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Ausrüstung im Vergleich: Leicht oder Luxus?

Der erste Tag: Schweres Gepäck

Schweres Gepäck auf Tour hat es in sich. Das bekam outdoor-Autorin Tina Manhenke am eigenen Leib zu spüren. Für einen Praxistest ging sie in die Berge und lief zwei Mal die gleiche Strecke – am ersten Tag als Lastesel und am zweiten als Ultraleichtgewicht.

Bei jedem Schritt zieht es fies in meinen Schultern. Das Hemd klebt mir am Rücken, und mein Herz pocht wie ein Dampfhammer – 20 Kilogramm tragen sich nicht von alleine, und schon gar nicht bergauf. Ich wandere entlang gewaltiger Fichten, die ab und an den Blick auf einen smaragdgrünen Bergsee freigeben. Hier oben, in 1000 Metern Höhe, herrscht Stille. Nur ein paar ­Vögel zwitschern, und ein eifriger Specht bearbeitet lautstark einen Stamm. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht dieses monstermäßig schwere ­Gepäck auf meinem Rücken. Es kommt mir vor, als hätte ich ­eine schlechte Wette verloren und müsste jetzt dafür büßen, dabei bin ich Teil eines ausgeklügelten Experiments. Meine Mission: schwere Ausrüstung gegen ultraleichte in der Praxis testen. Und heute steht Klotzen auf dem Programm.

Egal ob Zelt, Isomatte, Schlafsack oder Kocher – in meinem Rucksack steckt alles, was ich für einen Tag und eine Nacht in den Bergen brauche oder zumindest gebrauchen könnte. Hinzu kommen eine Stirnlampe, eine Zeltlaterne, ein GPS-Gerät und drei Jacken – eine Allround-Softshell für tagsüber, eine Wintersoftshell für abends und obendrauf noch eine Regenjacke. So bin ich für alle Eventualitäten gewappnet. Auch bei der Zusammenstellung meines Proviants habe ich nicht gegeizt. In meinem Rucksack befinden sich zwei Bananen, zwei Äpfel, drei Käse­stullen, Dosenravioli für den Abend und Müsli, Kaffee und Milch für den nächsten Morgen. Abgerundet wird das Ganze von ungefähr drei Litern Trinkwasser.

Ich will auf den Hahlekopf bei Lechaschau in ­Tirol, Österreich. Vor mir liegen noch rund 800 Höhenmeter. Eigentlich ein Klacks, aber nur in der Theorie. Auf einer breiten Fahrstraße wuchte ich mich und mein Gepäck in nicht enden wollenden Serpentinen den Berg hinauf. Die Schuhe greifen und die Steigung fällt eher mäßig aus, doch die Frühlingssonne scheint hier gnadenlos, und der Weg bietet nur wenige schattige Abschnitte. Mittlerweile schwitze ich nicht mehr – nein, ich öle. Und ich frage mich die ganze Zeit, wozu ich überhaupt drei Jacken eingepackt habe. Schon nach einer halben Stunde muss ich die erste Pause einlegen. Schnaufend lasse ich mich unter einem Baum nieder und nehme ein paar kräftige Züge aus meiner Trinkflasche. Sitzen ist eine Wohltat, und ich mag gar nicht an die steilen Passagen denken, die noch vor mir liegen. Wie in Trance verputze ich meine erste Banane und überlege, ob ich die zweite auch noch essen soll. Das wären auf einen Schlag 360 Gramm weniger Gepäck. Es klingt ein bisschen wie Erbsenzählerei, doch so, wie es sich momentan anfühlt, bin ich heute für jede Erleichterung dankbar.

Nach der vierten oder fünften Wegschleife finde ich endlich meinen Rhythmus und fühle mich fast schon ein bisschen beschwingt. Umso größer der Schock, als an der nächsten Abzweigung der Wegweiser ­direkt auf den Hang zeigt. Von nun an schlängelt sich ein schmaler und unglaublich steiler Trampelpfad den Berg hinauf. Immerhin verspricht der Weg durch das Dickicht deutlich mehr Schatten.

Bis zur Erschöpfung

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Christoph Jorda
Eine kleine Erfrischung wirkt oft Wunder.

Helden sterben senkrecht, denke ich mir und marschiere drauflos. Doch die Steigung, die locker aufeinandergeschichteten Steine und zahllosen Baumwurzeln machen mir zu schaffen. Jeder Schritt kostet immense Kraft, und die Aussicht auf die dicke Ravioli-Konserve, den kuscheligen Schlafsack und die gut ­gepolsterte Schlafmatte auf meinem Rücken tröstet mich gerade überhaupt nicht – mein Gepäck quält mich immer mehr. An der nächsten Weggabelung entdecke ich einen Brunnen. Ich lasse kühles Bergwasser über meine Handgelenke laufen und wasche mir den salzigen Schweiß von der Stirn.

Der Hang bleibt steil. In meinen klobigen Eineinhalb-Kilo-Stiefeln finde ich nur schwer einen guten Halt. Meine Füße kochen. Vor lauter Jammern und Meckern kann ich die schöne Umgebung nur schwer genießen – und das ärgert mich fast am meisten. Ständig halte ich Ausschau nach einem lauschigen Schattenplätzchen, und nur wenige Minuten später löse ich erneut den Hüftgurt.

Auf einer Lichtung strecke ich alle Viere von mir und läute damit die nächste Pause ein. Ich weiß, dass ich jetzt langsam die Zähne zusammenbeißen muss, um es auf den Gipfel zu schaffen. Meinen nächsten Zwischenstopp gönne ich mir erst nach einer weiteren Stunde Marschieren. Doch auf einem schier endlos ansteigenden Sattelstück gehe ich langsam in die Knie. Immer wieder muss ich anhalten und durchatmen. Mein Herz schlägt mir bis zu den Ohren und meine Beine fangen allmählich an zu zittern. Ganz zu schweigen von meinen Schultern. Die Rucksackriemen schneiden schmerzhaft ein. Alle Versuche, die schwere Last in eine bessere Position zu hieven, schlagen fehl.

An diesem Donnerstag im Mai verfluche ich meinen Job. Schweißüberströmt erreiche ich ein Schild mit der Aufschrift: Hahlekopf – 0,5 h. Fest steht: In meinem Tempo schaffe ich den Aufstieg niemals in nur dreißig Minuten. Die Zeit sitzt mir ohnehin schon im Nacken. Ich möchte vor Einbruch der Dunkelheit wieder am Ausgangspunkt sein, um von dort aus am nächsten Morgen mit dem leichten Gepäck zu starten. Mein Tritt wird immer unsicherer.

Kurz vor dem Ziel gebe ich mich schließlich geschlagen. Fix und fertig kauere ich auf dem Boden – nichts geht mehr. Zeit für den Abstieg. Immerhin ist der Platz für mein Nachtlager schnell gefunden, und auch mein geräumiges Zwei-Personen-Zelt steht in null Komma nichts. Doch beim Kochen fallen mir beinahe die Augen zu. Ich esse wie mechanisch und bin danach heilfroh, endlich zu liegen. Und jetzt beginnt der schöne Teil des Tages. Meine Matratze ist super bequem und der Schlafsack angenehm weich und wärmend. Es dauert nicht lange, bis ich völlig erschöpft einschlafe.

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Sonstiges

Der zweite Tag: Leichtes Gepäck

Beim Aufwachen fühle ich mich, als würde der Rucksack noch immer auf meinen Schultern kleben. Die Nacht im Zelt war angenehm, doch die Strapazen haben Spuren hinterlassen. Meine Schlüsselbeine schmerzen bei der kleinsten Berührung, und unterhalb der Schulterblätter macht sich ein ausgewachsener Muskelkater breit. Beim Frühstück hält sich meine Motivation für die zweite Tour noch stark in Grenzen. Mein einziger Trost für heute: In der Summe trage ich nur noch die Hälfte an Gepäck.Mein Equipment ist das gleiche wie am Vortag – nur in Ultralight-Version. Und schon bei der Bekleidung spüre ich erste Unterschiede. In den Halbschuhen ­habe ich ein viel besseres Gefühl für den Untergrund. Zudem sind sie volle 700 Gramm leichter.

Wie war das doch gleich? Jedes eingesparte Gramm am Fuß entspricht etwa fünf Gramm weniger im Rucksack. Somit schleppe ich gefühlt schon mal 3,5 Kilogramm ­weniger. Wahnsinn! Mein Ein-Personen-Zelt schlägt mit 1740 Gramm kaum zu Buche, und die Schlafmatte ist mit 220 Gramm fast ein ganzes Kilogramm leichter als die von gestern. Verpflegen werde ich mich mit Hartkeksen, Riegeln und Tütennahrung. Am Trinkwasser spare ich aber nicht. Ich verzichte lediglich auf das GPS-Gerät, die Zeltlaterne und eine leichte Regenjacke. Unterm Strich fallen über zehn Kilogramm weg. Langsam keimt Hoffnung in mir, dass ich es doch noch auf den Gipfel schaffe.

Nach ein paar Schritten fühle ich mich wie von der Leine gelassen. Beinahe hüpfend bewältige ich den ersten Anstieg. ­Obwohl es heute wärmer ist, schwitze ich spürbar weniger. Das Einzige, was sich hin und wieder meldet, sind die schmerzenden Schlüsselbeine – doch alles nur Zipperlein im Vergleich zum Vortag. Ich marschiere in einem durch bis zum ersten steilen Hangstück. Zwar bleibt der Aufstieg ein Kraftakt, doch dieses Mal bin ich deutlich schneller unterwegs. Meine erste Pause lege ich in der Nähe des Brunnens ein. Während der Rast merke ich, dass ich die Umgebung heute viel inten­siver wahrnehme und e­rfreue mich an einer saftig grünen Wiese mit bunten Krokussen. Ab jetzt steht definitiv Genießen auf dem Programm.

Doch das nächste Sattelstück hat es nach wie vor in sich. Kein Baum, kein Strauch und so viel Sonne wie am Vortag. Ich komme nur langsam voran, habe aber ausreichend Reserven, aus denen ich schöpfen kann. Außerdem liege ich blendend in der Zeit und gönne mir deshalb auf dem nächsten flachen Stück eine ausgedehnte Pause. Von hier aus habe ich eine fantastische Aussicht auf die Berge. Immer wieder lasse ich den Blick über Säuling, Zugspitze und Thaneller wandern. So schmeckt die Arbeit.

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Christoph Jorda
Mit leichtem Gepäck bleibt sogar noch Zeit für ein Nickerchen.

Ausrüstung im Vergleich: Leicht oder Luxus?

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Beschwingt den Berg hinauf

Vom Sattel aus führt ein schmaler Pfad zum Hahlekopf. Ab jetzt geht es immer wieder bergauf und bergab. Fast joggend durchquere ich den kleinen Dschungel aus trockenen Bäumen und Büschen. Immer wieder muss ich mich ducken, um knochigen Ästen auszuweichen. Und dann, gut zwanzig Minuten später, geben die letzten Sträucher den Blick endlich frei. Ich bin oben, und das Gipfelkreuz liegt direkt vor mir. Überwältigt strecke ich die Arme in Richtung Himmel. Geschafft! Meinen Rucksack spüre ich mittlerweile so gut wie gar nicht mehr. Vielleicht auch deshalb, weil meine Glückshormone in diesem Moment im Dreieck springen.

Voller Stolz trage ich mich in das Gipfelbuch ein und gönne mir anschließend eine Brotzeit. Oder besser gesagt eine Riegelzeit. Und das ist dann wohl die Schattenseite des leichten Gepäcks. Schon nach einem Bissen habe ich das Gefühl, Sägespäne zu kauen. Immer wieder muss ich mit reichlich Wasser nachspülen, um überhaupt schlucken zu können. Proteine hin oder her – eine Käsestulle wäre mir jetzt deutlich lieber. Aber heute wird nicht gemeckert, schon gar nicht jetzt. Erst nach einer halben Ewigkeit entschließe ich mich, dem Gipfel Lebewohl zu sagen, und beginne mit dem Abstieg.

Mein Lager für die Nacht schlage ich auf einer Wiese oberhalb des Sattels auf. Ein bisschen muss ich schmunzeln, denn das kleine grüne Zelt geht in dieser schier endlos weiten Umgebung beinahe unter. Immerhin bietet es genügend Platz zum Schlafen. Meine kurze Isomatte, die mir im Liegen nur bis zu den Knien reicht, der dünne Schlafsack und ich passen wie angegossen auf die doch recht schmale Bodenwanne des Zeltes. Jetzt muss ich in meinem Minikocher nur noch ein bisschen Wasser für das gefriergetrocknete Tütengericht erhitzen, und dann kann ich mich getrost zurücklehnen und entspannen. Mein Resümee für die zwei Tage: Nie wieder mit schwerem Gepäck auf den Berg! Zu viele Kilos rauben einfach den Spaß an der Tour. Das Experiment war für mich schmerzhaft und lehrreich zugleich.

Ich hätte nie gedacht, dass die Unterschiede zwischen schwerer und leichter Ausrüstung so gewaltig sind. In Zukunft würde ich immer wieder auf ultraleichtes Equipment setzen, nur das absolut Nötigste einpacken und dafür gerne auf ein bisschen Luxus und Käsestullen verzichten. Mein Motto für alle weiteren Touren: Mehr Mut zur Lücke!

Alle Rucksacktests auf einen Blick

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