weg bis nach Kanada auf sich nehmen: Ein Fischadler schießt pfeilschnell ins Wasser und schwingt sich mit seiner Beute im Schnabel empor. Immerhin 60 der in Deutschland registrierten 470 Fischadlerpaare leben zwischen Mitte März und August an der Müritz und ihren vielen Nachbarseen. Man braucht also gar nicht übermäßig viel Glück, um Zeuge eindrucksvoller Jagdszenen der weißbauchigen Riesen zu werden.

Konkurrenz in der Besuchergunst bekommen die Fischadler nur vom noch größeren, noch selteneren Seeadler – dem deutschen Wappentier. 14 Brutpaare sind in Mecklenburg-Vorpommern zu Hause, davon etwa die Hälfte im Müritz-Nationalpark. Während die Fischadler zu den Zugvögeln gehören, bleiben die majestätischen Seeadler mit ihrer Flügelspannweite von zweieinhalb Metern das ganze Jahr über in heimischen Gefilden. Spätestens auf der letzten Tagesetappe der Rundtour kann man den Fischadler hautnah erleben. Eine Überwachungskamera überträgt intime Szenen aus dem Fischadlerhorst auf den Bildschirm im Nationalparkhaus Federow. Dadurch wird die Neugier der Besucher befriedigt, ohne dass der Star des Nationalparks sich belästigt fühlt.

Manni Heldt, dessen naturkundliche Führungen ebenfalls in Federow starten, hat aber noch weitere ornithologische Promis auf Lager: Besonders gerne bringt er im Herbst Gruppen zur Kranichrast. In dieser sensiblen Zeit dürfen die bis zu 10.000 Tiere, die auf ihrem Flug nach Süden am Rederangsee rasten, nicht gestört werden. Die Besucherzahl wird auf vierzig am Tag limitiert.

Foto: Bernd Jonkmanns Wandern im Müritz-Nationalpark

Ein Abstecher per Kajak auf der Oberen Havel gehört zum Wandern im Müritz-Nationalpark einfach dazu.

Zur gleichen Zeit wie die Kraniche machen am Warnker See abertausende Reiher halt. Besonders voll wird es im Oktober, wenn zusätzlich noch bis zu fünfzigtausend Saat- und Blässgänse im Müritzgebiet auf ihrem langen Zug Kräfte tanken.

Der Park ist die Heimat von Wasserschildkröten, Schreiadlern, Muffelwild, Iltissen und Eisvögeln – und neugierigen Waschbären, die sich zum Leidwesen der Dorfbewohner gerne Zugang zu den Häusern und Speisekammern verschaffen, und, egal wie weit man sie fortbringt, immer zurückfinden«, wie Manfred Hecht, Inhaber des gleichnamigen Kanuverleihs, klagt. Die possierlichen Tierchen sind eben genauso heimatverbunden und halsstarrig, wie es auch den Menschen der Müritzregion nachgesagt wird.

Nicht erst seit der Gründung des Nationalparks vor 20 Jahren scheint in den Dörfchen mit den unasphaltierten Sandstraßen und den Ziehbrunnen die Zeit stillzustehen. Ein letztes Mal zieht man tief den satten, süßen Geruch von wildem Klee, Veilchen und feuchtem Waldboden ein. Dann, kurz vor Waren, setzt der Handyempfang wieder ein, die Zivilisation mit ihrem Nachrichtenterror hat einen wieder. Was gäbe man darum, umzudrehen und für immer in dem Märchenwald zu verschwinden, wo die Fantasie ungestört ihrer Wege geht.

25.08.2011
Autor: Annika Müller
© outdoor
Ausgabe 08/2011