OD Goldrausch Floßfahrt Romano Schenk

Mit dem Floß auf dem Yukon River

Nach dem Goldrausch - Floßfahrt auf dem Yukon

Schon die Goldgräber befuhren den Yukon mit dem Floß. Der Schweizer Romano Schenk ging den Wildnis-Trip mit der Familie an.

Am 16. August 1896 machte Skookum Jim Mason von den Tagish-Indianern mit seiner Schwester den ersten Goldfund am Klondike River im hohen Norden Kanadas. Wenig später beanspruchte sein europäischer Schwager George Carmack das als »Discovery Claim« berühmt gewordene Stück Land. Der Goldrausch nahm seinen Lauf. Im Frühjahr 1898 kamen die ersten von dem Fund Angelockten zum Klondike. Abertausende sollten noch folgen. Ihre Route führte sie von Skagway an der Westküste über den Chilkoot-Pass und über Lyndeman und Tagish Lake in den Yukon bis zur Mündung des Klondike. 110 Jahre später sind meine Frau Silvia, unser zweijähriger Sohn Joshua, mein Freund Cyriak und ich ebenfalls unterwegs nach Dawson, allerdings nicht auf der Suche nach Gold, sondern nach Wildnis und Abenteuer.

Gemeinsam wollen wir die Route mit einem selbst gebauten Floß nachfahren. Und für ein Floß braucht man Bäume. Doch auch in Kanada darf nicht jeder einfach Holz fällen. Wir lösen das Problem, indem wir die ersten 180 Flusskilometer von Whitehorse bis zu einem riesigen Waldbrandgebiet kurz vor Big Salmon Village mit dem Kanu paddeln. Tausende toter Fichten stehen dort wie angebrannte Streichhölzer direkt am Fluss. Wir schlagen ganz legal Holz für das Floß. Nach drei Tagen Arbeit mit den schwarzen Stämmen sehen wir aus wie die Kaminfeger, und wir riechen auch so. Doch dann ist es endlich so weit: Wir lösen die Leinen und stoßen ab. Sofort ergreift die Strömung das Floß. Lautlos treiben wir dahin.

OD Goldrausch Floßfahrt
Romano Schenk
Feuerholzsuche und Tarp­aufbau zählen in der Wildnis Kanadas zum Tagesgeschäft.

Die Tage vergehen im trägen Rhythmus des großen Flusses, bis bei Carmacks die Brücke auftaucht, die den Yukon überquert. Wir sind angespannt, denn 100 Meter hinter der Brücke liegt die Anlandestelle, an der wir auf keinen Fall vorbeidriften dürfen – der Proviant geht zur Neige. Doch es sieht gut aus: Wir passieren den Brückenpfeiler, rudern, was das Zeug hält; nur noch wenige Meter, und wir sind aus der Strömung heraus. Dann löst sich die Ruderanlage. Unter Flüchen trete ich immer wieder auf die verschobenen Holzteile ein, um sie in Position zu rücken. Die Szene beeindruckt Joshua so sehr, dass er sie in den nächsten Tagen immer und immer wieder nachspielen wird, wütend an die Ruderanlage tretend und »Eisse! Eisse!« rufend.

Die Strömung treibt uns an der Anlegestelle vorbei. Silvia schaut mich mit großen Augen an: »Was jetzt? Wir brauchen Lebensmittel!« Etwa einen Kilometer weiter wittern wir eine weitere Chance. Das Floß gleitet am Ufer entlang. Cyriak packt das Seil und springt an Land, ich springe hinterher und eile ihm zu Hilfe. Mit aller Kraft will er das zwei Tonnen schwere Floß halten. Doch das Seil rutscht ihm langsam durch die Hände. Ich packe das lose Ende, laufe zum nächsten Baum und wickle es herum. So haben wir uns die Landung zwar nicht vorgestellt – aber es hält.

Berühmt-berüchtigt: Die Five Fingers Rapids

Auf der Weiterfahrt kreisen unsere Gedanken tagelang um die nächste Hürde: So manches Goldgräberfloß zerschellte in den Stromschnellen der berüchtigten Five Fingers Rapids. Vor der Einfahrt binden wird sämtliches Material fest. Gespannt nähern wir uns. Doch die Schnellen sind bei Niederwasser keine große Herausforderung. Wir steuern, ohne vorher zu erkunden, direkt in die Fluten und sind danach fast enttäuscht, dass wir nicht mal nasse Füsse bekommen haben.

Dafür bekommen unsere Augen etwas geboten: Der Indian Summer ist auf dem Höhepunkt, alles erstrahlt in herrlichen Farben, während unser Floß ruhig dahintreibt. Unruhig wird es erst wieder, als der Yukon sich an der Mündung des Pelly Rivers in viele Kanäle teilt. Wir riskieren, in einen Seitenkanal zu geraten, der irgendwann nicht mehr schiffbar ist. Um im Hauptwasser zu bleiben, rudern wir wie wild. Endlich mündet der Pelly in den Yukon, und wir wiegen uns in Sicherheit. Die Strömung zieht uns an einer Insel vorbei. »Achtung!«, schreit Silvia. Ich schaue, kann aber keine Gefahr erkennen. Zu spät merke ich es: Der Hauptkanal zweigt nach links, wir aber treiben auf eine Sandbank zu. Cyriak und ich wollen das Unheil noch abwenden und rudern wie wild. Auch Joshua begreift die Situation und ruft aus Leibeskräften: »Eisse! Eisse! Cyriak paddeln.« Er lernt schnell. Doch es reicht nicht, knirschend läuft das Floß auf Grund. Mit Holzstangen versuchen wir loszukommen und schaffen es, unser Gefährt so zu drehen, dass es wieder mehr Bodenfreiheit gewinnt. Aber der Fluss drückt immer noch mächtig. Der Schweiß rinnt in Strömen, nur unsere Füße sind eiskalt vom Wasser. Es dauert eine Stunde, bis wir freikommen.

OD Goldrausch Floßfahrt
Romano Schenk
Wer seiner Familie ein Floß baut, sollte ein solider Handwerker sein.

Ohne weitere Überraschungen bringt uns der Yukon nach Fort Selkirk, früher ein Fischcamp und Handelsplatz der Northern Tutchone First Nations, heute ein Freilicht-museum. Joshua springt an Land und lässt seinem Bewe­gungsdrang freien Lauf, kein Wunder, denn auf dem Floß war sein Spielplatz auf ein paar Quadratmeter beschränkt.

Die letzten 300 Kilometer bis Dawson City vergehen wie im Traum, und wie jeder schöne Traum ist er viel zu schnell zu Ende. Irgendwann ist sie erreicht, die letzte Biegung, und wir erblicken die Stadt. Was muss das für ein Moment für die Glücksritter gewesen sein, als sie nach vielen Strapazen ans Ziel gelangten? Doch nur wenige fanden ihr Glück. Die meisten verließen Dawson ärmer, als sie gekommen waren. Doch sicher hatten sie das Abenteuer ihres Lebens erlebt. Genau wie wir.

Floßfahrt auf dem Yukon - die besten Tipps

OD Goldrausch Floßfahrt
Goldrausch Floßfahrt

Wer den Yukon mit einem Floß befahren will, muss kein Flößer und Zimmermann sein. Für den Anfang reicht auch ein Kanu. In Whitehorse warten viele Unternehmen auf Kundschaft, die Boote und Zubehör verleihen und auch geführte Touren anbieten:

Kanoe People
Tel. 001/8676/684899
www.kanoepeople.com

Tashenshini Expediding
Tel. 001/8676/332742
www.tatshenshiniyukon.com

Up North
Tel. 001/8676677905
www.upnorth.yk.ca

Literatur:
Ein deutschsprachiger Yukon-
Führer ist bei LaOla erschienen:

Yukon von Andreas Hutter, Kanuführer, Band 1, 2001, 25 Euro. Bestellbar bei www.laola.at

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