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Wildnisabenteuer im Winter: Schneeschuhwandern im Schwarzwald

Auf Schneeschuhtour im Schwarzwald

Im Winter wird Wandern im Schwarzwald zum Wildnisabenteuer. outdoor-Redakteur Alex Krapp hat es probiert und zog mit Schneeschuhen und Zelt los.

Die Nachbarin legt fragend den Kopf zur Seite. Wohin ich denn jetzt an Weiberfastnacht mit diesem großen Rucksack wolle. Meine Antwort: »In den Schwarzwald. Schneeschuhtour mit Zelt.« Sie wünscht viel Spaß. Ihr schiefes Lächeln verrät, dass ich gerade dabei bin, die heimelige Wohnstatt des bürgerlichen Konsenses zu verlassen und die unendlichen Weiten des Nichtmehrnormal-Landes zu betreten. Doch als ich drei Stunden später völlig nüchtern und mit einem 70-Liter-Rucksack bekleidet durch den Altweiber-Fasching in Titisee gehe, mir Cowboys, Zauberer und andere Narren zu den Klängen von »Fiesta Mexicana« zuwinken und mich fragen, als was ich denn ginge, fühle ich mich schon wieder sehr normal.

Das Schneeschuh-Abenteuer ruft!

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Ben Wiesenfarth

Auf dem Parkplatz am Ortsausgang wartet Ben im gleichen Kostüm: Riesenrucksack, Skibrille und Schneeschuhe. Ein schmaler Pfad führt in den Wald, und schon nach wenigen hundert Metern hat der Schnee die schrillen Geräusche des Faschingstrubels geschluckt. Weiß und hell umfängt uns der Schwarzwald, die Fichtenwedel ächzen förmlich unter der frostigen Last. Nur ab und zu blitzt die Sonne durch die Wolken – keine Frage, die vergleichsweise aufwendigen Vorbereitungen für die Wintertour haben sich rentiert.

Was ich nicht alles dabei habe: Daunenisomatte, 1000-Gramm-Daunenschlafsack, Stirnlampe, zwei Paar Handschuhe, zwei Mützen, vier Paar Socken, Skihose, zwei Sets Skiunterwäsche, Stöcke, Schneeschuhe, Schneeschaufel, Winterstiefel, Dreilagenjacke, Daunenjacke, Softshell, Balaclava, Fleece, Thermoskanne, Benzinkocher, Topf, Expeditionsnahrung und ein halbes Kilo Schokolade. Alles in allem dürfte ich locker ein Gesamtgewicht von 110 Kilo überschreiten. Beachtlich tief sinken auch Bens Schneeschuhe in den frischen Schnee, als er vor mir den sanft aufsteigenden Weg Richtung Feldberg stapft.

In zwei Tagen wollen wir von Titisee über den Feldberger Hof zur Ortschaft Todt­moos, auf einer Variante des Schwarzwald-Westweges. Doch wo verläuft er? Was im Sommer als gut ausgeschilderter Weitwanderweg daherkommt, gerät im Winter zu einer Herausforderung an das Orientierungsvermögen.

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Touren & Planung

Mit Winter-Equipment zwei Tage völlig autark

Laut Karte zweigt irgendwann ein Pfad von unserem breiten Forstweg ab. Doch der Schnee verdeckt die Markierungen an den Bäumen. Auch ein Blick auf den Boden hilft nicht weiter: Die jungfräuliche Schneedecke verbirgt die Spuren etwaiger Vorgänger. Eine gefühlte halbe Stunde suchen wir die richtige Abzweigung. Die Wanderkarte des Landesvermessungsamtes im Maßstab 1:50.000 erweist sich als zu grob, um sich an ihr anhand von Höhenlinien zu orientieren. Irgendwann verliert Ben die Geduld. »Wir gehen jetzt einfach mal hier lang«, entscheidet er. Ob es der richtige Weg ist, muss sich herausstellen. Eigentlich ist es ja auch egal, wie wir gehen, denn unser Equipment macht uns für zwei Tage völlig autark. »Wenn wir wollen, können wir das ganze Wochenende herumirren«, sagt Ben gut gelaunt. Fantastische Aussichten.

Dass wir falsch sind, stellen wir nach einer halben Stunde an einer kleinen Hütte im Wald fest. Die Karte zeigt sie; offensichtlich sind wir einen Weg zu spät abgebogen. Jetzt zur Gabelung zurückzugehen würde mehr als eine Stunde kosten. Und so ändern wir den Plan und steigen unter Inkaufnahme von hundert zusätzlichen Höhenmetern über einen Umweg zu den Liftanlagen am Feldberger Hof. Tiefer Schnee und schweres Gepäck tun ihr Übriges, das Skisportzentrum kommt erst am Nachmittag in Sicht – drei Stunden später als geplant.

Nach fünf im Schwarzwald

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Ben Wiesenfarth

Schon von weitem dröhnt die Kombination aus Fasching und Skizirkus herüber. DJ Ötzi gilt hier als anerkannte Form der Musikuntermalung. Als wir unter den Liften hindurch zur Straße queren, beäugen uns ungläubig Snowboarder und Skifahrer. Normal kann das ja wohl kaum sein: Schneeschuhgehen auf einer Skipiste?

Hinter der Bundesstraße 317 flüchten wir ins Unterholz. Selbst hier pflügen vereinzelt Snowboardfahrer vorbei. »Dagegen hilft nur eins«, sagt Ben. »Höher als der Lift steigen.« Und wir steigen. Oben an der Bergstation am Grafenmatt bricht bereits die Dämmerung herein. Eine Art Hochebene erstreckt sich vor uns bis zum Gipfelaufbau des 1415 Meter hohen Herzogenhorn. Weiße Einsamkeit, wohin das Auge reicht. Nicht umsonst wurde hier das Bundesleistungszentrum für Langläufer errichtet. Es macht einen verwaisten Eindruck, als wir es wenig später passieren. Keine Spur auch von dem Iglu, das Ben letztes Jahr vor dem Haus gesehen hat und in dem wir übernachten wollten. Also heißt es weiter gehen und einen Zeltplatz suchen.

Nach acht Stunden mit schwerem Gepäck und auf Schneeschuhen bin ich ganz schön K. O. Meine Schenkel brennen. Auch Ben geht es nicht viel besser. Wir schleppen uns in ein Fichtenwäldchen. Doch selbst unter den Bäumen liegt der Schnee meterhoch; der Stellplatz muss erst frei geschaufelt werden und der Schnee so weit verdichtet, dass er das Zelt trägt. Bis es dann endlich steht, herrscht Dunkelheit. Trotz Eiseskälte schwitzen wir, zum Kochen sind wir zu müde. Müsliriegel und Schokolade müssen reichen. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis man sich aus der Montur geschält hat, nasse Socken, Handschuhe und andere Dinge, die einfrieren können, dicht am Körper verstaut sind und die Funktionsjacke von außen über dem Fußende des Schlafsacks liegt, so dass sie das Kondenswasser abhält.

Am Morgen knurrt mir der Magen. Dichter Nebel empfängt uns vor dem Zelt, trotzdem holen wir jetzt die warme Mahlzeit von gestern nach: Zum Frühstück gibt es Spaghetti. Schnee schmelzen, kochen, essen, Zelt abbauen – im Winter dauert es mindestens doppelt so lange, bis man loskommt. Erst gegen zehn brechen wir auf. Die kalten Füße freuen sich über die wenigen verbliebenen Höhenmeter zum Herzogenhorn hinauf. Nebel liegt über dem Aussichtsgipfel, auf dem Gipfelkreuz wachsen Eiskristalle. Der Abstieg über eine steile Brandschneise erweist sich als nervtötend. Immer wieder geraten die Schneeschuhe ins Rutschen, von hinten drückt das Gepäck. Ein ums andere Mal lande ich im Schnee. Dass hin und wieder Skifahrer elegant vorbeizischen, macht die Sache nicht besser. Mit Zelt und auf Schneeschuhen durch den Schwarzwald?! Was für eine Schnapsidee!

Doch schon eine Viertelstunde später versöhnt mich der Schwarzwald für die Mühen des Abstiegs. In der kleinen Gaststätte im Weiler Hof serviert eine Frau im Zorro-Kostüm eine große Portion Pommes Frites. Sie wirken Wunder.

Kälte, Nebel und 20 Kilo Gepäck

Hatte ich vor dem Essen noch mit der Tour gehadert, blicke ich nun wieder Kälte, Nebel und 20 Kilo Gepäck ins Auge. Über eine Skipiste steigen wir auf. Oben stellt sich der gleiche Effekt wie gestern ein: Hinter dem letzten Liftbaum beginnt die Einsamkeit. Eine meterhohe Schnee­decke verbirgt alle Spuren der Zivilisation. Unberührt wirkt der Schwarzwald, man hat den Eindruck, irgendwo in den Weiten Kanadas unterwegs zu sein – im Winter fängt das Abenteuer Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes gleich vor der Haustür an, vom gut beheizten Wohnzimmer zum Winterbiwak mit Expeditionscharakter sind es im Zweifelsfall nur ein paar Schritte.

Doch zelten werden wir heute Abend nicht. Eine Schutzhütte taucht am Wegesrand auf, der Innenraum ist schneefrei. Und als am späten Nachmittag ein älteres Ehepaar auf Langlaufskiern hineinschaut, findet es zwei Schneeschuhwanderer, die in ihren Schlafsäcken ganz gemütlich auf den Abend warten. »Für ganz normal halten die uns bestimmt nicht«, sagt Ben. Aber was ist schon normal?


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Charakter der Tour
Eine Schneeschuhtour im Schwarzwald lässt sich je nach persönlicher Neigung als gemütliche Wochenendtour mit Hotelübernachtung oder als anspruchsvoller Trek im Selbstversorgerstil durchführen. Letzteres eignet sich auch als Training für Wintertouren in Skandinavien. Das Gute: Im Zweifelsfall ist man innerhalb von ein- bis zwei Stunden an der nächsten Bushaltestelle.

Ausrüstung
Neben der üblichen Ausrüstung für eine Ski-/Wintertour sind für Mehrtagestouren im Zelt ein zweites Paar Handschuhe, eine Isomatte mit Daunenfüllung, ein geräumiges Zelt und ein Benzinkocher empfehlenswert.

Schneeschuh-Verleih
In Kirchzarten: Flugschule & Outdoorcenter Dreyeckland, Freiburger Straße 5, Tel. 07661/627140.

Im Netz: www.schwarzwald-schneeschuhtouren.de

Am Feldberg: Naturschutzzentrum Südschwarzwald an der Bundesstraße 317. Die Tagesmiete für Schneeschuhe und Stöcke beträgt 15 Euro pro Person, Familien zahlen 25 Euro. Weitere Infos unter www.naz-feldberg.de. Die Kosten für geführte Schneeschuhwanderungen inklusive Ausrüstung betragen 18,60 Euro pro Person.

Übernachtung
Wer im Wald biwakiert, bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Übernachten in Schutzhütten am Wegesrand wird dabei überwiegend toleriert. Wer ein Zelt errichten und trotzdem auf Nummer sicher gehen möchte, sollte den Grundstückseigentümer um Erlaubnis fragen.

Anfahrt/Transfer
Für die Anfahrt mit dem PKW sollte man im Winter Schneeketten dabeihaben. Von Stuttgart kommend auf der A 81 bis Donaueschingen und von dort auf der B 31 bis Titisee. Hier besteht über die Linie 7300 (Lörrach–Titisee) der SBG eine gute Anbindung für den Rücktransfer bei Touren im Feldberg-Gebiet. www.suedbadenbus.de. Wer ganz auf das Auto verzichten will, fährt bis Titisee mit der Bahn. (www.bahn.de)

Trails
Wanderer, die ganz entspannt einen Tag auf Schneeschuhen verbringen wollen, können auch auf markierte Schneeschuh-Trails zurückgreifen: www.naturpark-suedschwarzwald.de/freizeit-sport/schneeschuhwandern

Orientierung
Im Winter kann der Schnee Markierungen und Pfade verdecken. Vor allem im Wald wird die Orientierung dann schwierig und zeitraubend. Ausreichend großen Zeitpuffer einplanen und für den Fall der Fälle Kompass mitnehmen!

Wer es sich einfach machen will, geht entlang einer Route, für die GPS-Daten verfügbar sind, zum Beispiel den Schwarzwaldwestweg. www.fernwege.de

Karten
Die »Freizeitkarten« des Landesvermessungsamtes Baden-Württemberg im Maßstab 1:50 000 sind im Winter für eine Orientierung anhand von Geländemerkmalen vielerorts nicht ausreichend. Empfehlenswert sind die „Wanderkarten“ im Maßstab 1:30000, bzw. 1:35000. Im Netz: www.lv-bw.de

Info: www.hochschwarzwald.de

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Camp & Equipment

Den Winter auf Schneeschuhen erleben: Praxistipps + Schneeschuh-Test

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