Die Strecke zwischen Toblach und Cortina d'Ampezzo bräuchte dringend Warnschilder: "Achtung, unbeschreiblich schöne Berge voraus!" Wie ein Schlag trifft mich die Fahrt durch das imposante Dolomitental. Gebannt blicke ich nach links und rechts auf die Gipfel – die Straße vor mir rückt dabei fast in den Hintergrund. Tatsächlich muss ich am Dürrensee kurz rechts ranfahren und den Monte Piana auf mich wirken zu lassen. Mit staunenden Augen geht die Fahrt weiter ins Herz der Dolomiten, nach Cortina, dem Austragungsort der diesjährigen Olympischen Winterspiele.

Die Dolomiten ziehen mich in ihren Bann.
Trailrunning-Mekka für eine Woche
Diese Woche dreht sich hier alles um den Lavaredo Ultra Trail. Über mehrere Tage verteilen sich verschiedene Rennen mit Distanzen von 10, 20, 50, 80 und 120 Kilometern – letztere mit knackigen 6.000 Höhenmetern. Knapp 5.000 Teilnehmer aus 88 Nationen jagen die Berge rauf und wieder runter. Ich gehe beim 10-Kilometer-Lauf (400 Höhenmeter) an den Start – mein erstes Trailrace überhaupt.
Bevor es um 19 Uhr losgeht, schlendere ich noch durch die malerischen Gassen des Örtchens und gönne mir eine große Bufalina Pizza mit alkoholfreiem Bier. Carboloading? Check!
Trailrunning total
Dabei beobachte ich Teilnehmer und Schaulustige, die sich rund um den Start- und Zielbereich an der alten Philippus-und-Jakob-Kirche sammeln. Gefühlt tragen 99 Prozent die komplette Trailrunning-Montur – so etwas habe ich noch nie gesehen. Wie im Winter, wenn alle ganz selbstverständlich in Skiklamotten herumlaufen, ist hier wirklich jeder von Kopf bis Fuß auf Trail getrimmt.
Und man sieht es ihnen an: drahtig, sehnig, kein Gramm zu viel. Kaum jemand wirkt, als würde er die 80 Kilo knacken – von 100 ganz zu schweigen. Ich dagegen schon.

Die Atmosphäre im Dorf ist elektrisierend: Jedem Starter und Zuschauer (egal bei welcher Distanz) merkt man an, wie glücklich er ist, hier zu sein. Der Lavaredo Ultra Trail ist der Traum jedes Trailrunners, vom Einsteiger bis zum Vollblutprofi.
Der Startschuss fällt
Das Rennen beginnt, und die Läufer versammeln sich in ausgelassener Stimmung an der Startlinie. Noch strahlt die Sonne, doch bald wird sie untergehen und das atemberaubende Dolomiten-Alpenglühen beginnen. Der 10-Kilometer-Lauf hat es zwar in sich, ist aber eher der "Genusstrail" im Vergleich zu den anderen Distanzen.
Die Strecke führt aus dem Ort hinaus in den Wald. Zunächst ist das knapp 470 Personen starke Feld noch eng beieinander, beim steilen, schmalen Forstanstieg staut es sich kurz. Dann verteilt sich das Teilnehmerfeld und der echte Trail beginnt. Es geht auf und ab, ständig ziehen Läufer an mir vorbei. Bei den steilen Downhill-Passagen habe ich Angst umzuknicken, bis ich endlich im Flow bin. Dann fühlt es sich an, als würde ich mit Aragorn, Gimli und Legolas durch Rohan rennen.

Es geht rauf und runter, querfeldein.
Alpenglühen und zweite Luft
Nach knapp der Hälfte passieren wir einen kleinen Bergsee mit unwirklichem Ausblick auf die rosa leuchtenden Dolomiten: das Alpenglühen setzt ein. Der Sonnenuntergang verleiht mir eine zweite Lunge, ab hier geht es nur noch bergab ins Tal. Jetzt kommt mein Körpergewicht zum Einsatz: Ich sammle fleißig meine ehemaligen Verfolger wieder ein und laufe Richtung Cortina. Die Kirchturmspitze ragt schon vor mir empor ... nur noch zwei Kilometer!
Doch dann passiert es wieder: Die Kalkfelsen in ihrem rosa Schein beeindrucken mich zu sehr. Mein Blick wandert von links nach rechts, ich vergesse den Pfad vor mir. Erst das Klatschen und Jubeln der Zuschauer mit ihren "Bravi, bravi!"-Rufen reißen mich aus der Trance.

Erschöpft und überglücklich überquere ich die Ziellinie. Schade, dass das Rennen schon vorbei ist, bei dieser Kulisse würde ich am liebsten auch die 120 Kilometer absolvieren!





