od-0619-schweden-seekajak-teaser (jpg) Monika Neiheisser

Kajaktour in Skandinavien

Seekajaken in Schweden

Paddeln, Natur genießen, zelten – ein typisch schwedischer Dreiklang. Und auch Einsteiger beherrschen nach kurzer Zeit das Inselhüpfen. Tipps für Anfänger hier ...

Der Bug bricht den flüssigen Spiegel vor dem Kajak. Jim lässt das Paddel abwechselnd links und rechts neben dem Körper ins Wasser gleiten, die Landschaft zieht an ihm vorbei. Der drahtige Göteborger ist eins mit dem Meer und genießt die milde Sonne beim Paddeln. Bindfadengerade zieht der Mittfünfziger seine Spur an der windgeschützten Seite der Schäreninseln. Ich versuche, unserem Guide zu folgen, doch meine Kajakspitze dreht hin und her wie eine nervöse Kompassnadel – warum auch immer.

Dauernd vergesse ich, dass ich mit Pedalen über Bowdenzüge das Ruder im Heck bedienen kann, und versuche, nur mit dem Paddel zu lenken. Nutze ich dann doch die Pedale, arbeite ich manchmal gegen mein eigenes Paddel an. Hoffentlich bemerkt nie- mand mein Herzklopfen. Wie naiv, mich auf dieses Abenteuer einzulassen, wo ich doch vorher nur auf Badeseen herumgerudert bin!

Andererseits probiere ich gerne neue Outdoor-Sportarten aus, und diese Seekajaktour versprach die genau richtige Mischung aus Herausforderung und Naturerlebnis. Und nun spuken mir solche Gedanken durch den Kopf wie: Was, wenn ich kentere? Mit der vollen Ausrüstung und Proviant für fünf Tage »Friluftsliv«, wie die Skandinavier sagen, wenn sie in der Natur aktiv unterwegs sind?

Erfahrungsbericht: Seekajak-Tour in Schweden

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Monika Neiheisser
Der nördlichste Punkt des Trips liegt auf der wunderbar einsamen Insel Vallerö.

Oliver, deutlich erfahrener, gibt Tipps: »Zieh das Paddel nicht so ruckartig durch. Kajaken ist wie ein Tanz auf dem Wasser. Und versuch doch mal, nicht nur mit den Armen zu paddeln, sondern mit dem ganzen Oberkörper zu rotieren. Das spart Kraft.« Ich beherzige den Rat, doch jetzt wackelt das Kajak erst recht. Plötzlich gellt ein spitzer Schrei.

Jim taucht ruckartig aus seiner Versunkenheit auf: Martina ist gekentert. Zum Glück kann sie ihre Spritzdecke schnell lösen und sich aus dem Cockpit winden. Jetzt schwimmt sie in der 18 Grad kalten Nordsee, während der Kiel ihres Kajaks gen Himmel guckt. Blitzschnell wendet Jim, dreht mit Oliver das Kajak und hilft ihr wieder in die Wackelschüssel. Was für eine Aufre- gung, nur drei Stunden, nachdem unsere achtköpfige Gruppe aufgebrochen ist.

Außer Martina stiegen noch drei weitere Anfänger das erste Mal in die vier Meter langen, aber gerade einmal 70 Zentimeter brei- ten Seekajaks. Voraussetzung für die Tour waren Gleichgewichtssinn, Liebe zum Meer – und eine Beteuerung, dass man schwimmen kann. Eine Woche lang wollen wir die Westküste der Insel Tjörn mit ihren vorgelagerten Inselchen erkunden. Dieser Schärengarten, gefühlt nur drei Kajaklängen von Göteborg entfernt, besteht aus Tausenden Eilanden, die meisten unbewohnt. Er zählt zu Schwedens schönsten Paddelrevieren und erstreckt sich über 200 Kilometer die Küste entlang bis nach Norwegen.

Am Mittag sind wir in Bleket im Südwesten Tjörns gestartet, nachdem uns Jim die Basics erklärt hat. »Techniktipps gibt es unterwegs«, hatte er hinzugefügt und darauf geachtet, dass alle Schwimmwesten anlegen. Nach Martinas Vollbad heißt es jetzt »volle Fahrt voraus«. So gut wir können, ziehen wir Paddelschlag für Paddelschlag kräftig durch, Martina gleitet auf das nächste Ufer hinauf, zerrt bibbernd ihren Packsack mit trockener Kleidung aus einer Luke am Heck des Kajaks und zieht sich um. Sie lacht wieder, ärgert sich aber ein bisschen, weil sie ihre neue Kamera versenkt hat.

Seekajak-Tour mit Camp auf der Insel Rabbehuvud

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Monika Neiheisser
Früher war der Hafen von Mollösund Dreh- und Angelpunkt der Heringsfischerei.

Nach einer weiteren Stunde Paddeln rückt der Lagerplatz in einer Bucht auf der Insel Rabbehuvud in Sicht, einem grün gefleckten Granitbrocken. Weit ziehen wir die beladenen Boote auf den weißen Sand hinauf. Der Hintern schmerzt vom langen Sitzen, und im Oberkörper spüre ich jeden Paddelschlag. Wir öffnen die Luken, zerren die Vorratstaschen heraus, suchen Plätze für die Zelte und Treibholz für ein Lagerfeuer.

Hunger grummelt tief in den Mägen. »Hast du das Gemüse?« »Hast du den Fisch?« – zwei komplette Einkaufswagenladungen verstauten wir vor dem Start in den Kajaks. Der gemeinsam ausgeheckte Speiseplan steht, doch einen Lebensmittellageplan hat keiner erstellt. Oliver schmeißt seinen Gaskocher an und wärmt eine Dosen-Tomatensuppe als Vorspeise, ich schnippele mit Jim Karotten, aus denen er ein leckeres Sahnegemüse zaubert.

Krönung des Outdoor-Menüs ist der Lachs, der in goldenem Öl in der Pfanne brutzelt. Der Schmaus zergeht uns auf den Zungen, während sich der Tag verabschiedet. Im rotglühenden Meer schimmern schwarz die rund gelutschten Schäreninseln. Als Nachtisch macht eine Tafel Schokolade am Lagerfeuer die Runde. Martina bekommt einen Vorzugsplatz, um ihre Klamotten und Schuhe zu trocknen. Am Morgen bringt sie Ordnung in ihren Hausstand: Ein Beutel für die wenigen trockenen Klamotten, einen für halbnasse und einen großen für die ganz nassen.

Jeder wärmt die klammen Finger an der Kaffeetasse, dann räumen wir zusammen, verstauen alles und stechen am Mittag, zwei Stunden später als geplant, ins glatt polierte Meer. Ich paddle jetzt keinen Zickzackkurs mehr, sondern gleite elegant dahin wie ein Aal. Meine Bedenken schwinden und machen uneingeschränkter Freude Platz: wie herrlich, eine ganze Woche nur mit dem Nötigsten in der Natur zu leben.

Bewohnte Inseln laden mit schmucken roten Holzhäuschen zu einer Kaffeepause ein, Seehunde tummeln sich in den Wellen und an Land, Seevögel ziehen ihre Kreise. Frech lugen schroffe Felsinseln aus dem scheinbar unendlichen Meer. Martina verzichtet heute auf einen Tauchgang und gleitet trocken durch das Landschaftskino. Auf Vallerö erreichen wir nach drei Tagen den nördlichsten Punkt des Trips. Für die Rückfahrt wagen wir uns ins ungeschützte Meer – und da zeigt die Nordsee ihr wahres Gesicht. »Jetzt zusammenbleiben«, sagt Oliver noch.

Dann verschwinden wir in den Wellentälern und werden für unsere Mitpaddler unsichtbar. Wogen schäumen gegen den Bug. Paddelschläge greifen zwischen den Wellen ins Leere, und ich habe erneut Mühe, meinen Kahn zu bändigen, der wie eine Kokosnuss im Meer tanzt. Nach vier Stunden Kampf gegen die See schaffen wir es ans Tagesziel. Und ich bin nicht gekentert! Irgendwann, nach noch ein paar Seekajaktouren, werde ich so geschmeidig paddeln wie Jim.

Kleines Seekajak-1x1

Das Meer ist schön, birgt aber auch Risiken. Die wichtigsten Grundregeln für angehende Seebären.

Dress for water
Auch wenn die See ruhig ist und die Sonne scheint: Tragen Sie trotzem einen Kälteschutzanzug. Selbst bei Wassertemperaturen um 20 Grad kühlt der Körper rasch aus, wenn man sich, etwa bei einer Kenterung, längere Zeit im Wasser aufhält.

Teamwork
Selbst Könner überlegen sich zweimal, ob sie sich alleine auf hohe See begeben. Für eine Seekajaktour sollte man mindestens zu dritt sein. Zu groß darf das Team allerdings auch nicht werden. Bei mehr als sechs Personen leidet der Überblick, und die Gruppe wird deutlich langsamer.

Gegen den Wind
Egal ob von hinten, von der Seite oder von vorne: Wind zehrt an den Kräften und erschwert das Steuern. Teilen Sie bei starkem Wind Ihre Kräfte ein, und machen Sie immer wieder Verschnaufpausen hinter Molen, Inseln oder Bojen.

Bauchgefühl
Ob eine Tour in hohem Wellengang oder die Passage zwischen zwei Klippen: Vom Ufer aus sieht ein Vorhaben mit dem Kajak oft einfacher aus, als es ist. Steigern Sie sich langsam, und hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Legen Sie vor der Tour Punkte fest, an denen Sie zur Not abkürzen oder abbrechen können.

Die wichtigsten Tipps für Seekajakfahrer

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Redaktion
Seekajaken in Schweden

Seekajak-Paddler müssen sich mit dem Wasser und der Küste arrangieren. Wichtigste Voraussetzung: ein sicheres Bootsgefühl.

1 Windrichtung
Nicht immer weht der Wind von hinten. Bei seitlichen Windrichtungen ist es sicherer, etwas vorzuhalten (weiter in den Wind steuern), um die Winddrift (seitlicher Versatz) auf dem Weg zum Ziel auszugleichen.

2 Untiefen
Wer das Wasser richtig »liest«, kann »Boomern« (großen Wellen, die sich aus dem Nichts an Untiefen aufbauen) rechtzeitig ausweichen und verringert das Kenter-Risiko.

3 Wellengang
Bis zu welcher Wellenhöhe man sich aufs Wasser wagen kann, hängt vom persönlichen Limit ab. Bitte nicht überschätzen! So bleiben einem brenzlige Situationen erspart.

4 Navigation
Um das Ziel heil zu erreichen, sollte man mit Karte, Kompass und eventuell GPS-Gerät umgehen können.

5 Landeplätze
Windgeschützte Strände laden förmlich zu Landgängen und nächtlichen Camps ein. Meist ist das Ufer schön flach. Unbedingt die Kajaks immer weit auf den Strand hinaufziehen!

6 Gezeiten
Mit der Strömung zu paddeln geht am schnellsten. Gegen den Strom kann es schwer bis unmöglich werden, voranzukommen. Deswegen die Tagesetappen immer mit Blick auf die Gezeitentabellen planen!

7 Brandung
Reflektierende Wellen führen an Steilküsten oft zu hoher Brandung. Ohne Erfahrung meidet man solche Bereiche weiträumig – sei es beim Vorbeipaddeln oder zum Anlanden.

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