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Was ist wirklich nachhaltig?

Die wichtigsten Stellschrauben, an denen wir für das Klima drehen können, sind Mobilität, Wohnen und Ernährung ...

Nachhaltigkeit. Dieser Begriff springt uns heute aus allen Ecken an. Neben Kaffee und Schokolade versprechen auch Tütensuppe, Drogerie-Shampoo und Discounter-T-Shirts, in irgendeiner Form nachhaltig produziert zu sein. Dienstleister aller Art und Autohersteller schließen sich an. Trotzdem scheinen die Klimaziele des Pariser Abkommens – die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C gegenüber vorindustriellen Werten zu begrenzen und bis zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine klimaneutrale Welt zu schaffen – nicht in greifbare Nähe zu rücken. Was läuft falsch?

Ein gutes Beispiel ist der Müll. Zwar sind in Deutschland bei Verbrauchern ebenso wie bei Herstellern Recycling und Plastikvermeidung große Themen. Dennoch wachsen die Mengen an Verpackungsmüll kontinuierlich: im Jahr 2017 auf 18,7 Millionen Tonnen, was 226,5 Kilogramm pro Person und drei Prozent mehr als im Vorjahr bedeutet. Auf 38 Kilogramm reinen Plastikmüll pro Person jährlich kommt die Heinrich-Böll-Stiftung in ihrem »Plastikatlas N 2019«. Wie passt das zu den allseits bekundeten Bemühungen? »Es findet schon ein Wandel statt«, sagt dazu der Technikhistoriker Wolfgang König, der als Professor an der TU Berlin lehrt und ein Buch über die Geschichte der Konsumgesellschaft verfasst hat.

Die Krux: Bisher sei es eher ein Bewusstseinswandel, kein Tätigkeitswandel. Zwischen Wissen und Handeln klafft eine Lücke. Fragt man Dr. Michael Bilharz, Nachhaltigkeitsexperte beim Umweltbundesamt, nach dem Verzicht auf Gurken in Plastikfolie oder Milch im Tetrapak, erntet man allerdings erst mal ein Schulterzucken. »Natürlich ist es grundsätzlich gut und richtig, Plastik und anderen Verpackungsmüll zu vermeiden«, sagt der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler. »Aber leider rücken dadurch die effektiveren Maßnahmen in den Hintergrund.« Zum Beispiel die Verkehrsmittelwahl beim Einkauf. Fährt man zwei Kilometer mit dem Auto, müsste man schon mehr als 50 Gurken ohne Plastikfolie erwerben, um die Emissionen der Autofahrt wieder auszugleichen. Noch schlechter sieht es aus, wenn man mit dem Auto die Stadt verlässt und den ländlichen Hofladen ansteuert. Zumal Autos mehr mit Plastik zu tun haben, als viele von uns denken: Der Abrieb von Gummireifen gehört zu den Nummer-eins-Quellen von Mikroplastik.

Strand in Wales - Pembrokeshire Coast Path
Christoph Jorda
Strände ohne Plastikmüll sind leider keine Selbstverständlichkeit mehr.

Klimawandel ist Hauptproblem

Dass die Plastikproblematik gegenüber CO₂ in der Öffentlichkeit überbewertet wird, betonen auch Stimmen aus der Forschung. In der »Marine Policy« etwa, einer führenden wissenschaftlichen Fachzeitschrift für Ozeanstudien, kamen britische Forscher 2019 zu dem Schluss, dass Plastik die Ozeane weniger stark bedroht als der Klimawandel und Überfischung. Und nicht zuletzt die Medien, so die Wissenschaftler, bauschen das Kunststoffthema so auf, dass viele Menschen es als das größte Umweltproblem wahrnehmen. Darüber hinaus würden Unternehmen ebenso wie Regierungen häufig ihre Plastikreduktion oder Recyclingbemühungen betonen, um in der Öffentlichkeit »grüner« dazustehen.

In der Flut von Tipps für mehr Umweltschutz im Alltag stellt sich also die Frage: Was soll man tun, um wirklich etwas zu bewirken? Michael Bilharz spricht von sogenannten »Big Points«: Die wichtigsten Bereiche, in denen wir Veränderungen erreichen können, sind Wohnen, Mobilität und Ernährung. Beim Wohnen geht es vor allem um Strom und Heizen. »Der Wechsel von einem konventionellen Anbieter zu Ökostrom dauert wenige Minuten und verändert unseren Komfort null. Je nach Anbieter kostet es nicht mal mehr«, so der Experte, der im Umweltbundesamt unter anderem einen CO₂-Rechner verantwortet, mit dem man online seinen ökologischen Fußabdruck berechnen kann (uba.co2-rechner.de).

Weißgeräte nicht unterschätzen

Als Haus- oder Wohnungsbesitzer bringe eine effektive Dämmung einen dicken Klimabonus, als Bewohner ein maßvolles Heizverhalten. Auch beim Kauf von Haushaltsgroßgeräten dreht man an einer wichtigen Stellschraube. »Wer sich beim Kauf von Spülmaschine oder Kühlschrank für die A+++-Energie- Effizienz-Variante entscheidet, hat in den nächsten zehn, 15 Jahren einen deutlich geringeren Stromverbrauch und verursacht entsprechend auch niedrigere CO₂-Emissionen.« Bei der Mobilität gilt: So wenig Autofahrten, Flugreisen und Kreuzfahrten wie möglich. »Das ist nicht neu, bleibt aber eine Tatsache«, so Bilharz, der aus Klimagründen keinen Führerschein besitzt und noch nie in seinem Leben geflogen ist.

Glacier Express in der Rheinschlucht
Glacier Express AG / Stefan Schlumpf
Vorbild Schweiz: Nirgends in Europa fahren die Menschen so viel Bahn wie hier.

»Car-Sharing ist super, weil man dann nicht eben spontan zum Bäcker fährt, sondern das Auto nur nutzt, wenn man es wirklich braucht.« Und was empfiehlt er Bergsportlern, wenn ihre Tour an einem abgelegenen Ort beginnt? »Wenn sie dort nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommen, dann eben mit dem Auto.« Entscheidend sei nicht, ob man an dem einen oder anderen Wochenende eine längere Fahrt unternehme, sondern wie die Jahresleistung und der Spritverbrauch des Autos aussehen.

Auch sonst kommt es auf die Gesamtbilanz an – ein zweiwöchiger ökologisch vorbildlicher Wanderurlaub mit Bahnanreise und Zelt gleicht tägliches Pendeln mit dem Auto nicht aus. Wenn es dann doch eine Flugreise sein soll, bringt eine Kompensationszahlung bei einem Anbieter wie Myclimate oder Atmosfair nicht nur ein besseres Gewissen, sondern auch der Umwelt einen echten Bonus. Durch die Spende wird tonnenweise CO₂ vermieden, und man unterstützt den Aufbau klimafreundlicher Infrastrukturen in Schwellenländern – zum Beispiel einen Windpark in Nicaragua.

CO2-Emissionen im Vergleich
Getty Images

Weniger tierische Produkte essen

Mit Blick auf die Ernährung spielen Fleischverzehr und der Konsum anderer tierischer Produkte die wichtigste Rolle für das Klima. Im Durchschnitt setzt jeder Deutsche pro Jahr 1,8 Tonnen CO₂- Emissionen durch sein Essen und Trinken frei – bei Vegetariern sinkt der Wert auf rund 1,4 Tonnen. Ein veganer Lebensstil kann noch mal 400 Kilogramm CO₂-Einsparungen bringen. Nicht ganz so klimawirksam, aber ebenfalls gut ist der Kauf von Bio- und saisonalen Produkten. Vor allem das Grundwasser und zahlreiche Insekten sowie Wildtiere und -pflanzen profitieren von Pestizidverzicht, Fruchtwechseln und weniger intensiver Düngung.

Aber was ist mit Stofftaschen für den Einkauf, dem Tragen von Fair Wear oder Secondhand-Kleidung, dem Abstellen von Standby-Geräten? Nicht selten kritisieren Umweltschützer Michael Bilharz dafür, dass er kleinere Alltagsmaßnahmen vernachlässige. Ein zweites Schulterzucken: »Klar ist es super, plastikarm einzukaufen und Wert auf faire Kleidung zu legen«, sagt er. Auch bei Wanderkleidung und Outdoor-Equipment lohnt sich der genaue Blick auf Material und Produktionsbedingungen (siehe Fotostrecke oben).

Aber unterm Strich zählen vor allem die Big Points »Es macht eine Wohnung gemütlicher, wenn sie schön gestrichen ist. Aber wenn Türen und Fenster fehlen, hilft die Wandfarbe nicht gegen Durchzug.« Genauso werde er doch nicht an erster Stelle Dinge empfehlen, die wenige Kilogramm CO₂ vermeiden, wenn andere Optionen tonnenweise Treibhausgase einsparen.

Letztendlich können Privatleute nicht allein das Klima retten. Auch die Politik dreht an wichtigen Schrauben. Wer einflussreiche Umweltschutzorganisationen unterstützt, leistet hier einen nicht zu unterschätzenden Beitrag: Greenpeace zum Beispiel hat eine lautere Stimme als der einzelne Naturfreund. Und wer nicht will, dass mit seinem Geld umweltschädliche Geschäfte gemacht werden, verlagert Girokonto und Investments zu ökologisch und fair arbeitenden Banken. Schritt für Schritt, wie beim Wandern, können wir auch als Einzelpersonen einiges bewegen. Je mehr mitziehen, umso größer die Wirkung.

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