Interview

Kletter-Arzt Chris Lutter im Gespräch

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Ringbandprobleme, Wachstumsfugen-Verletzungen und Corona-Schäden: Warum welche Kletter-Beschwerden heutzutage oft auftreten und was man unternehmen kann, erklärt Kletter-Arzt Dr. Christoph Lutter im Interview.

Ärzte und Mediziner, die sich mit Kletterproblemen auskennen, sind rar gesät. Gemeinsam mit den Ärzten Volker und Isabelle Schöffl sowie Thomas Bayer gehört Chris Lutter zu den kletternden Ärzten in Deutschland, die daran etwas ändern wollen. Gemeinsam mit Thomas Hochholzer veröffentlichten sie nun das Buch "Klettermedizin", doch auch in akademischen Fachzeitschriften erscheinen regelmäßig Neuheiten zum Klettern in der Sportmedizin. Wir haben mit Chris Lutter gesprochen.

Chris Lutter Deutsche Bouldermeisterschaft 2020
Leon Buchholz
Chris Lutter behandelt Alma Bestvater bei der Deutschen Meisterschaft Bouldern 2020

Chris, diesen Sommer erschien eine Veröffentlichung von Volker Schöffl und dir mit aktuellen Zahlen zu Verletzungen beim Klettern. Was habt ihr untersucht?

Das übergeordnete Ziel der Sportmedizin ist ja die Vermeidung von Verletzungen. Dafür muss man zuerst mal das Problem definieren. Im Klettersport gibt es bislang noch keine große Datenbasis. Wir haben daher eine Datensammlung begonnen, anhand der wir die Häufigkeit der einzelnen Verletzungen überhaupt erstmal erkennen wollen. Allerdings unterliegt diese Datensammlung einer Eingeschränkung: denn wir können ja nur die Patienten in die Datensammlung aufnehmen, die wir überhaupt zu sehen bekommen. Zu uns kommt ein ausgewähltes Patientenkollektiv, eher informierte und langjährige Kletterer. Wer beim ersten Mal bouldern stürzt und sich verletzt, wird eher in der Notaufnahme oder beim Hausarzt landen. Diese Patienten gehen uns zum Teil durch die Lappen. In Bamberg haben wir ein Level-1-Traumazentrum, daher sehen wir schon auch den ein oder anderen Notfall, der mit dem Krankenwagen reinkommt. Dennoch sind die akuten Sportverletzungen tendenziell höher als unsere Zahlen vermuten lassen. Sprich: Akute Verletzungen wie Sprunggelenksverletzungen und Knochenbrüche sind in unseren Daten vermutlich unterrepräsentiert. Letztlich sollen die Daten eine Grundlage der Verletzungsverteilung liefern und dabei helfen, Empfehlungen auszusprechen und Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.

Die 10 häufigsten Kletterverletzungen im Verlauf der letzten Jahre
MLTJ
Die 10 häufigsten Kletterverletzungen im Verlauf der letzten Jahre

Was sagen uns diese Zahlen?

Man sieht hier den Boulderboom in den Verletzungen widergespiegelt. Zum einen nimmt insgesamt die Zahl der Verletzten zu, was an der zunehmenden Menge an Menschen liegt, die klettern und bouldern gehen. Verletzungen, die früher am Fels oder in "Oldschool"-Hallen passiert sind, nehmen tentenziell ab, beispielsweise Finger- und Ellbogenverletzungen; andere nehmen dafür zu. Insbesondere sturzbedingte Verletzungen nehmen zu, zum Beispiel Knie- und Schulterverletzungen sowie Verletzungen am Handgelenk.

Ist Bouldern ein Verletzungsmotor, kann man das so sagen?

Die Zahl der Kletterverletzungen steigt, was aber allein an der zahlenmäßigen Explosion der Kletterer insgesamt liegt. Auch die Zahl der kletterunspezifischen Verletzungen nimmt stark zu. Wir sehen ausgerenkte Ellbogen und Schultern, gebrochene Wirbel und andere recht schwerwiegende Verletzungen, die für geübte Kletterer eher untypisch sind, sondern die untrainierte Menschen beim Bouldern erleiden. Diese Leute sind nur mittelmäßig darauf vorbereitet, in einer Boulderhalle einfach mal loszulegen. Da würde ich mir wünschen, dass die Devise in deutschen Boulderhallen, dass jeder einfach losbouldern kann, noch einmal kritisch diskutiert wird. In anderen Ländern geht das in dieser Form nicht. Auch was das Sicherheitskonzept der Boulderhallen angeht, da sehe ich noch viel Luft nach oben.. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem in einer Boulderhalle ein Todesfall eintritt, weil einer auf den anderen draufgefallen ist. Das wird meines Erachtens passieren, das ist nur eine Frage der Zeit.

Chris Lutter in Aktion
Thomas Dauser
Chris Lutter hat im Fränkischen begonnen zu klettern. Hier ringt er mit Leftfield (8a) an den Marientaler Wänden

Wie könnte man dieses Risiko verringern?

Entscheidend ist, dass jeder Anfänger zunächst lernt, wie man richtig fällt. Zudem müssen die grundlegenden Sicherheitsregeln im Bouldersport beachtet werden. Zum Beispiel, dass Kletterer während der Pausen deutlichen Abstand zur Wand nehmen sollten und Kindern strikt das Umherrennen in der Halle verboten wird. Insbesondere letzteres ist schwierig umzusetzen, aber hier besteht großes Gefahrenpotential.

Was lässt sich aus den Verletzungstrends außerdem ablesen?

Ringbandverletzungen sind immer noch mit Abstand die häufigste Verletzung, aber sie tritt im Verhältnis seltener auf als früher. Auch hier ist das Bouldern und der Trend zu Bewegungsproblemen spürbar, weil es heute mehr um Sprünge und dynamische Moves geht und weniger darum, kleine Griffe durchzuprügeln. Heute sehen wir Verletzungen, die hätte ich mir nicht vorstellen können, dass die in einer Kletterhalle passieren: eine Luxationsfraktur im Mittelfuß – vor den modernen Jump and Run-Problemen sicher eine Rarität. Das sind völlig neue Gegebenheiten heute.

Chris Lutter in Aktion
Michael Simon
Chris Lutter beim Sportklettern in den USA

Aus den Daten geht auch hervor, dass die Wachstumsfugenproblematik zunimmt, was hat es damit auf sich?

Dies betrifft jugendliche Kletterer im Wachstum. Die Röhrenknochen des Körpers verfügen über Wachstumsfugen (Fachbegriff "Epiphyse"), die für das Längenwachstum des Knochens zuständig sind. So auch am Fingermittelglied. Solange man noch wächst, sind diese Stellen des Knochens weicher als der Rest des Knochens und somit verletzungsanfälliger. Endet das Wachstum, härten die Fugen dann nach und nach aus und verknöchern. Dies ist dann auch Phase, in der sie besonders anfällig sind, nämlich kurz vor dem Ende des Wachstums eines Menschen. Der Verknöcherungsprozess passiert von innen, also von der Handfläche, nach außen, Richtung Handrücken. Dann kann die Fuge innen schon verknöchert sein, aber außen ist sie noch weich. Wenn jetzt zu starke Kräfte auf die Finger wirken, wie beim Aufstellen kleiner Griffe oder beim Campusboarden, dann entstehen Scherkräfte auf der Rückseite der Fingerknochen, die Risse oder Brüche in dieser Fuge verursachen können. Letztlich sind das Überlastungsbrüche der Fingerknochen, die ausschließlich streckseitig, also am Fingerrücken auftreten. Und weil viel mehr Jugendliche heute klettern und bouldern als vor ein paar Jahren, nimmt diese Verletzungszahl zu. Beim Bouldern sind die Anforderungen deutlich intensiver als beim Klettern. Nicht ohne Grund sind Boulderwettkämpfe für Jugendliche in Deutschland limitiert.

Was sind typische Warnzeichen, wann sollten Jugendliche aufpassen?

Generell sind Training und Bouldern an zu kleinen Griffen und Campustraining für Jugendliche aus meiner Sicht nicht sinnvoll. Aufhorchen muss man, wenn Jugendliche vom Klettern Fingerschmerzen bekommen, die trotz Pause über eine Woche lang anhalten oder auch wenn sie morgens aufwachen und über Fingerschmerzen klagen. In beiden Fällen ist der sofortige Gang zum Arzt die klügste Option.

Was passiert, wenn man eine solche Epiphysen-Verletzung nicht behandelt?

Das Resultat einer solchen Verletzung kann sein, dass der Finger schräg wächst, also stark von seiner Achse abweicht. Oder die Fuge härtet schlagartig aus und dann bleibt der betroffene Finger kürzer als die anderen. Um so wichtiger ist das frühzeitige Erkennen. Wenn man es rechtzeitig bemerkt, hilft Pausieren, und der Finger kann zur Ruhe kommen und das Problem heilt aus. Wenn eine gebrochene Wachstumsfuge einmal verknöchert ist, sieht es schon schlechter aus. Mittlerweile haben wir aber auch für die schlecht heilenden Verletzungen gute Erfahrungen mit einem Ansatz, den wir in der Sportorthopäde auch bei anderen Erkrankungen verwenden; wir bohren die Wachstumsfuge einfach an.

Wie bitte? Einfach anbohren?

Naja, ganz einfach ist es nicht (grinst). Man muss am Finger sehr präzise arbeiten und braucht einen recht dünnen Bohrer. Außerdem muss man die richtige Stelle treffen. Da fügen wir dem Knochen eine winzige Verletzung zu, was wiederum die Selbstheilung aktiviert, so dass auch eine Wachstumsfugen-Verletzung ausheilen kann. Unsere Ergebnisse bislang sind vielversprechend.

Chris Lutter in Aktion
Thomas Dauser
Während er als Arzt spezialisiert ist, versucht sich Chris beim Klettern in verschiedenen Disziplinen – hier an der Arête du Diable, Montblanc du Tacul

Das heißt, noch nicht ausgewachsene Jugendliche müssen beim Bouldern extrem aufpassen?

Ja. Was die Wachstumsfugenverletzungen angeht, war Bouldern bei den meisten von uns behandelten Patienten der Auslöser.

Du gehörst ja auch zu dem Ärzteteam, das die Nationalkader betreut, wie haltet ihr das mit den Jugendkletterern da?

Bei den jugendlichen Kletterern im Kader beobachten wir sehr genau, wie sich die Wachstumsfugen entwickeln. Da die Teams regelmäßig in Bamberg untersucht werden und wir auch Ultraschall-Untersuchungen der Finger machen, können wir die gefährlichste Phase des Wachstums erkennen und entsprechende Trainingsempfehlungen geben.

Außerdem gibt es laut eurer Statistik anscheinend viele Sehnenscheidenentzündungen, wo kommen die her?

Es gibt verschiedene Ursachen für Sehnenscheidenentzündungen. Das reicht von kleinen Mikroverletzungen über Überlastung bis zu einem Sturz, bei dem man blöd landet. Klassisch ist allerdings eine Ringbandverletzung, die mitunter zu einem Reizzustand an der Beugesehne und der Sehnenscheide führt, was dann einen Entzündungsprozess auslöst, bei dem der Schmerz bis in Unterarm ziehen kann. Sehr oft sind Sehnenscheidenprobleme im Gegensatz zu Ringbandverletzungen aber Überlastungsschäden, die sich langsam anbahnen und oft chronisch werden.

Chris Lutter in Aktion
privat
Auch mal beim Bouldern: Chris Lutter bouldert im Kalk

Muss man immer ins MRT, um Fingerverletzungen zu diagnostizieren?

Ein kundiger Arzt kann mit einem guten Ultraschallgerät prinzipiell die relevanten Veränderungen in der Hand erkennen und diagnostizieren, besser sogar als im MRT. Voraussetzung ist natürlich, dass der Arzt die kletterspezifischen Probleme kennt. Das ist auch relativ: Wenn man zum Beispiel die Hände eines 9b-Kletterers mit dem Ultraschall ansieht, da schlägt jeder Handchirurg die Hände über dem Kopf zusammen. Da muss man wissen, dass sich ab einem gewissen Level Auffälligkeiten erkennen lassen, die bei anderen pathologisch wären.

Wie hat sich die Verletzungslandschaft seit Corona verändert?

Da sieht man aktuell tatsächlich ein bisschen andere Verletzungen. Im Lockdown hing gefühlt die ganze Welt an ihren Fingerboards, und was danach die Leute ankamen mit Sehnenscheidenentzündungen, das war next level! Und es kommen wieder vermehrt Fingerverletzungen oder Überlastungsschäden wie Lumbricalisverletzungen und Ellbogen-Überlastungen – alles Ergebnis der ungewohnten, intensiven Belastung. Mit Wiedereröffnung der Hallen hat sich das wieder etwas normalisiert. Natürlich sind das alles subjektive Empfindungen. Die genauen Daten werden wir erst im Verlauf erhalten, wenn wir rückblickend die Zahlen aufarbeiten.

Wo können sich interessierte Mediziner weiterbilden?

Volker Schöffl veranstaltet ja alle zwei Jahre einen Weiterbildungskurs in der Fränkischen, zudem versuchen wir, auf sportmedizinischen Kongressen Aufklärungsarbeit zu leisten. Ganz aktuell ist auch unser neues Buch erschienen, das kletterspezifische Probleme und bewährte Therapien erläutert.

Klettermedizin
Springer
Das neue Standardwerk zum Thema Kletterverletzungen

Vielen Dank, Chris!

Der Autor

Chris Lutter
Chris Lutter
Dr. med. Christoph Lutter

PD Dr. med. Christoph Lutter (33) praktiziert und forscht derzeit an der Orthopädischen Universitätsklinik Rostock. Das Klettern begann er mit 10 Jahren im Frankenjura, wo er zuletzt kletterspezifische Verletzungen gemeinsam mit Prof. Dr. Volker Schöffl intensiv bearbeitet hat.

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