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Wandern im Oberen Donautal

Donautal - Das Tal der Felsen

Wild und lieblich: mächtige Aussichtsfelsen und stille Auen machen das Obere Donautal zu einem Traumrevier für Wanderer.

Die Sonne wärmt das weiße Kalkgestein, zaubert zusammen mit Büschen und Bäumen Schattenspiele auf den unebenen Grund. Insekten krabbeln emsig zwischen alpinen Pflanzen ihren Geschäften nach. Tief unten zieht wie ein blau-grünes Band die junge Donau durch frische Wiesen, folgt dem Zickzacklauf des von ihr geschaffenen Tals, und gegenüber, jenseits des Flusses, aber auf Augenhöhe, thront Schloss Werenwag auf seiner Felsnase. Verhalten schallt das Tuckern eines Traktors durchs Tal, gerade noch zu hören, wenn man auf dem 790 Meter hohen Bischofsfelsen steht, einem Aussichtspunkt im Oberen Donautal.

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Wanderer, die von Hausen im Tal dem roten Dreiblock, einem liegenden Ypsilon, gefolgt sind, haben hier einen guten Teil der 350 Höhenmeter auf der 15 Kilometer langen Tour hinter sich gebracht. Sie führt nicht nur auf den Bischofsfelsen, sondern auch zum Hohlen und zum Bandfelsen, die ähnlich imposante Blicke bereithalten. Und am Weg lädt eine der vielen Burgen zur Einkehr. Aber Vegetarier: Vorsicht! Es mag sein, dass die Burgschenke von Wildenstein nur Landjäger anbietet.

Das Obere Donautal - Ein Traumrevier für Wanderer.
Foto: Daniel Geiger

Hoch über der Donau

Die gut ausgebauten und hervorragend markierten Wanderwege im 50 Kilometer langen Oberen Donautal, das sich zwischen Tuttlingen und Sigmaringen erstreckt und von Stuttgart in gut zwei Stunden erreichbar ist, lassen sich schier endlos kombinieren. Am spannendsten sind die Abschnitte hoch über der Donau, links oder rechts des Flusses, auf denen man immer wieder aus dem Wald auf Felsen tritt, die frei über den Abgrund ragen und Blicke erlauben, wie man sie eher im Grand Canyon vermuten würde; für den Rückweg, wenn man sich vielleicht fußlahm fühlt und satt von den Wundern der hellen Kalkklippen, bietet sich der Donauradwanderweg an, der unten dem Ufer folgt.

Breit und gemächlich strömt die Donau dahin. Kaum zu glauben, dass sie nur ein Stück flussaufwärts von Bischofsfelsen und Werenwag in trockenen Sommern nahezu vollständig versickert. Denn unterirdisch fließt ein Teil ihres Wassers permanent dem Rhein zu. Dieser Effekt wird sich noch verstärken, weil der tektonisch nach wie vor aktive Rheingraben die gesamte Albhochfläche immer weiter kippt. Mit der Zeit könnte die Donau so zu einem Nebenfluss des Rheins werden.

Wer die Versickerung besuchen will, wandert vom Kloster Beuron aus der Fließrichtung entgegen. Zunächst überquert der Weg eine der sehr seltenen holzüberdachten Brücken, die ihre jetzige Form 1801 erhielt. Ein Naturlehrpfad macht den etwas zu zahmen Weg kurzweilig; bald darauf zieht er als schmalerer Pfad hinauf in schattigen Wald, hin zu dem bekanntesten Aussichtspunkt des Donautals, dem Knopfmacherfelsen. Hier, so sagt eine Legende, verirrte sich im April 1823 der Knopfmacher Fidelis Martin. Das Hardtfräulein, eine geheimnisumwitterte Sagengestalt, versprach, ihm den Weg zu weisen. Stattdessen führte sie ihn über die Kante des 785 Meter hohen Felsens, von dem der Knopfmacher samt Pferd hinabstürzte.

Das gewaltige Kloster Beuron entstand um 1080 im Talgrund.
Foto: Daniel Geiger

Furt über den Fluss

Heute ist es deutlich friedlicher: Der Blick folgt dem Flusslauf und trifft unweit auf die beeindruckenden Mauern des Klosters Beuron. Es wurde wohl 777 gegründet, allerdings nicht im Tal, sondern oben auf der Felswand, auf hal­bem Weg zum Knopfmacherfelsen, ungefähr an der Stelle, an der jetzt ein grün überwucherter Soldatenfriedhof an die durchaus auch blutige Geschichte des Donautals erinnert. Die Ungarn sollen diese erste Anlage zerstört haben, und zwischen 1080 und 1090 entstand Kloster Beu­ron an seinem jetzigen Platz.

Blickt man nach rechts, kann man das Jägerhaus sehen, einen Gasthof mit Fremdenzimmern. Sein Reiz liegt aber nicht in den durchaus leckeren Mahlzeiten, sondern in der Flussquerung zu ihm. Keine Brücke hilft hier über die Donau, sondern eine Furt. Große Steinblöcke ermöglichen die Passage auf die andere Seite. Wenn Niedrigwasser herrscht. Danach bringt der Donauradwanderweg Wanderer rasch und am Ufer entlang zur Ziegelhütte, einem Bioland-Bauernhof mit Einkehrmöglichkeit. Das zu ebenmäßige Gehen bringt einen auf Gedanken an Abwege, an Abstecher, und so findet man sich kurz vor der Ziegelhütte auf schmalem Serpentinen-Pfad wieder. Er führt, kaum breit genug, um zwei Füße nebeneinanderzustellen, sehr steil links in den Wald hinauf, zwischen gewaltigen, moosbewachsenen Felsen hindurch und endet nach 15 atembeschleunigenden Minuten an der Ziegelhöhle. Auch sie ist eine typische Vertreterin des Oberen Donautals. Schon vor rund 100 Millionen Jahren, nachdem sich das letzte große Meer von der Alb zurückgezogen hat, begann die Verkarstung des weichen Gesteins. Höhlen entstanden, die von Steinzeit-Jägern genutzt wurden.

Wie ein Aussichtsbalkon ragt der Bandenfels über dem Tal auf.
Foto: Kerstin Rotard

Fremdartige Schönheit

Auf dem Rückweg von der Ziegelhöhle mag mancher Schuh in ganz andere Hinterlassenschaften tauchen: Wie ein Nest voller Eier sieht das aus, was Gämsen von ihrem Mahl der Natur zurückgeben. Gämsen? Hier, auf der Alb? Ja. In den 60er- Jahren wanderten einzelne Tiere ins Donautal, vermutlich aus der zehn Jahre früher im Schwarzwald angesiedelten Population. 1986 kletterten schon 32 Gämsen durch die unzugänglicheren Klüfte links und rechts der Donau, und ihre Zahl steigt weiter.

Hinunter zum regulären Weg gibt es genug Gras, um die Schuhe zu säubern. Bei Fridingen geht es wieder über die Donau. Wandert man ein Stück flussaufwärts, sieht man, wie ein Teil des Wassers im Grund versickert. Weitere Aussichtspunkte wie den Stiegelesfelsen erklimmt der Weg und kehrt zurück nach Beuron.

Wer jetzt meint, er habe alle Felsnasen bezwungen, alles gesehen, von oben und unten, von links und rechts – der warte, bis er, am Morgen ganz früh vielleicht, zwischen Beuron und Hausen auf dem Eichfelsen steht. Liegt Nebel über dem Fluss, zieht talfüllend ein silberner Strom nach Nordosten, durchschnitten von baumbestandenen Riffen, und die Sonne streicht rostrot und zart über Burg Wildenstein gegenüber. Man mag kaum glauben, dass es in Deutschland so fremdartig Schönes gibt.

Autor: Kerstin Rotard

© Outdoor : Ausgabe 11/2008

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