OD Kanada Ontario Paddeln Kajak Kanu Ben Wiesenfarth
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Kanuabenteuer auf dem kanadischen Lake Superior

Paddeln in Ontario

Die wilden Küsten des Lake Superior sind atemberaubend schön. Wer sie per Kanu erkundet, reist im Rhythmus der Natur und lernt die kulturellen Wurzeln der Ureinwohner kennen.

Der "Große Luchs" ist wütend. Jedes Mal, wenn das Kanu einen der Wasserberge erklimmt, fällt Shannon fast rückwärts vom Vordersitz. Dann, auf dem Kamm, schießt der Bug in die Luft, um einen guten Meter tiefer zurück aufs Wasser zu klatschen. Ein steifer Wind treibt Schaum auf die Wellen, die linker Hand, etwa hundert Meter entfernt, an weißen Granitklippen zerbersten.

Hinter uns tanzt ein weiteres Boot auf den Wogen, nicht mehr als ein roter Punkt, der immer wieder zwischen den Wellen verschwindet – Ryan und Ben. Doch ihnen gilt nur ein hastiger Blick, die Musik spielt vorne. Der Bug muss exakt im Wind stehen, um die anrollenden Wellen rechtwinklig zu schneiden. Immer steiler werden sie, und wenn eine das Boot von der Seite erwischt, sind wir verloren. Dann hieße es, entlang der Felsen zurück in den kleinen Kanal zu schwimmen, der das offene Wasser des Lake Superior mit dem Naturhafen der Sinclair Cove verbindet. Dort hatten wir am Vormittag unsere Zelte aufgeschlagen. Der See lag still, und wir erkundeten die Bucht. Die sturmgebeugten Kiefern standen beinahe unbewegt auf rundgeschliffenem Granit, blassblau schimmerte das kristallklare Wasser; auf dem Grund, in zehn, fünfzehn Metern Tiefe lagen wie riesige Murmeln runde Felsblöcke.

Der Lake Superior: Größter Süßwassersee der Welt

Wir tauchten in den See und spürten seine spätsommerliche Wärme. Zum Trinken mussten wir nur den Mund öffnen: Der Lake Superior ist der größte Süßwassersee der Erde, er bedeckt eine Fläche von der Größe Österreichs. Sein Wasser ist das sauberste der fünf "Großen Seen" Nordamerikas. Und meist zeigte es sich in der vergangenen Woche von seiner friedlichen Seite, während wir die Küste des Provincial Parks am Ostufer des Sees mit dem "Kanadier" erforschten.

Bei ruhigem Wetter sind die traditionellen Boote der nordamerikanischen Urbevölkerung auch heute noch das Mittel der Wahl. Anders als bei den seegängigeren Kajaks kann man in die offenen Boote große Mengen Gepäck laden, selbst die bärensicheren Provianttonnen finden ihren Platz.

Und wer nicht mit jedem Liter Stauraum rechnen muss, genießt unterwegs landestypische Verpflegung: Pfannkuchen und Rührei mit Speck zum Frühstück, Sandwiches zum Mittag und abends auch mal Grillfleisch und frisches Gemüse. Da muss man schon ordentlich paddeln, um nach einer Woche in der Wildnis nicht mit einer deutlich positiven Kalorienbilanz nach Hause zu kommen. Und paddeln müssen wir jetzt wie wild.

Agawa Rock: Heiligtum der Ojibwe-Indianer

Dabei trennen nur wenige hundert Meter die Sinclair Cove vom Agawa Rock. An dieser senkrechten Granitwand wollen wir ein Heiligtum der Ojibwe-Indianer besichtigen: rund dreißig ockerfarbene Felszeichnungen, angefertigt von dem Schamanen-Häuptling Myeengun vor mehr als 200 Jahren. Das schönste und größte zeigt den Wassergott Mishipeshu, übersetzt: "Großer Luchs", eine Raubkatze mit wellenförmigen Rückenschuppen. Als Symbol seiner Macht trägt sie mächtige Hörner auf dem Schädel. "Wolpertinger gibt‘s halt auch bei den Indianern!" hatte Ben noch gescherzt, als er die Felszeichnung auf einem Prospekt der Parkverwaltung sah.

Der Große Luchs hat uns den Spott wohl übel genommen. Jetzt krümmt er seinen Wellenrücken und will die vier unwürdigen Bleichgesichter abwerfen, die versuchen, an sein Heiligtum vorzudringen. Immer höher schlagen die Wellen, immer schäumender wird die Gischt. Wir wären nicht die ersten, die auf dem großen See Schiffbruch erlitten. Viele Wracks zeugen von den Winterstürmen, in denen Schiffe an den Felseninseln oder der Küste zerschellten.

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"Wie ein großes, gelbes Kanu hing der halbe Mond dann am Himmel, neben ihm funkelte die Venus."

Das ist der Fluch des Sees: So einfach er das Fortkommen in der Wildnis bei gutem Wetter macht, so bedrohlich wird er bei schlechten Bedingungen. Schnell an Land und warten, heißt es dann. Ich muss daran denken, was Ryan uns abends am Lagerfeuer erzählt hat. "Fünf Tage habe ich mal mit einem Kunden in einer kleinen Bucht gesessen, bis wir endlich weiterpaddeln konnten. Am Ende hatten wir nur noch zwei Müsliriegel übrig." Und trotzdem: Wenn ich an die letzten Tage denke, dann verstehe ich, warum Ryan hier nun schon seinen dritten Sommer als Guide verbringt. Den Rhythmus unserer Tage bestimmte der gegen Mittag auffrischende Wind.

Das Tagessoll erfüllten wir daher normalerweise schon am Morgen, wenn der blaue Spiegel ruhig unter dem weiten Himmel lag. Die Granitküste leuchtete in warmen Farben, und wo kleine, wilde Sandstrände ihr felsiges Band unterbrachen, fühlten wir uns einige tausend Kilometer weiter nach Süden versetzt.

Am Nachmittag zogen wir die Boote an Land, suchten Feuerholz, kochten und warteten auf den Sonnenuntergang: der furiose Auftakt zu dem Schauspiel, das all­abendlich über der gigantischen Bühne des Lake Superior aufgeführt wurde. Wie ein großes, gelbes Kanu hing der halbe Mond dann am Himmel, neben ihm funkelte die Venus. In Zeitlupe schob er sich über das Firmament, und irgendwann versank er im Wasser, sein Widerschein zerfloss auf den Wellen. Dann wurde es so dunkel, dass man das bleiche Band der Milchstraße mit bloßem Auge erkannte.

Wie viele hier wohl schon vor ihren Feuern gesessen und zugeschaut haben? Ojibwe-Familien, die es im Sommer aus dem windgeschützten Hinterland an die Küste zog, vor Kälte schlotternde Voyageure, unter den Booten kauernd, beladen mit Pelzen, auf dem Weg nach Süden, und in jüngster Zeit Besucher des Provincial Parks, die wie wir paddelnd oder auch zu Fuß die Küste erkunden ...

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Landgang: Zu Fuß zum Agawa Rock

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Paddeln in Ontario

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Im Sommer reisen viele US-Amerikaner vom dichter besiedelten Südufer des Großen Sees über die Grenzstadt Sault-Sainte Marie hierhin.

Der Wind ist mittlerweile so stark geworden, dass meine Vorderfrau Shannon fürchtet, dass uns auf der nächsten Welle eine Böe ergreift und das Boot einfach davonbläst. Durch das Getöse dringt ein Schrei vom anderen Boot zu uns herüber. Ben und Ryan winkten hektisch mit den Paddeln, dann dreht das Boot um und nimmt Kurs auf den schützenden Kanal – ­Rückzug. Und mit gewaltigem Rückenwind segeln wir förmlich wieder in die Bucht.

"Wir hätten bei dem Seegang sowieso nicht anlanden können", sagt Ben, als wir später dann doch noch am Agawa Rock stehen. Die aufgewühlte See schlägt gegen die Klippe und verpasst uns eine Gischtdusche. Selbst an Land fährt der "Große Luchs" noch seine Krallen nach uns aus.

Wir haben die Boote verlassen und sind zu Fuß zum Agawa Rock gegangen. Von der Sinclair Cove führt ein breiter Weg zu dem Kulturdenkmal. Auf den letzten Metern gelangt man wie auf einer künstlich angelegten Rampe über ein schmales Band zwischen Wasser und Felswand zu den Zeichnungen. Der Schamanenhäuptling Myeengun hat für sein "Große Luchs"-Graffiti wirklich ein exquisites Plätzchen ausgesucht. Und dann sehen wir es. Bedrohlich starrt uns das Mischwesen von der Granittafel entgegen. Neben der Gehörnten Katze entdecken wir noch andere Zeichnungen: Kriegskanus, Schlangen, vier große Scheiben, die den hohen Rang des Schamanen symbolisieren.

Magischer Ort: der Agawa Rock

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Abbildung des Ojibwe-Wassergottes Mishipeshu am Agawa Rock.

Wie auf Kommando kriecht eine echte Schlange aus einem Felsspalt und leistet uns Gesellschaft. Die Magie des Ortes ist fast greifbar, vielleicht spürt man aber auch nur den warmen Granit an der südlich ausgerichteten Wand ...

Auf dem Weg zurück traue ich meinen Ohren nicht. Aus dem Wald dringen Gesänge: Ehjajaja, ehjajaja ... Neugierig folgen wir den aus unzähligen Filmen bekannten Klängen und kommen zu einem Parkplatz. Und wie an einem ordentlichen Filmset steht dort ein großes Cateringzelt, unter dem sich an einem Buffet Pfannen, Töpfe und Teller türmen. Davor sitzen in Campingstühlen zwei gut genährte Jugendliche vom Stamme Ojibwe und verzehren von Papptellern Berge von Rührei. Ryan fragt sie, was sie hier tun. Die Antwort fällt ebenso kurz wie unglaubwürdig aus: Fasten! Ihre Mienen verraten allerdings, dass es ihnen todernst damit ist. Für weitere Fragen verweisen sie uns an den "Keeper of the holy fire", der ein paar Meter weiter vor einer Schwitzhütte steht und um einen Haufen Findlinge Holzscheite stapelt.

Später werden die Steine im Schwitzzelt mit Wasser übergossen werden. Konrad, wie er sich uns vorstellt, bestätigt die Auskunft der beiden jungen Indianer. Zweimal im Jahr komme seine Gruppe an diesen heiligen Ort, um zu meditieren und zu fasten. Einige bleiben nur eine Nacht, andere eine ganze Woche. Die beiden Jungs stärken also gerade ihre ausgezehrten Leiber für eine Nacht allein im Wald.

Dann führt Konrad uns zu einem Tipi. Im Inneren brennt das heilige Feuer, zwei irdene Krüge stehen davor, einer enthält Tabak, einer Reisig. "Wollt ihr ein Opfer bringen?" fragt Konrad, "Ihr könnt dabei auch eine Bitte vortragen." Und in einer Mischung aus Kommunion und Wunschbrunnen greifen wir in die Töpfe und werfen unsere Rauchopfer in die Flammen. Aber was wünscht man sich von dem großen Wassergott? Gesundheit, Glück, Reichtum? Für den Anfang reicht es wohl, wenn der "Große Luchs" uns ein paar Tage ruhiges Wetter schenkt.

Reiseinfos Ontario, Kanada auf Seite 3

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An den Ufern des Lake Superior: Reiseinfos

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Paddeln in Ontario

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Lake Superior allgemein

Der Lake Superior Provincial Park stellt 1550 Quadratkilometer am Ostufer des Oberen Sees unter Schutz. Die Landschaft ist hier geprägt durch viele zerklüftete Hügelketten, ausgedehnte Wälder und eine stellenweise steile Granitküste, unterbrochen von sandigen Stränden.

Beste Zeit

Der Park liegt auf der gleichen geografischen Breite wie der Bodensee und wird geprägt durch kontinentales Klima. Er profitiert durch die Nähe zu den großen Wasserflächen, die als Wärmespeicher fungieren. Die Saison dauert von Juni bis Au gust. Im September wird es ruhig, allerdings muss auch mit den ersten Stürmen gerechnet werden. Zwischen Mitte September und Anfang Oktober setzt dann die Laubfärbung ein und beschert der Gegend einen Indian Summer wie im Bilderbuch.

Anreise

Zum Park gelangt man auf dem Transkanada-Highway 17. Von der Grenzstadt Sault-Ste. Marie sind es etwa 130 Kilometer nach Norden bis zur Ortschaft Montreal River am Südrand des Parks. Bis Wawa am Nordende sind es noch mal 105 Kilometer. Wer mit dem Mietwagen unterwegs ist, braucht von Toronto zirka 8 Stunden (700 Kilometer). Schneller geht es mit einem Inlandsflug von Toronto (ca. 400 CAD $, 320 Euro). Ein Flug von Frankfurt nach Toronto ist z. B. von Air Canada ab 500 Euro zu haben (www.aircanada.com). Von dort geht es am schnellsten per Mietwagen weiter.

Bootsverleih & Guides

Der Anbieter "Naturally Superior Adventures" in Wawa verleiht Seekajaks und Kanadier und stellt auf Wunsch auch einen Shuttleservice zur Verfügung. Eine komplett geführte Fünftagestour kostet 1150 CAD $, also etwa 900 Euro.
www.naturallysuperior.com
Tel. 001/800/203/9092

outdoor-Tipp

Wer durch Sault Ste. Marie reist, sollte auf jeden Fall dem Canadian Bushplane Heritage Centre in der Pim Street einen Besuch abstatten, das in einem ehemaligen Hangar untergebracht ist.
www.bushplane.com

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