Traumwochenende auf der Brenta-Runde

Brenta-Runde

Zur Brenta-Runde gehören die beiden Klettersteige SOSAT und Osvaldo Orsi.

Zur Brenta-Runde gehören die beiden Klettersteige SOSAT und Osvaldo Orsi.

Nördlich des Gardasees wartet die beeindruckende Bergwelt der Brenta. Durch ihre Felstürme führt teils auf Klettersteigen eine perfekte Panoramarunde.


Anspruch

Anspruchsvolle Tour mit einem Mix aus hochalpiner Wanderung und zwei Klettersteigen (Osvaldo Orsi – leicht; SOSAT – mittelschwer); Trittsicherheit, Kondition, Schwindelfreiheit und Erfahrung im Umgang mit Klettersteigset erforderlich.



Anreise

http://Autobahn Brenner – Trento (A22), Ausfahrt San Michele/ Mezzocorona, weiter auf der 43 über Cles und Male (43) bis Dimaro (42), dort dann nach Madonna di Campiglio (239) abzweigen.



Beste Reisezeit

Juni bis Oktober

Route:
Tag 1: Rifugio Vallesinella (1513 m) – Rifugio Casinei (1850 m) – Rifugio del Tuckett (2270 m), 2,5 Std. / Markierung 317 folgen.
Tag 2: Rifugio del Tuckett (2270 m) – Bocca del Tuckett (2647 m) – Sentiero Osvaldo Orsi (Markierung 303) – Rifugio Pedrotti (2491 m), 4,5 Std. – Bocca di Brenta (2560 m) – Rifugio Brentei
(2175 m), 1,75 Std. / Markierung 318/ 323 – Rifugio Alimonta (2580 m), 1 Std.
Tag 3 : Rifugio Alimonta (2580 m) – Rifugio del Tuckett (2270 m) über Sentiero SOSAT / Markierung 305B folgen, 3 Std. – Rifugio Casinei (1850 m) über den Weg 328/318 – Rifugio Vallesinella (1513 m), 2 Std.


Ausrüstung

Klettergurt, Klettersteigset, Helm und Teleskopstöcke.



Übernachtung

Rif. del Tuckett:
00 39/04 65/44 12 26 oder 50 72 87
Rif. Alimonta: 00 39/0465/44 03 66
Rif. Brentei: 00 39/04 65/44 12 44 oder 44 00 30. Alle drei vom 20. Juni bis 20. September bewirtschaftet, außerhalb der Saison verfügen sie über einen frei zugänglichen Winterraum.



Karten

Kompass Karte, Nr. 688 Gruppo di Brenta, 1:25000, 6,95 Euro;
Klettersteigführer Gardasee, Eugen E. Hüsler, Bruckmann Verlag 2005, 192 Seiten, ISBN 3-7654-3940-1, 19,95 Euro (erscheint im Mai).



weitere Infos

www.dolomitibrenta.it
www.aptdolomitipaganella.com
www.campiglio.net



Artikel

ie aus dem Nichts quillt der berüchtigte Brenta-Nebel in das abendliche Schauspiel: Die eben noch feuerrot leuchtenden Felszacken der Castelletto Inferiore verschwinden hinter einem grauen Schleier, der Pfad vom Val Vallesinella hinauf zum Rifugio del Tuckett leider auch. Gott sei Dank waren die Italiener hier in der Brenta mit Wegweisern großzügig! Von Markierung zu Markierung tasten Pezi und ich uns vorwärts, voller Hoffnung, dass sich die graue Suppe bald verzieht. Vor uns liegt eine dreitägige Rundtour durch die Wildwestkulisse der Brenta-Dolomiten mit ihren vielen Türmen und Nadeln aus Fels – aber was nutzt die schönste Kulisse, wenn man nichts von ihr sieht? Zumal ein Viertel des rund 30 Kilometer langen Giro durch wegloses Gelände und über leichte bis mittelschwere Klettersteige führt. Eisenleitern und Drahtseile erleichtern zwar immer wieder das Überwinden von Felsstufen und ausgesetzten Passagen, aber die Orientierung fällt ohne Nebel nun einmal leichter.
Kurz vor dem Rifugio del Tuckett auf 2270 Meter Höhe steigt uns der Duft von Polenta ai Funghi in die Nase – ein ebenso altmodisches wie effektives Navigationssystem zu unserem ersten Nachtquartier. Erschöpft von der riesigen Portion Polenta und mit Ohropax gewappnet, kuscheln wir uns müde, aber zufrieden in die Hüttenschlafsäcke.
Am Morgen hat der Nebel sich verzogen. Frei schweift der Blick bis zu den Zacken der 3000er-Gipfel Cima Sella und Cima Brenta. Der Felsdurchschlupf zwischen ihnen, die Bocca del Tuckett, markiert den höchsten Punkt der Tour – 2648 Meter, da müssen wir hin!
Doch unterhalb der Bocca klebt die Vedretta di Tuckett, eine kleine Gletscherzunge, mit ihrer Moräne. Steinmanderl lotsen den Bergwanderer über die Felsen, im Gletscher muss man sich Stufen in den hartgefrorenen Schnee schlagen. Je steiler es wird, umso konzentrierter muss man dabei vorgehen. Die Entschädigung für den kleinen Nervenkitzel hat man im Rücken: Wie auf eine Schnur gefädelte Bergperlen ragen gegenüber Adamello, Presanella, Ortler und Cevedale empor. »Steigeisen wären kein Fehler«, zischt Pezi und schiebt sich mit den Teleskopstöcken aufwärts. Nur nicht den Halt verlieren!
Teils auf losem Geröll, teils an Drahtseilen schlittert man auf der anderen Seite der Bocca zwischen zwei senkrechten Felswänden wieder abwärts. An einem markanten Felsklotz zweigt rechts der Sentiero Osvaldo Orsi ab, einer der abwechslungsreichsten Höhenwege der Brenta. Der Weg durch die felsige Zauberwelt am Fuß der Cima-Brenta-Ostwand macht Laune. »Endlich Eisen«, sagt Pezi, während sie im Klickklack-Rhythmus der Karabiner über ein luftig schmales Felsband mit Draht-seilsicherungen tänzelt.
Die Idee, dieses Felslabyrinth durch ein System von kühn angelegten Höhenwegen mit Eisenleitern und Drahtseilen auch ambitionierten Wanderern zugänglich zu machen, geht auf die Trientiner Alpinisten Arturo Castelli und Giovanni Strobele zurück. Seit den 30er Jahren wurden die Steige kontinuierlich ausgebaut, und sie erfreuen sich großer Beliebtheit. Im Juli und August schiebt sich der halbe italienische Stiefel über die »Vie Ferrate«, wie die Klettersteige in Italien heißen. Ursprünglicher und ruhiger ist es im Juni oder wieder ab September.
Von weitem sichtbar thront das Rifugio Pedrotti auf der schmalen Felsbrüstung. Von dort oben schlüpft man über die Bocca di Brenta in das canyonartige Val Brenta Alta. Über Schneeferner, Geröllhalden und steile Felsstufen steigt man zunächst zum Rifugio Brentei auf 2182 Meter Höhe hinunter. An der Sonnenterrasse der Hütte ist kein Vorbeikommen, weil Pezi sich mit einer kleinen Apfelstrudel-Pause motivieren will, ehe wir den steilen Endspurt zum zweiten Nachtquartier, dem Rifugio Alimonta rund 400 Meter höher, in Angriff nehmen. Allein die traumhafte Lage der »Alimonta« auf einem Karstplateau zu Füßen der schroffen Torre di Brenta ist die Anstrengung wert. Ganz zu schweigen von der Stimmung bei Sonnenuntergang.
Auf der Route vom Vorabend geht es wieder nach unten, bis man an die Abzweigung des Sentiero 305B gelangt, dem Einstieg in die gut gesicherte Via Ferrata SOSAT. Auf einem breiten Felsband nähert man sich der ersten Schlüsselstelle, einer 15 Meter langen, recht frei geführten Eisenleiter. Jetzt heißt es gut festhalten, klick, klack, und hinab in den Schlund der Südwand der Punta di Campiglio, dem man nur über weitere, oberarmlähmende Leitern wieder entkommt. Noch ein, zwei ausgesetzte Felsbänder müssen wir überwinden, dann erreichen wir den höchsten Punkt des SOSAT durch einen senkrechten, zehn Meter hohen Kamin. Vor uns klettert ein rotweißkariert gewandeter Italiener. Er dreht sich um und strahlt uns an, als er den majestätischen Felsklotz Crozzon di Brenta sieht: »Che spettacolo, he?« Um den 3135 Meter hohen Gipfel liefern sich Sonne und Nebelfetzen einen erbitterten Kampf. Der italienische Wanderer hat recht: Was für ein Naturschauspiel!
Nach dem Labyrinth eines riesigen Felsabbruchs hat man es fast geschafft, zurück zum bereits bekannten Rifugio del Tuckett. Noch ein paar Stahlseile, eine letzte Leiter, die Moräne des Tuckett-Gletschers queren, und schon sitzen wir vor unserer wohlverdienten Brotzeit mit feinstem Speck und Käse. Dazu ein Gläschen Trentino Merlot, und der Giro ist perfekt. Leicht benebelt, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, wackeln wir zurück zum Startpunkt Rifugio Vallesinella. Über uns leuchten rot die Felszacken der Castelletto Inferiore.
Christian Wander

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