Georg Gonzo Hoffmann Ralph Stöhr

Kletterhalle

Interview: 15 Jahre als Kletterhallenchef

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15 Jahre war Georg „Gonzo“ Hoffmann Chef der Kletterhalle Stuttgart. Im Interview spricht er über Servicequalität, Sicherheitsaspekte, die Zusammenarbeit mit dem DAV und unangenehme Kunden.

In diesem Artikel:

Interview: Georg Hoffmann, ehemaliger Kletterhallenchef

Von der Eröffnung 2005 bis Ende 2019 war Georg „Gonzo“ Hoffmann Betriebsleiter des DAV Kletterzentrums Stuttgart. Zum Ende des Jahres verließ er die große Anlage im Süden Stuttgarts – eine Bilanz.

Die wichtigste Frage unter Kletterern zuerst: Was war deine bisher schwierigste Route?

Das war 1991 die Ausdauerroute Déjà, eine steile 8b+ bei Soyhières im Schweizer Jura. Da habe ich aber schon einen sehr hohen Aufwand dafür betreiben müssen.

Bist du eher der Typ des Arbeiters am Fels?

Nein, ich bin eigentlich überhaupt kein Projektierer. Im Urlaub mache ich keine Routen, wo ich mehr als drei oder vier Versuche brauche. Mein Ziel ist aber, jedes Jahr eine 9- am Fels zu klettern. Das schaffe ich jetzt seit 36 Jahren ununterbrochen. Nur dieses Jahr noch nicht, weil ich erst zwei Tage am Fels war.

Du verbringst also deine gesamte Zeit in der Kletterhalle?

Ja, eigentlich schon. Überwiegend natürlich hier, aber auch in anderen Hallen. Der Aufwand, den ich als Betreuer im Wettkampfzirkus in Deutschland betreibe, ist erheblich.

Georg Gonzo Hoffmann
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Georg Hoffmann im DAV-Kletterzentrum Stuttgart.

Was hast du als Qualifikation mitgebracht, als du 2005 in der Kletterhalle auf der Waldau Betriebsleiter wurdest?

Jede Kletterhalle basiert auf einigen Säulen. Da ist der Sportbetrieb: Ich habe früher mit gewissem Erfolg Wettkämpfe geklettert. Da ist der finanzielle Bereich: Ich hatte Betriebswirtschaft gelernt und praktiziert. Man muss Personal führen: Ich hatte Führungspositionen in der Möbelindustrie. Man muss EDV können: Ich kam aus einem Software- und Beratungshaus und habe früher die erste Software für den Eingangsbereich von Kletterhallen geschrieben, als es das noch gar nicht gab. Das war für eine Halle von Freunden. Schließlich gibt es noch die Öffentlichkeitsarbeit, wobei das 2005 noch in den Kinderschuhen steckte. Ein Internetauftritt war das Maximum, Social Media gab‘s noch nicht. Und obwohl ich sehr Computer-affin bin, gibt es Social Media hier als bewusste Entscheidung immer noch nicht. Ansonsten: Ich habe damals alle Bereiche abgedeckt, auf denen der Hallenbetrieb ruht.

Gab es dann Dinge, die nicht so liefen wie erwartet?

Das Einzige, wo ich mich gar nicht auskannte, war die Gastronomie. Da habe ich mit anderen Hallenbetreibern gesprochen und auch einen externen Berater geholt, der bei der Einrichtung, den Preisen und einigen juristischen Dingen geholfen hat. Aber sonst war das eigentlich schon so wie erwartet. Wir haben auch seit 2005 nichts signifikant verändert.

Wovon hängt der Erfolg einer Kletterhalle primär ab?

Es braucht immer ein gutes Gesamtkonzept. Wobei ich schon glaube, dass der Standort ganz wesentlich ist. Einen besseren Standort als hier im Sportgebiet auf der Waldau und so nah am Waldrand gibt es glaube ich nicht. Wir sind sehr gut mit der Bahn erreichbar, was im staugeplagten Stuttgart ein großer Vorteil ist. Kinder können von der Haltestelle gefahrlos zu uns kommen und müssen nicht durch ein dunkles Viertel laufen. Selbst wenn das manchmal rein subjektive Ängste sind: Schon die entstehen hier nicht. Und wir liegen schön im Grünen und haben deshalb auch im Sommer gute Besucherzahlen. Daneben halte ich unser Team für einen wichtigen Erfolgsfaktor: kompetent, dienstleistungsorientiert, schnell, zuverlässig. Unser Ziel ist dass die Kunden auch in Spitzenzeiten nicht länger als 90 Sekunden warten müssen, bis sie bedient werden. Dass uns das gelingt, sieht man auch an den Google Bewertungen. Ansonsten ist es wie bei jedem anderen Geschäft auch: Du musst deine Zielgruppe erkennen und gut bedienen. Das machen wir glaube ich.

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Qualitätskontrolle: bis zum oberen neunten Grad checkt Gonzo die Routen selbst

Kannst du diese Zielgruppe mal definieren?

Wir sind eine Vereinsanlage und wir wollen gerne die Vielkletterer glücklich machen.

Was bedeutet das in der Praxis?

Wir schrauben mehr um als jede andere Halle, die ich kenne. Wir haben letztes Jahr 700 Routen und 1020 Boulder geschraubt. Bei uns gibt es – wenn wir nichts anderes reparieren müssen – jeden Montag, Mittwoch und Freitag neue Routen und meistens auch noch an zwei Tagen die Woche neue Boulder. Und wir schrauben nie, wenn Kunden da sind. Deshalb erlauben wir uns den Luxus, Montag, Mittwoch und Freitag vormittags geschlossen zu haben. Aber ganz viele Kunden warten nur auf die neuen Routen. Die kommen und schauen immer als Erstes auf die Liste der neuen Routen.

Wie verteilen sich die Schwierigkeitsgrade in der Halle?

Die Grade 5, 6 und 7 werden am häufigsten nachgefragt, deshalb haben wir die am häufigsten. Aber die Vielkletterer klettern tendenziell eher schwerer, so dass wir die Routen im Bereich 8, 9 und 10 in kürzeren Zyklen wechseln, aber nicht in hoher Zahl vorhalten.

Gibt es so etwas wie eine Schraubphilosophie, eine besondere Art der Routen?

Zunächst einmal arbeiten wir nicht mit externen Schraubern, sondern nahezu ausschließlich mit Festangestellten oder mit Leuten, die der Halle sehr verbunden sind. Und nur ganz selten, wenn wir mal superschwere Routen brauchen, lassen wir jemand Externen kommen. Wir möchten, dass die Routenschrauber sehen, ob den Kunden die Routen gefallen und wie die damit klarkommen. Das ist nur gewährleistet, wenn der Routenbauer eine enge Bindung zur Halle hat.

Wie sieht es mit dem Stil der Routen aus?

Wir wollen keine Schlüsselstelle im Einstiegsbereich und wir wollen, dass die Routen immer innerhalb einer Sicherungslinie liegen. Wir setzen die Module so, dass sie sich nicht im Sturzbereich befinden. Und wir haben bisher noch keine Verletzung durch ein Modul. Außer einem Fall, wo jemand absichtlich weit nach außen abgesprungen ist und der Sicherer hart statisch gesichert hat. Der ist dann auch tatsächlich hart an der Wand an einem Modul eingeschlagen und hat sich einen Rippenbogen in die Lunge gesteckt. Das war also ein schwerer Unfall, wo aber Fehler des Kletterers und des Sichernden zusammen kamen.

Im Vergleich zum Draußenklettern ist das Sicherheitsniveau in Hallen sehr hoch. Gibt es da noch technische oder organisatorische Optimierungsmöglichkeiten?

Ich habe vor längerer Zeit eine sehr große Studie zusammen mit Volker Schöffl gemacht zum Thema Kletterhallenunfälle. Da bewegen wir uns in Bereichen, von denen jede andere Sportart träumt. Das Risiko, schwere Verletzungen bei einem Unfall in einer Kletterhalle zu erleiden, ist geringer als auf einem Fußballplatz. Und so etwas wie ein Schädel-Hirn-Trauma würde man auf dem Fußballplatz immer als Pech ansehen, aber in der Kletterhalle heißt es: So musste es ja kommen.

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Georg Hoffmann testet Sicherungspunkte auf normgerechte Festigkeit

Gibt es trotzdem noch etwas zu optimieren?

Es gibt nichts, was man nicht verbessern kann. Aber man muss aufpassen mit den einfachen Antworten. Wenn wir früher einen Unfall hatten, sind die Leute immer zu mir gekommen und haben gesagt: Das musste ja so kommen, weil es ist immer so voll und neulich habe ich einen gesehen, der hat das und das verkehrt gemacht. Aber: Wir hatten noch nie einen Unfall mit jemand, der uns vorher durch schlechtes Sichern aufgefallen ist, oder mit einem unerfahrenen Anfänger. Und wir hatten noch nie einen Unfall, wenn die Halle voll war. Rein logisch müsste ich also morgens zu den Kunden sagen: Du kannst jetzt nicht klettern, weil es noch zu leer ist. Das ist jetzt Ironie, aber es zeigt, dass diese einfachen Antworten, die wir alle gerne hätten, nicht stimmen. Ich war auch nie ein Freund der Sicherungsgeräte-Empfehlung des DAV, als man auf Halbautomaten und Autotubes umstellte. Weil es keine Zahlen gibt, die die Gefährlichkeit eines Sicherungsgeräts in irgendeiner Form belegen.

Welchen Weg seht ihr dann zu mehr Sicherheit in Hallen?

Das Hauptproblem ist der Mensch. Und da kommen wir doch wieder zur Technik: Wir haben hier in Stuttgart einen Sturzsimulator entwickelt, an dem man das Halten von Stürzen mit einem Dummy-Gewicht gefahrlos trainieren kann. Inzwischen haben wir über 100.000 Stürze auf dem Simulator. Ich gebe diese Kurse oft selbst, weil ich da ein Sendungsbewusstsein habe. Alle, mit denen wir das machen, können nach 10 Stürzen besser sichern als vorher. Da kracht eine 75-Kilo-Puppe sieben bis acht Meter hart ins Seil. Die Leute haben einen einzigen Sturz lang Angst, dann verstehen sie: „Boah, das ist doch noch härter, als ich dachte. Aber ich kann das beherrschen und habe verstanden, was da passiert.“ Und wir wollen das Klettern nicht nur sicherer machen, wir wollen auch, dass du als Kletterer weißt, dass dein Sichernder alles im Griff hat. Wenn du weißt, dass dein Sicherer weiß, worum es geht, dann kannst du oben eben auch viel schwerer klettern. Ich glaube, viel zu viel PS bleiben einfach auf der Strecke, weil die Leute Angst haben.

Wie sieht es denn mit der Aufsichtspflicht eines Hallenbetreibers aus? Wie unterscheidet sich das vom Badbetreiber, der Personal am Beckenrand sitzen hat?

Das Personal am Beckenrand kann noch eingreifen, wenn jemand unter Wasser treibt. Das geht in der Kletterhalle nicht. Aber wenn jemand heruntergefallen ist, dann muss man eine perfekte Bergung hinlegen. Das trainieren wir jährlich mit unseren Mitarbeitern. Wir haben ein eigenes Notfall-Managament, das die alle beherrschen. Wobei wir uns da ausschließlich auf schwere Unfälle mit lebensbedrohlichen Verletzungen konzentrieren, denn bei weniger schweren Vereletzungen können wir auf den Rettungswagen warten. Das ist der eine Teil. Der andere Teil ist: Wir hatten bei rund 1,5 Millionen Eintritten noch nie einen Unfall einer Person, die uns vorher aufgefallen ist. Die Sicherungsfehler passieren eher Leuten, die schon ein bisschen Erfahrung haben, und die fallen dir nicht mehr auf.

Georg Gonzo Hoffmann
Ralph Stöhr
Kurze Hose, langer Arm: Gonzo 1985 bei der Erstbegehung von 'Geht nicht' in der Eifel

Wie sieht es denn rein rechtlich mit der Aufsichtspflicht aus?

Da gibt es keine Pflicht, weil man es eben nicht sinnvoll sicherstellen kann. Du kletterst hier eigenverantwortlich. Aber wir machen viel mehr, als man müsste. Wir sind sehr präsent in der Halle und hindern immer wieder Leute daran, weiter zu sichern, wenn wir der Meinung sind, dass sie es grundsätzlich nicht können. Die meisten sind einsichtig, wenige sind es nicht. Da muss man sich dann auch mal durchsetzen.

Und wie steht es mit der Haftung als Hallenbetreiber, wie groß ist das persönliche Risiko?

Wir müssen Strafrecht und Zivilrecht unterscheiden. Strafrecht wäre, dass ich persönlich dafür verantwortlich gemacht werde, dass hier ein Unfall passiert. Dafür müsste ich das mindestens grob fahrlässig in Kauf genommen haben. Ich weiß einen Fall, wo das eine Rolle in einem Verfahren gespielt hat, weil man eine mögliche Unfallursache nicht abgestellt hat. Aber ich glaube, dass dieses Risiko, obwohl es real ist, doch überschaubar ist, weil die Anzahl der Unfälle sehr klein ist. Und dann muss ja auch jemand die Schuld bei dir suchen. Das sind meist nicht Personen, sondern Versicherungen. Da sind wir dann meistens im Zivilrecht. Neben diesen juristischen Dingen ist mir aber ein anderer Aspekt viel wichtiger: Ich komme bis heute nicht gut damit klar, für das Leben von Menschen verantwortlich zu sein. Die Vorstellung, dass da was passiert, ist ganz schrecklich.

Welche Kunden sind dem Betreiber am liebsten?

Ich habe am liebsten die Stammkunden, weil man zu denen eine persönliche Bindung hat und weil die Grenze Freundschaft/Kunde nahezu fließend ist. Und ich habe Spaß mit Behinderten. Das gibt mir einfach viel, dass Leute, die in anderen Sportarten kaum was werden können, beim Klettern sehr schnell irgendwie Spaß haben können. Weil man das eben auf jedem Niveau betreiben kann.

Und welche Kunden machen weniger Spaß?

Die Leute, die schlecht sichern, aber der Meinung sind, dass sie das immer schon so gemacht haben und uneinsichtig sind. Aber das ist sehr selten. Ansonsten ist das hier schon ein bisschen der Planet der Seligen. Dieses „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“, das hat so eine Kletterhalle auch. 99 Prozent der Kunden sind einfach sehr nett. Das ist schon ein privilegierter Arbeitsplatz.

Georg Gonzo Hoffmann
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Werkstatt: Georg Hoffmann bereitet neue Umlenker auf den Einsatz vor

Stimmt es, dass Kletterhallen auch wunderbare Partnerbörsen sind?

Absolut. Wir hatten mal eine Mitarbeiterin, die hat nur hier angefangen, um einen Partner zu finden. Die hat gesagt: Einen besseren Platz gibt es nicht. Und es hat auch geklappt. Generell ist der Sport einfach sehr kommunikativ. Auch, weil man so wunderbar gemeinsam Lösungen finden kann. Beim Klettern kämpft man ja auch miteinander gegen die Wand.

Wieviele Ehen wurden denn auf der Waldau bisher angebahnt?

Das kann ich dir nicht sagen. Aber wir haben mal eine Zeit lang überschlägig mitgezählt, und es gibt bisher über 100 „Hallenkinder“, wie wir sie nennen. Also Kinder von Paaren, die sich hier kennengelernt haben.

Mit welchen Kunden macht die Halle am meisten Umsatz?

Mit den Einmalkunden. Leute, die mit ihren Freunden mal klettern gehen, Schuhe und Gurt leihen müssen, vollen Eintritt zahlen und hinterher noch eine Pizza essen und drei Radler trinken. Die sind überhaupt nicht preissensibel, das muss man ganz klar sagen. Am liebsten würde ich ja nur noch Gurte verleihen und Brezeln verkaufen, das wäre am lukrativsten.

Einmalkunden bringen also mehr als die Jahreskartenbesitzer?

Auf jeden Fall. Die Jahreskartenbesitzer machen ein Grundrauschen. Aber wenn jemand 150 mal im Jahr kommt und dafür 490 Euro zahlt, das rechnet sich nie. Aber diese Leute machen einem ja Spaß, und nochmal: Das ist eine Vereinsanlage und das ist ja der Vereinszweck. Wenn ich in einer Vereinsanlage arbeite, dann diene ich diesem Vereinszweck. Deshalb darf ich hier nicht rein unternehmerisch denken.

Wie sieht es mit Kindergeburtstagen oder Ferienklettern aus?

Das ist wichtig für die Zukunft, nicht fürs Geld. Da wir dem Verein einen großen Teil der Eintrittsgelder abtreten, ist das für uns kein super Geschäft. Aber da kommen eben ganz oft Leute hinterher und sagen: Das hat meinem Kind so gut gefallen, es will jetzt einen Kletterkurs machen oder in eine Klettergruppe gehen. Wir haben hier inzwischen rund 400 Kinder in 42 Gruppen von 6 bis 19 Jahren.

Georg Gonzo Hoffmann
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Georg mit dem Team des DAV-Kletterzentrum Stuttgart

Die Kletterhallendichte in Deutschland ist ziemlich groß, zuletzt wurden vornehmlich noch Boulderhallen gebaut. Denkst du, dass der Boom des Kletterns allmählich abflachen wird?

Beim Klettern – und darunter verstehe ich jetzt mal Klettern und Bouldern – sehe ich bis heute keinen Boom, sondern eine kontinuierliche Entwicklung. Das sind oft Steigerungen von fünf bis zehn Prozent im Jahr. Bei den Boulderhallen ist meine Einschätzung, dass sich die Zahl der Anbieter schneller entwickelt hat als der Markt. Die neuen Anbieter führen deshalb dazu, dass die bestehenden Anlagen weniger Kunden haben. Dabei fällt es neuen Anlagen zunehmend schwer, sich durchzusetzen. Ich habe ja auch noch eine Beraterfirma für Kletterhallen und weiß von daher, dass es in hoher zweistelliger Zahl Hallen gibt, die nicht in der Lage sind, ihre Kredite zu tilgen.

Die Frage, ob Kletterhallen noch wirtschaftliche Selbstläufer sind, hat sich damit auch beantwortet, oder?

Selbstläufer sind sie auf gar keinen Fall. Aber ich habe nicht gesagt, dass es heute unmöglich ist, eine neue Halle zu bauen, die wirtschaftlich erfolgreich ist. Es kommt eben sehr auf den Standort an und auf die Qualität. Als die Leute noch nicht so wie heute auf andere Hallen ausweichen konnten, war das noch anders.

Als Vereinsanlage laufen hier Wettkampftraining und Breitensport häufig parallel. Funktioniert das einigermaßen reibungslos?

Ich finde, es funktioniert reibungslos. Wir schrauben für die Wettkämpfer ganz bewusst bestimmte Dinge. Wir haben zum Beispiel im Boulderbereich einen riesigen Definierbereich, den sich andere Hallen so nicht leisten. Wir haben einen Multifunktionsraum, den wir stundenweise auch mal nur für die Leistungsgruppen nutzen. Ansonsten gibt es für diese Gruppen keine Sonderrechte. Und dass uns die „zahlenden Normalkunden“ ein bisschen mehr Raum geben, das finde ich sehr freundlich. Das kennt man aus anderen Hallen auch anders. Die Kooperation mit dem Verein, wo Ehrenamtliche ihr Amt nicht aufgrund eines Auswahlprozesses wie bei einem Job erhalten sondern eher „zufällig“, war zuletzt dagegen schwierig. Dies ist auch ein wesentlicher Punkt dafür, meine Tätigkeit hier zu beenden.

Womit beschäftigst du dich hier zeitlich gesehen am meisten?

In meinem Fall ist das wohl der technische Unterhalt und der Routenbau. Die Anlage ist ziemlich am Anschlag, weil der Backoffice-Bereich so klein und nicht mitgewachsen ist, als man die Kletterfläche in zwei Schritten erweitert hat. Und wir haben den Ehrgeiz, dass Schäden nicht lange sichtbar sind. 90 Prozent der Dinge können wir selbst beheben und machen das auch. Der Routenbau ist wie schon erwähnt ein permanenter Prozess. Und ich checke alle Routen bis ungefähr zum oberen neunten Grad selbst, damit da eine gewisse Einheitlichkeit da ist. Das meiste andere – EDV, die organisatorischen Dinge – läuft vollautomatisisert, weil ich dafür Programme geschrieben habe, die mich heute zeitlich enorm entlasten. Und dann gibt es noch den Bereich Personal und Personalplanung. Davon bin ich komplett entlastet, weil das meine Frau macht, die ja auch Teil der Rocca GmbH ist.

Wenn du jetzt zum Ende des Jahres 2019 in Stuttgart aufhörst, was wirst du am meisten vermissen und was wird dir gar nicht fehlen?

Fehlen werden mir die Kunden und die Mitarbeiter. Ich habe so viele nette Menschen kennengelernt, Kinder hier aufwachsen sehen, Paare, die sich hier gefunden haben und heute selbst kletternde Kinder haben. Ich glaube, wenn du so einen Job machst, musst du einfach Dienstleistung auch ernst nehmen und das gerne machen. Und ich glaube, dass die Kunden das hier spüren. Und mich, auch wenn das jetzt ein bisschen hochgestochen klingt, als Teil ihrer Familie wahrnehmen. Es gibt Leute, die das tatsächlich fast so formulieren. Nicht fehlen werden mir Funktionsträger des Vereins, die zwar entscheiden dürfen, aber zu wenig vom Sachverhalt verstehen und sich auch nicht damit beschäftigen möchten. Und was mir überhaupt nicht fehlen wird, ist die Angst vor Unfällen. Die habe ich in 15 Jahren nicht wegbekommen.

Danke, Gonzo!

Exkurs: Hallendeutsch

(Improvisiertes Vokabular von Hallenbesuchern, gesammelt von Georg Hoffmann)

Das Erste, was man auch in Stuttgart zum Klettern braucht, ist ein Gürtel (= Klettergurt) und dazu passend ein Ding (= Überbegriff für alle Sicherungsgeräte). Kenner der Materie fragen direkt nach einem Automaten (= Grigri), einer Schweinenase (= Tuber für Doppelseil, aufgrund der optischen Ähnlichkeit so genannt) oder nach der Sicherungskralle (= Smart). Wer dann raus an den Naturfels (= die Beton-Außenanlage) möchte, braucht dazu auch unbedingt einige Lifter (= Express-Schlingen; woher der Name kommt, ist unerklärlich), denn am Naturfels sind die Zwischensicherungen nicht fix angebracht. Vorher zu klären ist auf jeden Fall die Frage: Darf ich mit Boulderschuhen auch zum Klettern kommen? (Die Antwort lautet: ja!). Wobei die Boulderschuhe ja eigentlich für den Kinderbereich über der Matratze (= Boulderbereich) gedacht sind.

Wer lieber mit Seil als über der Matratze klettert, wird sich vielleicht interessiert fragen: War da jemals schon jemand ganz oben? Und beim Anblick der vielen Griff­steine (= Kunstgriffe) taucht auch die Frage auf: Plant ihr die Routen vorher am Computer? Immerhin, wer häufiger kommt, dem fällt auf, dass die Griffsteine manchmal die Farbe wechseln, was entweder bedeuten kann, dass die Strecken neu gesteckt wurden (= die Routen umgeschraubt), oder aber, und jetzt wird‘s schwäbisch und absolut vollkommen logisch: die Knöpfle sind frisch gestrichen!

Bio: Georg Hoffmann, auch bekannt als Gonzo

Von Firmen und Jobs

Geboren 1964 in Wuppertal, machte Georg Hoffmann nach der Schule zunächst eine Schreinerlehre, dann den Schreinermeister und studierte schließlich noch Betriebswirtschaft an der Berufsakademie. Er arbeitet zunächst in der Vitra-Unternehmensgruppe, dann in anderen Stationen in der Möbelindustrie in leitenden Positionen. Zuletzt war er Leiter eines Software- und Beratungshauses, das zur Homag-Gruppe gehörte.

2005 gründete er die Rocca GmbH und ist seither Betriebsleiter des DAV Kletterzentrums Stuttgart. Seine Frau Anke Hoffmann-Sekat fungiert als Prokuristin in der Rocca GmbH und ist in der Leitung der Kletterhalle für Personalplanung und -einsatz zuständig. Zum Jahreswechsel 2019/20 wird die Rocca GmbH die Betriebsleitung in Stuttgart aus eigenem Antrieb aufgeben.

Von Halle und Fels

Georgs Kletterkarriere begann 1978. Davor war er Skateboardrennen gefahren, diese Wettbewerbe wurden damals aber eingestellt. Der erste Kletterkurs führte mit Bergschuhen und Helm an die Bruchhauser Steine im Sauerland. Das leistungsorientierte Klettern begann für Georg dann mit dem Aufkommen der Freikletterei. Er kletterte Wettkämpfe, gewann die Westsdeutsche Meisterschaft und wurde einmal Zweiter hinter Gerhard Hörhager beim Summit Cup. In der Eifel gelangen ihm Erstbegehungen bis zum oberen neunten Grad, im Schweizer Jura die Wiederholung der Route Déjà (8b+) des Schweizers Philippe Steulet.

Dem Wettkampfsport blieb Georg bis heute treu: In Baden-Württemberg ist er als Landestrainer aktiv und hilft regelmäßig auch beim Nationalkader aus.

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